Langes Gebäude vor einem kahlen Wald und tristem Himmel, im Vordergrund ein leeres Feld.
17. Juni 2015 Lesezeit: ~ 9 Minuten

Gedenkstätten

Kaum ein historisches Ereignis ist derart präsent im kollektiven Gedächtnis der Deutschen über Fotografien verankert wie der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistischen Massenverbrechen. In Bezug auf die Bilder des Krieges dürften es vor allem auch Robert Capas Aufnahmen von der Landung der Alliierten in der Normandie sein, die für viele als prägende Bilder in Erinnerung geblieben sind.

Wenigen dürfte dabei bewusst sein, dass diese als Vorlage für Hollywood-Filme wie „Der Soldat James Ryan“ dienten und damit in einer vermittelten Form weite Verbreitung fanden. Für die Bilder des nationalsozialistischen deutschen Massenmordes an den europäischen Juden und Sinti und Roma gilt dies ebenfalls.

Die „Ikonen der Vernichtung“, wie diese fotografischen Aufnahmen die Volkskundlerin Cornelia Brink bezeichnet, liegen nicht nur aus den besetzen Gebieten und Ghettos vor. Sie sind vor allem während der Befreiungen der deutschen Konzentrationslager entstanden und im Rahmen dessen zu Tausenden in die Gesellschaft gestreut worden.

Doppelseite im Buch „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

Bis heute sind es eben diese Befreiungsbilder der Lager, die symbolisch für die gesamten Verbrechen stehen. Was schaffen diese Fotos und ihre Symbole dabei? Wie es einst Susan Sontag in ihren Essays „Das Leiden der anderen betrachten“* beschrieb, organisieren sie unsere Vorstellung von Vergangenheit. Und nicht nur sie. Auch die Fotografen und die Verteiler all dieser Aufnahmen.

Zu den bekannteren Fotografien der Befreiung der Konzentrationslager gehören etwa die Arbeiten von Margaret Bourke-White oder Elizabeth „Lee“ Miller, deren Bilder des Schreckens in den befreiten Lagern direkt zu Kriegsende auch als (juristische) Beweise der nationalsozialistischen Verbrechen dienten. Doch, was genau beweisen diese Fotografien eigentlich?

Und ist es legitim, Ablichtungen von wehrlosen, ausgemergelten, toten Menschen dafür zu nutzten, sie der Öffentlichkeit wie auf einem Tablett zu servieren? Entwürdigt dies die Menschen nicht? Diese und weitere Fragen stellen sich für Museen und Gedenkstätten im Umgang mit jenen Aufnahmen bis heute.

Eine Debatte, die in Gedenkstätten auch unter der Abwägung „Würde versus Beweis“ geführt wird und in Teilen der vor Kurzem angestoßenen Diskussion mit Christoph Bangerts Buch „War Porn“* ähnelt. Bangert verwies allerdings darauf, dass die Würde der Abgebildeten bereits durch die grausamen Handlungen zerstört wurde, die den Bildern aus Krisen- und Kriegsgebieten vorausgehen.

Doppelseite im Buch „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

Über viele Jahre hielt sich die Vorstellung, dass die Befreiungs-Bilder mit ihren Leichenbergen abschrecken würden und somit eine Wiederholung ähnlicher Taten abwenden könnten. Diese Vorstellung war nicht neu und fand ihren wohl bekanntesten Vorläufer im Buch „Krieg dem Kriege!“ des Kriegsdienstverweigerers Ernst Friedrich, das 1924 zum zehnten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges veröffentlicht wurde: „Fotografien als Schocktherapie“ (Sontag).

Diese Art der vermeintlichen Abschreckung allein durch Fotografien von Leid, Tod und Toten findet sich aber immer weniger in der didaktischen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen deutschen Verbrechen. Und auch Christoph Bangert bezeichnete die Vorstellung, dass durch Bilder Kriege verhindert werden können, als romantisiert.

Mit der wachsenden zeitlichen Distanz zum Kriegsende rückten die Orte der Verbrechen wieder in den Fokus von Fotografen. Nun waren diese jedoch Gedenkstätten oder völlig in Vergessenheit geratene und von der Natur stark veränderte Landschaften. Dabei zeigen sich auch über die Generationen von Fotografen sowohl starke Unterschiede im Umgang mit diesen Orten, als auch Ähnlichkeiten in der Wahl symbolischer Motive.

