09. Oktober 2015 Lesezeit: ~20 Minuten

Im Gespräch mit Lukas Wawrzinek

Von analoger Fotografie habe ich bisher leider nur wenig Ahnung, bis auf ein paar kleinere Versuche mit Kleinbildfilm und Polaroid. Eine gute Gelegenheit, Lukas Wawrzinek über all das auszufragen, was ich dazu gern wissen wollte, war ein Fotografentreffen in Belgien, denn er ist ein Technikfreak mit verschiedensten Kameras und viel Ahnung. So sprachen wir über Technik, Bokeh, Entwickeln und analoges Arbeiten im Allgemeinen.

Man sagt oft: „Der Fotograf macht die Fotos, nicht die Kamera.“ Stimmst Du dem zu?

Ja, der Fotograf muss entscheiden, was die Kamera aufnimmt, er bestimmt sein Werkzeug und wie es arbeiten soll. Man kann die teuerste Kamera der Welt haben, aber wenn man dann nicht weiß, was man will, dann wird man ihr Potenzial nicht ausreizen können.

Du hast eine ganze Menge Kameras.

Ich habe wirklich sehr viele Kameras, das hat sich mit der Zeit so angesammelt. Ich liebe es, mit verschiedenen Kameras zu experimentieren. Für manche Sachen funktioniert ein größeres Format besser, zum Beispiel Freistellung und Plastizität. Wenn es mal schnell gehen soll und ich unterwegs bin, nehme ich lieber eine kleinere. Einige Kameras und Linsen erzielen besondere Effekte oder einen bestimmten Look. Da lässt sich eine Menge kombinieren!

Eine Frau liegt auf dem Bett.

Freuenportrait

Kannst Du Dich noch an Deine erste Kamera erinnern?

Die erste richtige Kamera war eine alte Canon 1D, also die erste 1D mit 4,2 Megapixeln. Ich habe sie damals auf Ebay gekauft. Ich wollte eine Kamera mit verschiedenen Brennweiten zum Experimentieren und ein wenig Reinschnuppern. Die Kamera hat mir einfach sehr gefallen, trotz der damals bereits veralteten Technik. Und sie lag super in meiner Hand. Das war die allererste Digitale von Canon und ich habe sie aufgrund ihres Alters sehr günstig bekommen. Das war alles aber eher ein Probieren und Schauen, keine wirkliche Fotografie.

Wie bist Du dann zum Analogen gekommen? Jetzt fotografierst Du ja hauptsächlich mit analogen Kameras.

Ich habe erst 2012 angefangen, so richtig zu fotografieren und habe einfach viel getestet. Ich hatte noch keine Richtung für mich gefunden und mich haben sehr viele Sachen interessiert. Ich sehe mich selbst schon als Technikfreak und es macht mir Spaß, herumzuprobieren. Aber ich habe auch schnell gemerkt, dass es eben wirklich nicht die Technik oder die Kamera ist, die das Foto macht.

Ich bin damals gern auf Flickr gewesen und habe irgendwann gemerkt, dass ich meist bei den Bildern hängen geblieben bin, die analog gemacht wurden. Die hatten etwas, das mich angezogen hat. Das waren vor allem quadratische Schwarzweißaufnahmen von Josh Baker, einem Straßenfotografen aus Amerika, der mit einer Hasselblad arbeitet. Aber auch verschiedene analoge Portraitaufnahmen hatten mich fasziniert.

Ich habe viel nach alten Mode- und Portraitfotografen geschaut, zum Beispiel Bert Stern, André de Dienes und Douglas Kirkland. Mich interessierte, welche Kameras sie damals vor allem verwendet haben.

Ein Frauenportrait

Wer hat Dich da besonders geprägt oder inspiriert?

Geprägt defintiv Bert Stern, ich mag seine Arbeiten sehr und finde, er sagt es sehr passend in einem seiner Interviews: „I always thought the picture I took was between me and the subject, not the subject not me, but the space between us.“

Abesehen davon hat mich Herb Ritts sehr inspiriert, obwohl ich so gar nicht der Fashionfotograf bin, aber seine Bilder haben mir schon immer gefallen und die Zeit, in der sie entstanden sind. Auch Peter Lindbergh mag ich sehr. Weiter viele Modefotografen aus den 30ern bis 90ern wie Paolo Roversi, Irving Penn, Richard Avedon, Horst P. Horst oder Helmut Newton. Ich lasse sehr viele verschieden Richtungen auf mich einfließen.

