09. Dezember 2019 Lesezeit: ~7 Minuten

Die Beharrlichkeit der Maßnahmen

Am 2. Dezember begann die COP25 – Conference of Parties: Vertragsstaatenkonferenz, tagesaktuell als Klimakonferenz bekannt – in Madrid. Ein Jahr zuvor war ich in Katowice auf der COP24, wo meine fotografische Arbeit „Die Beharrlichkeit der Maßnahmen“ entstanden ist. Dort hatte Greta Thunberg ihren ersten großen Auftritt, nachdem sie wenige Monate zuvor begonnen hatte, vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren. Anfang des Jahres 2019 wurden dann Fridays for Future und Extinction Rebellion in Deutschland und Europa aktiv.

Seitdem ist das Thema „Menschengemachter Klimawandel“ wieder in den Medien und politischen Diskussionen zu nahezu allen Lebensbereichen präsent. Es gab davor immer wieder Zeiten, in denen der Klimawandel heiß diskutiert wurde: Als 2006 „Eine unbequeme Wahrheit“ in den Kinos war, als 2007 das Wort „Klimakatastrophe“ Wort des Jahres oder als im Jahrzehnt von 1979 bis 1989 – laut New York Times – beinahe die Klimakrise abgewendet wurde.1

Lange Rede, kurzer Sinn – die Fakten liegen schon ziemlich lange auf dem Tisch. Die Temperaturprognosen werden alle paar Jahre nach oben korrigiert.

Frau mit grüner Cap und Schriftzug.Zwei Personen vor einer Abbildung einer Frau mit grüner Cap.

Anfangs habe ich mich mit sogenannten No-Regret-Maßnahmen beschäftigt. So werden Aktionen bezeichnet, die Anpassungen an mögliche Klimawandelfolgen abmildern sollen. Gleichzeitig sollen sie aber – gesetzt den Fall, dass die prognostizierten Folgen nicht eintreten – immer noch eine zweite Funktion erfüllen. Die Begrünung von Städten oder die Regenabwasserbewirtschaftung sind Maßnahmen, die unter diesen Begriff fallen und beispielsweise für die Minderung lokaler Hitzeinseln sorgen können.

Person läuft vor einer Wand mit Wüstenlandschaft vorbei.

Der Gedanke, dass unabhängig von der medialen Diskussion bereits jetzt gegen die gravierenden Folgen einer Erwärmung gearbeitet wird, hat das Problem für mich noch einmal konkreter gemacht: Die Realität der Gefahren bestätigt die Beharrlichkeit der Gegenmaßnahmen. Nicht, dass ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse je in Frage gestellt hätte, aber die Frage für mich war: Warum ändert sich nichts, wenn es so dringend ist?

Eine Beamerleinwand mit StatistikPerson vor Skylinetapete mit Federschmuck an einem Rednerpult

Eine dieser Gegenmaßnahmen, die die Realität der Gefahren bestätigt, war für mich die Klimakonferenz. Der Dokumentarfilm Guardian of the Earth von Filip Antoni Malinowski, der die COP20 in Paris zeigt, war ebenso eine inhaltliche Vorbereitung für mich wie das Durchforsten zahlreicher Zeitungsartikeln und der Austausch mit Pressefotograf*innen.

Ich könnte jetzt noch viele Anekdötchen erzählen, wie irgendwie alles fast nicht und dann doch noch funktioniert hat: UNO-Akkreditierung als Pressefotografin, noch ein Zimmer finden in einer von 20.000 Teilnehmer*innen ausgebuchten Stadt und vieles mehr, aber jetzt möchte ich endlich auf die Bilder und das entstandene Fotobuch eingehen.

Aufgeklapptes Buch mit Bild von Schutzzaun

Von Anfang an war klar, dass die Ambivalenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bei dieser Themenwahl eine große Rolle spielen würde. Das Essentielle einer solchen Veranstaltung ist die Arbeit am Abschlussdokument. Diese ist nicht besonders visuell und selbst wenn sie das wäre, sind dazu keine Fotograf*innen geladen.

Der zweite wichtige Punkt einer Konferenz dieser Größe ist die Vernetzung und die Präsentation der einzelnen Akteur*innen. Es gibt Side-Events und Pressekonferenzen, die von allen möglichen Teilnehmer*innen, Vertreter*innen der Länder, NGOs, Institutionen, aber auch Firmen veranstaltet werden. Außerdem gibt es einen messeähnlichen Bereich mit Ständen der vorher genannten Beteiligten.

Aufgeklapptes Buch mit Bild von Personen an Glasfront

Mein Blick ist ein naiver, im Sinne, dass ich eine interessierte Laiin ohne entsprechende Vorbildung im wissenschaftlichen, journalistischem oder politischen Bereich bin. Ich beobachtete dort das Geschehen und die verschiedenen Personengruppen vor Ort. Dann setze ich in meiner visuellen Analyse bestimmte Schwerpunkte.

Das Motiv der Medialität dieses Events: Alles, was für mich als akkreditierte Pressefotografin dort zugänglich ist, ist inszeniert, um bestimmte Bilder zu produzieren. Ich versuche, diese Situation und dadurch auch meine Position und meine Handlungsoptionen zu reflektieren. Passend dazu ist eine Bild-Kategorie, die im Buch immer wieder auftaucht, das Bild im Bild.

