drei Blumenvasen
04. März 2020 Lesezeit: ~6 Minuten

Martin Klimas’ Untersuchungen von Zeit und Licht

Der Fotograf Martin Klimas macht Bilder, die sich im Kern auf das besinnen, was man für die Fotografie ganz grundlegend benötigt: Licht und Zeit. Diese Komponenten treibt er etwa mit extrem kurzen Belichtungszeiten auf die Spitze und fügt dem Ganzen durch die Wahl seiner abgebildeten Objekte wiederum eine ordentliche Portion Poesie hinzu.

Man könnte den geradezu wissenschaftlich-exakten Versuchsaufbau mit einem Hochdruckschussgerät und einer Kamera – die durch das Geräusch des Aufpralls auslöst und mit einer Belichtungszeit von 1/7.000 s das Geschehen festhält – natürlich mit langweiligeren Objekten als Blumensträußen in Blumenvasen durchführen, aber wo bliebe da der Spaß?

Blumenvase

Flowervases

Blumenvase

Andere sehen in der Auswahl der fotografierten Objekte eine tiefere Bedeutung wie etwa die „Zerstörung bürgerlicher Konventionen“, die „subtilen Hinterfragung des schönen Scheins“ oder fragen sich: „Betrachtet man diese Bilder mit Schrecken oder Lust?“ Bei mir überwiegt die wissenschaftliche Faszination die psychologischen Deutungsversuche.

So stelle ich es mir jedenfalls vor: Dass Martin Klimas von der fast kindlichen Entdeckerfreude am technisch Möglichen angefixt ist. Wie cool wäre es, wenn man den exakten Moment festhalten könnte, in dem etwas zu Bruch geht? Wenn der untere Teil des Objekts schon in Scherben gegangen ist, während der obere noch intakt ist und sich dazwischen die Risse ausbreiten.

fotografischer AufbauStudioaufbau

Ich würde sagen, dass wir heute sogar ein intuitives Verständnis dafür haben, dass es diesen Moment gibt und wie er aussieht. Beim ersten Betrachten von Martin Klimas’ Arbeiten war ich nicht von diesem Anblick überrascht. Als Mensch, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebt, habe ich schon viele Aufnahmen gesehen, die etwa ums Zigfache verzögert zeigen, wie eine Kugel Obst oder Scheiben zertrümmert.

Früher war das nicht der Fall, die visuelle Erfahrung solcher Abbildungen fehlte den Menschen und das menschliche Auge ist zwar in gewisser Weise ein Wunderwerk, hat allerdings seine physikalischen Grenzen. Der exakte Moment der Zerstörung einer Vase oder Porzellanfigur ist für uns also einfach nicht wahrnehmbar, weil das menschliche Auge zeitliche Abschnitte nur bis zu etwa 1/20 s Länge voneinander isolieren kann.

zerspringende Porzellanfigur

zerspringende Porzellanfigur

Porcelain Figurines

Damit befindet sich Martin Klimas kunsthistorisch in bester Gesellschaft etwa mit dem Pionier der Fototechnik Eadweard Muybridge, der 1878 mit einem ausgeklügelten und groß angelegten fotografischen Versuchsaufbau den Beweis erbringen konnte, dass Pferde im Galopp tatsächlich alle vier Hufe in der Luft haben. Diese Frage war bis dahin höchst umstritten gewesen, da man es mit bloßem Auge einfach nicht wahrnehmen kann – der Anfang der Chronofotografie.

Ebenso steht er auf den Schultern von Harold Eugene Edgerton, der unter anderem ebenfalls Aufnahmen machte, die die Bewegungsabläufe von Tieren genauer zeigten als es bis dato möglich war. So machte er etwa 1936 Aufnahmen von Kolibris mit einer Belichtungszeit von 1/100.000 s, die die Tiere völlig scharf abgebildet im Flug zeigen.