Ein Frauenportrait mit Sommersprossen

Du kaufst Dir dann auch nicht nur einfach wahllos irgendwelche Kameras, sondern Du baust sie auch selbst.

Ja, ich baue selbst und ein paar Sachen modifiziere ich. Da helfen mir auch einige Freunde. Ich habe verschiedene Optiken adaptiert und Kameras umgebaut für Speziallinsen für Portraitaufnahmen. Ich habe schon viele Linsen aus dem 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts ausprobiert, um einen bestimmten Look zu bekommen.

Um ein paar Namen zu nennen: Dallmeyer, Kodak, Carl Zeiss, Schneider, Hugo Meyer und andere. Die haben alle ihren speziellen Look und sind nicht so sauber und klar wie die ganzen modernen Linsen, aber gerade deshalb mag ich sie so, weil sie Schwächen haben, die sich bei Portraitaufnahmen zum Positiven wandeln und einen etwas weicheren Look geben oder auch kleine Farbverfälschungen, die das Bild interessanter machen können.

Moderne Linsen korrigieren alles. Von diesen habe ich natürlich auch welche, aber oft schaue ich dann aufs Display und dann ist es mir einfach zu kühl. Digital ist nicht schlecht, es macht vieles einfacher, aber bei den alten Linsen sehe ich, dass sie leben und atmen. Das klingt vielleicht blöd, aber die alten Linsen haben etwas Schönes an sich.

Ein schwarzweißes Frauenportrait

Hasselblad 503CW

Du hast die alten Linsen aber sicher auch an digitale Kameras geschraubt?

Ja, habe ich auch und da behalten sie ihren Charme zwar, aber Du brauchst einfach ein bestimmtes Format, um dieses Lebendige aus der Linse zu holen, was zum Beispiel eine Mittelformat voraussetzt. Digitales Kleinbildformat ist ja das am häufigsten genutzte heutzutage und da dran entfalten sie nicht ihre volle Wirkung. Sie sind für einen größeren Sensor gemacht und auf einem solchen gefallen sie mir viel mehr als auf einem kleinen.

Natürlich gibt es auch schöne Objektive mit lichtstarken Blenden auf kleinen Sensoren bei den neuen. Die sind speziell für 35-mm-Sensoren gerechnet, auch sehr schön und sehr weich und machen sicher schöne Bilder, aber bei denen fehlt mir dann doch dieses Nostalgische.

Hast Du das Gefühl, dass das im Moment auch so ein Trend ist? Das Petzval wurde ja neu aufgelegt.

Das ist auf jeden Fall im Trend und der wird sich auch wieder legen. Ich finde den Trend aber etwas zu oberflächlich, denn man hat noch längst nicht alles gesehen, nur weil man sich ein nachgebautes Petzval kauft. Aus dem riesigen Fundus an Linsen ist das Petzval nicht der einzige interessante Linsenaufbau. Das Petzval hat halt diesen schicken Swirleffekt, aber dem wird man auch irgendwann müde und dann geht der Hype wieder vorbei. Ich glaube auch, dass die Hälfte der Käufer des Lomo Petzval es auch bald wieder verkaufen werden.

Ich bin keiner, der dem Trend nachrennt. Ich bleibe bei den alten Linsen und so ein echtes altes Petzval ist auch etwas anderes als so ein nachgebautes, denn das arbeitet ja normalerweise auch nicht an 35 mm, sondern an Kameras für 8 x 10 oder noch größer.

Eine Frauenportrait mit Bokeh

Mamiya AFD

Hast Du ein richtig altes Petzval?

Ich habe mehrere, mein liebstes ist ein Dallmeyer aus dem 19. Jahrhundert, das auf 8 x 10 gerechnet ist. Das ist wirklich schön und hat einen tollen Look, sehr plastisch und dreidimensional.

Es gab damals so viele verschiedene Hersteller und die Preise sind momentan auch so stark in die Höhe gegangen, weil die Leute wissen, was diese Linsen machen. Die holen sich eine alte Kamera und wollen dann auch so eine richtig alte Linse dazu. Die Preise sind gestiegen und gehen immer weiter hoch. Und die Firmen merken halt auch, wo es momentan Geld zu holen gibt.

