Eine Großstadt
25. Juni 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

Chongqing – Die größte Stadt der Welt

Mein Ausflug in diese Megacity beginnt mit einem Nachtflug von Peking. Ich lande so gegen zwei Uhr nachts und nehme mir ein Taxi, das mich zu meinem Hotel bringen soll. Hier beginnt schon das erste kleine Abenteuer in Chongqing.

Während man in Shanghai und Peking – die Städte, die ich vorher besucht habe – noch sehr gut mit Englisch über die Runden kommt, spricht hier in Chongqing kaum jemand Englisch. Auch die Schilder sind fast ausschließlich auf Chinesisch gehalten. Ich zeige also meinem Taxifahrer die Hoteladresse auf Chinesisch. Dieser schmeißt mich dann irgendwo an einer Straßenecke nachts um drei Uhr raus und zeigt grob in eine Richtung. Dann murmelt er noch etwas auf Mandarin.

Frau in einer Bahn

Hochhäuser bei Nacht

Da stehe ich also. Nachts, mitten im Nirgendwo, ohne ein erkennbares Schild meines Hotels. Ich laufe also etwas planlos durch die Gegend, die Karten-App auf meinem Handy hilft mir auch nicht wirklich weiter und spreche ein paar Leute an, die zu dieser Zeit noch unterwegs sind. Leider spricht niemand von ihnen Englisch.

Nach 40 Minuten stehe ich vor einem Hochhaus, in dem noch ein Nachtportier arbeitet. Diesem zeige ich wieder die Adresse meines Hotels. Er lächelt mich an und zeigt nach oben. Da ist also mein Hotel, im 27. Stock eines namenlosen Hochhauses in Chongqing. Kein Hinweis draußen oder sonstwo im Gebäude. Oben angekommen, erwartet mich ein überraschend modernes Hotel.

Dies ist ein erster Vorgeschmack dessen, was mich in den nächsten drei Tagen erwarten wird. Chongqing – eine Stadt zwischen Tradition und Moderne.

Mann mit Handy sitzt zwischen Stoffbahnen

Näherei

Chongqing, eine Stadt so groß wie Österreich und bevölkert mit über 30 Millionen Menschen, ist eine experimentelle Stadt der chinesischen Regierung und liegt in der Provinz Sichuan. Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Jangtse und des Jialing und ist somit eine wichtige Handelsstadt innerhalb Chinas. Die Stadt ist eigentlich erst nach dem Bau des Drei-Schluchten-Dammes, 1993, entstanden. Die wenigsten Gebäude sind somit älter als 30 Jahre.

Chongqing wurde auf hügeligem Grund errichtet und man sieht das auch. Teilweise wahllos erscheinen einem die Architekturen der Gebäude. Manche Häuser sind nur mit Brücken von anderen Gebäuden zu erreichen und manche wurden auch nach unten gebaut. Die Infrastruktur konnte mit dem rasanten Bau der unzähligen Hochhäuser nicht mithalten und wurde erst nach und nach erschlossen.

Auch die U-Bahn-Linien wurden erst später eingeführt, als die meisten Gebäude schon standen. So gibt es hier zum Beispiel ein Gebäude, in das nachträglich ein Loch geschnitten wurde, damit die U-Bahn hindurchfahren kann. Innerhalb des Gebäudes befindet sich jetzt auch ein Bahnhof. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Mir kamen gleich Assoziationen mit den Batman-Filmen in den Kopf. Die Stadt sieht aus wie Gotham City aus den Comics.

Ubahn fährt durch ein Hochhaus

Straßenszene

Durch den schnellen Aufschwung dieser Stadt und durch die wachsende wirtschaftliche Bedeutung hat es viele Menschen aus dem ländlichen Umfeld auf der Suche nach Arbeit in die Stadt getrieben. Man sieht hier überall die Lastenträger, ohne die diese Stadt nicht funktionieren würde. Zu hügelig ist es hier und die Infrastruktur noch nicht abschließend zu Ende gebaut. So werden also die Handelsgüter auf den Schultern der Menschen von links nach rechts transportiert.

Diese Art Job wird in China nicht hoch angesehen. Symbolisiert es doch das „alte China“ und nicht den modernen Staat, der China sein möchte und zweifelslos auch ist.

Die Geschwindigkeit, mit der hier gebaut und entwickelt wird, ist beindruckend. In Chongqing, und eigentlich im ganzen Land, entstehen an jeder Ecke neue Hochhäuser. Eines moderner und beindruckender als das andere. Zwischen all den Häusern kann man sich schnell einsam fühlen. Gerade für ältere Menschen stelle ich es mir schwer vor, hier zu leben.

Lastenträger

Bauarbeiter vor Hochhäusern sitzend

Man sieht aber auch noch alte und marode Ecken in Chongqing, die im Kontrast zu den modernen Gebäuden stehen. Man merkt, dass hier auf Geschwindigkeit gebaut worden ist und auch vielleicht nicht immer ein Plan dahinter gesteckt hat. Man musste halt den Ansturm der Menschen irgendwo unterbringen.

Die Seilbahn (Baujahr 1987), die über den Jangtse gebaut wurde, ist auch noch ein Relikt aus der alten Zeit. Wahrscheinlich wird sie, genau wie die alten, maroden Gebäude bald von der Landkarte verschwinden und durch etwas Neueres, Moderneres ersetzt werden. So läuft es überall in China, ob man das jetzt gut findet oder nicht.

Ich habe mich trotzdem sehr wohl gefühlt in dieser Stadt und bin auch ohne Sprachkenntnisse gut zurecht gekommen. Die Menschen sind herzlich und freuen sich, dass man sich mit ihnen unterhalten möchte. Es kommen nicht viele Ausländer*innen in diese Stadt und wenn, dann verschwinden sie direkt auf einen der unzähligen Ausflugsdampfer, die dann Richtung Drei-Schluchten-Damm zu einer kleinen Kreuzfahrt aufbrechen. In den Straßen habe ich in den drei Tagen keine anderen „Westler*innen“ gesehen.

Seilbahn

Zwei Menschen mit Regenschirmen an einem Fluss. Im Hintergrund deine Großstadt

Wenn man den Aufschwung von China komprimiert in einer Stadt erleben möchte, ist Chongqing auf jeden Fall eine gute Anlaufstelle abseits der etwas touristischeren Städte wie Shanghai, Peking oder Xi’an.

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10 Kommentare

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  1. Geht mir auch so. Auch ich habe vorher noch nie etwas von Chongqing gehört. Da musste ich glatt an Kowloon Walled City denken.
    Und auch ich hätte sehr, sehr gern mehr über deinen Trip gelesen, mehr Fotos gesehen! So bleibt man mit dem Gefühl, nur leicht an der Oberfläche gekratzt zu haben, wobei es absolut spannend scheint.
    Die Fotos sind genau mein Ding. Echt klasse!

  2. Ja! sehr schön!!!…das gebäude mit der u-bahn! herrlich. kann man da im wohnzimmer nebenan in ruhe kaffee trinken? kann ich dich fragen, mit welcher kamera du fotografiert hast? die fotos sehen so schön analog aus…