Junger Mann mit Oberkörper frei, auf diesem befindet sich ein Tattoo
30. Oktober 2019 Lesezeit: ~3 Minuten

kurdîsch – Kurd*in in Deutschland

In Deutschland lebt die größte kurdische Diaspora. Sie wird für die Mehrheitsgesellschaft vor allem dann sichtbar, wenn sie demonstriert – und das kommt häufig vor. Denn Persönliches und Politisches sind unweigerlich mit kurdischer Identität verknüpft und das Streben nach ihrer Anerkennung eint sie weltweit.

500.000 bis 1,2 Millionen Kurd*innen leben in Deutschland. Die Schätzungen gehen zum Teil stark auseinander, was daran liegt, dass ausschließlich die Staatsangehörigkeit zuverlässig erfasst wird und es keinen anerkannten kurdischen Nationalstaat gibt.

Farbenfroher Teppich mit Tuch und Essgeschirr

Der Begriff Nation schafft Ordnung und die Vorstellung einer Gemeinschaft, er ist daher eng mit Macht verknüpft. Infolge der Kolonialisierung wurde dieses Konzept auch auf andere Teile der Welt übertragen – bis heute mit zum Teil schwerwiegenden Folgekonflikten. Durch die Ziehung nationaler Grenzen im Nahen Osten im Sinne kolonialer Interessen sind und waren die Kurd*innen auf das Wohlwollen der jeweiligen Machthaber angewiesen, auf die das historische Siedlungsgebiet Kurdistan aufgeteilt wurde.

Zerschlissener Pappkarton.

Mann zwischen Aktenschränken.

„Berxwedan Jîyan e — Widerstand heißt leben“ liest man auf Demonstrationszügen in Deutschland und anderswo. Ohnehin sind die immerwährende Unterdrückung und der damit verbundene Widerstand längst selbst identitätsstiftend und -stärkend für die Selbstethnisierung der Kurd*innen.

Die Demonstrationen zeigen, dass es nicht nur um historische Erinnerungen an ein vergangenes Kurdistan geht, sondern um Entwicklungen der Gegenwart. Mit den Versammlungen, Demonstrationen und Festivals im öffentlichen Raum reagieren die Kurd*innen einerseits auf gesellschaftliche Bedingungen, sie erzeugen aber zur gleichen Zeit durch dieses Handeln gesellschaftliche Phänomene.

Personen im Außenbereich im Hintergrund Polizeiwagen

Auf Vorübergehende wirkt dies häufig überfordernd – zahlreiche verschiedene Fahnen, teilweise unbekannte Schriftzeichen und die Darstellung einer Vielzahl von Personen auf Fahnen, Postern und Bannern. Intern erzeugen diese Symbole Zusammenhalt und die dargestellten Personen übernehmen die Funktion, die für andere Nationen Orte haben, an denen sich die Bevölkerung treffen kann und die eine gewisse Bedeutung im kollektiven Gedächtnis einnehmen.

Innenraum mit YPG-Fahne

Altarraum einer KircheTätowierter Unterarm

Kurdische Identität wird, als ein Teil der sozialen Identität, auch in Deutschland (weiter-)entwickelt. Das Bezugssystem bildet hierbei ein Beziehungsgeflecht zwischen der kurdischen Gesellschaft in den Herkunftsregionen, der Gesellschaft vor Ort sowie der Diasporagemeinschaft. Demzufolge können die Bezeichnungen „kurdisch“ oder „Kurd*in“ bei verschiedenen Personen auch unterschiedliche Bedeutungen haben und beinhalten eine Bandbreite verschiedener Definitionen.

Zwei Frauen halten eine Fahne vor bunter Tapete

Dies führt zu einer heterogenen Struktur der kurdischen Diaspora in Deutschland. Dennoch bildet die Vorstellung, Teil einer Bevölkerung beziehungsweise eines Territoriums zu sein sowie eine gemeinsame, wenn auch nicht gesprochene, Sprache, gemeinsame Symbole, Geschichte, Kultur und Lebensweise zu haben, wesentliche Bezugspunkte.

Junger Mann mit freiem, tätowierten Oberkörper

Passfotos auf Holzuntergrund

Viele der genannten Aspekte sind für die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland in ihrem Alltag nicht sichtbar. Hierzu zählen auch die Bürokratie beziehungsweise behördliche Abläufe, mit denen Personen mit Migrationshintergrund zwangsläufig konfrontiert sind und die auf die Macht- und Ordnungsstrukturen nationalstaatlicher Institutionen verweisen.

Das Buch „kurdîsch“ thematisiert kurdische Identität in Deutschland. Dem Betrachtenden eröffnen sich sowohl private als auch öffentliche sowie halböffentliche Räume kurdischer Infrastruktur. Die kurzen Texte und Zitate ergänzen den Eindruck. So vermittelt die Arbeit einen Einblick in das, was Kurdischsein ist oder sein kann, schließt aber auch Gefühle der Ungewissheit mit ein, die wesentlicher Bestandteil von Fremdheitserfahrung sind.

2 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Ich selbst muss sehr aufpassen, hier keine politische Diskussion los zu treten. Denn das würde diesem Projekt nicht gerecht.
    Aber ich habe auch in den letzten Wochen umso mehr bei mir selbst gespürt, wie ich von DEN KURDEN und DEN TÜRKEN sprach. Da wird das Bindewort „und“ zu einem Trennungswort, einem Graben. Und dieses missbrauchte Bindewort verhindert ein friedliches, respektvolles Miteinander. Auf die nächsten 80-100 Jahre wird man diese Gräben nicht zuschütten können, allein, wenn man jetzt damit beginnen würde.
    Ich bin sehr froh, dass Du den Menschen eine Stimme, einem Raum gibst, sie kennen zu lernen. Auch, wenn ich selbst durchaus viele Begegnungen mit ihnen hatte. Zeigen wir den Menschen, denen man ihre Heimat und Identität beraubt, dass sie bei uns willkommen sind. Werden wir, jeder einzelne von uns, ein Vorbild für ein offenes Miteinander.
    (Nun bin ich doch politisch geworden…)

    • Na, der ganze Beitrag ist politisch, und den Zustand „unpolitisch“, den gibt´s wohl auch nicht. Nichts tun, nichts sagen, ist ungewollt auch politisch, denn es kommt immer einer Zustimmung gleich. Leider oft zugunsten der negativen Strömungen.

      Ein paar spannende Fotos sind jedenfalls im Beitrag, danke dafür.