18. Oktober 2017 Lesezeit: ~ 11 Minuten

Auf fotografischer Reise um die Welt

„Malst Du mir denn auch ein Herz in den Schnee?“, fragte mich meine Freundin über das knarzende Satellitentelefon. „Na klar – sobald einmal schönes Wetter ist“, antwortete ich. Mit einer Gruppe von Polarforscher*innen war ich schon seit Monaten auf einer frostigen Expedition im grönländischen Inlandeis unterwegs.

Das Klima war rau und körperlich äußerst fordernd. Bis zum Horizont zeichnete sich ein endloses Weiß und eine niemals untergehende Sonne bestimmte den Lauf des Alltags. Ich arbeitete für die Klimaforschung, wollte den Planeten ein Stückweit besser machen und ganz nebenbei natürlich auch unsere Erlebnisse dokumentieren. Neben all der anstrengenden Arbeit blieb mir nämlich auch sehr viel Zeit, mich an der Fotografie und meiner Kamera zu üben.

Ein Herz im Schnee

Für mich das schönste Bild, das Du je gemacht hast! Und je länger ich das Bild und die traumhafte Weite ansehe, so ist es auch die schönste „Liebeserklärung“ an diesen wunderschönen Fleck auf unserer Erde.

So lautete die Antwort meiner Freundin auf das gewünschte Herz im Schnee. Über Satellitentelefon hatte es seinen Weg nach Hause gefunden. Ich nannte es „Schneeherzchen“. Es ist ein einfaches Foto, das sich jeglichem Kontrast verwehrt und, wie so oft im endlosen Eis, ausschließlich der Farben weiß und blau bedient. Ob Arktis oder Antarktis, man könnte hunderte Kilometer laufen und würde nur als Kenner*in polarer Gebiete die winzigen Unterschiede in den Schnee- und Eisstrukturen feststellen können.

Ein Mann im Schnee

Im Zentrum der kältesten Regionen unseres Planeten sucht man spektakuläre Landschaftsmotive oder gar Naturaufnahmen vergeblich. Farbdynamik, blaue Stunde, kontrastreiches Licht, all das wird man zur Sommerzeit nicht finden. Den polaren Regionen hatte ich nach vier kalten Jahren den Rücken gekehrt. Das Schneeherzchen, eine Fotografie, ist geblieben und war, wie viele andere Bilder in meinem Leben, ein nur weiteres, um ein besserer Fotograf zu werden.

Während meiner fotografischen Reise folgte stets ein Schritt dem anderen. So beschäftigte ich mich intensiv mit der nötigen Technik, verschiedenen Softwarelösungen und setzte über Jahre einen fotografischen Tetrisstein auf den anderen. Auch die vielen ruhigen Polarnächte gaben mir hierfür viel Zeit. Mein eigener Arbeitsprozess entstand, der sich vom ersten Klick auf den Kameraauslöser, bis hin zum ausgedruckten, fertigen Bild an der Wand zieht. Ich lernte, technisch korrekt und effizient zu arbeiten.

Ein Mann mit Hut im Gegenlicht

Mit der Zeit schlich sich aber eine gewisse Langeweile ein. Fotofrust. Ich hatte nämlich einen Fehler gemacht, ich hatte die Fotografie oft aus dem Blickwinkel eines Ingenieurs betrachtet. ISO, Blende und Belichtungszeit waren genauestens analysiert, jeder Knopf an der Kamera bestens bekannt, aber wo waren die Emotionen geblieben, wo die bewegenden Momente?

Ich hatte vergessen, was mir die Fotografie eigentlich wirklich bedeutet! Ich hatte vergessen, meine Gefühle und Emotionen in die Bilder mit einfließen zu lassen. Ein technisch perfektes Bild, rauscharm, scharf, kontrastreich und im Histogramm perfekt, gibt noch keine Garantie, auch beim Betrachtenden für Erstaunen zu sorgen.

Ganz am Anfang, noch vor den Reisen in die Arktis und Antarktis, hatte ich schon Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika besucht. Damals, noch auf Zelluloidbasis, war die Fotografie anders. Egal waren mir all jene scheinbar wichtigen technischen Parameter. Ich hatte mich auf die Welt um mich herum konzentriert, die Menschen, die Landschaften und einfach versucht, meine Erlebnisse in die Fotografien zu packen.

