Ein zweigeteiltes Bild. Ein Mädchen und eine Frau.
18. August 2014 Lesezeit: ~ 8 Minuten

Der geheime Garten

Miriam Wuttkes geheimer Garten ist eine ehemalige Kleingartenkolonie in Neukölln, die nach über siebzig Jahren für ein neues Bauvorhaben geschlossen wurde. Seitdem wird die Fläche von Pflanzen und Unkraut überwuchert.

Das Areal verwandelte sich in eine geheimnisvolle, verwunschene Idylle, die zum Schauplatz des Projekts „Secret Garden“ der Berliner Künstlerin unter Kooperation des Fotografen Petrov Ahner wurde. Die Vorstellung eines persönlichen und sozialkritischen Performancekonzepts als Beispiel für die Vielschichtigkeit von Kunst.

Eines der seltsamen Dinge über das Leben in der Welt ist, dass man nur ab und zu ganz sicher ist, für immer zu leben. […] Man weiß, dass es manchmal, wenn man bei sich ist, in einem Wald bei Sonnenuntergang, und sich die geheimnisvolle tiefe goldene Stille unter die Zweige schlägt. […] Und es war so mit Colin, als er zum ersten Mal den Frühling hinter den vier hohen Mauern des geheimen Garten sah und spürte.

(Der geheime Garten, Frances Hodgson Burnett, freie Übersetzung)

Seit fast 80 Jahren befand sich die Kleingartenkolonie „Hand in Hand“ im Berliner Stadtteil Neukölln direkt neben der Rütli-Schule. Im Zusammenhang mit der deutschlandweiten Berichterstattung um die Schule beschloss der Berliner Senat, dass die Kleingartenkolonie einem sozialverträglichen „Campus Rütli“ weichen muss. Trotz großem Protest der Kleingärtner wurde das Naturidyll im Jahr 2012 dem Erdboden gleichgemacht.

Fast drei Jahre danach ist noch nichts von einem „sozialen Erlebnisraum“ zu sehen – dem geplantem Jugendclub, Elternzentren sowie der Erschließung neuer Freizeitmöglichkeiten. Stattdessen hat sich die Natur ihr Territorium im Herzen des ansonsten eher betongepflasterten Weichselstraßenkiez zurückerobert und ist Schauplatz des Kunstprojekts „Secret Garden“ der Berliner Künstlerin Miriam Wuttke geworden.

Die Themen der Künstlerin kreisen (teilweise, aber nicht ausschließlich) um Heimat und Erinnerung; Entstehen und Vergehen. Eine Auseinandersetzung mit dem psychologischen Hintergrund der urbanen Gartenidylle scheint daher naheliegend. Wo man zunächst eine Diskussion der sozialpolitischen Thematik, der vieldiskutierte Umgang mit Berliner Freiräumen, vermutet, verbirgt sich weitaus mehr, denn „Secret Garden“ ist im Prinzip eine psychologisch-künstlerische Studie mit literarisch-historisch geprägten Querverweisen.

Ein Durchgang ist hell erleuchtet und grün und braun.

Ein grüner Baum leuchtet an einer weißen Wand.

Der hier vorliegende Beitrag über den geheimen Garten von Miriam Wuttke soll keine endgültige Interpretation bieten, sondern bestenfalls anregen, über eigene Gedanken und Gefühle im Zusammenhang mit dem hier vorgestellten Kunstprojekt zu reflektieren.

Das Gesamtkonzept des Kunstprojekts „Secret Garden“, einer im gewissen Sinne fotografischen Trilogie mit Performancebestandteilen, besteht aus drei zeitlich aneinandergereihten und miteinander verwebten Komponenten. Der Anfang war persönlich: Miriam Wuttke entdeckte die grüne Neuköllner Oase ursprünglich auf Spaziergängen und sie begann sich mit dort neu angesiedelten Guerillagärtnern zu unterhalten. Berührt von persönlichen Geschichten und von der Kraft der Natur in der ansonsten betonbepflanzten Neuköllner Großstadtlandschaft, entstand das Konzept zu „Secret Garden“.

Die Fotografien von Miriam Wuttke, die in dieser ersten Phase der Auseinandersetzung zu dokumentarischen Zwecken entstanden, erinnern an Polaroids. Ähnlich wie in Frances Hodgson Burnetts Buch „Der Geheime Garten“ wird beim Betrachten kindliche Neugier geweckt. Die Bilder erinnern an das Spielen an verborgenen Orten, als man noch klein war und die Zeit kein Uhrwerk kannte. Wie bei Burnett beschrieben, gestalten geheime Gärten Momente, in denen sich „Stille unter die Zweige schlägt“. Diese Mystik hat Miriam Wuttke in ihren quadratischen Arbeiten mit einer feinsilbigen Künstlerhandschrift eingefangen.

Es ist ein ziemliches bunten Durcheinander.

Ein Baum steht sehr sentimental in der Gegend rum.

Nach dieser ersten Erkundungsphase lud die Künstlerin den Fotografen Petrov Ahner ein, den Verlauf einer Performance im geheimen Garten fotografisch zu begleiten. Dies bildet die zweite Phase des Konzepts zu „Secret Garden“. Petrov Ahner ist ein derzeit in Berlin lebender freischaffender Fotograf, der lange Zeit in Paris und anderen Städten als bekannter Modefotograf tätig war, was in gewissem Sinne auch die Ästhetik der Bilder erklärt.

Entstanden ist eine an klassische Modefotografie erinnernde Serie, die zwischen Erotik und Zerfall verzaubernd entrückt wirkt. Auf einem Bild hängt Miriam Wuttke kopfüber an einer Schaukel, eine Pose, die eher Kindern vorbehalten ist und zum Durchatmen einlädt. Auf einem anderen Bild steht die Künstlerin felldrapiert mit ausgestreckten Armen und einer Maske vor dem Gesicht in einer Brachfläche – ein Bild, das an völkische Rituale erinnert.

