Rauchender Mann sitzt hinter einer Nähmaschine in einem kleinen Laden für Bettdecken.
04. April 2018 Lesezeit: ~6 Minuten

Die Menschen von Tarlabaşı

Tarlabaşı ist ein auf der europäischen Seite gelegener Stadtteil im Herzen Istanbuls – unweit vom Taksim-Platz und dem Gezi-Park. Das Viertel, das bis vor 50 Jahren noch die griechische und die armenische Minderheit ihr Zuhause nannten, wird heute überwiegend von Kurd*innen und vielen anderen Vertriebenen bewohnt.

Bedürftige, die auf der Straße betteln – Frauen mit Neugeborenen im Arm und Kinder, barfuß im Winter. Transsexuelle Prostituierte warten am Straßenrand und auf den Fensterbänken. Es ist der Ort, an dem Drogen verkauft werden. Aber das ist nur eine Facette. Tarlabaşı ist, wie man sich das alte Istanbul vorstellt: Männer sitzen an der Straße, rauchen, vertreiben sich den Tag mit Teetrinken und Tavla, während Kinder auf der Straße spielen.

Alles ist sehr traditionell, die Lebensweise erinnert an ein anatolisches Dorf, das noch vom Handwerk geprägt ist. In den Erdgeschossen und Kellern der Wohnhäuser liegen Holzspäne, rattern Nähmaschinen oder werden Muscheln mit Reis befüllt. Wer Einzelhandel betreibt, ist meist auf eine einzelne Sache spezialisiert.

Dazwischen Müllsammler, Familien, Austauschstudent*innen. Auf dem Basar werden sonntags unter Gesang und Geschrei allerhand Waren feilgeboten. Die Nachbar*innen kennen sich, die Gassen sind eng. Wäscheleinen, die sich die gegenüberliegenden Nachbar*innen teilen, verbinden die dicht an dicht stehenden Häuser.

Obstverkäufer zwischen Waren

Das hier ist Mustafa vor seinem Früchteladen bei mir um die Ecke. Er lehrte mir die türkischen Namen aller Obst- und Gemüsesorten seines Ladens, ich erinnere mich an fast alle.

Ein junger Mann lehnt sich auf die Motorhaube eines Autos

Mann in einem Friseursalon.

Ein Barbier, wie er noch fehlt in Europa.

Männer sitzen an einem Tisch in einer Kneipe.

Tarlabaşı steht in krassem Kontrast zu angrenzenden Stadtteilen Istanbuls, die im Zeichen des Massentourismus westlich-orientalistische sowie golftouristische Bedürfnisse erfüllen. Nur eine mehrspurige Straße, der Tarlabaşı Bulvari, trennt die Gegend von Shoppingmeile und hippen Vierteln mit Bosporus-Blick.

Während der Zeit, die ich an der Unversität der Bildenden Künste „Mimar Sinan“ Fotografie studierte, lebte ich für einige Monate in Tarlabaşı. Ich liebte dieses Viertel vom ersten Tag an. Ich ging oft durch die Straßen spazieren und wurde dabei von allen Seiten beäugt – hier war ich „die Fremde“.

Straßenverkäufer

Ich habe Wochen gebraucht, um herauszufinden, dass diese Geste einfach nur „nein“ bedeutet.

Mann in einem engen kleinen Laden.

Viele Läden in Tarlabaşı sind nur ein paar Quadratmeter groß. Oft spezialisieren sich die Leute auf eine einzelne Sache. Wenn man eine Glühbirne braucht, so geht man also in einen Glühbirnenladen.

Ein Mann sitzt hinter dem Tresen in einer Änderungsschneiderei.

Ein Mann arbeitet an einer Nähmaschine.

Schneider beim Flicken meines Lieblingspullis.

Ich entschied, meine Eindrücke fotografisch festzuhalten und begann, die Menschen mit meiner digitalen Spiegelreflexkamera zu fotografieren, obwohl ursprünglich eine analoge Fotoserie geplant war. Doch ich hatte Angst, mit meiner analogen Mittelformatkamera nicht „schlagfertig“ genug zu sein. Richtig gute Fotos bekam ich mit meiner Digitalkamera aber nicht.