Ein Portrait eines Mädchens

Das digitale Zeitalter zog auch an mir nicht spurlos vorbei. So kam ich plötzlich von meinen Reisen mit tausenden RAWs oder JPEGs nach Hause und nicht wie zuvor mit sechs bis acht 24er Filmrollen. Dennoch hingen nach einer Reise aber trotzdem nie mehr als zehn neue Bilderrahmen an der Wand. Aber Fehler sind ja bekanntlich dazu da, aus ihnen zu lernen.

Ich bin ein Träumer und Weltenbummler wie er im Buche steht. Das war schon immer so. Angetrieben von purer Lebenslust und großer Spontanität bereiste ich viele Länder und befand mich, ohne es wirklich wahrzunehmen, auch auf einer fotografischen Reise. Und genau diese musste weiter gehen und zwar ohne Kompromisse. Und so kam im Oktober 2013 alles zusammen.

Motorradfahrer vor Steingebilde

Mein „Fotoworkshop Weltreise“ sollte ein neues Level erreichen. Einmal um die Welt mit dem Motorrad und gefüllten Taschen voller modernster Kameraausrüstung. Ich hatte Zeit und all die Freiheit, die man sich nur wünschen kann. Bewaffnet mit Stativ und Kamera stieg ich hinauf auf Vulkane, durchquerte tiefste Canyons und genoss die unglaublichsten Landschaften hoher Berg- und Wüstenregionen. Zur Nacht fotografierte ich die Sterne, bevor ich in meinen wärmenden Schlafsack gestiegen bin.

Unzählige Erlebnisse reihten sich aneinander und mit jedem Klick auf den Auslöser stieg die fotografische Erfahrungskurve. Monatelang gab es nur mich, meine Reise, das Motorrad, mein Zelt und die Kamera. Ich lernte meine Ausrüstung kennen und vor allem auch, dass weniger oft viel mehr ist. Mit der Zeit stellte ich einen Wandel meiner Fotografie fest. So inszenierte ich mein durchaus abenteuerliches Leben von all den Motorrad- und den Outdoor-Abenteuern zunehmend weniger.

Ein Vulkanausbruch

Viel mehr rückten die fremden Begegnungen und kulturellen Unterschiede für mich in den Vordergrund. Hierfür gab es einige wegweisende Schlüsselerlebnisse. So besuchte ich ärmste Schulen im Hochland von Bolivien, Favelas in Brasilien oder später sogar Dörfer mit Ureinwohner*innen in Venezuela. Aber auch in den Städten konnte mir jeder Kontakt auf der Straße einen neuen Horizont zeigen.

Die Kamera war dabei oft eine Art Schnittstelle, ein wichtiges Kommunikationsmittel, neben meinen Fremdsprachenkenntnissen geworden. Wenn mir ein alter Mann, eine junge Frau oder eine Gruppe von Kindern ihr Lächeln für ein Foto schenkten, so war dieser Akt der Freundlichkeit immer ein ganz besonderer Moment. Im Gegenzug erzähle ich von mir, versuche Späße zu machen oder auch einfach einmal mit einer Kleinigkeit zu helfen.

Eine Gruppe Kinder posiert

„Je mehr Du gibst – desto mehr wirst Du erhalten!“ Das sind Worte eines Freundes, der als Puppenspieler die Welt bereist. Er bringt sich ein, indem er sein lustiges Spiel veranstaltet. Im Gegenzug erfährt er große Gastfreundschaft und unvorhergesehene Bekanntschaften ergeben sich. Mit der Fotografie verhält es sich ähnlich.

Als Fotograf verlangt es mir nach einem schönen Bild. Nur wenn ich mich einbringe, auf Menschen zugehe oder mir den ein oder andern Gipfel in fremder Umgebung erkämpfe, entstehen jene Momente, die den Klick auf den Auslöser besonders lohnenswert machen. Und so gab ich jeden Tag auf meiner Reise, um später das zu erhalten, was mein Herz antreibt. Nach vielen Monaten fernab der Heimat war ich angekommen, wo ich hin wollte.

