25. Mai 2015 Lesezeit: ~13 Minuten

Im Gespräch mit Bas Brader

Auf meiner Suche nach Lost Places wurde ich durch eine Bekannte auf den niederländischen Fotografen Bas Brader aufmerksam. Durch seinen minimalistischen Stil hebt er sich von den typischen Lost-Places-Bildern ab. Nach einem kurzen Mail-Austausch bot er mir ein Interview an, da er bald für einige Tage nach Bonn kommen wollte.

Und so trafen wir uns kurz darauf in einem kleinen Café in der Bonner Altstadt. Mir gegenüber nahm ein großer blonder Mann mit Brille und einigen Tattoos platz. Ein Maori-Sleeve ziert seinen rechten Arm, auf dem linken prangt als großer Schriftzug das Wort „Revolution“ und ein Buddha.

Als großer Niederlandefan hatte ich mich auf seinen Akzent gefreut, doch zu meiner Enttäuschung sprach er fast akzentfreies Deutsch. Dabei strömte er jedoch eine wunderbare Ruhe aus und erzählte so viele interessante Geschichten, dass ich das folgende Interview leider anschließend etwas kürzen musste.

Innenhof eines großen Baus, in dem lauter Holzpanelen liegen.

Eine alte Holztür an einer Mauer.

Hallo Bas, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview genommen hast. Erzähl doch erst einmal etwas über Dich: Wer bist Du, was machst Du?

Ich nenne mich Buddhist, Minimalist, Anarchist, Fotograf. Letztendlich bin ich ein Mensch, der irgendwie seinen Weg sucht. Aber das sind einige Sachen, die mich ausmachen. Was meine Fotografie angeht, könnte ich auch sagen: Ich fotografiere alten Dreck. Im Grunde ist es ja so: Wenn man Lost Places konkret und praktisch betrachtet, dann ist es einfach nur alter Müll.

Aber schöner alter Müll!

Sehr schöner alter Müll.

Ist der Buddhismus ein Thema in Deinen Fotografien?

Ja, der Buddhismus ist ein wichtiges Thema für mich, der auch in meine Fotografie einfließt. Es geht dabei vor allem um das Festhalten der Vergänglichkeit. Eine der Lehren des Buddha ist: Alles ist vergänglich. Die Vergänglichkeit ist in solchen Gebäuden natürlich absolut spürbar. Abblätternde Farbe, Schimmel, Staub, der heute da und morgen dort liegt. Es ändert sich ständig etwas.

Vergänglichkeit heißt nicht, dass etwas aufhört zu existieren, aber es verändert sich. Und ich halte einen winzigkleinen Moment davon fest. Das ist für mich ein faszinierendes Thema.

Ich habe auch festgestellt, dass das Fotografieren an sich für mich schon immer eine Art Meditation war. Noch bevor ich überhaupt angefangen habe, zu meditieren. Bei der Meditation geht es um Achtsamkeit, um das Dasein im Moment und das spüre ich nirgendwo so, wie in diesen Gebäuden. Ich bin nur mit dem Fotografieren beschäftigt und mit dem „Im Gebäude sein“. Man ist so präsent in dem Moment, das schaffe ich mit der normalen Meditation nicht, denn da gehen meine Gedanken überallhin, außer dorthin, wo sie gerade sein sollten.

Ein alter Stul vor einer roten Wand.

Ein alter STul mit Gestrüpp in einem verlassenen Zimmer.

Hast Du gleichzeitig mit dem Buddhismus auch zur Fotografie gefunden?

Nein, ich habe schon als Kind fotografiert, mit den alten Kameras meines Vaters und Opas. Ich habe mich dann zunächst auf Musik konzentriert und in einigen Bands gespielt, die irgendwann auseinandergebrochen sind. Ich verkaufte mein Equipment um mir meine erste DSLR zu kaufen. Zunächst wollte ich vor allem in die Konzertfotografie. Das war naheliegend, da die Kontakte zur Musikwelt da waren, aber es hat mir auf Dauer einfach kein Spaß mehr gemacht.

