Portrait
07. Mai 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Geometrie ist eine Metapher des Bewusstseins

Entdeckungen wie die Arbeiten von Tomáš Hetmánek bestärken mich darin, die Beschäftigung mit einem fotografischen Genre nicht deshalb aufzugeben, weil es so viele Menschen gibt, die es ebenfalls bespielen und man das Gefühl hat, dem nichts Neues mehr hinzufügen zu können.

Es gibt immer noch irgendeine Möglichkeit, besondere Aufnahmen zu machen oder den eigenen Bildern etwas Besonderes hinzuzufügen, das der eigenen, einzigartigen Persönlichkeit Ausdruck verleiht. Mir scheint, dass der Prozess dieses Auslotens in der Fotografie nicht so weit verbreitet ist wie in anderen Formen der Kunst, weil man fälschlicherweise annimmt, nach der Aufnahme müsse das Werk ja schon „fertig“ sein.

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Tatsächlich könnte man auch sagen, dass es sich bei Tomáš Hetmáneks Portraits um Mixed-Media-Arbeiten handelt, wenn man es ganz genau nimmt. Der Istanbuler ist Autodidakt, verwendet großformatige Kameras und hat sich auf alternative fotografische Verfahren spezialisiert.

Als er die Kollodium-Nassplatten-Technik erlernte, entdeckte er die eigene Freude daran, Fehler in diesem besonders handwerklichen Prozess zu machen, bei dem man nicht nur jeden Schritt selbst machen, sondern eben auch richtig machen muss. Seitdem lotet er einerseits gezielt und doch kreativ suchend die Möglichkeiten aus, diese vermeintlichen Fehler gezielt einzusetzen.

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Statt aus Versehen Kratzer auf Negativen zu hinterlassen, begann er, absichtlich zu kratzen, zu bleichen und auf sonstige nur erdenkliche Weise die Bilder zu beschädigen. Im zweiten Teil des Prozesses ergänzt er die entstandenen Schäden wiederum nach seinem ästhetischen Gefühl mit Bleistift oder Graphitpulver zu Mustern und grafisch-schematischen Zeichnungen.

Stetig integriert Tomáš neue Schritte in seinen Arbeitsprozess oder experimentiert mit weiteren Techniken. Erst kürzlich kam Mordançage hinzu: Eine Technik, bei der die schwarzen Emulsionsbereiche eines Silbergelatinedrucks von einer chemischen Lösung angehoben werden, sodass der Eindruck von dünnen Schleiern entsteht, in die die behandelten Bildbestandteile sich auflösen.

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Zwischen der makellosen Schönheit eines großformatigen Negativs und dem die Perfektion entstellenden Schaden, der ihm zugefügt wird, besteht eine Spannung. Für Tomáš ist das der Kern seines kreativen Prozesses; dieses besondere Spannungsverhältnis zu erkunden und zu formen.

Dabei handelt es sich nicht um ein einmaliges Ereignis, denn er kommt wieder und wieder auf seine Negative zurück. Gerade wegen dieser Freiheit, ein einzelnes Bild über viele Monate oder sogar Jahren hinweg unzählige Male erneut aufgreifen zu können, hat er ein Papier-Negativ-Verfahren für sich gewählt.

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Das Fotografieren ist für mich nicht anders als ein Traum: Eine Botschaft von mir an mich selbst. Durch die Bearbeitung der Bilder beantworte ich Fragen, die der Traum aufgeworfen hat und vervollständige mich selbst mit dem unterbewussten Teil von mir.

Die Interaktion zwischen Künstler und Bild ohne ein geplantes Konzept, sondern entlang von intuitivem Setzen von Kratzern, Linien und Kreisen erforscht sprachlich und intellektuell nicht greifbare Bestandteile des eigenen Selbst. Das bearbeitete Bild kann sich währenddessen vollkommen verändern und genau das ist das Aufregende daran.

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Einige der von Tomáš gesetzten Muster sehen sehr mathematisch aus, doch bei genauerer Untersuchung kann man feststellen, dass sie keiner Formel oder strengen Geometrie folgen. Bewusste Geometrien entstehen aus der Interaktion mit der fotografischen Komposition und werden durch die Intuition des Unterbewussten in ihrer Regelmäßigkeit doch wieder durchbrochen.

An einem Tag fühlen sich Linien richtig an, am nächsten sind es Kreise. Dann wieder Schraffuren oder Fäden, die gezogen werden müssen, um sichtbare Punkte mit unsichtbaren Barrieren im abwesenden Schwarz des Studiohintergrunds zu verbinden. Zwischen dem Sichtbaren und dem Nichts gibt es eine Verbindung, der Tomáš nachspürt.

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Alles begann damit, dass er eines Tages das Gefühl hatte, innerhalb des Bildes noch einen weiteren, innenliegenden Rahmen zu benötigen. Er zeichnete ihn ein und nach mehreren Versuchen hatte er außerdem das Bedürfnis, weitere Bildteile wiederum für sich einzurahmen: Augen, Mund, Brüste, Hände.

Die Rahmen bauten Beziehungen zwischen sich auf, die er mit Linien einzeichnete und sie kreisten auf Umlaufbahnen umeinander, die zu Kreisen wurden. Noch bevor diese geometrischen Formen auf dem Papiernegativ zu existieren beginnen, haben sie ein vages Eigenleben: Tomáš lässt inzwischen bereits bei der Aufnahme Raum für sie.

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Was bleibt, außer der Freude daran, diese erweiterten Portraits zu betrachten, die anders sind als so gut wie alle anderen Portraits, die diese vielen Menschen schon aufgenommen haben, die alle das Bedürfnis haben, die Schönheit (oder auch andere Aspekte) von Personen festzuhalten?

Der kreative Funke ist übergesprungen. Hat ein Feuer entzündet. Druckt Eure Bilder aus. Greift zu Stiften und Linealen, zu Scheren, zu Nadel und Faden, lasst den Blick um Euch schweifen, um weitere Werkzeuge zu finden, die eine noch weit persönlichere Handschrift schaffen können. Vielleicht sind Eure Bilder doch gar nicht fertig? Zerstört sie, um sie zu vollenden.

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1 Kommentar

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  1. Danke für diesen Artikel. Ich überlege seit Woche wie ich Mixed Media in meine Bilder integrieren oder Anwenden kann. Es gibt im Netz viele unglaublich inspirierende Beispiele dafür. Auf dem ersten Blick sieht es einfach aus, aber diese Medien zu kombinieren, dass am Ende auch ein harmonisches Werk entsteht ist gar nicht so einfach.