Eine Frau mit Katze in einem Zimmer

Ich hatte gelernt, Emotionen in meine Bilder zu tragen, fast schon unwichtig und unsichtbar war die Kamera geworden. Alles Technische verschwand im Hintergrund. Ich musste nicht mehr nachdenken, sondern einfach nur noch tun, die Fotografie und das Abenteuer, das mit ihr mitkommt, zu 100 % leben.

Und ich fand keineswegs nur Freude, sondern auch traurige, trostlose Gesichter. Genau jene hatten mich im Nachhinein oft noch weitaus mehr beschäftigt. Ich hatte mich schlecht gefühlt, war gerührt und angeschlagen. Es liegt oft so viel in den Augen verborgen. Ein Blick kann ganze Romane erzählen und überträgt seine Energie ungefiltert an das Gegenüber. Jeder Mensch, ob arm oder reich, hat seine Geschichte.

Straßenszene mit Kindern

Jene Energie versuche ich in meine Bilder zu tragen und genau an dieser Stelle wird jeglicher technische Perfektionismus, den die Fotografie dieser Tage mit sich bringt, absolut nebensächlich. Unwichtig ist die Kamera zwischen meinem Auge und dem Menschen, der mir gegenüber steht. Was zählt, sind Gefühle, sind emotionale Verbindung. Es ist die Nähe zu einer Person, nicht nur im örtlichen, sondern auch im gedanklichen Sinne, die wichtig ist.

Die Fotografie von Menschen auf meinen Reisen wurde für mich immens wichtig. Das war die große Erkenntnis aus dem Workshop Weltreise. Ich versuche immer, einen Kontakt mit meinem Gegenüber aufzubauen, um würdige und schöne Bilder entstehen zu lassen. Ich liebe jene Situationen, die mein Herz bewegen. Ob fröhlich oder traurig – jeder Moment zählt und ich schätze mich unendlich glücklich, mein Leben, meine Fotografie mit einem Maximum an Freiheiten leben zu können.

Zwei Kinder spielen Ball von einem Boot aus

Mittlerweile ist meine stärkste Waffe in Bezug auf die Fotografie von Menschen mein offenes Herz geworden. Oft nehme ich mir Stunden, wenn nicht Tage Zeit für fremde Begegnungen. Und ganz ehrlich – das kann so richtig schön einfach sein!

Auch in Bezug auf Landschaften oder kulturelle Stätten spielt die Nähe zum Objekt eine wichtige Rolle. So konnte ich lernen, dass gute Fotos erst dann entstehen, wenn man sich an einem Ort wohlfühlt, wenn man die Energie regelrecht spüren kann und sie mit einem Klick auf den Auslöser in ein Bild trägt.

Fest auf der Straße

Oft war ich für Monate unterwegs und konnte jene Energie nicht finden. Tagein tagaus entstanden unwichtige Fotos. Es fehlte vielerorts wohl kaum an Schönheit. Die Orte waren mir schlichtweg nicht wichtig genug. In solchen Momenten ist es dann immer das Beste, einfach weiter des Weges zu gehen. Eine lange Reise besteht nicht nur aus Freude und Sonnenschein. Es gibt immer auch unschöne Dinge zu erleben. Mit der Zeit lernt man auch sehr gut, damit umzugehen, man lernt, seine „Spots“ zu finden, sich zu fokussieren auf das Wichtige.

Am Ende ist es ein großes Spiel. Es gibt keine Regeln und keine Vorgaben. Das einzige Limit entsteht im Kopf. Und so fand ich mich mit der Kamera in der Hand an den unterschiedlichsten Orten. Tausende Menschen begleiteten meinen Weg und halfen mir, auf Spur zu bleiben, meine Fotografie nach vorne zu bringen. Spontan und frei zu sein, ist wichtig für jeden kreativen Prozess. Wer sich Zeit nimmt, auf das zu hören, was ihn wirklich antreibt, wird am Ende auch genau jene Bilder erarbeiten, die er sich wünscht. Und das führt dann auch ganz automatisch zum eignen Stil.

