Mehrere Jungen in Schuluniformen vor einer Wand, durch die Licht durch Löcher fällt.
19. März 2016 Lesezeit: ~9 Minuten

Terra Incognita

Eine „Urlaubsinsel“, jedes Jahr von Millionen Touristen besucht – und trotzdem weitgehend unbekanntes Land. Nahtstelle zweier tektonischer Platten. Schmelztiegel zweier Kulturen – Afrika und Lateinamerika. Eine der Schnittstellen der hochentwickelten Welt mit einem Teil, der nicht von den „Segnungen“ des Kapitalismus profitiert hat – fast eine Zeitreise.

Die bevölkerungsreichste und landschaftlich vielfältigste Karibikinsel hat keinen wirklichen Namen. „Hispaniola“ – so nennt die Insel doch wirklich niemand. Kein Wunder, dass sie keinen Namen hat, denn die beiden Staaten waren lange verfeindet und sind auch heute nicht gerade befreundet.

Eine Wand mit Löchern, vor der ein Junge steht und ein anderer durch eines der Löcher schaut.

Eine Frau, die sich eine Brille aufsetzt, lächelt.

Haiti. Zehn Millionen Einwohner. Ein „gescheiterter Staat“, von Banden und an manchen Stellen auch von UN-Truppen kontrolliert. Bekannt aus dem Fernsehen und aus spektakulären YouTube-Videos: Ein Land, in dem Leute so arm sind, dass sie gesalzenen Lehm backen und essen. Ich frage eine Frau, ob das stimmt, und sie sagt: „Ja, Lehm und Erde habe ich auch gegessen, aber ohne Salz, wir hatten ja kein Salz.“

Ein Land, in dem es heute noch Sklaverei gibt, Hunderttausende von Kindersklaven, genannt „Restavèks“. Im Januar 2010 Hunderttausende Tote bei einem Erdbeben. Danach eine Cholera-Epidemie. Ein paar Jahre nach dem Beben immer noch Zeltstädte – wo sind die Milliarden geblieben? Nachrichten aus „Ayití“, so der Name in der Landessprache, sind immer Horrornachrichten.

Zyniker sagen, die MINUSTAH-Truppen der UN sichern gar nicht Haiti – ein Land, an dem niemand interessiert ist – sondern die Ordnung des Westens, denn Haitis geografisch gute und politisch instabile Lage ist ideal, um Drogen von Lateinamerika in die USA zu bringen.

Zwei Frauen sind bepackt mit einem Esel auf einer Sandstraße unterwegs.

Eine Frau und eine Schüssel vor einer Hauswand.

Auf der anderen Seite die „República Dominicana“. In der öffentlichen Wahrnehmung der meisten Deutschen ist das „die Dom Rep“ und so verunstaltet und verkürzt wie der Name ist auch das Klischee, ein Zerrbild. Nicht mehr als ein „Urlaubsparadies“, kokosnussbewachsen wie die Seychellen oder die Malediven. Glauben viele.

Dabei ist das Land alles andere als klein. Ebenfalls zehn Millionen Einwohner, aus europäischer Sicht aber fast unbekannt. Viele Urlauber wollen dieses Land auch nicht wirklich kennenlernen. „Dom Rep“, das ist Sonnenbaden plus Alkohol-Flatrates plus Sex-Flatrates. „All inclusive“ wurde hier erfunden. Unbekannte Faktoren in der Erfolgsformel für paradiesisches Urlaubsglück sind unerwünscht.

Ein Junge vor einer provisorischen Behausung.

Eine Familie in einer spärlich eingerichteten Küche.

Extrem ist die Topografie: Am Grenzübergang von Jimaní zwischen den Salzseen Lago Enriquillo und Lac Azueï ist man knapp 40 Meter unter dem Meeresspiegel, aber keine 50 Kilometer entfernt sind die Berge auf der haitianischen Seite bis zu 2.680 Meter hoch, mehrere dominikanische Gipfel etwas weiter nördlich sind sogar höher als die Zugspitze.

Die Dominikaner bewachen die Grenze streng, aber trotzdem sind jahrzehntelang Millionen von Haitianern ins wohlhabendere Nachbarland geflohen, meist illegal. Dominikanische Wirtschaftsflüchtlinge wiederum sind nach Puerto Rico geflohen, ebenfalls illegal, mit Booten in der Nacht.

