07. November 2019 Lesezeit: ~7 Minuten

Mit dem Fotobus unterwegs

Seit Anfang 2018 gibt es den „Fotobus“ und die „Fotobus Society“. Das Projekt wurde für Studierende der Fotografie ins Leben gerufen. Ich sprach mit dem Gründer und Initiator, dem Fotojournalisten Christoph Bangert.

Christoph, wer oder was ist der Fotobus?

Der Fotobus ist wirklich ein Bus – ein Fahrzeug, in dem ich als Fahrer und noch 32 Menschen Platz finden. Es ist ein Angebot für alle Studierenden der Fotografie und richtet sich nicht nur an deutsche Studierende, sondern wird von jungen Leuten aus ganz Europa genutzt. Mit dem Fotobus fahren wir zu Fotofestivals, besuchen Symposien, führen Forschungsreisen durch und sind damit auch über die Grenzen Deutschlands hinaus unterwegs.

Das ermöglicht jungen Leuten, an wichtigen Veranstaltungen teilzunehmen, ihren Horizont zu erweitern, Fotografierende aus aller Welt zu treffen und wichtige berufliche Kontakte zu knüpfen.

Wie kam es zur Gründung des Projekts?

Mich hat immer geärgert, dass viele Studierende an den von den Hochschulen angebotenen Exkursionen nicht teilnehmen konnten, weil sie einfach nicht die finanziellen Mittel haben. Der Fotobus will das ändern: die Mitgliedschaft ist für die Zielgruppe kostenlos und die als gemeinnütziger Verein organisierte „Fotobus Society“ übernimmt die Kosten, organisiert Übernachtungsmöglichkeiten und so weiter. Heute haben wir 450 Mitglieder von knapp 30 Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten.

Leinwandvorführung auf der Straße

Wie finanziert sich der Fotobus?

Einen Teil der Gelder erhalten wir über Fördermitgliedschaften. Hier können Menschen, die die Idee unterstützen möchten, für 8 € monatlich eine Fördermitgliedschaft eingehen. Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Menschen und Firmen, die uns finanziell oder mit Sachmitteln helfen, unter anderem Nikon, Hahnemühle, Epson, die Fotoagentur laif, die Zeitschrift Photonews, die C/O Berlin Foundation, fotoversicherungen.com, Art Book Cologne, Hensel und der Verlag Kettler.

Mit diesen Mitteln haben wir allein in diesem Jahr bisher sieben Exkursionen realisieren und finanzieren können. Weitere Fördermitgliedschaften und Unterstützungen sind aber jederzeit willkommen, damit wir unser Angebot ausbauen können.

Was für Ziele standen in diesem Jahr auf dem Plan?

2019 haben wir unter anderem die Danisch School of Journalism in Aarhus besucht, uns dort die Ausbildungsmöglichkeiten angeschaut und gemeinsam mit den dänischen Studierenden ein Wochenende lang Bildstrecken editiert. Wir waren beim World Press Photo Festival in Amsterdam oder auch in Frankreich bei den Rencontres d’Arles. In Zusammenarbeit mit Nikon und der Agentur Noor haben wir Fotoworkshops mit renommierten Fotograf*innen wie Francesco Zizola, Tanya Habjouqa und Bénédicte Kurzen auf die Beine gestellt.

Weitere Ziele waren das Düsseldorfer Photoweekend und die Fotoszene Köln. Neben den Exkursionen sind uns Kooperationsprojekte mit Hochschulen wichtig, Gemeinschaftsausstellungen und Workshops. In Zukunft möchten wir vermehrt auch gemeinschaftliche Fotoprojekte durchführen.

Unser Ziel ist es dabei immer, Menschen zusammenzubringen, Inspiration zu tanken, auf neue Ideen zu kommen, Fotograf*innen, Ausstellungsmachenden und Lehrkräfte zu begegnen und sich über Grenzen hinaus zu vernetzen.

Menschen um einen Laptop

Wann finden die Exkursionen statt?

Die Angebote des Fotobusses verstehen sich als Ergänzung zu den Programmen der Institutionen und Hochschulen. Daher finden die Exkursionen vorzugsweise in den vorlesungsfreien Zeiten oder an Wochenenden statt.

Wem steht die Teilnahme an der Fotobus Society offen?

Allen Menschen, die in irgendeiner Weise in einer fotografischen Ausbildung sind. Dabei sein können nicht nur die Studierenden der staatlich anerkannten Hochschulen, sondern auch privater Fotoakademien oder anderen Ausbildungsinstituten. Das gilt auch für junge Leute, die in einer klassischen Ausbildung sind oder themennah studieren, zum Beispiel Kunst, Journalismus oder Kommunikationsdesign.

Wir lassen uns keine Studentenausweise zeigen – entscheidend ist das Interesse an Fotografie. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, die Reisen werden vom Verein finanziert. Der Fotobus versteht sich daher auch als soziales Projekt.

Was muss man tun, um Mitglied zu werden?

Das ist ganz einfach. Auf unserer Webseite gibt es ein Formular, mit dem man eine Mitgliedschaft beantragen kann. Einfach ausfüllen und an uns schicken, das ist alles. Ab diesem Zeitpunkt werden die neuen Mitglieder über alle geplanten Aktivitäten via Newsletter informiert und können sich dafür anmelden.

Busfahrer

Christoph Bangert am Steuer des Fotobusses.