Ich habe mich gefragt, was ich stattdessen fotografieren könnte, bin auf eine Webseite mit Lost-Places-Sachen gestoßen und habe gedacht: Das ist es. Ich habe mich in einem Forum angemeldet, bin mit jemanden auf Tour gegangen. Ich war sehr oft auf Tour, habe sehr viel fotografiert, aber hatte keine klare Linie. Irgendwann hatte ich das Gefühl ich bin ein toller Fotograf. Ich dachte, ich sei bereit für eine Ausstellung, habe dann aber dieses eine prägende, minimalistische Bild gemacht und gemerkt: Wenn ich eine Ausstellung mache, dann muss dieses mit rein, aber neben dem Bild sehen die anderen einfach nach nichts aus.

Daraufhin habe ich komplett von vorn angefangen und eine neue Domain unter meinem Namen basbrader.com registriert. Neue Website, neues Konzept. Ich habe angefangen, nur für mich gute Bilder dort hochzuladen. Seitdem distanziere ich mich auf von dem Begriff Urbex. Ich bin einfach ein Fotograf, der versucht die Vergänglichkeit festzuhalten und mache das zufällig oft in verlassenen Orte.

Das eine Bild war so augenöffnend, dass Du alles neu begonnen hast? War das Zufall?

Es war eine sehr tolle Location, ohne Frage. Jeder Urbexer hätte wohl einfach den Swimmingpool fotografiert. Den habe ich natürlich auch fotografiert. Danach habe ich jedoch in diesem grünen Gang daneben diese Heizung gesehen, über der ein Dachlicht hing. Es wurde gerade etwas dunkel und das hat einen tollen Kontrast gegeben: Die Wand schön dunkelgrün, doch in der Mitte genau über dieser Heizung war es etwas heller. Das war einfach ein tolles Bild, letztendlich das einzige das ich von der Location veröffentlicht habe. Das hat für mich alles geändert. Ich hatte den roten Faden für meine Fotografie gefunden.

Heizung vor grüner Wand.

Wie kommst Du zu diesen verlassenen Orten?

Suchen, einfach suchen. Google ist da sehr hilfreich. Mein „partner in crime“ und sehr guter Freund sucht und findet sehr viel. Und was er nicht findet, das gibt er mir und dann beiße ich mich daran fest, bis ich es finde.

Also sucht Ihr ausgehend von Bildern im Internet?

Unter anderem. Man sieht ein Bild und fragt: Wo ist das? Und dann wird gesucht und gefunden. Hat man eine kleine Tour, dann kann man auch auf Googlemaps schauen und die Straße entlang gehen. Sieht man rechts und links der Straße ein kaputtes Dach, dann schaut man da auch noch vorbei. Auch wenn die Locations oft nichts sind, man kann nie wissen.

Auch Zeitungsartikel durchlesen hilft oft weiter. Im Ausland auch mit Google Translate. Nicht jede Location ist ein Highlight, aber manchmal hat man halt Glück.

Mein Vorteil ist ja, dass ich keine Serien von Lost Places mehr mache. Wenn ich ein Bild aus einem Gebäude raushole, reicht mir das und ich kann wieder gehen. Lieber ein gutes Bild als eine schlechte Serie.

Abstraktes Bild voller Eisenquader.

Alte Flaschen

Es ist ja auch mehr Architekturfotografie, die Du machst. Du könntest einige Aufnahmen auch in noch intakten, bewohnten Häusern aufnehmen.

Ja, es ist Architektur und Minimalismus. Moderne Architektur könnte ich auch fotografieren, aber da wären immer auch Menschen und ich suche gerade diese Leere. So ein komplett vollgestellter Raum ist für mich auch kein Motiv. Ich suche das Verlassene.

Verschiebt du manchmal Sachen um ein besseres Bild machen zu können?

Ich mag es nicht, wenn Sachen verschoben oder zusammengerückt werden damit ein gutes Bild entsteht. Gerade bei gut besuchten Lost Places gibt es sehr arrangierte Möbel, als sei der Ort gerade verlassen worden und das sieht für mich einfach nach nichts aus.

Wenn Du einen Ort betrittst, welche Gründe gibt es für Dich, darin nicht zu fotografieren und vielleicht auch gleich wieder hinauszugehen?