Wenn man Deine Bilder ansieht, staunt man immer wieder über das unglaubliche Bokeh. Und das ist nicht nur dieses Swirlbokeh, was man vom Petzval kennt.

Hachja, ich bin schon ein Bokeh-Abhängiger. Im Bokeh kann man sich verfangen, das ist schnell wie eine Droge und da muss man aufpassen, denn es lenkt auch ab. Und eigentlich soll es ja nicht ablenken, sondern auf jemanden fokussieren. Das Bokeh soll weich sein, freistellen und dreidimensional darstellen.

Bokeh ist ein lustiger Effekt, der passiert, wenn man Lichtstrahlen oder irgendetwas Reflektierendes im Hintergrund hat. Bestimmte Lichtpartikel, die dann ins Unscharfe verschwinden und ovale oder runde Körper bilden. Manchmal kann ich dir auch anhand des Bokehs sagen, welche Linse genutzt wurde. Das kommt so mit der Zeit.

Frauenportrait in Herbstfarben

Welche Linse macht das beste Bokeh?

Schwierige Frage, weil es so viele verschiedene gibt. Das beste Bokeh gibt es da eigentlich auch nicht, eher verschiedene. Für 4 x 5 ist es das Aero Ektar, eine der schönsten Linsen, würde ich sagen. Sie ist eigentlich eine alte amerikanische Luftfahrt-Aufklärungslinse aus dem Zweiten Weltkrieg, aber zeichnet einfach alles sehr märchenhaft. Damit bekommt man immer wunderschöne Portraits und auch Landschaften sehen sehr träumerisch aus. Sie separiert sehr schön und die Freistellung ist super.

Eine Frau im weißem Kleid an einem Baum

Aero Ektar Speed Graphic 4 x 5

Für 35 mm gibt es eine Menge. Eine Empfehlung ist das Canon FD 85 mm f/1.2, ein altes manuelles Objektiv mit butterweichem Bokeh. Das macht wirklich Spaß, wenn man auf Bokeh steht.

Auch das 50 mm f/0.95 von Canon ist zu empfehlen. Generell sind die alten Canon-Linsen sehr schön. Von Leica gibt es auch einige gute Linsen, aber die sind sehr teuer. Alte lichtstarke Linsen aus den 70ern und 80ern stellen grundsätzlich sehr schön frei.

Bei 8 x 10 würde ich die Petzval-Objektive wählen oder auch etwas größere russische Luftfahrtobjektive. Auch Projektorlinsen sind super. Ich habe gerade eine aus einem alten Projektor in Benutzung, weil sie eine sehr schöne Lichtstärke hat und mir der grundsätzliche Look, den sie den Bildern gibt, gefällt.

Eine Frau an einem Zaun

Canon 50 mm

Das heißt, es gibt keine Linse mehr, die Dich momentan noch reizt oder eine Kamera, die Du gern noch hättest?

Zur Zeit eigentlich nicht, aber man weiß ja nie.

Ja, okay. Aber wenn Du freie Auswahl hättest? So eine Fee, die Dir jeden Wunsch erfüllt …

Nee, ich wüsste momentan nicht, was ich noch möchte. Ich habe wirklich in jedem Format eine bestimmte Linse, die für mich wunderbar funktioniert. Da muss ich eigentlich nichts mehr suchen. Klar probiere ich noch hin und her, aber es geht mir mehr darum, als Fotograf jetzt auch umzusetzen, was die Linsen mir schenken.

Je nach Person überlege ich mir, welche Linse ideal für ein Portrait wäre. Ich kenne die Vorzüge der einzelnen Linsen, wie das Bokeh aussieht, ob der Look härter oder weicher oder plastischer ist. Ich wähle aus, je nachdem, was ich erreichen will, schaue aber auch, dass es mit der Person harmonisiert, die ich portraitiere.

Ich würde die Fee aber fragen, ob sie mich in die 90er zurückschicken kann. Dann würde ich gern eine Portraitreihe mit Cindy, Helena, Ewa und Co. machen wollen.

Frauenportrait

Ein Frauenportrait, im Hintergrund ein Pfad.

