11. April 2018 Lesezeit: ~8 Minuten

Rezension: Hello Camel von Christoph Bangert

In seinem essayistischen Fotobuch „Hello Camel“ setzt sich Christoph Bangert intensiv mit der menschlichen und interkulturellen Dimension von Krieg auseinander. Gekonnt nutzt er humoristische Techniken der Straßenfotografie, ohne wirklich lustig zu werden. „Hello Camel“ ergründet dabei die Zwischenräume von Konflikten aus fotojournalistischer Perspektive und knüpft mit dieser reflexiven Arbeit an die beiden Vorgänger „War Porn“ und „Irak: Schweigendes Land“ an.

Zu Beginn eine Provokation: „Hello Camel“ präsentiert uns die humoristische Seite von Krieg. Bevor nun ein falscher Eindruck entsteht – es geht hier um alles andere als um Relativierung. Gleich der erste Satz des Einleitungstextes stellt klar: „There’s nothing funny about war. It’s an event that causes suffering on an unimaginable scale. War has to be avoided at any cost. Any cost.“ Und doch ist Humor ein notwendiger Begleiter der fotojournalistischen Arbeit in Kriegsregionen. Humor hilft, das Gesehene und Erlebte verarbeiten zu können. „Over time I learned that there seem to be two options: Either you laugh, or you die.“ Komik ist menschlich. Krieg ist menschengemacht.

Ein Mann betrachtet Schießfiguren

Jeder Krieg ist auch immer ein Krieg der Bilder. Das trifft umso mehr zu, seit Einsatzkräfte sogenannten „embedded journalists“ die Möglichkeit geben, direkt „von der Front“ zu berichten – und sich damit auch gleichzeitig in ein moralisches Spannungsfeld zu begeben: „Unterstütze ich damit den kriegerischen Akt oder helfe ich dabei, die Öffentlichkeit über dessen Grausamkeiten aufzuklären?“ „Hello Camel“ ist das dritte Buch einer auch selbstkritischen, sequenziellen Serie, mit der Christoph Bangert seine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke als Kriegsfotograf reflektiert und verarbeitet.

Die beiden Vorgänger „War Porn“ und „Irak: Schweigendes Land“ sind vor allem geleitet durch das Thema (Selbst-)Zensur und die Grausamkeit des Krieges („War Porn“) oder durch das Portrait eines unter westlicher Besatzung leidenden Landes („Schweigendes Land“). Im Einleitungstext wird schnell klar, warum uns nun „Hello Camel“ vorliegt: „[In war,] [t]here are no heroes. (…) The moment we realize that the mass murder of human beings is an ordinary, daily event that is organized and executed by ordinary people like you and me, we begin to realize the significance and true horror of war.“ „Hello Camel“ ist daher auch eine Antwort auf die entrückende Dramaturgie der täglichen Berichterstattung.

Toilettenkabinen

Ein Hauptcharakteristikum von Fotoreportage und auch Fotoessay ist es, sich nach Belieben aus anderen fotografischen Gattungen und Genres zu bedienen und sie seriell miteinander kombinieren zu können. Das Portrait kann nach Bedarf genauso wirkungsvoll eingebunden werden wie auch die Landschaftsfotografie oder das klassische Stillleben. Das essayistische „Hello Camel“ setzt besonders auf Genreelemente der Straßenfotografie, um schnappschussartig, aber wohlkomponiert – frei nach Goethe – „unerhörte“ Szenen einzufangen.

Die Ernsthaftigkeit des Krieges, die für uns Außenstehende medial so omnipräsent erscheint, wird in „Hello Camel“ zur Bühne und rückt im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintergrund. Nur hin und wieder taucht sie wieder auf, wie etwa im scheinbar belanglosen Bild einer pausierenden Soldatengruppe vor dem Wrack eines ausgebombten Panzers. Erst beim zweiten Hinsehen fallen als Randakzent auf der rechten Seite die Beine eines – vermutlich toten – Soldaten auf.

Soldaten mit einem Panzer im Hintergrund

Durch seine Bildsprache schafft es „Hello Camel“, solche eigentlich ernsten Situationen auf bizarre Weise komisch wirken zu lassen und ermöglicht einen Augenblick des inneren Konflikts und hinter die Kulissen des Krieges: Was sollte/darf/muss gezeigt werden?