Viele sind bei dem Versuch ertrunken, manchmal kassierten Schlepper Geld und warfen bei unerwartet schwierigem Wellengang Leute, die nicht schwimmen konnten, einfach über Bord. Auf dem Schulhof singen Kinder: „No te montes en esa yola, porque te tiran al mar“ und „En el canal de Mona te comen los tiburones“ – „Steig nicht ein in dieses Boot, denn sie werfen Dich ins Meer“ und „In der Mona-Passage“, der Meerenge mit Puerto Rico, „fressen Dich die Haie“.

Auf der anderen Seite der Insel wiederum, in Haiti, sind oft Immigranten angekommen: Kubaner, die das nahe Haiti als erste Station ihres Exodus in die USA nutzten. Die Karibik ist wie das Mittelmeer eine Chance, dem Elend und der Perspektivlosigkeit zu entkommen, in ein vermeintliches Paradies: „Nueva York“. Paradiesisch ist die Karibik nicht aus Sicht der Bewohner, sondern nur in den Augen der Urlauber.

Eine Frau arbeitet in einem Loch vor einem halb zerstörten Haus.

Eine Gruppe Frauen, eine trägt einen Sack auf dem Kopf.

Fährt man die Grenze entlang, durch wüstenähnlich trockene und staubige Gegenden auf der Leeseite der Gebirgszüge, fällt sofort auf: Es gibt in vielen Gegenden keine Infrastruktur. Keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Geschäfte, Werkstätten, Tankstellen, Gaststätten. Eine Zeitreise. Leben wie in einer vorindustriellen Epoche.

Die Landschaft dort fasziniert mich, sie ist weitgehend „unberührt“. Erstaunlich, da doch sonst überall Schilder, Werbebanner, Strom- und Telekommunikationsmasten den ungetrübten Blick auf Landschaften verhindern. Hier nicht.

Die „Carretera Internacional“ entlang der Grenze ist keine Straße, sondern je nach Wetter eine schlechte Staub-, Schotter- oder Matschpiste. Manchmal sieht man 20, 30, 40 Kilometer lang keine Menschenseele. Ab und zu ist irgendwo ein Schwein oder Esel zu sehen, also wohnt dort offensichtlich jemand, aber es ist teilweise gespenstisch leer.

Man sendet Stoßgebete zum Himmel, dass das Auto nicht liegenbleiben möge. Die Straße schlängelt sich durchs Gebirge, im Slalom durch beide Staaten, denn die offizielle Grenze sind meist Flüsse links und rechts der Piste. Man passiert dominikanische Dörfer, die zwar Namen haben, aber in Google Maps heute noch unauffindbar sind, sowie namenlose haitianische Ansiedlungen.

Mehrere Kinder vor einer kargen Bergkulisse, in der einige Hütten verstreut sind.

Kinder vor einer Autoscheibe.

In den kleinen haitianischen Orten sieht man sehr viele bettelnde, teilweise elend aussehende, auch unterernährte Kinder, aber überraschenderweise auch viele sehr starke und gesunde Kinder, auch welche, die viel lachen. Viele Kinder betteln. Jedes Geschenk ist willkommen. Wer gern spenden und dabei sehen möchte, dass das Gespendete auch wirklich bei den Armen ankommt, ist hier genau richtig.

Der Río Dajabón, ein Grenzfluss im Norden, wird aufgrund historischer Ereignisse „Río Masacre“ genannt. Am dortigen Grenzübergang ist dienstags und freitags Markttag. Tausende Haitianer kommen dann zu Fuß über die Brücke des Río Masacre, kaufen alles, was sie kriegen können, um es dann auf dem Kopf balancierend oder mit selbstgebauten Holzschubkarren zu transportieren.

Ein Mann, der viele Pakete auf einer Schubkarre vor sich her schiebt.

Ein schwitzender Mann, der mehrere Säcke auf dem Kopf trägt.