Ich habe nur eine Kamera, mit der ich hauptsächlich fotografiere und zwei Objektive. Und ich bin manchmal schon mit der Entscheidung überfordert, welches meiner beiden Objektive ich nehme. Du hast so viel mehr Möglichkeiten. Fällt Dir die Entscheidung da wirklich immer so leicht?

Das ist so ein Ding und ich merke schon, dass das einem auch Steine in den Weg legt. Wenn man zum Beispiel mobil sein möchte, muss man immer schon vorher überlegen, was man mitnimmt. Am liebsten möchte ich alles mitnehmen, weiß aber ganz genau, dass ich das nicht alles tragen könnte.

Vor Ort weißt Du aber dann, welche Linsen zu möchtest?

In meinen eigenen vier Wänden oder an einem Ort, von dem ich die Situation genau kenne und weiß, da bin ich jetzt zwei bis drei Stunden, dann fällt die Entscheidung schon recht leicht. Dann nehme ich meist zwei bis vier Kameras, mit denen ich variieren kann. Also nur eine nehme ich selten mit.

Ich habe auch zwei Lieblingskameras, die fast immer funktionieren. Die eine ist die Mamiya AFD. Ich mag grundsätzlich schwere Kameras, weil sie besser in der Hand liegen. Das ist einfach meine Kamera für Portraitaufnahmen; zu ihr greife ich immer, wenn ich ein Kopfportrait oder Halbkörperportrait mache.

Bei den Kleinbild-Kameras greife ich meist zur Sony A7. Da kann man wunderbar Sachen adaptieren und super viel ausprobieren.

Ich finde, Portraitfotografen brauchen keinen Autofokus, das geht alles ohne Probleme manuell, weil man sich ja sowieso die Zeit mit der Person, die man portraitiert, nehmen muss. Mit dem Autofokus geht klar alles schneller und einfacher, aber um eine Verbindung zu bekommen, ist manuell besser. Und es ist auch einfach mehr Handwerk, man kann schauen, wie sich das Bild langsam aufbaut, das ist sehr schön.

Hasselblad, Speed Graphic und meine alte Kodak 8 x 10 sind auch toll. Aber gerade letztere nutze ich eher selten, weil die herumzuschleppen nicht ohne ist. Dann eher öfters stationär.

Ein Portrait hinter einem Fenster

Wie schwer ist sie?

Vielleicht so 4 oder 5 kg. Das klingt jetzt nicht viel, aber wenn man sie in den Wald tragen muss oder von Ort zu Ort und es ist vielleicht noch Sommer, merkt man schnell, dass man ins Schwitzen kommt.

Da hat man dann schon Respekt vor den alten Fotografen, oder?

Da hat man auf jeden Fall Respekt. Aber ohne Fleiß kein Preis. Man muss schon etwas machen, um mit den alten Kameras arbeiten zu können. Das ist auch ein komplett anderes Arbeiten, man beruhigt sich wirklich und überlegt in Ruhe die Szene, man nimmt sich mehr Zeit und schaut drei Mal, vier Mal nach dem Licht.

Wenn man mit Modellen arbeitet, muss man sie auch oft erst einmal beruhigen. Sie sind oft sehr hektisch und die alte Technik nicht mehr gewohnt. Sie kennen dieses klick klick klick klick und wechseln die Pose sekündlich.

Ein Panorame mit Apfelbäumen und einer Frau im mittelalterlichen Kleid.

Horizon 202

Ich bin ja vorhin auch fotografiert worden und musste zwei Sekunden still stehen. Das ist wirklich ungewohnt und etwas ganz anderes.

Ja, absolut. Ich denke auch, man bekommt durch diese langsame Technik auch etwas anderes aus den Menschen heraus, einen anderen Ausdruck. Ein schneller Klick führt schnell dazu, dass die Person vor der Kamera auch nur eine schnelle Bewegung macht, die nicht ehrlich ist.

Wenn man jemandem mehr Zeit gibt und sich die Person konzentrieren muss, kommt das gewisse Etwas ins Bild, ein besonderer Blick. Natürlich wirken solche Bilder auch manchmal etwas starrer, aber ich beschäftige mich einfach sehr gern länger mit den Menschen vor meiner Kamera und achte vor dem Auslösen auf kleinste Kleinigkeiten.