Buchcover „In the Camps“ von Erich Hartmann

„In the Camps“

Einer der interessantesten Fotobände – aus fotografischer wie aus persönlicher Sicht – stammt vom Amerikaner und ehemaligen Präsidenten von Magnum, Erich Hartmann. 1995 veröffentlichte er seinen Fotoband „In the Camps“*.

Hartmann, der 1922 in München geboren wurde und aus einer jüdischen Familie stammt, hatte bereits als Teenager Kontakt mit dem nationalsozialistischen Lagersystem in Deutschland. Aufgrund eines leichten Unfalls traf Hartmann Anfang der 1930er Jahre in einem Krankenhaus mit einem Häftling und einem SS-Mann des Konzentrationslagers Dachau zusammen. Diese kurze Begegnung scheint Hartmann tief geprägt zu haben:

„…I realized only later that I had seen the two faces of Nazi Germany – both the faces of death – that of the killer and that of the victim”, schrieb Hartmann im Nachwort zu „In the Camps“. Hartmanns Familie verließ 1938 Deutschland und emigrierte in die USA. Durch seinen Militärdienst kehrte der junge Emigrant erneut nach Deutschland zurück und konnte bereits kurz nach Kriegsende das befreite Konzentrationslager Dachau besichtigen.

Doppelseite im Buch „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

Zum Ende seines Berufslebens zog es den gebürtigen Münchner dann erneut nach Europa zurück, um zahlreiche ehemalige Lager auch fotografisch zu dokumentieren. Eine sehr persönliche Aufgabe, wie Hartmann deutlich macht: „…the person and the photographer had to come together as never before to make images in what remains of the camps…“.

Eine insgesamt achtwöchige Reise führte Erich Hartmann und dessen Frau Ruth im Winter 1993/94 durch zahlreiche europäische Länder und an insgesamt 22 Orte der nationalsozialistischen Verbrechen. Hartmanns Fotografien bilden viele der Dinge ab, die seit Kriegsende als Symbole der Massenvernichtung gelten: Stacheldraht, Krematorien, Gleisanlagen oder Massengräber.

Hartmann nimmt den Zustand der Orte in den Blick, Besucher sind auf den Bildern kaum zu sehen. Für den deutschen Emigranten waren die Orte nach wie vor umgeben von der Aura der Verbrechen: „I was surprised at the intensity with which even after so many years the camps seemed still inhabited by the echoes oft the dark and bitter past“. Die Kamera diente ihm als Instrument, mit dem er versuchte, seinen Gefühlen an den Orten Ausdruck zu verleihen.

Buchcover „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

„Die Worte, Gedanken und Gefühle der ehemaligen Häftlinge…“

Als Hartmann zum Ende seines Berufslebens mit „In the Camps“ sicher auch einen Abschluss für sich fand, begann Mark Mühlhaus gerade erst, sich mit den Orten der Leiden zu beschäftigen. Noch als Besucher, nicht als Fotograf. Durch sein politisches Engagement fand Mühlhaus Zugang zu den Orten der nationalsozialistischen deutschen Verbrechen.

Jahre später kehrte er als Fotograf zurück. „Ich habe damals versucht, die Dramatik, die die Orte einst hatten, in den Bildern darzustellen“, sagt Mühlhaus rückblickend. Er sieht dies heute kritisch und zeigt damit, wie schwierig auch der fotografische Umgang mit Orten ist, die eine solche Geschichte beinhalten.

Die produzierten Bilder aus den Gedenkstätten sind heute sehr ähnlich und unterscheiden sich kaum von den Aufnahmen von vor zwanzig Jahren. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern führte für Mühlhaus auch zu einer Veränderung des eigenen fotografischen Schwerpunktes. Die Begleitung einer Gruppe israelischer Soldaten in die Gedenkstätte Ausschwitz war für den Fotografen eine zentrale Erfahrung. „Wir konnten fotografieren, wie sie den Ort wahrnehmen und so besser die Stimmung an den Orten zum Ausdruck bringen“, sagt er heute.

