01. Juni 2017 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Im Fokus: Seelenkind

Es gibt etwas in mir, das heraus möchte und mich dazu drängt, etwas Schönes, Bleibendes in der Welt zu lassen. Dinge, die ich wahrnehme und all diese Eindrücke würden mich sonst erdrücken. Meine Kindheit war voller verschiedenster Prägungen. Meine Eltern gaben meiner Schwester und mir mit auf den Weg, dass überall Kunst ist. Man muss sich nur entscheiden, sie zu sehen.

2011 tanzte ich auf meinem Abi-Ball vor und der Stiefvater einer Freundin schrieb mich daraufhin an und fragte, ob ich Interesse an einem Fotoshooting habe. Dann kam ich ein paar Jahre später durch Zufall zu einer Make-up-Artisten-Schule, die mich zu einem Shooting einlud. Die Zufälle überschlugen sich, als ich im Herbst 2014 in Berlin war und ich mich auf ein Gesuch von Patrick Citera meldete. Ich war unglaublich aufgeregt und hätte nie gedacht, dass Patrick mir antworten würde.

Eine Frau auf dem Boden sitzendEin Frauenportrait

links: David Diwiak, rechts: Patrick Citera

Mich fasziniert die Intimität, die zwischen Fotograf*in und Modell entstehen kann. Oft merke ich erst im Nachhinein, wie sehr ich in die Welt des anderen eingetaucht bin und manchmal passiert es genau anders herum. Dann wird aus einem schlichten Portrait ein verdammt echter Spiegel.

Es sind auch solche Shootings, die mir lange im Gedächtnis bleiben und über die ich noch lange nachdenke. Sie bleiben kein bloßes „Posen und Abdrücken“, sondern werden zu Begegnungen. Die Kamera scheint eine Brücke zwischen zwei nicht vertrauten Menschen zu bauen. Und sie scheint Hemmschwellen zu verfremden.

Eine gewisse Grundsympathie muss wohl gegeben sein, denn diese Verfremdung kann genauso schnell eine kalte Distanz schaffen wie eine stille Nähe. Still ist sie, weil eine hohe Konzentration zwischen beiden entsteht. Ich antizipiere, was die Fotograf*innen wünschen und bin komplett auf sie fokussiert.

Durch die vielen Shootings habe ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, wie das Bild auf der Kamera aussieht. Ich habe auch gelernt, das Licht bewusst wahrzunehmen und in den meisten Momenten kann ich selbst mit dem Licht „spielen“. Ich habe das Gefühl, dass jede Körperhaltung und jede Körperstelle, je nachdem, wie und wo sie mit dem Licht in Berührung kommt, gewisse Emotionen hervorrufen können. Mein Körper besitzt wohl ein vom Verstand unabhängiges Gedächtnis.

Hinter der Kamera findet diese Bewusstheit des Lichts auf einer anderen Ebene statt. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass nun ich darüber entscheiden muss, wie es auf mein Gegenüber fallen soll. Es geht oft um nur wenige Zentimeter, die einen großen Unterschied machen und die Aussage eines Bildes völlig verändern können.

Meine Eindrücke als Modell haben sich so sehr aufgestaut, dass ich selbst zur Kamera greifen musste, um nicht von den Ideen erstickt zu werden. Ein konkreter Auslöser, damit ich mich endlich traute, ein Shooting zu planen und jemanden zu fragen, war die Aussage eines Fotografen aus Seattle. Ich hatte seit Langem mit ihm Kontakt und er sagte mir: „I’m obsessed with reality.“ Das erinnerte mich daran, wie schön Momente im Leben sein können und daran, was meine Eltern mir beibrachten.

Eine Frau mit transparentem OberteilEine Frau mit weißen Haaren und Herzluftballon

links: Christian Strahl, rechts: Janine Kuehn

Schönheit verbinde ich nicht mit einer starren Ästhetik, sondern es sind oft Dinge, die wir Menschen unter einer gesellschaftlichen Maske verstecken. Die uns verletzlich oder uns Angst machen. Oder auch simple Aspekte wie Charaktereigenschaften, die wir seit der Kindheit aus einem negativen Blickwinkel zu sehen gelernt haben.

Ich bin mir sicher, dass Menschen kein statisches Gerüst sind, sondern aus verschiedensten Merkmalen bestehen. Abhängig von momentanen und vergangenen Einflüssen sowie der aktuellen Absicht sind einige Bestandteile dominanter als die anderen. Die Aspekte, die wir immer ganz präsent vor uns tragen, sind dabei nicht immer die interessantesten. Ich bin neugierig auf diese, die dahinter stecken und möchte sie durch die Kamera sehen lernen.

Zwei Frauen zwischen Licht und SchattenEin Frauenportrait

Fotos: Seelenkind

Das könnte eine der Richtungen sein, die ich als Fotografin einschlagen möchte. Aber das muss ich erst herausfinden. Wenn ich aber als Modell den Fotograf*innen eine Sache ans Herz legen darf, dann möchte ich sie bitten, zu sich selbst ehrlich zu sein. Der Wettlauf nach vorn ist nur mit einem inneren Antrieb ein sinnvoller. Alles andere wäre Ego. Ein Vergleich mit anderen und Vorbildern sollte Inspiration sein – nicht Abgleich.

Das Titelbild stammt von Knut Woerner.

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4 Kommentare

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    • Hallo Anette,

      Deine Aussage kann ich so nicht ganz unterschreiben – Leben und Leben lassen würde ich hier sagen – jeder hat einen anderen Zugang und Umgang zur und mit der Fotografie. Wir versuchen auf kwerfeldein eine möglichst große Bandbreite für alle vor und hinter der Kamera zu bieten. Daher gilt, wir sind immer für weitere Artikelvorschläge offen – Steuer doch gern eine Idee bei, was dir fehlt oder was du vermisst – wir würden uns sehr darüber freuen (Stichwörter wären auch eine Möglichkeit dies zu tun).

      Viele Grüße, Tabea

  1. …wird aus einem schlichten Portrait ein verdammt echter Spiegel….
    genau dies ist für mich das Ziel eines guten Portraits.
    Manchmal funktioniert es überhaupt nicht und
    manchmal, wie oben beschrieben, kommt diese Harmonie zum Tragen.

    Letztendlich ist es immer ein Frage von gegenseitigem Vertrauen, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick und die Bereitschaft sich fallen zu lassen. Von beiden; Model und Fotograf.
    Das macht die Magie aus.

    Sehr schöner und emotionaler Artikel.