24. Oktober 2018 Lesezeit: ~3 Minuten

Das Unsichtbare sichtbar machen

Mit der Kamera zieht es mich hinaus in die verborgenen kleinen Wildnisse, die auch in einem städtischen Umfeld direkt vor der Haustür auf ihre Entdeckung warten. Ohne Ablenkung durch eine exotische oder spektakuläre Umgebung sieht man genauer hin, legt den Fokus auf einen Blick hinter oder ‒ auch im wörtlichen Sinn ‒ unter die Oberfläche.

Mich interessiert dabei, wie sich Mechanismen in der Natur auf einer ästhetischen Ebene offenbaren. Und wie sie uns das eigentlich Unscheinbare und oft Gesehene immer wieder neu wahrnehmen lassen.

Das Unsichtbare sichtbar machen. (Robert Häusser)

Fotografie dient mir hier als ein Medium zur Reflexion über die Welt. Nicht allein was sich im Sichtbaren zeigt, ist faszinierend, sondern ebenso das Wie und Warum unserer Wahrnehmung. Dabei stellt sich fast automatisch die Frage: Was sehen wir wirklich? Bei der Betrachtung jedes Bildes vollziehen wir einen Abgleich mit unserem persönlich Erfahrenen und Erlernten. Erst dadurch wird ein Erkennen und Verstehen überhaupt möglich. Und mitunter geraten wir dabei auf den spannenden Weg der Mehrdeutigkeit.

Die Herangehensweise bei meinen Arbeiten ist vor allem: beobachten, Spuren aufnehmen, dem Zufall eine Chance geben. Situationen neu sehen, immer wieder staunen, mit allen Möglichkeiten spielen und „die Welt von der Rückseite her“ betrachten. Um dann auf diese Weise zu überraschenden Perspektiven gelangen – im Idealfall sogar zu etwas wie Erkenntnis. Diese muss nicht zwangsläufig auf der kognitiv-rationalen Ebene stattfinden. Manchmal ist der emotionale Effekt direkter und dadurch stärker.

Der Sturm

Der tosende Sturm hat an Stärke zugelegt. Seine Wucht drückt alles zu Boden, peitscht Gras und Gebüsch und treibt Staubwolken vor sich her. Nur wenig Licht dringt noch durch das graue Wolkengebirge, das dräuend immer höher wächst.

Gras in Dunkelheit und Nebel.

Gras in Dunkelheit und Nebel.

Liegen wir mit dieser Beobachtung richtig? Oder könnte es sein, dass diese Serie weder Land noch Sturm zeigt, sondern vielleicht unter Wasser entstanden ist, wo die Kraft einer Strömung ganz ähnliche Bilder schafft wie eben beschrieben?

Gras in Dunkelheit und Nebel.

Gras in Dunkelheit und Nebel.

Flight Tracker

Insekten bei ihrem Flug um eine Straßenlaterne zeichnen leuchtende Spuren in die Nacht.

Insektenlichtspuren

Insektenlichtspuren

Die warme Lichtquelle macht ihre glühenden Flugbahnen für die Kamera sichtbar. Weiteres Licht kommt von einem Blitz im Stroboskop-Modus. Es bildet die kleinen Kreaturen präzise und scharf auf ihren Pfaden ab wie Perlen auf einer Schnur, während sie ihrer rätselhaften nächtlichen Choreografie folgen.

Insektenlichtspuren

Beyond

Wenige Schritte von der Haustür entfernt dringt die Kamera in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Hier sehen wir kosmische Gaswolken sich zu jungen Sonnen verdichten, dort erstreckt sich das dunkle Meer eines fremden Planeten unter einem geheimnisvoll glühenden Himmel.

Sternenhimmel.

Sternenhimmel.

Die Kamera taucht überall ab, wo sich Gewässer finden: in Weiher, Flüsse, Bäche, Wassergräben und sogar in Regenpfützen. Und in glücklichen Momenten kann es sein, dass ihr dabei ein faszinierender Blick in unendliche Weiten gelingt.

Sternenhimmel.

Sternenhimmel.

Sparks in the Green

Frei schweben transparente Objekte wie Klänge im Raum, das Gegenlicht bringt sie vor dem dunkelgrünen Fond zum Leuchten. An manchen Stellen bricht sich das Licht in winzigen Punkten, in Spektralfarben schillernd.

Abstrakte Lichtspuren.

Fotografisch erfahrene Betrachter*innen erkennen die erstarrte Bewegung und erraten, dass es sich um Wasser handelt, das nach unten fällt. Die Reflexe des Sonnenlichts lassen Texturen im durchsichtigen Material entstehen. Sie verleihen dem flüchtigen Flüssigen eine gläserne Härte und erzeugen eine Illusion von Dauerhaftigkeit über den Sekundenbruchteil hinaus.

Abstrakte Lichtspuren.

Abstrakte Lichtspuren.

Der Standpunkt hinter dem Wasserfall ist sorgfältig ausgewählt, der Lichteinfall perfekt. Die Kamera jedoch ist ständig in Gefahr. Denn das Wasser stürzt nur wenige Zentimeter vor der Linse in die Tiefe und immer wieder sorgen Windböen für bange Momente.

Abstrakte Lichtspuren.

Soulscapes

Ist das Landschaftsfotografie? Ja, wenn man zulässt, dass auch innere Landschaften abgebildet werden. Die Außenwelt wirkt als Katalysator für innere Prozesse. Erinnerungen aus einem verschütteten Archiv steigen nach oben, Ahnungen von lange vergangenen Zuständen stellen sich ein. Womöglich hatten wir in einer Zeit vor unserer Sprache bereits solche Bilder zur Verfügung. Und vielleicht sind sie noch immer tief in uns gespeichert.

Mythischer Waldanblick.

Mythischer Waldanblick.

Mythischer Waldanblick.

Mythischer Waldanblick.

Diese letzte hier gezeigte Serie ist mit einem alten Projektionsobjektiv aufgenommen, das weder Irisblende noch Entfernungsskala besitzt. Die Arbeit damit bringt einige Unwägbarkeiten mit sich und erfordert ein Umdenken bei den üblichen Qualitätskriterien wie Schärfe und Kontrast. Die Aufnahmen erscheinen in einer ätherischen Weichheit, die bis zur völligen Auflösung eines erkennbaren Sujets gehen kann.

Derzeit ist keines der hier gezeigten Projekte abgeschlossen. Für mich sind sie weniger fertige Serien als viel mehr „work in progress“. Möglicherweise kommt schon morgen ein neuer Aspekt, eine neue Einsicht hinzu.

Anmerkung der Redaktion: Herbert Holzmann war einer der Gewinner unseres letzten kwerfeldein Award zum Thema „Lichtspiele“.

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10 Kommentare

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  1. Das Wasser ist sehr lohnend, Herbert holzmann! Prima Ergebnisse!

    Auch das Häusser Zitat hat mir sehr gefallen – nicht zuletzt wegen Robert Häusser, der ein grandioser Fotograf war. Oft im Reiss-museum in Mannheim zu sehen. Lohnt sich!