Ich war oft dort und bin immer wieder gleichzeitig schockiert und auch fasziniert. Normalerweise kann man mit dem Auto über die Brücke fahren, aber nicht an den Markttagen. Man muss einen knappen Kilometer von Dajabón nach Ouanaminthe laufen und dabei unbedingt im Menschenstrom „mitschwimmen“:

Es gibt keinen Stopp, kein Zurück, der Spurwechsel auf die andere Seite ist fast unmöglich. Keine Chance, mal eben nachzusehen, ob das Portemonnaie noch in der Tasche ist oder der Reisepass oder das Handy. Ein irres Gedränge, Meter für Meter kämpft man sich voran zwischen keuchenden, schwitzenden, hart arbeitenden Menschen.

Fotografische Komposition ist hier aussichtslos, zu sehr muss man sich auf die drängelnden, schiebenden Menschen konzentrieren, deshalb einfach: Kamera in die gewünschte Richtung halten und abdrücken. Ultraweitwinkel ist auf so engem Raum angesagt. Vermutlich nicht jedermanns Geschmack, aber ich mag das. Fotografie extrem.

Die Szenen von schwer arbeitenden, schwitzenden Menschen in der gleißend hellen Sonne, das erinnert mich an Alex Webbs Buch „Under a Grudging Sun“ (1989), an Sebastião Salgados Buch „Workers“ (1993) und auch an Jordi Cohens Serie „Vivre le Tap Tap“ (2006 bis 2008 mit einer Nikon D3 und 14–24 mm Ultraweitwinkel gemacht).

Mehrere Menschen sitzen um einen Waschkübel herum.

Ein Mädchen mit einer Schüssel Tüten mit Nüssen, die sie auf der Schulter trägt.

Meine Bilder von der haitianisch-dominikanischen Grenze habe ich zwischen 2012 und 2016 mit verschiedenen Kameras, Kompaktkameras und DSLRs, oft ebenfalls mit Ultraweitwinkel, aus ganz kurzer Distanz gemacht. Und wie Salgado und Cohen habe ich sie in schwarzweiß konvertiert, obwohl ich sonst meist sehr farbige Bilder mache.

Am Ende dieses Nadelöhrs am Fluss kann man sich dann ein Mopedtaxi oder einen Pickup nehmen und nach Ouanaminthe hineinfahren – keine Ahnung, wer die Stadt so nennt, denn die Haitianer nennen sie „Wanamèt“ und die Dominikaner „Juana Méndez“.

Ich habe dort Freunde und Bekannte. In einer Schule habe ich einmal Hunderte Kinder fotografiert, bei 35 °C im Schatten, stundenlang. Sie hatten blitzsaubere Schuluniformen an und sahen irgendwie alle gleich aus: die Jungen mit kurzgeschorenen Haaren, die Mädchen mit Schleifen in den Zöpfen. Viele Kinder machten sich einen Spaß daraus, sich immer wieder in die Reihe der Wartenden zu mogeln und anfangs merkte ich das gar nicht, fotografierte viele von ihnen doppelt und dreifach.

Eine Frau transportiert eine Waschmaschine auf einer Schubkarre.

Ein Junge schaut durch ein Loch in einer Mauer.

Das Leben findet weitgehend auf der Straße statt. Hier kocht eine Frau Papayas, dort waschen drei Frauen Wäsche in einer Schüssel und ein Mädchen verkauft mir zwei Tütchen Erdnüsse. Ein Junge steht vor einer Baracke, an der etwas geschrieben steht, das ich nicht verstehe, und verkauft Möbel.

Eine Frau transportiert eine Waschmaschine mit einer Schubkarre. Eine andere Frau holt, einen Plastikbecher in der Hand, Wasser für ihre Kinder aus einer Zisterne. Irgendwo späht ein neugieriger Junge durch ein Loch in einer Wand. Alles ist unfertig, im Werden, nichts ist perfekt. Wieder kommt mir ein Buchtitel von Alex Webb in den Sinn: „Hot Light – Half-made Worlds“.

Eine fast namenlose Insel zum Entdecken, fast ein wenig abenteuerlich. Jenseits der touristischen Klischees: eine Terra Incognita. Wer hätte das gedacht? Vor Jahren kam ich hierher zum Surfen und dann immer wieder und lebe hier seit vielen Jahren jeden Winter – und entdecke immer mehr von diesem Land.

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