Andere Fotografen können für mich durchaus ein Grund sein. Viele Fotografen machen unglaublichen Lärm und da ist für mich auch der Spaß beim Fotografieren weg. Ein weiterer Grund eine Anlage nicht zu betreten, ist, wenn ich keinen Eingang finde. Wenn es zu ist, ist es zu. Auch Wachdiensten laufe ich sehr ungern in die Arme.

Es geht mir nicht um einen Reiz oder Kick, ich finde es einfach schön, in diesen Gebäuden zu sein, aber wenn ich ständig Verstecken spielen muss, habe ich keine Lust darauf. Dann kann ich nicht in Ruhe fotografieren und mich auf meine Bilder konzentrieren. Dann geht dieser meditative Aspekt, den diese Art Fotografie für mich hat, verloren. Ich will mich dabei wohlfühlen.

Deswegen finde ich offizielle Besuche so angenehm. Dann hat man die Ruhe einfach für sich Fotos zu machen.

Großes Treppenhaus einer Villa.

Galerie in einer alten Villa.

Wenn Du Anfragen schreibst, kannst Du ein sehr gutes Portfolio verlinken. Glaubst Du, dass jemand, der gerade erst mit der Fotografie beginnt, hat auch eine Chance, so an gute Orte zu kommen?

Das weiß ich nicht. Irgendetwas zeigen können muss man, denke ich. Ein Link auf die eigene Webseite, den Flickr-Account oder die eigene Facebook-Seite. Das gute Portfolio ist aber keine Garantie, dass man irgendwo tatsächlich auch rein darf. Man muss auch etwas Glück haben.

Du hast vorhin Italien erwähnt. Gibt es Länder und Orte, auf die man sich bei der Suche konzentrieren sollte?

Meine Theorie ist, dass in jedem Ort oder zumindest jeder Kleinstadt eine Location zu finden ist. Man muss nur die Augen offen halten. Es ist aber von Land zu Land und Region zu Region unterschiedlich, was für Orte man findet.

Italien hat ganz viele wunderschöne Castellos und Villen mit Freskendecken und Ähnlichem. Wenn man darauf steht, muss man in Italien suchen. Wenn man auf Brachialbau steht, muss man in den Osten.

Es gibt dort auch schöne Gebäude, aber die wurden in der Zeit des Kommunismus einfach mit einer braunen Karamellfarbe überstrichen. Wir haben in Polen zum Beispiel ein Schlösschen gefunden, bei dem die Farbe langsam abblätterte und darunter kamen Fresken zum Vorschein. Das ist so schade.

Symmetrisches verlassenes Treppenhaus.Ein verrosteter Eisenring an einer abbläternden Tapete.

Wenn man Industrie fotografieren will, muss man ganz klar in den Ruhrpott. In den Niederlanden gibt es jedoch fast nichts. Die Niederlande sind ein sehr kleines und sehr praktisch veranlagtes Land. Wenn etwas kaputt ist und nicht mehr genutzt wird, wird es abgerissen, und etwas Neues aufgebaut. Fertig. Das kann innerhalb weniger Wochen passieren.

Ich wollte in meiner alten Schule fotografieren, als ich sah, dass sie leer stand. Als ich angefragt habe, war der Verantwortliche jedoch im Urlaub und ich sollte nach zwei Wochen noch einmal zurückrufen. Ich habe dann eine halbe Woche länger gewartet, weil ich den Mann nicht an seinem ersten Tag damit überfallen wollte. Das war jedoch eine halbe Woche zu lang. Die Schule war weg. Jetzt steht ein Hochhaus auf dem Platz.

Es gibt schon hier und da in den Niederlanden ein paar Fabrikhallen oder Krankenhäuser, aber sehr wenige. Und die sind dann halt gerade frisch geschlossen. Sie sind zwar in gewissem Sinne ein Lost Place, aber da liegt dann noch nicht einmal Staub drin. Da müssen ein paar Jahre vergehen, damit diese Orte interessant für mich werden.

Wenn die Farbe abblättert oder die Wand langsam aussieht wie eine grüne Kuscheldecke – das sind die Dinge, die schön sind zum Fotografieren. So eine frische weiße Wand ist langweilig. Das ist also auch etwas, das mich abhält. Leerstehend ist nicht gleich leerstehend.

Heizung an einer alten Wand.

Verfallenes Treppenhaus.

