06. November 2019 Lesezeit: ~3 Minuten

Bühnenfieber

In meinem ersten verlassenen Ballsaal stand ich vor etwa vier Jahren. Ein befremdliches Gefühl machte sich breit. Da stand ich nun, ganz allein. In einem Saal, der für Hunderte Gäste konzipiert wurde.

Es war recht dunkel, nur ein paar Sonnenstrahlen durchdrangen die modrigen Vorhänge. Zusammen mit dem durch das marode Dach tropfende Wasser erschuf das Licht neues Leben. An den Wänden wuchsen große Schimmelpilze, die nassen Bretter der ehemaligen Bühne vergammelten, aus ihnen heraus drängte wunderschöner Farn.

Verlassener Theatersaal

Verlassenes Gebäude

Ich schaute mich um, an der gewölbten Decke konnte ich sagenhafte Stuckarbeiten entdecken. Beim weiteren Erkunden fand ich Hinweise auf die letzte größere Feier, die schon knapp 20 Jahre zurücklag. Es machte sich eine starke Faszination in mir breit.

Trotz des starken Verfalles sah die Bühne aus, als würde sie mich noch halten können. Ich wagte den Versuch. Die Bretter knarzten, der von den Wänden gefallene Putz knirschte unter meinen Füßen und mein Herz schlug schneller. Was ist eigentlich unter einer Bühne? Wie tief geht’s da runter?

Da geht einem einiges durch den Kopf – als ich meinen Blick jedoch in den Saal schweifen ließ, wendeten sich meine Gedanken. Was für ein wunderbares Gefühl, hier zu stehen. An einem Ort, auf den Hunderten Gäste erwartungsvoll blickten. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass zwei Jahrzehnte später ein Fotograf mit seinem Stativ hier stehen würde.

Verlassener Saal

Verlassener Saal

Bühnen wie diese fand ich bei späteren Exkursionen auch in Kulturhäusern, Theatern, Kinos, Gaststätten oder in Kasernen. In den letzten Jahren nahm ich Tausende Kilometer auf mich, um Gebäude wie diese zu finden, zu erkunden und zu fotografieren.

Auf meinen Reisen fand ich Kontakt zu in der Nachbarschaft Wohnenden, Besitzer*innen und Verwalter*innen. Trotz vieler Gespräche war es immer wieder schwer zu verstehen, wie es soweit kommen konnte. Gerade in kleineren Gemeinden war das Gasthaus mit seinem Saal doch einmal der zentrale Punkt des sozialen Lebens.

Den Großteil der Gebäude fand ich in Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Hier fanden viele Objekte der Erlebnisgastronomie Anfang der 90er Jahre ein abruptes Ende. Durch die Einheit war Deutschland im Umschwung, die Menschen hatten andere Dinge im Kopf.

Verlassener Theatersaal

Alter Saal

Wilde Spekulationen und Missmanagement waren ebenfalls der Dolchstoß für viele einzigartige Gebäude. Einige konnten sich trotzdem noch lange über Wasser halten, fanden erst in den letzten Jahren ihr jähes Ende. Durch den Wandel unserer Gesellschaft wurde es für die Erlebnisgastronomie immer schwerer, sich zu behaupten.

Wir pflegen unsere sozialen Kontakte nun nicht mehr im Wirtshaus, sondern übers Internet. Wir gehen nicht mehr ins Kino, haben es ja dank Streamingdienst jetzt direkt im Wohnzimmer.

Die erstellten Aufnahmen aus knapp einhundert verlassenen Orten stellte ich in meiner Serie „Bühnenfieber“ zusammen. Sie gibt Einblicke in stucküberladene Prachtbauten, aber auch in die kleine Dorfkneipe. Sie alle eint ein Schicksal: Sie sind von uns nicht mehr gewollt.

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3 Kommentare

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  1. Lost-Places-Fotografie fernab von unsäglichem HDR und obligatorischen Gynäkologenstuhl.

    Durch den seriellen Charakter und der fast immer gleichen Perspektive (zumindest bei den hier gezeigten Bildern) erinnern mich deine Bilder an die Arbeiten von Bernd & Hilla Becher.

    „Was wir tun, ist letztlich Geschichten erzählen.“ Diesem Statement der Bechers zu ihren eigenen Arbeiten wirst du merh als gerecht.