Ist das auch der Grund, warum Du Dich für Portraits entschieden hast? Du meintest ja am Anfang, Du hast Dir auch viele Straßenfotografen und Fashionaufnahmen angesehen.

Ja, genau. Bei den Straßenfotografen und Fashionaufnahmen, die mir gefallen haben, war der Mittelpunkt immer der Mensch. Ich mag Menschen und den Umgang mit ihnen, auch früher schon saß ich einfach irgendwo an der Bushaltestelle und habe die Menschen angesehen. Wie sie reagieren, wie sie schauen und sich verhalten. Ich beobachte gern zwischenmenschliche Kommunikation und Verhalten.

Generell Menschen? Auf Deinen Bildern sieht man ja meist nur junge Frauen.

Ja, aber ich liebe Frauen. Sie sind das Schönste, was uns Mutter Natur geschenkt hat.

Eine Frauenportrait mit Schatten von Blättern im Gesicht.

Wir haben viel über Kameras gesprochen, aber wenn Du das Bild aufgenommen hast, ist es ja noch nicht fertig. Gerade in der analogen Fotografie gehört da noch viel mehr dazu. Das heißt, Du entwickelst auch selbst?

Ja. Ich habe mich anfangs durch das Internet gelesen. Ich habe alles zum Thema aufgesaugt. An das erste Bild erinnere ich mich noch ganz genau. Es war eine Zimmerpflanze, aufgenommen im Format 4 x 5. Ich habe eine große Entwicklungsdose mit einem Blatt 4 x 5 gefüllt. So viel Verschwendung! Ich habe so viele Chemikalien zusammengepanscht und es einfach versucht und gedacht, es kann nicht so schwierig sein.

Und als ich es dann herausgenommen habe und sah, dass das System, das ich mir aufgeschrieben hatte, wirklich klappt und ich auf dem Negativ ein Bild gesehen habe, war ich so glücklich. Auch wenn ich nur diese langweilige Zimmerpflanze fotografiert hatte.

© Lukas Wawrzinek

Bevor ich selbst entwickelt habe, habe ich mit dem P55 experimentiert, einem alten Polaroidfilm, der leider nicht mehr hergestellt wird. Das war wirklich der schönste Schwarzweiß-Polaroidfilm, den es jemals gab. Das Polaroid hat ein Positiv und ein Negativ. So ein schönes Negativ wie aus diesem Polaroid hatte ich bis dahin noch nie gesehen.

Die Produktion wurde 2002 eingestellt und er wird hier und da noch kühlgelagert und für unglaublich viel Geld verkauft. Ich habe damals bereits für 20 Bilder 130 € gezahlt. Hätte man mir vorher gesagt, dass ich so etwas mal machen würde, ich hätte ich es nicht geglaubt. Ich habe mir den Film vor allem gekauft, weil ich nicht selbst entwickeln wollte, denn ich hatte etwas Angst davor. Dann hielt ich dieses Positiv und Negativ in den Händen und es war so schön.

Es gab so viele Faktoren, durch die es hätte nicht klappen können: Zum Beispiel eine falsche Belichtungszeit oder eine Verwacklung. Ich war mit meinem Modell draußen in der prallen Sonne, es hätte von irgendwoher ein Lichteinfall kommen können. Es gab einfach so viele Möglichkeiten und ich wusste noch von nichts. Ich habe es einfach ausprobiert an dem Tag, ob ich diese lange Kette bis zum fertigen Bild hinbekomme und es hat einfach geklappt.

Ich habe dieses Bild immer noch und es ist eines meiner Lieblingsbilder. Mein erstes Bild mit einer Großformatkamera. Hätte das damals nicht so gut geklappt, wer weiß, ob ich es weiter gemacht hätte. Zur Zeit entwickle ich alles in Farbe und schwarzweiß bis 8 x 10 und scanne auch selbst.

Eine Frau steht mit dem Rücken und ausgebreiteten Armen zur Kamera.

Wenn jetzt jemand das Interview liest und total Lust bekommt, auch mal selbst ein bisschen experimenteller zu fotografieren, soll er einfach probieren?

