21. März 2018

Die Abwesenheit der Sterne

Wenn man Hongkong besucht, kann man gar nicht anders, als staunend in den Nachthimmel zu blicken. Im Vergleich zu europäischen Städten ist dieser nämlich deutlich erleuchteter. Sterne sucht man vergeblich. Stattdessen ist die Stadt von einem rosa-orangen Dunst umhüllt, der die Dunkelheit der Nacht regelrecht verdrängt.

Künstliche äußere Lichtquellen, die senkrecht in das Firmament strahlen, führen zur Erhellung des Nachthimmels und tragen maßgeblich zur Lichtverschmutzung bei. Leuchtreklamen blenden und werfen Licht in die Schlafzimmer vieler, vor allem in kommerziellen und lichtreichen Gegenden wie Mong Kok und Causeway Bay.

Hochhäuser und ein Kran

Beleuchteter Tunnel

Hongkongs Nachthimmel ist nachweislich einer der hellsten der Welt und dies bleibt nicht ohne Folgen. Lichtverschmutzung hat nicht nur Auswirkungen auf Flora und Fauna, sondern auch auf Hongkongs Einwohner*innen: Die Schlafqualität, der Tag-Nacht-Rhythmus und das Wohlbefinden leiden besonders darunter.

Hochhäuser

Ein Mädchen liegt mit den Beinen nach oben im Bett

Ich habe den Eindruck, dass sich viele nicht des Schadens bewusst sind, den das Licht anrichtet. Menschen, die in Gegenden leben, in denen keine exzessive Lichtverschmutzung auftritt, werden die Neonlichter eher schön finden. Die zahlreichen Neonreklamen Hongkongs werden wohl als wichtiges Merkmal der Stadt gesehen. (…) Wenn ich Einschlafprobleme habe, dann meistens aus persönlichen Gründen, weil ich mir Sorgen über die Zukunft und meinen jetzigen Job mache. (Jessica)

Mann in einem FlurNeonreklame

Mann sieht durch ein Fenster

Am Anfang dachte ich mir, dass mich die Lichter in Hongkong nicht beeinträchtigen. Ich schlafe immer mit zugezogenen Vorhängen. Aber gestern vergaß ich, sie zu schließen. Plötzlich drehte mein Nachbar sein Licht auf und weckte mich dadurch auf. Im Allgemeinen hat man in Hongkong überhaupt keine Privatsphäre. Die Häuser sind so dicht aneinander gebaut, dass man jeden Schritt seines Nachbarn verfolgen kann. Aber auf der anderen Seite herrscht hier auch eine große Anonymität. (Ozzy)

Eine Frau vor Neonwerbung

Es scheint mir so, dass die Menschen in Hongkong bunte Neonlichter lieben würden. Geschäfte, Cafés, große Neonschilder überfluten die Straßen Hongkongs, besonders in den Gegenden wie Mong kok. Die Belichtungen sind so hell, als wäre es am Tag. Selbst der Himmel ist nie richtig dunkel in der Nacht.

Dadurch leiden viele Menschen unter Schlafproblemen, das Gleiche galt für mich, als ich als Austauschstudent für ein halbes Jahr dort gelebt habe. Im Gegensatz zu Cafés in Europa, in denen man oft in trübem, romantischem Kerzenlicht sitzt, werden die Cafés in Hongkong oft mit roten, violetten oder blauen Lichtern angestrahlt.

Geschäfte versuchen, mit bunter und heller Beleuchtung mehr Kund*innen anzulocken. Auf Dauer schädigt die anhaltende und intensive Beleuchtung die Sehkraft der Menschen. Das größte Problem war für mich persönlich das Einschlafen. Man hat Hongkong den Namen „eine Stadt, die nie schläft“ gegeben. Außerdem verpassen die Menschen durch die schlimme Lichtverschmutzung den schönen Sternhimmel, was ich ja sehr schade finde. (Lulu)

Rote Lichter an einer Fassade

Frauenportrait

Ich musste mein Wohnheim verlassen, da der benachbarte Fußballplatz mit seinen Flutlichtern direkt in mein Zimmer schien. Trotz zugezogener Vorhänge war es immer noch störend hell. (Kathy)

Der österreichische Fotograf David Schermann besuchte gemeinsam mit mir Hongkong im November 2017. Wir besuchten die Einwohner*innen der Stadt in ihren Schlafzimmern, unternahmen gemeinsame Nachtspaziergänge und befragten sie zu ihrer Schlafqualität und Erfahrungen mit Lichtverschmutzung. Aus anfänglich privatem Interesse wurde eine Fotoreportage zu Lichtverschmutzung, die den Einwohner*innen Hongkongs gewidmet ist.

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7 Kommentare

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  1. Lichtverschmutzung aus diesem Blickwinkel habe ich zuvor noch nie hinterfragt – eindrucksvolle Fotoreportage mit stimmungsvollen Bildern! Interessant wäre auch zu erfahren wie sich es auf Kinder und ältere Personen auswirkt.

  2. Wow, superstarke Fotos. Gerade die ersten, bis zum Beginn der Interviewausschnitte.
    Ich würde bei dem Gedanken an ein Bildband glatt schwach werden ;-)
    Auch die Textausschnitte sind super gewählt.
    Wo man das Gefühl bekommt, dass der Mensch sich mit seiner Sozialisation selbst verschluckt, pulsiert das Leben doch immer am meisten…
    Schon komisch. Aber auch anziehend…