Vogel im Flug

Vogel im Flug

Birds

In der Tradition dieser beiden Vorreiter stehen auch Martin Klimas’ Aufnahmen aus der Serie „Birds“, die Raubvögel im Flug zeigt. In diesem Fall wurde die Kamera durch eine Lichtschranke ausgelöst statt dem Aufschlaggeräusch der fallenden Figuren aus „Porcelain Figurines“ oder Blumenvasen in „Flowervases“. Ebenso wie diese sind aber auch die Tiere in einer neutralen Studioumgebung von ihrer sonstigen Umwelt getrennt.

So wird unser Blick von nichts abgelenkt und kann sich vollständig auf das Studium der Details konzentrieren. Die gleichmäßige Ausleuchtung, die man sonst eher von der Produktfotografie kennt, dramatisiert nichts, sondern stellt die Faszination des Objekts und Vorgangs an sich in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Blumenvase

Flowervases

Blumenvase

Die Wahl von Blumen und Blumensträußen in Vasen – die aber entgegen der traditionell-kitschigen Abbildung zerstört werden – mag dann entweder ein trotziges Augenzwinkern sein oder doch ein Zitat oder besser die Weiterführung des klassischen Stilllebens. Mit der Hochgeschwindigkeitsfotografie hat Martin Klimas ein Werkzeug, das ihm neue Möglichkeiten gibt.

Wir haben bereits andere Künstler wie Konstantin Voronov oder Kevin Best vorgestellt, die sich den alten Vanitasmotiven auf moderne Weise nähern. Doch statt wie diese beiden und die niederländischen Meister mit ihren Gemälden nur mittels Symbolen auf die Vergänglichkeit allen Seins zu verweisen, kann Martin Klimas es direkt am Objekt zeigen.

abstraktes Bild aus buntem Licht und Formen

Polarizations

abstraktes Bild aus Formen
buntes Textil in Bewegung

Foulards

buntes Textil in Bewegung

Die schrittweise Ausbreitung und der sich ausweitende Radius der Zerstörung werden sichtbar. Die beiden Bildhälften kommen in ein Gleichgewicht und zeigen die Gleichzeitigkeit der Zustände, die wir normalerweise allenfalls als voneinander getrennt, als zeitlich vorher und nachher wahrnehmen können. Tatsächlich fließen sie ineinander.

Auf ähnlich gleichzeitig spielerische, wissenschaftliche und künstlerische Weise widmet sich Martin Klimas in anderen Serien den verschiedenen Aspekten von Zeit und Licht in der Fotografie, indem er etwa in „Polarizations“ polarisiertes Licht auf transparente Folien treffen lässt und so spezielle Farben und Spektren sichtbar macht. Erneut entsteht eine Referenz auf die (konkrete) Malerei.

bunte Flüssigkeit spritzt hoch

Sonic Sculptures

9-teilige Bildserie an einer Zimmerwand

Sinus

Währenddessen friert er in seinen „Foulards“ die sanft-fließenden Bewegungen und die auf ihren Berg- und Tallandschaften stattfindenden Lichtspiele von Seidentüchern mit künstlerisch inspirierten Designs aus den Jahren 1950 bis 1990 ein. Oder integriert in „Sonic Sculptures“ und „Sinus“ noch die der Fotografie fremde Dimension der Klänge.

Martin Klimas wurde 1971 in Singen geboren. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und einer gemeinsamen Tochter in Düsseldorf. In den 90er Jahren hat er an der Fachhochschule Düsseldorf Grafikdesign studiert und wird durch die Galerie Michael Cosar vertreten. Seine Arbeiten findet Ihr auf seiner Webseite sowie auf Instagram.

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8 Kommentare

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    • Nö, ist doch eine Bereicherung für die Interpretation. Und man kann weitere Gedanken anschließen: Ist nicht die Existenz der meisten Kunst in gewisser Weise Ausdruck eines Überflusses? Oder eben auch Ausdruck der Bedeutung von Kunst in unserer Gesellschaft, wenn man sie neben Lebenswichtiges stellt. Oder: Warum gibt’s so viele Vasen und Figuren, die man für Kunst zerstören kann? Nur wegen des Kapitalismus allein, der den materiellen Überfluss an sich produziert? Oder hat es auch ganz viel damit zu tun, dass wir so gern immer Neues haben wollen? Sodass man das Alte oft nicht einmal mehr los wird, wenn es noch intakt ist und man es verschenken möchte.