Nehmen wir an, ich bin Studierender und möchte bei der nächsten Exkursion dabei sein. Wie läuft das praktisch ab?

Dann schreibt man eine entsprechende kurze Bewerbung. Falls es mehr Anmeldungen für eine Exkursion als freie Plätze im Fotobus geben sollte, entscheidet ein dreiköpfiges Gremium über die Vergabe der Plätze. BAföG-Empfänger*innen, Studierende, die nicht finanziell von ihren Eltern unterstützt werden, Studierende mit Migrationshintergrund und Studierende mit einer Behinderung werden bei der Auswahl der Exkursionsteilnehmer bevorzugt. Wir achten auch auf ein ausgewogenes Verhältnis männlicher und weiblicher Teilnehmender.

Wir versuchen, unsere Reisen möglichst kostengünstig zu gestalten. So übernachten wir häufig auf Campingplätzen oder organisieren vor Ort geeignete Unterbringungsmöglichkeiten. Abends wird dann oft gemeinsam gekocht, wir haben große Kocher und riesige Töpfe besorgt – und haben auch schon einmal für 80 Leute Essen gemacht. Das sind immer tolle Abende, mit vielen Gesprächen, Slideshows, Studierende zeigen eigene Arbeiten und so weiter.

Aber das alles ist keine Urlaubsreise – wir leben bei diesen Exkursionen das Thema Fotografie sehr intensiv, wir nehmen an Festivalprogrammen teil oder laden Menschen für Workshops ein. Es ist eine intensive Fortbildung, die man zuhause nicht bekommen kann.

Woran arbeitet Ihr aktuell?

Derzeit bereiten wir unsere erste große Publikation namens „Further“ vor. Das Buch zeigt Fotoarbeiten unserer Mitglieder und wird über 300 Seiten stark sein. Es erscheint voraussichtlich im Dezember 2019 im Verlag Kettler und wird derzeit durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert.

Was ist das Ziel dabei?

Das Buch zeigt aktuelle Strömungen der jungen europäischen Fotografie und bietet viel Inspiration für fotoaffine Menschen. Wir sind da ganz selbstbewusst und sagen: Wer wissen möchte, was in der Zukunft der Fotografie passieren wird, braucht dieses Buch. Es wendet sich an Menschen, die die Fotografie lieben und es ist auch ein Geheimtipp für Creativ-Direktor*innen, Kunstsammler*innen, Redakteur*innen und andere Akteur*innen der Medienwirtschaft. In den größeren Paketen der Kampagne kann man zusätzlich zum Buch auch unter 102 Drucken auswählen.

Wie kann man daran teilhaben?

Die Kampagne läuft noch anderthalb Wochen und kann hier eingesehen werden. Wir sind dankbar für jeden Beitrag. Zwar ist die Grundfinanzierung der Publikation bereits erreicht, aber jeder zusätzliche Euro hilft, die Arbeit des Fotobusses zu finanzieren und kommt dem Verein und seiner Arbeit für die Studierenden zugute. Für nur 20 € erhält man einen sehr hochwertigen Gegenwert, der sich lohnt.

Christoph, vielen Dank für Deine Zeit und ich wünsche Euch noch viel Erfolg mit dem Fotobus und „Further“!

6 Kommentare

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  1. Das ist eine ziemlich geniale Idee. Und es macht noch einmal bewusst, dass eine gute Ausbildung sinnvoll ist. Ich würde mir zudem wünschen, den Begriff Fotograf oder Jpurnalist zu schützen, denn heute ist es nicht mehr möglich, zu erkennen, wer eine fundierte Ausbildung hat. Es gibt genug Blender auf dem Markt, die fragen dann in Foren nach: „Ich muss am Wochenende eine Hochzeit fotografieren, welches Objektiv würdet Ihr empfehlen…“
    Könnte mir vorstellen, das Projekt zu unterstützen.

    • Hallo Kai, da wirfst Du meiner Meinung nach ziemlich viel in einen großen Topf. Lustig ist zum Beispiel, dass Du die Idee genial findest, aber auch die Wichtigkeit einer guten Ausbildung betonst und dafür votierst, Berufsbezeichnungen wie Fotograf (wieder) zu schützen – gerade Christoph Bangert ist aber schon einmal genau über dieses Problem gestolpert und seine Student*innen sind dann auf die Barrikaden gegangen, damit sie weiter bei ihm lernen können, auch wenn er nicht den (zumindest im konkreten Kontext nötigen) anerkannten Abschluss hat.

      Durch die Zugangsbeschränkung, sich nur mit bestimmten, anerkannten Ausbildungen „Fotograf*in“ nennen zu dürfen, entgehen uns allen also durchaus tolle Talente, für die die klassischen Ausbildungswege einfach nicht passen, aus welchen Gründen auch immer.

      Klar, es mag „Blender“ geben. Hinter der von Dir geschilderten Nachfrage können aber auch ganz andere Geschichten stehen, die ich nicht mit dieser Bezeichnung etikettieren würde. Zum Beispiel Hobbyfotograf*innen, die von Hochzeitspaaren engagiert werden, die sich die angemessenen Preise von professionellen Hochzeitsfotograf*innen nicht leisten können oder wollen.

      Nur mal als Anregungen zum Weiterdenken darüber, dass die Dinge leider oft komplizierter sind.