18. März 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Kreuzweg

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich das erste Mal von der nationalen Marienwallfahrt in Polen las. Ich glaube, es war ein Reiseführer über Polen, in dem in einer Randnotiz etwas davon stand. Demnach sollen in den Sommermonaten, kurz vor Maria Himmelfahrt, Zehntausende Menschen kreuz und quer durchs Land pilgern.

Das Ziel dieser Pilgergruppen ist die Schwarze Madonna im Paulinerkloster auf dem Berg Jasna Góra in der Stadt Tschenstochau. Dieses Bildnis wurde im 17. Jahrhundert gar zur Königin von Polen gekrönt. Bis heute wird die Schwarze Madonna von Tschenstochau als Königin und Beschützerin der polnischen Nation verehrt.

Eine Wandergruppe auf einer Straße

Frauen tragen einen Altar mit Madonna

Dass so viele Menschen aus allen Landesteilen und Bevölkerungsschichten pilgern, hat mich beeindruckt. Dennoch dauerte es noch einige Jahre, ehe ich mich entschloss, das Thema fotografisch (ernsthaft) anzugehen. Wahrscheinlich war es der Respekt vor dem Thema, der mich zurückhielt. Anfang 2012 war die Zeit dann reif. Ich fing (ernsthaft) an zu recherchieren und legte noch im selben Jahr los.

Ich war beim Pilgern mit dabei, wo immer sich die Möglichkeit dazu bot. Ich bereiste die verschiedensten Wallfahrtsorte zu allen möglichen Festivitäten und Feiern. Mehr und mehr verstand ich über das „Bildermachen“, wie und warum der katholische Glaube so sehr mit der polnischen Gesellschaft verknüpft ist.

Die zwei Jahre, in denen ich die Pilger- und Glaubenskultur fotografiert habe, waren sehr intensiv. Ich begegnete vielen Menschen, die mir hin und wieder auch bereitwillig von sich erzählten.

Eine Frau in einer NonnentrachtEin Junge mit einem weißen Hemd

Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch mit einer Frau, die just als ich sie vor einem Kloster traf, aus einem 7-tägigen Schweigeseminar kam. Schon nach sehr kurzer Zeit führten wir ein erstaunlich tiefes und intensives Gespräch. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so beseelten Menschen getroffen zu haben. Das war ein sehr außergewöhnliches Erlebnis, an das ich mich immer wieder erinnere.

Die Gründe, warum Menschen pilgern, sind vielfältig. Dachte ich am Anfang noch, es sei meist die Suche nach Spiritualität, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Ich traf Menschen, die aus dem Pilgern eine sportliche Herausforderung machten. Viele verbrachten auf diese Weise schlicht ihren Sommerurlaub. Für viele Jugendliche war es eine Art Sommercamp und ich traf Paare, die sich beim Pilgern kennenlernten.

Menschen unter einem orangen Tuch

Ein oranger Bus

Einige wollten für ein bestimmtes Ereignis in ihrem Leben Buße tun oder sich für ein gutes Jahr bedanken. Die kulturelle Leistung dieser Veranstaltungen hatte ich bei Weitem unterschätzt. Aber ich traf auch streng gläubige und konservative Menschen.

Bei einer Reise teilte ich mir einige Nächte lang das Zimmer in einer Pilgerherberge mit einem sehr gläubigen Mann. Bevor er zu Bett ging, betete er kniend vor dem Bett, wickelte sich dann einen Rosenkranz um die Hände und legte sich dann auf dem Rücken ins Bett. Morgens wachte er in der gleichen Haltung wieder auf. So war das jede Nacht.

Ein Mann mit einem Amulett am Rücken.Menschen knieen auf einer Treppe.

Außerdem trug er am Körper ein Amulett mit einem Maria-Abbild auf der Brust und einem Jesus-Abbild auf dem Rücken. Das Amulett sei geweiht und wurde ihm von einem Bischof angelegt, verriet er mir. Seitdem er es angelegt bekommen hat, lege er es nicht mehr ab. Es sei eine Art Schutzschild, das ihn vor allem Bösen bewahrt.

Eine spirituelle Erfahrung ist das Pilgern in Polen am Ende jedoch nicht. Es sind laute und extrovertierte Veranstaltungen, in denen man eher die Bestätigung findet, Teil einer großen Glaubensgemeinschaft zu sein, als dass man für sich zur Ruhe kommen könnte.

Zu meiner Arbeit „Kreuzweg“ habe ich ein Buch herausgebracht. Es ist in einer Auflage von 50 Stück erschienen und jedes Exemplar ist, nach guter Handwerkstradition, von Hand gebunden worden. Alle Exemplare sind signiert und nummeriert. Im Cover ist ein Original-Abzug enthalten.

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