Motivisch werden in den Fotos wie auch in der Serie Realitäten und Irrealitäten gegeneinander ausgespielt. Durch die Aufhebung zeitlicher und räumlicher Konsistenz (sowohl die Orte als auch die Zeitpunkte der Aufnahmen weisen keine Linearität auf) schafft die Serie des Buches einen eigenen Erzählraum. Auf das extrem weitwinklig aufgenommene Bild eines Tortenanstichs vier hochrangiger Militärs der irakischen und amerikanischen Armee und umringt von anderen Soldaten folgt beispielsweise auf der nächsten Seite das Bild einer in rötlich-diffuses Licht getauchten, auf den ersten Blick echt wirkenden Plastik einer Folterszene im Kurdischen Nationalmuseum.

Hochzeitspaar

Das lesende Auge wird auf eine visuelle Achterbahnfahrt genommen, nach der es am Ende nicht mehr sicher sein kann, ob es sich hier nicht doch einfach um einen schlechten Scherz handelt. Ein unschuldiges weißes Pferd im Stall wirkt auf diese Weise genauso verrückt wie die erst bei genauerem Hinsehen als Poster zu entlarvende Naturlandschaft auf der folgenden Seite.

Wie vielschichtig die Erzählung im Einzelnen ist, wird an den kombinierten sprachlichen Zeichen deutlich, die geradezu obszöne Szenen schaffen: Auf einer Sandsackmauer prangt in Farben der US-Flagge ein feierliches „Happy 4th of July“, um den amerikanischen Unabhängigkeitstag zu feiern. Wäre das ob der interkulturellen Ignoranz nicht schon empörungswürdig genug (schließlich befinden wir uns noch immer in einer Besatzungssituation durch die freiheitsliebenden Kriegsmächte), sehen wir im Vordergrund neben einem Kinderplanschbecken voller Quietscheentchen einen lächelnden Mann stehen, der aufgrund seiner Kleidung eher nicht den Besatzungsmächten zugeschrieben werden kann.

Ein Kamel sieht über eine Mauer zu einem Soldaten

Die Bildgestaltung in „Hello Camel“ ist mit erfrischenden Ausnahmen eher mittig, ein- bis zweiakzentig und frontal gehalten. Eine dynamische Erzählung findet dadurch nur bedingt statt. Dennoch profitiert die Rezeption von der Dichotomie der fotografischen Einbettung, die hier eine Doppelfunktion einnimmt:

Erstens: Durch die erwähnte bizarre Gegenüberstellung von sich eigentlich ausschließenden sprachlichen Zeichen wird die kriegerische Umwelt selbst zum Akzent und steht in Beziehung zu den motivischen Elementen im Bild. Oder einfach ausgedrückt: Szenen wie beispielsweise die zeremonielle Rede des Generals einer Infanterieeinheit unter einem regenbogenartigen Symbol, die vor einem Palast Saddam Husseins gehalten wird, wirken nicht selten und aus gutem Grund fehlplatziert. Ein unfreiwilliger Witz entsteht. (Das Stargate-Zitat an dieser Stelle setzt dem Ganzen noch eins obendrauf.)

Zweitens: Indem der Witz mit dem Krieg korrespondiert, bleibt das Lachen unweigerlich im Halse stecken und die Grausamkeit der Umwelt wird deutlich. Diese Ankerfunktion verhindert ein Verirren in der Relativierung und ermöglicht damit das, was im Einleitungstext mit der Erkenntnis der wahren Tragweite und des ordinären Schreckens gemeint war.

Text findet sich mit Ausnahme von Einleitung und Schluss kaum bis gar nicht und das ist auch gut so. Schließlich soll die Serie der Bilder sprechen und der Lesefluss nicht durch Einschübe unterbrochen werden. Was sehr positiv auffällt, ist der Hinweis in den Danksagungen, dass bildjournalistische Arbeit immer Teamarbeit ist und nie ohne lokale Hilfe möglich sein kann. So richtet sich der Dank explizit auch an die Menschen, mit denen Bangert vor Ort gearbeitet hat:

Your contribution to newsgathering and documentary work is often overlooked, but to me you are the greatest inspiration there is in journalism. Whenever I have doubts about my profession or the state of the news industry as a whole, your brave determination to tell the story of your people to the world provides the answer.

