16. September 2020 Lesezeit: ~5 Minuten

Paul Brouns über seine surreale Architekturen

1990 schloss ich mein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Tilburg (NL) mit den Schwerpunkten Malerei, Zeichnung und Fotografie ab. Meine ersten Ausstellungen zeigten abstrakte Gemälde sowie Computergrafiken. Es waren Formen aus Konstruktionszeichnungen, kombiniert mit Mustern geometrischer Symbole und Linien. Manchmal ähnelten diese Werke Musikpartituren in verschiedenen Farben.

Um meine finanzielle Situation zu verbessern, begann ich später, als Grafikdesigner zu arbeiten und lernte die Bildbearbeitung in Photoshop. Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie sah ich Möglichkeiten, um meinen eigenen Stil in der künstlerischen Fotografie zu entwickeln.

Hauswand mit vielen Fenstern und Satellitenschüsseln

Banquet of the Spirits

In der Architekturfotografie entdeckte ich die Liebe zur Geometrie und den Rhythmus meiner früheren Gemälde wieder. Ziemlich bald sah meine fotografische Arbeit aus wie ein Paralleluniversum voller Muster und üppiger Farben.

Was ich an der Fotografie mag, ist die Tatsache, dass ich mit Elementen aus der realen Welt arbeiten kann – den Mauern von Gebäuden, den Fenstern von Häusern oder Büros, in denen Menschen leben und arbeiten, Treppen und Wolken am Himmel.

Gleichzeitig verwende ich diese Elemente auf eine abstrakte Weise, indem ich den Kontext der Gebäude herausschneide. Die Straßen, Autos oder Bäume sieht man in meinen Arbeiten nicht. Außerdem wähle ich immer einen ganz bestimmten Blickwinkel und zeige etwa die Fassade exakt frontal oder die perfekte Symmetrie in einem Innenhof, wenn ich in den Himmel schaue.

Eine bunte Fassade reflektiert sich selbst

Synaesthesia

Bilder wie „Synaesthesia“ zeigen das, was ich durch die Linse meiner Kamera gesehen habe. Der Ausschnitt und die Sichtweise machen den größten Teil der Magie aus. Die Synästhesie mit ihren sich überschneidenden Farben sieht aus, als wäre sie manipuliert, aber tatsächlich sieht man die Fassadenecke einer Schule in Amsterdam, die mit farbigen Tafeln bedeckt ist, und eine Seite spiegelt sich im anderen Flügel wider.

Im Foto „Summer Song“ fielen mir die Farben auf: das Olivgrün des Wandputzes, die Fensterrahmen und Fensterläden. Die Farben in Kombination mit den ungewöhnlich angeordneten Fenstern, von genau der Vorderseite gesehen, sind aus irgendeinem Grund faszinierend und scheinen eine eigene Geschichte zu erzählen.

Eine Grüne Hausfassade mit orangen Fenstern

Summer Song

Dieses Element des visuellen Geschichtenerzählens, basierend auf Mustern und einer abstrakten Anordnung der geometrischen Elemente, ist die Mischung, die in meiner Seele mitschwingt und die in allen meinen Arbeiten vorhanden ist.

In vielen anderen Bildern erforderte das Endergebnis eine zusätzliche Nachbearbeitung mit Photoshop. Aber fast immer gab es einen direkten Impuls aus den ursprünglichen Umständen, die mich inspirierten, das Motiv festzuhalten.

Innenhof eines Hochhauses in dem eine Wolke schwebt

Follow the White Rabbit

Zum Beispiel das Bild „Follow the White Rabbit“, das ich im Hof des Sprinkenhofs in Hamburg aufgenommen habe: An diesem Ort war ich besonders verzaubert von der Vielzahl der Fenster, die mich umgaben. Und obwohl ich ein Weitwinkelobjektiv verwendete, vermisste ich auf dem fertigen Foto die Magie meiner ursprünglichen Empfindung.

Aus diesem Grund hatte ich beschlossen, die perspektivische Tiefe der Wände in die Mitte der Komposition hinein zu vergrößern. Und um das Gefühl von Tiefe greifbarer zu machen, ließ ich eine Wolke im Hof schweben, die zufällig wie ein Kaninchen geformt war. So kam ich auf den Titel des Bildes: „Follow the White Rabbit“ mit einer Referenz auf Alice im Wunderland.

Blaue Hauswände, die in Blöcken hinter und nebeneinander stehen

Blue Fugue

In vielen Fällen ist das Finden eines passenden Titels der letzte Schliff, den ich brauche, bevor ich das Ergebnis der Welt zeigen kann. Ein guter Titel sollte die Gefühle oder Assoziationen unterstreichen, die die Arbeit mir gibt. Ich denke, es hilft dem Publikum auch, eine ähnliches Verständnis des Bildes zu erlangen.

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich meine Arbeit mit der Zeit entwickeln wird. Mit Blick auf die letzten Jahre sehe ich, dass sich meine Kunst allmählich verändert hat und ich dabei auch nach neuen Herausforderungen suchen konnte. Ich sehe immer noch viele Möglichkeiten in architektonischen Motiven, aber ich interessiere mich auch für die Art und Weise, wie Pflanzen wachsen oder für den Rhythmus von Zweigen.

Surreale Fensterfassade, mit einem Baum verwoben

Entangled Squares

Wir werden sehen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass die Menschen meine künstlerische Reise weiterhin genießen. Es ist wunderbar, meine Arbeiten in so vielen Ländern ausstellen zu können und Sammler*innen meiner limitierten Drucke in allen Teilen der Welt zu haben.

Dieser Artikel wurde für Euch von Katja Kemnitz von Englischen ins Deutsche übersetzt.

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3 Kommentare

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  1. Blogartikel dazu: Kleinigkeiten

  2. hinreißendes spiel mit geometrie und farbe.
    gekonnt und cool.
    man sieht, wie wichtig eine gute entzerrungs-software ist.
    ohne die wären diese bilder nur halb so fein.
    hab das betreffende instagram abonniert, weil ich selber minimalistischer lichtbildner mit einer
    durchgängig konzeptionistischen bildauffassung bin; meine magisterarbeitd habe ich nicht zufällig über die Platonischen Körper vorgelegt.
    servus,
    werner aus der hochsteiermark