Eine Person steht vor einem Fluss
12. September 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Wiederkehrende, verblassende Erinnerungen

Fotos tragen unsere Erinnerungen in sich. Viele von uns, die ohne digitale Fotografie aufgewachsen sind, haben Erinnerungen, Familiengeschichte und Zeitzeugnisse auf vielen unterschiedlichen Medien festgehalten.

Manche haben sicherlich, so wie ich, Kisten voller Umschläge mit Abzügen, Negativen, Dias und Fotoalben, oftmals liebevoll versehen mit Daten und Anmerkungen. Sie helfen uns bei der Frage danach, wer wir sind.

„This is you“ heißt ein Projekt der Fotografen Angel Albarrán und Anna Cabrera, in dem sie sich mit der Beziehung der Identität der Menschen zu ihren Erinnerungen befassen. Der Titel rührt von Kindheitserinnerungen her. Es sind die Worte des Großvaters, der einen mit seiner hölzernen Balgenkamera ablichtete, den Abzug in Händen hielt und sagte: „Das bist du“.

Eine Frau steht vor einem See

Erinnerungen verblassen und verfallen in Fragmente. Fotografien lassen uns zurück denken und holen scheinbar Verlorenes wieder hervor. Sie treten an die Stelle unserer abstrakten Erinnerungen. Unsere Erinnerungen sind oft auch nur die durch Fotos wiederhergestellte Sicht auf die Vergangenheit.

Angel Albarrán und Anna Cabrera bekamen vor einiger Zeit Negative von einem Freund, der diese im Müll gefunden hatte. Nach dem Scannen der Negative zeigte sich, dass es sich um etwa 40 Jahre alte Familienfotos handelte, die so unterbelichtet waren, dass die Personen darauf nicht mehr zu erkennen waren.

Ein Paar steht vor einem WasserfallKinder stehen an einem Aussichtspunkt

Den Fotografen wurde bewusst, dass es sich dabei um die Aufnahmen jeder beliebigen Familie handeln konnte, auch ihrer eigenen. Die Fotos wurden für sie zum Symbol von Erinnerung und den Blick auf die eigene Vergangenheit und Identität.

Sie fingen an, die Bilder durch eigene Aufnahmen zu ergänzen und schufen so eine Serie fiktiver familiärer Erinnerungen, von Personen, die es so nie gegeben hat, und die durch die Anonymität der Bilder von jedem stammen könnte. Leitend dabei war die Frage, welche Erinnerungen durch Bilder geweckt werden, die auch die eigenen sein könnten.

Um die Serie zu vereinheitlichen und die eigenen Bilder stimmig in die alten Bilder einzureihen, entschieden sich die Künstler für einen abstrakten Druckprozess. Die warmen Farben der Aufnahmen unterstützend, wurden die Fotos mit japanischem Gampi Papier auf Blattgold verarbeitet, was den Bildern gleichzeitig eine matte Oberfläche verlieh. Es sollte keine starke Retusche an den Bildern erfolgen und dennoch das Gefühl von zeitlosen Erinnerungen entstehen.

Eine Frau im HalbdunkelnZwei Personen stehen vor einem See

Ich konnte viele Parallelen finden zwischen diesen Bilden und den Abzügen, die ich in meinen eigenen Familienalben habe. Es sind Bilder, die vor meiner Zeit entstanden sind und die meine Eltern und Großeltern auf Reisen, Feiern und im Alltag zeigen. Aufnahmen aus meiner frühen Kindheit, die meine gesamte Erinnerung an diese Zeit darstellen.

Eigentlich handelt es sich dabei überhaupt nicht um Erinnerungen, aber die Bilder schaffen in meinem Kopf die Illusion, Ereignisse und Erlebnisse aus dieser Zeit vor mir zu sehen, auch wenn es nur die hinter Plastik geklebten Fotos in abgegriffenen Alben sind, die ich vor Augen habe.

Postkarte eines Wasserfalls

Das Projekt hat einen spannenden Gedankenfluss in mir angeregt. Nicht nur darüber, wie meine Erinnerungen konstruiert sind, sondern auch darüber, wie ich mit meiner Fotografie umgehe. Fotos können als Medium auf so vielen Wegen kommunizieren, dass es dem Fotografen nahezu unmöglich ist, die Wirkung eines Bildes genau zu steuern. Interpretationen gibt es wohl mindestens so viele wie ein Bild Betrachter findet.

Ich frage mich, worin der Wert meiner Bilder in 40 Jahren bestehen wird. Was werden sie dann zu sagen haben? Welchen Teil meiner Erinnerung werden sie ergänzen oder ersetzen? Vermutlich werden meine Erinnerungen stark romantisiert sein, denn Schattenseiten finden sich selten in einem Familienalbum. Und wenn doch?

Wie würde ich wohl in 40 Jahren mit einem Fotoalbum umgehen, das auch die dunklen Momente der Vergangenheit wiederspiegelt? Natürlich bilden Fotos immer das subjektive Erleben ab, und die Vorliebe dafür, Schönes festzuhalten und Schlechtes zu vergessen, ist menschlich.

Die Schatten in den Bilden dieser Serie hinterlassen bei mir allerdings ein Gefühl der Unvollständigkeit meiner Erinnerung und den Drang danach, später in meinem Leben durch Bilder nachvollziehen zu können, wie ich die Welt damals, also heute, gesehen haben werde, die guten und die schlechten Zeiten.

Eine Person steht vor einem Fenster

Die gesamte Serie ist auf der Webseite der beiden Fotografen zu finden. Das Paar lebt in Barcelona und und arbeitet seit über 17 Jahren zusammen. Sie sind fasziniert von der Beziehung des Menschen zu Raum und Zeit und nähern sich dieser Thematik über verschiedene fotografische Medien, weshalb sie gerne mit unterschiedlichen Verfahren experimentieren.

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4 Kommentare

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  1. ein starkes und beeindruckendes Projekt. Ein zuffälliger Mülleimerfund als Auslöser zur Enstehung einer ‚allgemeingültigen Bilderformel‘. Wirklich sehr interessante Überlegungen die hier angestellt wurden. Vielen Dank für diesen tollen Bericht!
    //Matz

  2. Ich habe mir wieder die alten Kinderfotos aus alten Tagen wieder angesehen und teilweise wurden sie so bearbeitet, dass künstlerische Effekte mitten im Bild zu sehen waren. Es sind nur einzelne Fotos, die nirgendwo im Rechner gespeichert sind und diese Einzigartigkeit der Bilder macht sie so besonders!