Nachtaufnahme mit Schatten

Gut – vielleicht muss man dafür ja auch gar nicht um die Welt fahren. Mir hat es allerdings wirklich sehr geholfen. Nach dreieinhalb Jahren beende ich Mitte 2017 eine erlebnisreiche Reise durch Lateinamerika. 100.000 Kilometer durfte ich auf sehr abenteuerlichen Wegen zurücklegen. Eine Weltreise sollte es werden – noch nicht einmal ein Fünftel meiner geplanten Route konnte ich hinter mir lassen. Somit werden noch viele weitere Etappen folgen.

Die Kamera wird mich begleiten und mein Workshop wird wohl auch kein Ende nehmen. Zumindest nicht, solange mir danach verlangt, meine Welt im Foto zu dokumentieren. Ich werde oft gefragt, ob ich denn nun wieder Zuhause angekommen sei, hier und jetzt in Deutschland. Darauf antworte ich dann nur: „Nein – die wahre Reise hat doch gerade erste begonnen!“ Und damit meine ich auch insbesondere meine fotografische Reise.

Mann mit Hund auf der Straße

Jene kann ganz nebenbei spannend und abwechslungsreich sein. Vielleicht begibt man sich auch einmal in eine Sackgasse. Aber am Ende wird sie ihren Weg selbst schreiben, wenn man ihr nur den Freiraum dafür lässt.

Mehr von Martin könnt Ihr auch auf einem seiner Vorträge über seine Reisen erfahren. Alle Informationen und Termine findet Ihr auf Crazy Travels.

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7 Kommentare

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  1. Mir hat der Text sehr gut gefallen und die Bilder sind wirklich großartig…
    Jeder hat einen anderen Werdegang um ein besserer Fotograf (vielleicht auch Mensch)
    zu werden.
    Ganz wertfrei gesagt :-) bin ich etwas neidisch auf deine Erfahrungen die du auf den Reisen gemacht hast.
    Nicht jeder hat eine Freundin oder Frau die akzeptieren würde das man Monate lang weg ist. Oder auch die Finanziellen Mittel hat sowas durchzuziehen.
    Es sei dir aber gegönnt

    • Mathias,
      ich selbst habe damals – unmittelbar nach dem ersten Studienabschluss war das – auf meiner Reise durch Südamerika monatlich maximal (!) die Hälfte von dem ausgegeben, wozu ich später im ›richtigen‹ (oder wie man das bezeichnen will, was und wie man hier lebt) Leben mit all seinem aufgezwungenen Zubehör auszugeben gezwungen war.
      Ich habe aber auch auf gewissen Komfort verzichtet: habe draußen geschlafen, hinter Tankstellen, wo mich LKW-Fahrer abgesetzt haben; in Warteräumen an der Grenze Chile-Argentinien; mal auf einer Verkehrsinsel aufgewacht (im Dunkeln war das nicht sichtbar; ich habe in Großstädten bei Leuten geschlafen (Couchsurfing); unterwegs zu Fuß, im Bus, per Anhalter oder Motorrad; ich habe mich selbst verpflegt … eine Frage des Geldes ist es nicht.
      (Ich war kürzlich in den Sextener Dolomiten: der sechstägige Spaß hat alles in allem (An- und Abreise; Hüttenübernachtungen) mehr gekostet, als vier Wochen Bolivien.)

      Wohl aber eine, ob Familie und Freunde das unterstützen. – Es heißt ja auch ›wer allein reist, reist am Weitesten‹, oder so.

      • Das Geld ist wohl nicht. Es ist etwas, das heute kaum noch jemand kann oder wagt: Verzicht.
        …auf Luxus, Sicherheit, Zukunftsperspektiven…
        Den Mut muss man erstmal haben. Respekt.

    • Ich kann dir versichern, dass es bei weitem weniger kosten “kann” als du dir vorstellst eine große Reise zu machen. Das mit der Zwischenmenschlichkeit ist immer ein Thema. Aber wenn du einen Partner hast, der dir deine Träume verwehrt liegt das Problem aber vielleicht auch ganz wo anders verborgen. ;-)

  2. Blogartikel dazu: Martin Leonhardt schreibt für kwerfeldein.de - Dem Fotografie Magazin Online › Freiheitenwelt