28. Oktober 2019 Lesezeit: ~3 Minuten

Gewohnter Anblick

Es ist der 23. Dezember 2018. Mitternacht. Ich stehe im Badezimmer meines Elternhauses und putze mir die Zähne. Gefühlt hat sich seit meiner Kindheit hier nichts verändert. Alles wie gewohnt. Ich drehe mich vom Waschbecken um und schaue Richtung Badewanne. Der gleiche Boiler, die gleichen Fliesen, der gleiche Duschkopf. Seit ich denken kann.

Doch plötzlich erscheint mir etwas anders. Auf einmal nehme ich diese Situation anders wahr. Ich drehe mich noch einmal. Der grüne Sessel in der Ecke. Schon immer an der gleichen Stelle. Nichts Besonderes. Doch auch hier: Auf einmal wirkt dieser mir so vertraute Gegenstand interessant. Was hat diese Veränderung in mir ausgelöst?

Hocker in einer BadezimmereckeBadezimmer

Ich hole meine Mamiya 6, in die ich den abgelaufenen Portra 400 eingelegt habe. Nicht der beste Film für Innenaufnahmen mit sehr diffuser Beleuchtung. Doch durch den Zentralverschluss im Objektiv und den fehlenden Spiegel schaffe ich es, mit 1/8 s aus der Hand zu fotografieren. Was werden die Fotos mir zeigen, wenn ich sie entwickelt habe?

In den nächsten Tagen streife ich durch unser Haus und die nähere Umgebung. Unbewusst auf der Suche. Ich werde fündig: Das Schlafzimmer meiner Eltern. Auch hier – dieser Stillstand. Die Bilder an der Wand, der Wecker meiner Mutter. Alles so, wie ich es schon als Kind gesehen habe.

Schreibtisch und FensterSchlafzimmer

Meine Suche geht weiter. Das Arbeitszimmer meines Vaters. Das Betreten kommt mir auf einmal wie eine Zeitreise vor. Die Vorhänge, die wunderschöne Unordnung, die elektrische Schreibmaschine, die mein Vater immer noch ab und zu benutzt. Mir fällt auf, dass der Schreibtisch noch nie frei war. Seit ich denken kann.

Auch um unser Haus herum finde ich diese Orte. Orte, die mich an meine Kindheit erinnern. Weil sie sich oft wenig bis gar nicht verändert haben. Weil sie in mir dieses Gefühl der Vertrautheit auslösen.

Der Winterwald, in dem wir gespielt haben. Die Überschwemmung vor unserem Haus oder der Lieblingsbaum, in den wir unser erstes Baumhaus genagelt haben. Durch die Fotografie versuche ich, dieses Gefühl in eine greifbare Form zu bringen.

Haus auf einer Wiese

Die fertigen Aufnahmen spiegeln diese Momente sehr gut wider. Die Ruhe, das Banale – aber auch: Vertrautheit. Was ist von Deinem eigenen Aufwachsen im Haus der Eltern noch übrig? Es kommt mir so vor, als ob mein Elternhaus und die Umgebung als Spiegel für mich selbst, als Symbol für alles, was uns zu dem gemacht hat, was wir jetzt sind, fungiert. Wie ein Portal in meine eigene Adoleszenz.

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6 Kommentare

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  1. Das ist genau das Gefühl, was ich auch kenne: Man geht hundertmal an einem Gegenstand vorbei, oder erlebt eine Situation, an einem bestimmten Tag hat man einen anderen Blick. Die Emotion ist da, die bringt mich dann dazu, diesen Gegenstand zu fotografieren, festzuhalten, auch aus dem Zusammenhang zu nehmen. Und: Meist sind das dann die guten Fotos. Und: Ein persönlicher, schöner Text!