Durch die dargestellte Körperlichkeit wird deutlich, dass sich die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem geheimen Garten an dieser Stelle über kindliche Erinnerungen hinwegsetzt, denn in dieser zweiten Phase stellt Miriam Wuttke eine Referenz zu Nancy Fridays „My Secret Garden“ (1973) her.

Fridays Untersuchung weiblicher Sexualität (My Secret Garden, 1973) beinhaltet Interviews über sexuelle Fantasien von Frauen, deren Veröffentlichungen im Amerika der 70er Jahre einen flächenweiten Protest auslöste. Die Referenz auf den Übergang von kindlicher Neugier zur Erkundung und (Zurück-)Eroberung (weiblicher) Sexualität enthält somit auch implizite Botschaften über den Bruch mit normativen Grenzen. Die Metapher des geheimen Gartens könnte somit auch als geheimer Aufruf zum Ausbrechen aus gesellschaftlich vorgegebenen Schranken gedeutet werden.

Eine Frau hängt kopfüber von einem Kindergerüst.Eine Frau steht zwischen Grün und breitet die Arme aus.

Man sieht Efeu und das Gesicht einer Frau.

Eine Frau liegt vor einer Wand. Die Sonne erleuchtet ihren Körper.

Den vorläufigen Abschluss, und damit die dritte Phase des Projektes, bildet eine Performance mit dem Titel DELTA in der Berliner Galerie Emerson. In dieser dritten Phase fand eine Integration der beiden ersten Phasen statt. Abwechselnd lasen die Künstler Angelika Sikorska-Mazur und Tim van den Oudenhoven aus Nancy Fidays „My Secret Garden“* (1973) und Frances Hodgson Burnetts „The Secret Garden“* (1911).

DELTA, so heißt es im Ausstellungstext, „ist eine mystische Begegnung. Basierend auf Fantasien eines Kindes und Gedanken eines erwachsenen Menschen, findet ein Versuch satt, mit Zerstörung und Verlust umzugehen.“

Für die Ausstellung nahm Miriam Artefakte des Gartens mit – fast wie ein Kind, das den Traum hat, Archäologin zu werden. Die Besucher wurden eingeladen, an der Performance teilzunehmen, in dem sie sich im Raum bewegen oder Erinnerungen, Geheimnisse oder Wünsche auf ein Papier schreiben konnten, das anschließend verbrannt wurde. Im vernebelten Raum zauberte Wuttke eine ritualhafte, mystische Stimmung herbei, die die neugierige Sicht eines Kindes mit der erotischen Ausstrahlung einer erwachsenen Frau vereinte. Somit bildete DELTA eine Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Sehnsucht und Abschied, Verfall und Wiedergeburt.

Ein Raum mit Bildern und aufgeschichteten Bausteinen.

Draufsicht der aufgehäufelten Bausteine.

Eine Frau mit verbundenen Augen spielt mit kleinen Pferden.

Eine Frau mit langen Zöpfen sitzt auf dem Boden im Nebel.

Erst kürzlich wurde der geheime Garten versiegelt und die neuangesiedelten Bewohner vertrieben. Der Zugang zu einem der letzten grünen freien Oasen in Neukölln bleibt damit versperrt. Das finale Projekt zeigt, wie vielschichtig und feinfühlig Kunst sein kann, auf wie vielen Ebenen sie gelesen und verstanden werden kann, abhängig davon, was man darin lesen und verstehen möchte.

Der geheime Garten von Miriam Wuttke, eine künstlerische Trilogie, bleibt uns als goldenes Relikt erhalten und fordert gewissermaßen dazu auf, geheime innere Gärten zu erkunden. Sie selbst sagt dazu:

Wenn ich sehe, dass die Dinge so schnell verschwinden, verstehe ich, warum Menschen Angst vor Verdrängung und Verlust haben. Ich versuche, es zu verstehen. Aber mein eigener geheimer Garten dreht sich nicht im diese Angst, die Reflexion über seine psychologische Funktion ist eher ein Teil davon.

Es geht um Stärke und Wachstum einer ununterdrückbaren Kraft und darum, sich gegen Stagnation und Funktionalität zu stellen. Es geht auch um eine bewusste mutige Entscheidung, schmerzhafte Verlusterfahrungen zu akzeptieren, daran zu wachsen und Erinnerungen bewusst als Kraftquelle zu nutzen. In diesem Sinne hat jeder seinen eigenen geheimen inneren Garten, den es zu erobern gilt.

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2 Kommentare

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  1. Die Bilder gefallen mir sehr. Der Hintergrund hilft, ist mir für die einzelne fotografische Arbeit aber gar nicht so wichtig. Ich glaube auch, dass dem Konzept im zweiten Teil die Gelegenheit geholfen hat. Der dritte Teil macht daraus erst was Ganzes.

    Wie oft bei der Beschreibung solcher Kunstprojekte wirkt der Text sehr verkopft für mich, das er mir den Zugang zu den Bildern fast verhagelt. Subjektiv – wie immer.

    • Danke für Deinen Kommentar, Ray Catcher at Pabuca! Verkopft, das stimmt. Ich finde den Inhalt hinter den Kunstwerken immer am interessantesten. Optimalerweise gesellt sich ein Gefühl dazu. Das finde ich, ist aber meist ganz unterschiedlich und vom Betrachter abhängig.
      Am besten kann man Kunstwerke vor Ort erfahren und erfassen. Daher am besten mal bei Miriam Wuttke im Atelier/Projektraum vorbeischauen. Ich denke, sie freut sich über Austausch vor Ort!