Gibt es eine Location, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es gibt diese ganzen Irrenhäuser in Italien, die schon seit Jahren leer stehen, in denen man aber wirklich noch den ganzen Arzt- und Zahnarzttrakt mit 60er-Jahre-Stühlen und Geräten vorfindet. Das ist schon etwas anderes.

Ich habe in diesen Zimmern auch Bilder gemacht, veröffentliche diese aber normalerweise nicht. Die sehen einfach zu stark nach Horrorfilm aus, zu provokant. Ich bevorzuge da andere Motive. Das sind aber auch solche Gebäude, die großartige Treppenhäuser und ewig lange Gänge haben. Da kann man überall fotografieren, auch in meinem minimalistischen Stil. Es gibt dort einfach so viele Motive, ich war sechs Stunden unterwegs und habe noch nicht alles gesehen. Das ist einfach etwas anderes, als diese kleinen „Ein-Schuss-Locations“, die ich mit meinem Stil öfter erlebe.

Wie oft gehst Du auf Tour?

Viel zu selten! Größere Touren über mehrere Tage, wie zum Beispiel nach Italien, machen ich und mein Kumpel etwa einmal im Jahr. Aber das sind die besten. Hin und wieder machen wir kleine Tagestouren.

Dann wünsche ich Dir auf der nächsten Reise wieder viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!

Vom 6. bis 28. Juni kann man die Arbeiten von Bas Brader übrigens in einer Ausstellung sehen. Samstags und sonntags von 11 bis 17 geöffnet in der Grote Haag 127, Amersfoort in den Niederlanden. Die Vernissage ist am 6. Juni um 14 Uhr.

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7 Kommentare

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  1. Herrliche Bilder von verlassenen Orten. Ich bin erstaunt über die noch vorhandenen Rest der mondänen Ausstrahlung mancher „lost places“. Praktisch unberührt ohne Vandalismus und Graffiti.

    • Ja, das habe ich mir auch ein wenig gedacht. Vielleicht lassen sich die Bilder vor allem im Gegensatz zu den überladenen HDR-Lost-Places Bildern als minimalistisch bezeichnen. Also eher im Stil und look als im tatsächlich fotografierten.

      Auf jeden Fall interessante Bilder und ein guter Artikel. Ich persönlich kann zwar mit diesem Buddha-Kram nichts anfangen, freue mich aber, dass sich hier jemand öffentlicht Anarchist nennt und nicht gleich als Bombenleger ausgeschimpft wird.

  2. Mir fällt auf, dass gerade in der Lost Places Fotografie ein Drang besteht, die Objekte der Begierde aus der Zentralperspektive zu zeigen. Entweder sind die „Lichtbildner“ so von ihrem vorgefundenen Motiv überwältigt oder sie wissen es einfach nicht besser. Dutzende von Büchern über kreative Bildgestaltung scheinen umsonst geschrieben zu sein, denn auch „angesagte“ Galerien wie Lumas oder YellowKorner bieten solche „Blickwinkel“ in ihrem Sortiment. Da gibts dann noch einen ordentlichen Schuss aus der „Farbpulle“ um den umworbenen Kunden gänzlich zu überwältigen…
    Sehenswerte Details wie hier z.T. von Bas gezeigt oder s/w bzw. monochrome Ausarbeitungen sind leider selter zu finden. Ich empfehle da z.B. http://www.uschi-hermanutz.de.

    • Diese Argumentation kann ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen. Die Zentralperspektive ist ein Gestaltungselement, welches absolut in der Lage ist, auch und gerade in der Objekt- oder Architekturfotografie, die Bildwirkung entscheidend zu unterstützen.

      • Na endlich regt sich Widerstand.
        Das muss natürlich jeder für sich entscheiden, ob er mehr Ruhe und Harmonie oder Spannung in seinem Leben braucht.
        Recht eindeutig hat sich Rudolf Arnheim in seinem wundervollen Buch „Kunst und Sehen“ geäußert:
        „Die Entdeckung der Zentralperspektive zeugte von einer gefährlichen Entwicklung im westlichen Denken. Sie kennzeichnete eine wissenschaftlich ausgerichtete Vorliebe für das mechanische Reproduzieren und für geometrische Konstruktionen auf Kosten schöpferischer Bildvorstellungen.“