Ja, einfach probieren und keine Angst haben. Kauft Euch den Kram, wenn Euch irgendetwas interessiert. Das war bei mir genauso. Ich bin ja auch kein richtiger Fotograf, habe das auch nie gelernt. Ich mache einfach gern Bilder und versuche, das zu zeigen, was mir selbst besonders gefällt.

Es gibt nichts, was man nicht machen kann. Wenn Leute Euch sagen, dass das nicht geht, dann stimmt das nicht. Es gibt ja so Experten, die zum Beispiel sagen: Mach keine Portraits mit Weitwinkel. Wenn ich so etwas höre… es geht alles! Natürlich verzerrt das Gesicht, aber je nachdem, wie man es nutzt, hat man vielleicht ein paar schöne Linien im Bild. Lasst Euch nichts erzählen und probiert einfach alles aus. Findet Euren Weg.

Eine Frau in Unterwäsche sitzt auf einem Stuhl.

Wenn man für den Start jetzt nicht gleich 20 Bilder für 130 € kaufen möchte, was würdest Du empfehlen?

Wenn man von digital weg will, gibt es einige Möglichkeiten: Die Nikon F-Serie, die Canon AE-1, die man gebraucht schon für 50 € bis 60 € bekommt, es gibt die Minoltas X-300 oder X-700, die tolle Objektive haben. Dann einfach einen 35-mm-Film kaufen und mal durchschießen, schauen wie der Look ist und wie das gefällt. Auch um herauszufinden, wie einem das manuelle Arbeiten liegt.

Wenn man lieber direkt ein größeres Format will, vielleicht eine Kiev oder eine Pentacon Six. Das sind Kameras, die man momentan eigentlich ziemlich günstig bekommt. Einfach mal einen Rollfilm durchjagen.

Auch die Pentax 67 oder Hasselblad bzw. Rolleiflex, die sind natürlich schon etwas teurer, aber wirklich wundervolle Kameras. Es gibt auch eine Menge tolle russische Kameras. Je größer man das Format will, desto teurer werden leider auch die Filme, sofern sie denn überhaupt noch hergestellt werden.

Wenn man eine ganz andere Ebene möchte, gibt es natürlich auch noch das Nassplatten-Kollodium-Verfahren. Man kann auch mit Röntgenfilm anfangen, da gibt es Internetseiten, auf denen man den super günstig bekommt und testen kann. Oder auch ganz normales Ilfordpapier, das man normalerweise zum Ausbelichten nimmt. Das hat zwar nur ISO 1 bis 6 oder so, aber auch damit kann man testen, ob einem diese langsame Arbeitsweise Spaß macht.

Man kann einfach alles ausprobieren, wenn man es möchte. Nur keine Angst haben.

Ähnliche Artikel


7 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

    • Ich finde den Artikel gut! Ein sehr interesantes Interview, seine Begeisterung für die ganzen alten Linsen kam so lebendig rüber.
      Analoge Fotografie, ich finde sie hat einfach was. Digital ist für mich ein Stück weit künstlich und unecht, eine Illuision, als würde sie nicht existieren. Ein falscher Knopfdruck und sie ist weg.
      Das analoge gibt mir das Gefühl, sie ist echt und reel, ich hab das Bild in den Händen. Ich nehme das Bild, wie es ist.
      Das mag sich für andere komisch anhören, so fühlt es sich eben für mich an.

  1. Hallo,

    sehr schöner Beitrag. Wenn ich diesen Artikel lese, dann bekomme ich direkt Lust darauf, meine analoge Kamera wieder aus dem Schrank zu holen und einige Aufnahmen zu machen. Es sind die Rituale: Den richtigen Film auswählen, das Einlegen, das überlegt Fotografieren. Und dann das gespannte Warten auf das Ergebnis. Herrlich.
    Für jemanden, der nur digital kennt vielleicht schwer nachvollziehbar aber auf jeden Fall eine Erfahrung wert.
    In unserer hektischen Zeit bietet analoge Fotografie eine Möglichkeit, mal einen Gang runterzuschrauben, bewusst zu sehen und ausgiebig mit den Models zu kommunizieren.

    Danke für den Beitrag.

    Alexander

  2. Bei der Kleinbildfotografie greifst du grundsätzlich zur Sony A7????? Die ist doch digital und nicht analog…. ???
    Danke dass du eine lanze für die analogfotografie gebrochen hast….