surreales Straßenbild
15. Oktober 2019 Lesezeit: ~3 Minuten

Illusion und Desillusionierung – The Pearl River

Schon vor einigen Jahren fiel der Schweizer Fotograf Christian Lutz auf: mit Bildern von Menschen, die er auf den Straßen von Las Vegas getroffen hat. In der Stadt des Glücksspiels hat er jene fotografiert, die kein Glück hatten: Obdachlose, Prostituierte, jene, die am Rande stehen, von Drogen zerfressene Gesichter – erschöpfte Menschen. Zusammengekommen an einem Ort, der einmal so viel versprach.

Für sein neues Fotobuch ist der 1973 geborene Genfer Fotograf nun nach China gereist, genauer gesagt in die westlich von Hongkong gelegene chinesische Sonderwirtschaftszone Macao. „The Pearl River“ heißt das Buch, das jetzt erschienen ist. Und wieder dreht sich in dieser Arbeit alles ums Geld – beziehungsweise darum, was es mit den Menschen macht.

Surreale Deko in einer Halle

Die einstige portugiesische Kolonie, die erst 1999 an China übergeben wurde, ist inzwischen zu einem absurden Ort des – in China verbotenen – Glücksspiels mutiert, in dem jährlich fast 40 Millionen vor allem chinesische Tourist*innen verkehren. Etwa sieben Mal mehr Umsatz als in Las Vegas wird in Macao gemacht.

Spielhallen, Boutiquen, Casino-Hotel-Komplexe, Restaurants, Shopping Malls und Bars simulieren europäische Architektur, verweisen auf gotische oder barocke Baukunst: eine „Simulation der Simulation“. Eine Welt, in der ein „Venetian Macao Resort Hotel“ sogar mit einem Fake-Campanile und einem künstlichen Canal Grande mit chinesischen Gondolieri aufwarten kann – und wo der Eiffelturm nachgebaut wurde.

Menschen in einer Lobby

Das Glücksspiel ist das Hauptgeschäft in Macao, versinnbildlicht durch den Gold schimmernden, sich langsam drehenden „Tree of Prosperity“ im „Wynn Casino“, mit seinen zweitausend Zweigen und achtundneunzigtausend Blättern, die mit Messing und Blattgold belegt sind. Immerhin: „Hier siegt Illusion über die Desillusionierung“, schreibt Christian Lutz.

Andere Fotografien in diesem Buch sprechen eine andere Sprache und zeigen, wie sich Risse in dieser kühlen Glitzerwelt bilden. Unter der schönen Oberfläche gärt es. Müde und desillusioniert sehen viele der hier gezeigten Menschen aus. Ihre Blicke gehen ins Nichts. Das Geld, der Luxus – das alles scheint nicht glücklich zu machen. Das ist die einfachste Lehre dieser farbintensiven, opulenten Bilder. Wir sehen die Illusion einer künstlichen, vollkommen freudlosen Welt, in der die Menschen nicht heimisch geworden sind.

Zwei Frauen in roten Kleidern begrüßen eine Frau

Verglichen mit Las Vegas, sagt Lutz, sei Macao noch zynischer, noch leerer. Ein wenig Erholung bieten da einige Fotografien der portugiesischen Altstadt von Macao, ein Blick in die Vergangenheit, ein Ort, der heute noch heute Seele hat. Dagegen ist die dekadente Tristesse der neuen Fake-Welt nur umso verstörender.

Informationen zum Buch

„The Pearl River“ von Christian Lutz
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 120
Maße: 22,9 x 30,5 cm
Verlag: Edition Patrick Frey
Preis: 52 €

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  1. „In der Stadt des Glücksspiels hat er jene fotografiert, die kein Glück hatten: Obdachlose, Prostituierte, jene, die am Rande stehen, von Drogen zerfressene Gesichter – erschöpfte Menschen.“

    Der Text ist leider viel aufregender als die Fotos.