Die Leute in Tarlabaşı, die größtenteils in ärmlichen Verhältnissen leben, waren irritiert von der großen Kamera. Manche hielten mich wohl für eine Journalistin. Die Art der Fotografie musste so ehrlich sein wie die Umgebung selbst. Also fotografierte ich von nun an mit meiner analogen Mittelformatkamera, wodurch mir schließlich ein Vertrauen und eine Offenheit entgegengebracht wurden, die die von mir gewollte Authentizität erst ermöglicht haben.

Mein türkischer Mitbewohner begann, mich zu auf meinen Streifzügen zu begleiten und brach das Eis zwischen mir und meinen Nachbar*innen. Ich weiß nicht, was er ihnen sagte, aber sie fingen stets augenblicklich an zu lächeln und für die Kamera stillzustehen.

Rauchender Mann sitzt hinter einer Nähmaschine in einem kleinen Laden für Bettdecken.

Junge mit aufgeschnittenen Kürbissen an einem Straßenverkaufsstand.

Jeden Sonntag findet auf Tarlabaşıs Straßen der größte Markt im Zentrum der europäischen Seite Istanbuls statt. Man kann dort von Feigen über Honig bis zu Wäscheklammern so gut wie alles kaufen.

Mann in einem Imbiss hinter der Theke.

In Tarlabaşı haben viele Syrer ein neues zu Hause gefunden. Hier zwei Syrer, die die besten Falafel und den besten Hummus machen, den ich finden konnte.

Ein Mann lehnt in der Tür zu einem rot beleuchteten Laden.

Nun soll Tarlabaşı auch hip und modern werden. Die türkische Regierung plant gemeinsam mit einer Firma, deren Vorsitzender einst Erdoğans Schwiegersohn war und heute Minister (Albayrak) ist, seit Jahren die „Verschönerung“ des alten Istanbuls – auf Kosten der historischen Substanz. Große Teile Tarlabaşıs wirken derzeit zerbombt: Die Menschen werden gezwungen, viel zu günstig zu verkaufen, ihnen wird mit Enteignung gedroht.

Dann werden ihre Häuser für neue Investorenarchitektur, für „schönes Wohnen im neuen Istanbul“ abgerissen. Ein Zurück gibt es für die Bewohner*innen nicht mehr, denn die Mieten werden so teuer, dass das Klientel komplett ausgetauscht wird. Die staatlich gelenkte Gentrifizierung hat auch einen Namen: Taksim 360. Was man in Paris gerade bezüglich der Banlieues zu ändern versucht, schafft Istanbul gerade: eine Klassentrennung.

Kinder spielen im Schnee auf der Straße.

In Tarlabaşı waren auf den Straßen immer – im Sommer wie Winter – spielende Kinder zu sehen. Ein Bild, das man in Deutschland immer seltener sieht.

Mann lehnt an einer Motorhaube.

Ein türkischer Schauspieler. Wirklich, er hat mir Kinoplakate auf seinem Smartphone gezeigt. Einen Abend später lud er mich auf ein Bier ein, wir tranken es in seinem etwa 25 Jahre altem Auto und sprachen über die hiesige Politik.

Mann steht vor einem Teeladen.

Dieser nette Mann hat schon viel Tee für mich gekocht. Überhaupt hat es mir diese Teekultur in der Türkei sehr angetan. Sie lädt dazu ein, sich hinzusetzen und dem Treiben der florierenden Großstadt mal zuzusehen und ist zugleich eine Geste der Gastfreundlichkeit.

Mann arbeitet an einer Holzdrehbank.

Diese Fotoserie ist eine Hommage an meine ehemaligen Nachbar*innen, die mich herzlich in Empfang genommen haben und mir ein Istanbul gezeigt haben, an das sich bald kaum mehr jemand erinnern wird.

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3 Kommentare

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  1. Die Fotos passen zum Thema, sie zeigen Menschen in ihrem Alltag. Insofern finde ich sie dokumentarisch, teilweise sogar authentisch. Den Text dazu finde ich zwar informativ, aber mehr im Allgemeinen, was den eigenen Aufenthalt in Instanbul betrifft. Da gefällt mir der Text unten den Fotos doch besser. Er ist auf die betreffenden Menschen bezogen viel konkreter, auch wenn ich mir hier erneut mehr „Tiefe“ gewünscht hätte: Die Beschreibung des Schauspielers lädt doch eigentlich ein, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. … „und sprachen über die hiesige Politik.“ Das ist mir zu wenig – auch für eine Hommage.

    Viele Grüße
    Wilhelm