Aufgeklapptes Buch mit Foto eines Polizisten

Je näher ich am Geschehen bin und je mehr Zeit ich auf dem Gelände verbringe, desto mehr verstehe ich, dass es routinierte Abläufe gibt, die ich – ohne Erfahrung und Insiderwissen – nicht komplett lesen und verstehen kann. Eine distanzierte Nähe baut sich auf, deswegen habe ich mich auch für eine eher heterogene Bildgestaltung entschieden. Eine stringente Handschrift und ein klarer Stil haben manchmal etwas Eitles. Ich wollte mich nicht als Autorin über dieses Thema stülpen. Ich wollte meinen fragenden Blick und meine ambivalente Haltung zeigen und teilen.

Auf geklapptes Buch mit zwei Fotografien von Himmel

Das findet sich in Bildern, die sich fast doppeln und ergänzen, die gegen die Idee des einen gültigen Bildes sprechen. Bei der Buchgestaltung war mir dann eine Art Flow wichtig. Die Doppelbilder machen neue Räume auf, manche Seiten sind stressiger oder schneller. Immer wieder gibt es einen direkten Blick in die Kamera, der die Betrachter*innen konfrontiert und somit bremst.

Offenes Buch mit blätternder Seite

Eine Reportage oder dokumentarische Arbeit ist immer ein individueller Gegen- bzw. Alternativentwurf des Ereignisses. Das Grüppchen der Pressefotografen (es waren nur Männer), die die ganze Zeit vor Ort waren und die wichtigsten Agenturen bespielten, war überschaubar. Dazu kamen die offiziellen Fotograf*innen der UNO. Ich war dort die einzige Fotografin ohne Auftrag. Damit geht die Macht bzw. Verantwortung einher, zu überlegen, was ich wie anders zeigen möchte.

Wand an der Fotografien hängen.

Im Verlauf des Buches sehen wir immer weniger weiße Männer in Anzügen und immer mehr – auch junge – Frauen und nicht-weiße Männer aus dem globalen Süden. Auf Text habe ich fast gänzlich verzichtet. Nur auf der Rückseite findet sich eine Liste der Städte, in denen eine COP stattgefunden hat, versehen mit dem jeweiligen Jahr. Diese Liste, der Titel und die Angabe „02.–16.12.18, Katowice, PL“ sind als Information angegeben, um die Bilder zu vororten.

Die Auflistung, auf der ich auch schon die zukünftige – jetzt aktuelle COP – ergänzt habe, ist durch die Verlegung der Veranstaltung von Santiago nach Madrid schon nicht mehr aktuell. Das Buch ist ein Zeitdokument – ich hatte nicht erwartet, dass sich das so schnell äußert und ich bin sehr gespannt, wie es altert.

Aufgefächertes Buch von hinten.

Informationen zum Buch

Die Beharrlichkeit der Maßnahmen, Künstlerbuch
Größe: 20,5 x 24 cm
Seiten: 88 mit 63 farbigen Abbildungen
Bildung: offene Fadenbindung mit bedruckten Graupappen
Auflage: 30 Stück
Verlag: Eigenverlag Oktober 2019

 

Ausstellungen

ICH. DU. NIEMALS WIR.
Vernissage: 30. Januar 2020, 19 Uhr
Zeit: 31. Januar – 13. März 2020
Ort: Galerie 52, Martin-Kremmer-Straße 21, 45327 Essen

Raum & Zeit
Zeit: 21. November 2019 – 20. März 2020
Ort: Gründerzentrum Hafen Straubing-Sand, Europaring 4, 94315 Straubing

1 Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change – The New York Times

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2 Kommentare

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  1. Ich mag das Buch.
    Und wundere mich über den sehr günstigen Preis in Anbetracht des Aufwandes und der geringen Stückzahl.
    Für die Rückseite hätte ich noch die Idee, dass man die Auflistung der Konferenzen wie ein Pegelstab von Sturmfluten gestaltet und daneben den nun nicht mehr veränderbaren Meeresspiegel durch Nichtstun setzt.
    Denn bisher waren diese Konferenzen auch für unser Land eine reine Schauveranstaltung. Unsere Gesellschaft und unsere Politik ist nicht bereit sich zu ändern. Einer FDP, einer CSU, einem ADAC, ja, auch uns, die wir täglich die Medien mit überdimensionierten und sinnlosen Massen an Bildmaterial füttern, uns immer größere Kameras, Bildschirmen und Rechnern mit immer mehr elektronischem Aufwand kaufen, unsere Medien Tag und Nacht am Netz lassen, uns ist das Klima ehrlicherweise doch ziemlich egal.
    Meine Schwester lebt mit Sydney, sie hat mir ein Foto geschickt von einer Feuerwand, so hoch wie ein Hochhaus. Zuvor hat sie mit meinem Schwager mitten in Afrika gearbeitet, aber so eine Entwicklung noch nie erlebt.
    Ich verstehe heute, wie sich Noah gefühlt haben muss, als er die Arche baute und alle ihn für dumm erklärten.
    Ich wünsche mir umso mehr, dass Dein Buch einen Hauch bewegen kann.