Doppelseite im Buch „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

Für Mühlhaus traten damit eher die Menschen in den Fokus, die diese Orte besuchen: Egal ob Besucher oder ehemalige Häftlinge, die an den Ort ihres Leidens zurückkehren. Das Buchprojekt „Begegnungen“* führte ihn 2004/05 rund um die 60. Jahrestage von Frankreich (D-Day) über die Gedenkstätten Auschwitz nach Buchenwald und Mittelbau-Dora zu zahlreichen weiteren Gedenkveranstaltungen.

„Die Männer und Frauen aus den verschiedenen europäischen Ländern, ehemalige Häftlinge und Veteranen, denen es möglich war, 60 Jahre später diese Reise anzutreten, stehen im Mittelpunkt dieses Bildbandes“, schreibt Mühlhaus im Vorwort. Geprägt sind die Fotografien vor allem durch die Begegnungen während der Feierlichkeiten an den verschiedenen Orten.

Nur wenige Bilder von Zäunen oder Gebäuden sind im Bildband enthalten. Aber auch sie zeigen mit der Auswahl der symbolischen Motive – Gleisanlagen, Stacheldrahtzäune oder Krematorien – den Deutungsrahmen, der die Begegnungen vor Ort umgibt.

Doppelseite im Buch „Begegnungen“ von Mark Mühlhaus

Zwischen den Fotobänden von Hartmann und Mühlhaus liegen rund zehn Jahre. Zwischen den beiden Fotografen zwei Generationen und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit den Orten der Verbrechen. Erich Hartmann besuchte jene Orte als Zeitzeuge und Mark Mühlhaus als deutscher Fotograf mit politischem Engagement.

Der Fokus der beiden Fotografen könnte unterschiedlicher nicht sein. Wo Hartmann die Orte – nahezu menschenleer – in das Zentrum seiner Bilder rückt, sind es bei Mühlhaus die Überlebenden der Verbrechen. Hartmann arbeitet auch mit einer Wahrnehmung der Orte über eine Aura, die diesen aufgrund des Geschehenen aus seiner Sicht anhaftet.

Dass seine Bilder in den Wintermonaten 1993/94 entstanden und so Elemente wie Nebel enthalten, passt zur Darstellungsart seiner Aufnahmen. Mühlhaus hingegen legt mit seinen Bildern der Überlebenden den Fokus seiner Arbeit dezidiert auf „das Überleben“ oder besser: Das Leben. Dies dürfte nicht nur die Sichtweise zweier Fotografen unterscheiden, sondern auch einen gesellschaftlich gewandelten Blick auf die Orte selbst.

Dennoch: Die wenigen Bilder der Orte, die Mühlhaus in seinem Band zeigt, greifen die gleichen Symbole auf wie schon Hartmann: Gleise, Zäune oder Eingangstore. Doch die Zeitzeugengeneration als Zentrum fotografischer Arbeiten ist eben zeitlich begrenzt.

Für zukünftige Generationen von Fotografen wird sich dieser Schwerpunkt damit ausschließen und die Frage stellen, wie diese sich – ohne endlose Kopien bereits vorhandener Arbeiten anzufertigen – den Orten nähern.

Ein herzlicher Dank geht an Mark Mühlhaus für die freundliche Erlaubnis, die Arbeiten aus seinem Buch „Begegnungen“ hier verwenden zu dürfen.

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4 Kommentare

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  1. Sehr interessanter Artikel mit noch interessanteren Denkansätzen zu einem wichtigen Thema. Gerade der Aspekt „Würde versus Beweis“ ist mir im Zusammenhang mit dem Thema WW2 so noch nicht untergekommen. Wieder was zum nachdenken!

  2. Sehr guter Artikel. Kein einfaches Thema. In Zeiten, in denen sowohl die Würde (durch die “Demokratisierung des Paparazzitums”), als auch der Beweis (durch massive Bildmanipulationen) in der Fotografie einen schweren Stand haben, sicherliche eine interessante Diskussion.

    Ein interessanter Aspekt ist auch, was diese Bilder mit den Fotografen gemacht haben. So war zum Beispiel Elizabeth Miller ihr gesamtes restiliches Leben traumatisiert von dem, was sie in den Konzentrations- und Vernichtungslagern gesehen hat. Anderen ging es ähnlich…

  3. Blogartikel dazu: 10 Jahre publikative.org: Time to say goodbye |