19. Oktober 2017 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Isabella Bubola

Fotografien entstehen auf sehr unterschiedliche Weise. Einige beginnen mit einer Idee, die man im Spiel aus Licht und Schatten übersetzen muss, einige entstehen durch ein fesselndes Thema, das man fotografisch umsetzen möchte. Andere wiederum werden beim Prozess transformiert und das endgültige Bild repräsentiert kaum die ursprüngliche Idee.

Meinem Foto erging es genauso. Seine Entstehung war nicht mit einem großartigen Konzept verknüpft; ganz im Gegenteil, es begann mit einigen Alltagspostkarten, die ich als Requisiten für ein Selbstportrait nutzen wollte. Es waren zugegeben nicht wenige, insgesamt zwei Taschen voller alter Postkarten mit interessanten oder weniger interessanten Grüßen aus dem Ausland, die Glück, Liebe oder nur eine Erinnerung an die Irrfahrten der Autor*innen enthielten und um die gesamte Welt geschickt wurden.

Eine Frau sitzt zwischen Postkarten

Als mein Vater sagte, dass er sie loswerden wollte, wusste ich, dass ich sie irgendwie benutzen wollte, hatte aber noch keine Ahnung, was genau ich mit ihnen anstellen sollte. Sie warteten zunächst zwei Jahre unter meinem Schreibtisch und verstecken sich, bevor ich beschloss, sie zu benutzen – oder sie wegzuwerfen und zu vergessen.

Meine erste Idee war es, zusammen mit meinem Freund ein Selbstportrait umzusetzen, weil ich mich für Themen der physischen Nähe, aber der emotionalen Distanz interessierte. Ihr wisst sicher, wie man sich mit einem Freund im Ausland verbunden fühlen kann, aber sich gleichzeitig der Familie und Bekannten fremd fühlt, die einen jeden Tag umgeben. Es war ein Thema, das ich erkunden wollte, und das schien der perfekte Anlass zu sein.

Eine Skizze

Ich war jedoch zu ungeduldig. Nachdem ich die Idee ausgearbeitet hatte, wollte ich schnell anfangen, aber etwas war immer im Weg: Das Wetter, die Tageszeit, unpassende Kleidung. Schließlich entschied ich eines Tages, dass ich die Idee vielleicht ganz einfach fallen lassen sollte. Es schien mir auf einmal kitschig und langweilig und nicht etwas, worauf ich Lust hatte. Und gerade das ist für mich das Wichtigste an der Fotografie: Der Spaß!

An einem sonnigen (aber eher kalten) Tag nahm ich alle Postkarten mit nach draußen und ordnete sie ordentlich in einem Kreis an. Es gab leider nicht genug von ihnen, um alles abzudecken, aber das war nicht das Problem. Ich könnte sie später in Photoshop zusammensetzen. Ich stellte mein Stativ und die Kamera auf unseren Balkon und bat meine Mutter, meine Konstruktion zu halten, aus Angst, mein Stativ könnte herunterfallen und meine Kamera kaputt gehen.

Ich mache meist sehr zentrale Kompositionen und wollte dies auch hier so gestalten. Ich wollte Stille und eine gleichzeitige Bewegung im Bild. Um dies zu vermitteln, war eine zentrale Position mit statischer Pose ideal. Für ein wenig Bewegung im Bild fotografierte ich ein paar Dutzend fliegende Postkarten (unter Beibehaltung des gleichen Fokuspunkts). Anschließend fügte ich diese Bilder in der Bildbearbeitung zusammen.

Das Foto wurde mit einem 50-mm-f/1.8-Objektiv für eine alte analoge Kamera aufgenommen, das ich seit Jahren nutze. Ich nehme es wegen seiner Leichtigkeit überall mit hin. Es schafft zudem ein unglaubliches Bokeh.

Erinnert Ihr Euch an die Szene aus Harry Potter, in der Harry mit Briefen aus Hogwarts überschüttet wird? Je älter ich werde, desto mehr sehe ich Dinge aus meiner Kindheit, die mich unbewusst inspirieren. Harry Potter hatte einen großen Einfluss auf mich.

Eines der Zitate, die ich am meisten liebe und auf dieses Foto und viele andere anwenden kann, ist das folgende: „Natürlich passiert es in Deinem Kopf, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“ – Aber mit Hilfe von Digitalkameras und Bildbearbeitungssoftware können manchmal auch diese inneren Szenen einen Weg finden, visuelle Realitäten zu werden.

Dieser Artikel wurde für Euch von Redakteurin Katja Kemnitz aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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3 Kommentare

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  1. Danke für den Bericht. Von der Idee zum Bild und der Transport zum Betrachter: sehr spannendes Thema. „Physische Nähe, emotionale Distanz“ wäre also die Idee. Sselber hätte ich daraus naiverweise erst mal „bombardiert mit Geschichten anderer“ gelesen. Postkarten bedeuten ja eben gerade physische Distanz (nicht Nähe) und eher emotionale Nähe (sonst würde der Schreiber sich den Aufwand sparen). Mit dem Text verstehe ich es besser. Wieviel Erklärung braucht ein Bild (gilt bspw. auch für Galerieführungen) ?

    Als Bild (wie die anderen auf der persönlichen Webseite auch) gelungen: Es hat das Potential, mich in Träume zu entführen.

    • „Ein Bild kann durch einen Text nur etklärt, nicht aber erlebt werden. Die Seele liegt liegt tiefer unten, dort, wo keine Worte hinzudringen vermögen.“ Jakob Tuggener, z.Zt Fotostiftung Winterthur

  2. Idee: Das ganze als Langzeitbelichtung; die Uhr läuft, die Postkarten fallen und die Kamera beobachtet und die Uhr macht ticktack und die Postkarten fallen und die Frau nimmt eine Postkarte, lässt sie fallen, und die Postkarten fallen noch immer und die Uhr tickt und die Frau legt sich hin und die Kamera ist neugierig und der Wind treibt die Zeit –

    So bleibt es für mich noch zu statisch … wird ja immerhin der Versuch unternommen, (auch) die Zeit darzustellen. Oder?