10. März 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Verlorene Heimat

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.“ Für die meisten von uns hat diese Liedzeile etwas Patriotisches an sich. Sie weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit und vielleicht sogar den Wunsch, einmal wieder „nach Hause“ zu fahren, auch wenn es schon lange nicht mehr zuhause im engeren Sinne ist. Wir lassen uns zurückversetzen in glückliche Stunden und schwelgen in der vermeintlich guten alten Zeit.

Doch noch immer gibt es in Deutschland Menschen, denen diese Heimat genommen wird. Planmäßig. Nicht durch Katastrophen, unvorhergesehene Ereignisse, sondern ganz gezielt und von ganz oben abgesegnet. Ihre Heimat fällt der Braunkohle zum Opfer.

Ein Ortseingangsschild

Eine Straße mit Ortseingangsschild

An den äußersten Rändern Deutschlands, in Ost und West, liegen die großen Braunkohlegebiete. Es gibt noch viele weitere, bekannt sind aber wohl vor allem das Lausitzer Braunkohlerevier an der Grenze zu Polen und sein rheinisches Gegenstück in der Region um Aachen. Dort fressen sich die Bagger unaufhörlich vorwärts, reißen gigantische Wunden in die Landschaft.

Zwar nicht mehr so schnell und nicht mehr in dem Umfang, der noch vor Jahren geplant war, aber ein Ende ist bis auf Weiteres nicht abzusehen. Orte, die im Einzugsgebiet der Tagebaue liegen, sind dem Untergang geweiht. Sie werden zwangsumgesiedelt, abgerissen und bald ist von ihnen, außer alten Fotos und Erinnerungen, nichts mehr übrig.

Blick auf eine alte Kirche

Eine neue Kirche

Ein solcher Ort ist Immerath. Gelegen am Tagebau Garzweiler wird der Ort seit 2006 nach und nach umgesiedelt und steht inzwischen fast komplett leer. Das Gefühl bei einer Fahrt durch den Ort oder einem Spaziergang entlang vernagelter Häuser ist beklemmend und gespenstisch. Ein ganzes Dorf wie leergefegt, die Bewohner verschwunden, trotzdem hängen hier und da noch Gardinen. Rollos sind halb heruntergelassen, alles in allem erwartet der Besucher, dass jeden Moment wieder Leben einkehrt. Doch das wird nicht mehr passieren.

Die Bushaltestelle ist verwaist, Bäckerei und Metzgerei werden ihre Türen nie mehr öffnen, in den Kirchtürmen der riesigen Dorfkirche klaffen schwarze Löcher: Dort wurden die Glocken herausgeholt. Die Kirche selbst ist mit einem bewegenden Abschiedsgottesdienst profanisiert worden. Der Denkmalschutz hat hier kein Mitspracherecht, genauso wie bei vielen anderen Gebäuden im Ort, seien es alte Fabrikantenvillen, Fachwerkhäuser oder das ehemalige Krankenhaus und Kloster Haus Nazareth.

Ein Haus mit zugemauerten Fenstern

Ein Haus mit Pizzeria

Der Gang über den alten Friedhof lässt den Besucher traurig zurück: Viele Gräber sind bereits umgebettet, in anderen stecken kleine Schildchen mit Anweisungen für die Arbeiter. In der Trauerhalle stehen noch einige Holzsärge für anstehende Umbettungen bereit. Die gedrückte Stimmung bleibt auch, wenn der Weg durch das Dorf einen weiterführt über einen alten Spielplatz, auf dem Schaukel und Spielgeräte leise vor sich hin rosten. Das Leben ist aus Immerath gewichen.

Einige Kilometer weiter entsteht mitten auf der grünen Wiese das Dorf Immerath (Neu). Viele Häuser sind schon fertig, eine neue Kirche ist erbaut worden, in der die alten Glocken läuten. Der Ort gleicht einem Neubauviertel und wirkt unwirklich, künstlich in die Landschaft gesetzt und irgendwie fehl am Platz. Vieles mag besser geworden sein, gerade für junge Menschen. Der Ort ist modern, aber kalt, er sieht alles in allem aus wie die Kulisse für eine aufwändige Fernsehproduktion. Ihm fehlt jeglicher Charme und Charakter.

Ein alter Spielplatz

Ein neuer Spielplatz

Bilder des alten Ortes Immerath und der im Entstehen begriffenen Siedlung Immerath (Neu) stelle ich in meinem Fotoprojekt jeweils gegenüber. Dies verdeutlicht in meinen Augen die Veränderung, der sich die Dorfbewohner zu stellen haben. Ebenso sehe ich darin eine Versinnbildlichung verschiedener Formen von Tristesse und Ödnis – im alten Ort durch das Gefühl des Verlassenseins, im neuen dagegen durch Sterilität und Austauschbarkeit.

Die Alten, die sich vom Dorf verabschieden mussten, das für sie jahrzehntelang Lebensmittelpunkt war, werden sich nur schwer umgewöhnen. Mögen die neuen Häuser noch so praktisch sein, noch so modern und komfortabel – sie werden nie ersetzen können, was durch den Tagebau bald verschlungen sein wir: ihre Heimat. Denn diese Heimat ist für die Bewohner bald im wahrsten Sinne des Wortes kein Ort mehr, sondern nur noch ein Gefühl.

Eine Straße gesäumt von Häusern

Eine Straße in einer Neubausiedlung

Ich habe in der letzten Zeit meine Arbeit mehr und mehr nicht nur in digitaler Form auf dem Monitor betrachtet, sondern sie auch haptisch begreifbar gemacht, sei es in Form von Drucken oder wie hier als Buch. Für mich gibt das den Fotos einen ganz anderen Wert.

Ein selbst erstelltes Buch durchzublättern oder Freunden zu zeigen, ist doch etwas anderes als die Diashow am PC oder Fernseher oder gar das gemeinsame Anstarren eines Tablet-Computers. Ich habe mich für Blurb als Anbieter und damit auch für eine Veröffentlichung des Buches zum Projekt entschieden.

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6 Kommentare

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    • @Chilled Cat: Hast du überhaupt verstanden, worum es in dem Beitrag ging?! Gelesen oder nur die Bilder betrachtet?

      Mir persönlich gefällt der siedlungssoziologische Ansatz der Arbeit.