      • ja, das sind auch meine Gedanken. Und da sind diese Vasen nur ein Sinnbild. Sind die Vasen vielleicht von Kinderhänden geformt? Oder von Zwangsarbeitern?
        Welche Wertschätzung geben wir ihnen?

        Die Geschwindigkeit gleicht unserer Beachtung für ein solches Bild?

        Und auch die Kamera, die heute daran gemessen wird, wie viel Bilder sie pro Sekunde schafft und welche Auflösung. Ganz dringend auch der elektronische Sucher mit noch mehr seltenen Erden und der damit verbundenen höheren Energieverbräuche und großflächigen Zerstörung der Umwelt? Deren Grundstoffe ebenso von Kinderhänden in engen Stollen abgebaut und wir geiern schon wieder nach dem nächsten.

        Welche Absicht, welche Gedanken, welchen Spaß der Fotograf wohl hatte?

        Technisch perfekt. Aber auch klug?

  1. Es ist Teil der Dialektik unserer Existenz, dass du, Kai, sowohl Recht hast als auch falsch liegst.

    Klar, jede gekaufte Vase wurde von Kindern in Asien hergestellt und jede zerschossene Vase ist eine Zerstörung.

    Jede Kamera hätte man nicht kaufen sollen, angesichts von 24.000 Hungertoten pro Tag weltweit.

    Den Computer, den ich benutze, sollte ich nicht haben.

    Und selbstredend solltest du nicht durch Skandinavien reisen.

    Andererseits erfreuen wir uns an den Fotos. Kunst und Transzendenz sind wichtige Bestandteile unseres Lebens.

    Wie lösen wir solche Widersprüche auf?

  2. Das Foto von den beiden Kämpfern finde ich genial! Das Foto hat m.E. noch mehr Tiefe als alle anderen. Während man bei den anderen Fotos sieht (oder zumindest vermutet), dass die Zerstörung von außen kommt, scheint sie hier von innen zu kommen. Die beiden kämpfen bis zur Selbstzerstörung. Sogar der Fuß fliegt im richtigen Augenblick weg!

  3. Habe ich das richtig verstanden? Die Raubvögel fliegen unter Studio-Bedingungen?
    Dazu ein paar Hintergründe wären interessant. Spekulationen darüber führen schnell zur (Vor-)Verurteilung der Sachlage.

    Zum Thema Überfluss und mutwilliger Zerstörung fällt mir schon eine ganze Weile auf, wie unglaublich sado-maso der gesellschaftl. Konsens sich entwickelt. Gute Vorbilder gibt´s wenige, sachlich bleibt es kaum, alles wird hoch emotional mit großem Ego abgearbeitet. Und oft hackt der eine auf den anderen ein. Kaum mehr kann man sich öffentlich äußern, ohne das Worte und Gedanken zerrissen, und dem eigenen Vorteil hin fehlinterpretiert werden. Worum geht´s eigentlich wirklich noch? Alles Harmonische und Basisbildende fliegt auseinander. Für mich stehen die Bilder (Vasen, Kämpfer…) sinnbildhaft für genau das.

    • Hallo Dirk, ob sie unter (klassischen) Studio-Bedingungen aufgenommen wurden, weiß ich nicht. Ich habe lediglich die Information, dass sie die Aufnahme beim Durchqueren einer Lichtschranke auslösen von Martin Klimas’ Webseite. Auch möglich, dass ein Hintergrund, zusätzliches Licht und die Lichtschranke unter freiem Himmel aufgebaut waren, aber ich weiß es nicht und finde, dass man von den Fotos allein einfach nichts Genaueres schließen kann.