Dieser philanthropische Ansatz ist es, der Christoph Bangerts Bücher so besonders macht.

Eine Schranke auf einem Weg

„Hello Camel“ ist eine Auseinandersetzung mit der surrealen und bizarren Dimension des Krieges. Die Komik wird zum Vehikel einer grausamen Erkenntnis: Der menschenverachtende Krieg ist menschengemacht, angeordnet und organisiert von Menschen, die täglich ihre Büroplätze besetzen, mit denen man im Zweifel sogar die U-Bahn teilt. Es ist eine Erinnerung daran, dass Krieg nicht so weit weg ist, wie wir uns das gern wünschen möchten.

Wenn man „Hello Camel“ in die Hand nimmt, darf man zwar nicht vergessen, dass das vorliegende Buch von der Perspektive eines „embedded journalist“ geprägt ist und damit das Buch ganz anders gelesen werden muss, als beispielsweise das von persönlicher Betroffenheit profitierende „Yallah Habibi“ von Hosam Katan. Diese außenstehende Position ermöglicht es dem Kölner Fotografen jedoch, auch die vorhandenen interkulturellen Konflikte in kriegerischen Angelegenheiten, angereichert durch die eigenen Erfahrungen, zu offenbaren und selbstreflexiv zu ergründen.

„Hello Camel“ ist 2016 beim Verlag Kehrer erschienen und wird noch bis zum 21. April 2018 im Forum für Fotografie (Schönhauser Str. 8, 50968 Köln) ausgestellt. Vom 25. Mai bis 28. September 2018 wird das Buch in der Deutsche Börse Photography Foundation in Eschborn bei Frankfurt am Main zu besichtigen sein.

Buchcover

Informationen zum Buch

„Hello Camel“ von Christoph Bangert
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 96
Maße: 24 x 32 cm
Verlag: Kehrer
Preis: 28,44 €

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5 Kommentare

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  1. Es tut mir leid, aber wenn man einmal den Bildband “Krieg dem Kriege” aus dem Jahre 1924 von Ernst Friedrich gesehen hat, ist einem der Appetit auf solche Bücher gründlich vergangen.

    • Es geht hier nicht um Appetit, sondern um eine Notwenigkeit. Natürlich wünscht sich niemand Kriege, aber sie existieren und müssen gezeigt werden. Und die Auseinandersetzung damit, wie Kriegsbilder gezeigt werden, ist unglaublich wichtig, nicht nur für Medienschaffende oder Reportagefotograf*innen, sondern auch von den Menschen, die sie “konsumieren” (um bei der Metapher zu bleiben).

  2. Ich finde es mehr als nur geschmacklos, bei diesem Thema von Appetit zu schreiben. Goethe hat solch eine Appetitlosigkeit ganz gut im Faust auf den Punkt gebracht:

    Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
    Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
    Wenn hinten, weit, in der Türkei,
    Die Völker aufeinander schlagen.
    Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
    Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
    Dann kehrt man abends froh nach Haus,
    Und segnet Fried und Friedenszeiten.

    nen Morgengruß
    Wilhelm

  3. Ich weiß garnicht warum hier immer gemeckert
    wird.
    Alles was den Menschen zeigt was Krieg wirklich bedeutet hat seine Existenzberechtigung.

    Die Angst im Kampf holt das Tier in uns zum Vorschein.
    Das ist eine durchaus erschreckende Erfahrung.

    Dann wieder zuHause treibt es nicht wenige in den Wahnsinn.
    Sie können nicht verstehen das für die Leute zuHause der Krieg so weit weg ist.

  4. Da fühlt man sich doch gleich wieder wohl. Schön dass so ein (besonders derzeit) „ausgedroschenes“ und auch missbrauchtes Thema hier auf so einem hohen Niveau behandelt wird. Viel zu oft kommt man zu dem Punkt, an dem es entweder ein Tabu- oder ganz im Gegensatz, ein egobestimmtes Thema ist, das in jedem Fall weit von sich weggewiesen wird.
    Da schafft doch Kommentare lesen doch mal noch Zuversicht. 🙏