01. November 2019 Lesezeit: ~4 Minuten

Alles wie ein Song

17 Uhr: Nieselregen, dichte Wolken, Industrie. Der Hafen ist schon recht verlassen, nur wenige Arbeiter sind noch übrig. Die Sonne steht tief – bereit, den Horizont zu berühren. In meinem Kopf spielt Musik. Eine warme, rauchige Männerstimme singt Worte tief aus dem Leben.

Ich bin immer noch verwirrt.
Wo du bist, weiß ich meistens nicht.
Seit meiner Jugend verirrt,
auf dem Holzweg zwischen Dunkel und Licht.

Mann läuft entlang von Gleisen

Sandkörner

Wolfspelz – mit bürgerlichem Namen Tobias – begegnete mir zum ersten Mal bei einem Bandshooting in Duisburg. Tobias spielte in der Combo am Klavier und erzählte mir beiläufig von seinem sehr persönlichen, intimen Singer-Songwriter-Projekt. So bescheiden und leise er davon sprach, die Info blieb haften und meine Neugier war groß. Schon kurze Zeit später waren die Kopfhörer mit meinen Ohren verwachsen.

Ob am Strand, Sandkörner zwischen den Zehen und mit Wind um die Nase, ob dicht gedrängt und eingezwängt in ratternden, rumpeligen Straßenbahnen oder mitten im Blitzlichtgewitter einer Katalogproduktion – Tobias sang weiter für mich und begann, meine Fantasie zu beflügeln.

Männerportrait

Notizen

Mein Notizbuch ist mein steter Begleiter. Alles kommt hinein: Orte, Gedanken, Gedichte, Skizzen, alles findet seinen Platz. Tobias’ Klänge und Worte fanden auch hinein und je mehr ich notierte und darüber nachdachte, entstand eine kleine Geschichte. Verschiedene Szenen verbanden sich, passten zusammen. Ein Ort kam hinzu und sagte hallo. Farben, Licht, Situationen und eine Maskerade landeten in einem kleinen Skript – wie für einen Kurzfilm.

Heimlich, leise und still lieg’ ich da,
auf der Wiese in deinem Zimmer.
Und es riecht noch nach Blumen
und ich wünsch mir nichts mehr – nichts mehr.

Männerportrait auf einer verregneten Straße

Fragezeichen

Als Tobias das erste Mal von meinen Ideen zu der Bildstrecke hörte, war er auf der einen Seite sehr begeistert, gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten. Auf der anderen Seite waren seine Fragezeichen groß. Die Vorstellungen und Gedanken aus dem Kopf zu beschreiben, ist nicht einfach. Man kann den Ort mit Fotos belegen, die Maskerade mit Beispielen umschreiben, Farben und Licht mit einem Moodboard erläutern – aber alles weist nur in eine Richtung und zeigt doch kein Ergebnis.

Mann lehnt an einer großen Wand

In unserem Fall war Vertrauen der Schlüssel. Tobias war entspannt und neugierig, ließ mir und Visagistin Lisa Knape für das Shooting völlig freie Hand. Er sah den besonderen Reiz in dem Projekt darin, dass nicht nur seine Musik meine Ideen beflügelt hat, sondern anders herum meine Bildstrecke am Ende auch ihn berühren, inspirieren und weiterbringen könnte. Synergie.

Männerportrait

Alles wie ein Song

Regen, Wind, Matsch, wenig Licht bis kurz vor Dunkelheit – meine Shootings sind nicht selten herausfordernd. Aber gerade in der Fotografie zählen die besonderen Orte, Zeiten und Momente fernab von Komfort, um einzigartige Ergebnisse zu erreichen.

An diesem Nachmittag kam alles zusammen: Die Musik und Ideen in meinem Kopf wurden zu Bildern auf dem Sensor. Zwischen dunklen Stahlkolossen, Containern und Rohren aus Metall wurde experimentiert, an kalten Betonwänden gelaufen und gelacht, auf Schlamm ausgerutscht, unter windgepeitschten Bäumen gewandelt und auf nassen Wiesen am wunderschönen Rhein im Lichterschein der Stadt getanzt. Die Zeit wurde vergessen, bis es plötzlich dunkel war. Magisch.

Mann auf einer Wiese vor einer Großstadt

Mann auf einer Wiese vor einer Großstadt

Und am Ende bleiben zwei Dinge: Tobias, Lisa und mir bleibt die Erinnerung an diesen gemeinsamen Nachmittag, dieses wunderbare Abenteuer. Und neben der Erinnerung bleibt – zusammen mit diesem Artikel hier – das Papier. Eine kleine Broschüre mit unserer Geschichte, unseren Bildern. Gedruckt, anfassbar, eine visuelle und haptische Erweiterung der Musik.

 

Am 15. November spielt Wolfspelz ein Konzert in der Krümelküche Duisburg – die perfekte Gelegenheit, den Musiker zu besuchen, seiner warmen, berührenden Musik zu lauschen und in unserem kleinen Heft zu stöbern.

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