16. Oktober 2019

Jede Geburt ist eine Geburt der Mutter

Das Projekt kritisiert eine stereotype Mainstreameuphorie über die Niedlichkeit des Babys und beleuchtet das postpartale Leben, das wir selbst erlebt haben, nachdem wir Mütter geworden sind. Wir, das sind Alina Gross (Fotografin) und Olga Galanova (Soziologin), haben dieses interdisziplinäre Storytelling ins Leben gerufen, nachdem wir Mütter geworden waren und eine Reihe neuer und seltsamer, ambivalenter Gefühle erfahren haben – von Melancholie bis Euphorie, Glück und Traurigkeit.

Wir haben an Fotografie als Medium geglaubt, das hilft, wertvolle Ideen, wichtige Gefühle und einzigartige Emotionen einzufrieren. Für uns war es aber auch ein starkes Instrument für eine tiefe Selbstreflexion. Genau dieser Schritt vom Einfrieren zur Selbstreflexion – und in gewisser Weise zur Selbsttherapie – war für uns so wichtig und besonders.

Wir haben diese Idee in unsere „dreistufige“ Methode der Erkenntnistheorie des Alltags und der Selbstwiedergeburt umgesetzt. Wir haben nämlich zuerst die schönsten, emotionalsten und buntesten Momente in unserem täglichen Leben eingefroren. Danach gingen wir auch in die Tiefe und fingen an, mit verschiedenen visuellen Genres zu experimentieren. Schließlich arbeiteten wir weiter mit unseren gedruckten Bildern und verwendeten dabei verschiedene kreative Methoden des Selbstausdrucks.

Während der gesamten Arbeit an diesem Projekt haben wir eine sehr harte emotionale Arbeit geleistet. Von Anfang an schämten wir uns leicht für unseren Babyblues und negative postpartale Emotionen als etwas Ungewöhnliches. Dies brachte uns eine Art Zögern in unserer Mutterrolle. Aber während der täglichen Erforschung unserer neuen sozialen Rolle und Veränderungen in unserer Persönlichkeit durch die Visualisierung unserer Assoziationen mit neu entdeckten Gerüchen, Geräuschen, Formen und Farben konnten wir all unsere Ambivalenzen und Bedenken hinsichtlich unserer endgültigen Wiedergeburt als Mütter überwinden.

Zwei Frauen stillen

Baum auf Papier

Zerrissenes Foto eines Auges

Herz in einer Hand

Rote Naht auf einem Foto den UnterleibsFoto von Füßen

Hände und Haut

Maracuja

Stillende FrauZerrissenes Foto einer Stillenden

Eier

Zwei Kinder werden gestilltKind wird gestillt

Schmetterling auf einem offenen Auge

Das Ergebnis unserer erfolgreichen Arbeit mit eigenen Emotionen war diese Bildsequenz. Einige Bilder stehen für eine romantische Mutter-Kind-Beziehung, körperliche Nähe und Intimität. Die anderen zeigen Schmerz, Selbstauflösung, Isolation und übermäßige Nachfrage. Wir versuchten auch, spezielle Gerüche (wie den Geruch von Schwefel und Papaya) und Kompositionen einzufangen, um mit verschiedenen Genres wie Dokumentarfilmen, Portraits, inszenierter Fotografie, Stillleben und Installationen zu experimentieren.

Wir haben das Gefühl von Mehrdeutigkeit, Störung und inneren Konflikten durch kreatives Zerreißen gedruckter Bilder vermittelt. Wir haben mit Metaphern und Hyperbeln experimentiert. Das Paradoxon, das wir bei unserer Arbeit beobachtet haben, war: Je mehr wir unsere Gefühle mit Hilfe der kreativen Kunst übertrieben haben, desto tiefer haben wir unsere rohen Gefühle verstanden und waren stärker.

Das Kunstwerk war für uns schließlich noch etwas mehr als ein Weg der Selbstakzeptanz und Selbstgeburt als Mütter geworden. Das Projekt förderte unsere kritische Haltung gegenüber dem zeitgenössischen oberflächlichen und idealisierten Bild der Mutterschaft – auferlegt durch Konsum und Massenmedienkultur – und ließ uns die Ästhetik roher Erscheinungsformen des Lebens nach der Geburt demonstrieren.

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2 Kommentare

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  1. Respekt vor dieser Arbeit – auch als „nur“ Vater finde ich da sehr viel wiedergespiegelt, was meine Frau und ich vor nunmehr fast 20 Jahren erlebt, teilweise verdrängt und teilweise aufgearbeitet haben. Und ich finde es sehr gut fotografisch umgesetzt!

  2. den text (der nichtsdestotrotz ein schöner text ist) hätte es gar nicht gebraucht. die bilder brauchen gar kein erklärendes „programmheft“. was so selten ist.

    es sind wunderbare fotos: schön, verstörend, eindringlich, überraschend, irritierend. ich bin ein bissl – nur fotografisch natürlich – neidisch.

    als mann bleibt man immer ein wenig vor der türe. und man manchmal bin ich melancholisch deswegen und oft aber auch froh. alles, was man erlebt und überlebt, macht einen, eine zu dem dem/der, der/die man ist. insofern ist alles wichtig, weil es eben geschieht und geschehen ist und man es sich nicht aussucht, sondern das meiste einen eher aufsucht…

    und doch denke ich mir manchmal: gottseidank, die geburt, die einsamkeit, die verlorenheit, die vergänglichkeit… habe ich so nie erlebt. wer weiß, wie ich das hinbekommen, wie ich das überlebt hätte.

    ich höre schon auf :) aber das passiert mir, wenn ich auf bilder gucke.