28. April 2016 Lesezeit: ~7 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Rova und Lukha

„Scars of time“ Ist Teil der Fotoserie TIME. Das gesamte Projekt befasst sich mit der Zeit. Wir hinterfragen den Lauf der Zeit, nähern uns der Zeit auf vielfältige Art und Weise und beleuchten ihre unterschiedlichen Facetten. Und so sind wir bei einem der gemeinsamen Brainstormings zur TIME-Serie auch auf dieses Bild gekommen.

Im Grunde entstehen die Bildideen bei so einem Brainstorming gemeinsam. Bei jedem Treffen entwickeln sich die Ideen weiter. Wir wollten in diesem Bild eine Person zeigen, die von der Zeit gezeichnet wurde, eine Person, die die Spuren der Zeit auf sich trägt.

Wir werden Momente, Erlebtes oder Durchlebtes nie vergessen, die Zeit hat sie in unsere Haut gebrannt. Wir tragen sie immer mit uns, manchmal unauffällig und manchmal sichtbar, aber wir werden sie niemals los – die Narben der Zeit. Wir wollten eine von der Zeit gezeichnete Frau, also mit grauen Haaren und gealterter Haut. Darüber hinaus sollte es ein Aktbild sein, um die Haut mit den Spuren und Narben der Zeit sehen zu können.

Und auch die Stimmung sollte dazu passen. Das Umfeld sollte trist und dunkel sein, in der Luft Staub und Dunst liegen. Das Modell sollte mit dem Rücken zum Betrachter sitzen. Als einzige Lichtquelle haben wir uns ein einzelnes Fenster im Raum vorgestellt, als einem Lichtblick in die Zukunft. Durch dieses Fenster sollte helles Licht in die Szene und auf das Modell fallen.

Skizze

Wenn wir solche Ideen besprechen, dann versuchen wir, alles in einer Skizze festzuhalten. Sie muss noch nicht perfekt sein, aber sie stellt sicher, dass wir über die gleichen Dinge sprechen. An einer Skizze ist es leicht, die Szene, das Modell und die Pose zu besprechen. Auch Veränderungen, die man macht, sind leichter einzubringen.

Die Vorbereitungen für dieses Bild bargen verschiedene Herausforderungen: Zunächst suchten wir einen alten, düsteren Raum, am besten ein Dachboden oder ähnliches, mit einem passenden Fenster. Es war Dezember und sollte nach Möglichkeit nicht total zugig sein, denn kalt war es so oder so schon genug. Wir haben lange gesucht und am Ende half uns dann einfach der Zufall: Eine Bekannte hatte sich einen alten Hof gekauft und wir konnten auf dem Dachboden ihrer Scheune fotografieren. Der Nachteil war nur, dass es vor Ort zu dieser Zeit keinen Strom gab und wir nur Dinge im Akkubetrieb nutzen konnten.

So haben wir anhand der Skizze geplant, was wir an Licht und Lichtformern brauchen würden und unser Equipment zusammengestellt. Im Grunde ist die Szene recht einfach aufgebaut: Wir haben mit einem Porty-Blitz den Vordergrund aufgehellt und mit einem weiteren das Licht durch das Fenster scheinen lassen. Ein drittes Licht haben wir noch mitgenommen, um beim Arbeiten überhaupt etwas sehen zu können und auch ein wenig Licht für das Making-Of-Video zu haben.

Shooting Making-of

Zusätzlich brauchten wir noch eine Nebelmaschine für den gewünschten Dunst. Wir haben wegen des fehlenden Stroms eine Nebelmaschine mit einer USV verbunden und konnten so, zumindest für ein paar Minuten, Nebel erzeugen.

Damit war im Grunde das Set selbst geklärt, als nächstes musste noch das Modell gesucht und vorbereitet werden. Am liebsten hätten wir ein wirklich älteres Modell gehabt, aber wir wollten eine Frau und es sollte Akt sein. Zudem war der Zugang zum Speicher nur über eine alte wackelige Leiter möglich, also haben wir uns am Ende für einen Kompromiss entschieden: Sue, Lukas’ beste Freundin, hat sich für unsere Idee begeistern lassen und die Aufgabe des Modells übernommen. Wir haben ihr mit Spray die Haare gräulich gefärbt.

Simone hat früher beim Roten Kreuz in der Notfalldarstellung geschminkt, damit bei Übungen die Patienten möglichst real aussehende Verletzungen hatten. Und so brauchte sie nur eine gewisse Zeit, um die gewünschten Narben vor Ort auf den Rücken zu bringen.

Narben werden auf einen Rücken angebracht

Wir fotografieren unsere Serie mit der Mittelformatkamera 645Z von Pentax. Zusätzlich für Making-Of-Aufnahmen und Bilder nehmen wie auch immer noch Sofortbildkameras mit. Und natürlich etwas Warmes zu trinken, Kleinigkeiten zu Essen, Sitzgelegenheiten, einen Modellvertrag, Speicherkarten, Akkus, ein Stativ usw. Zusätzlich haben wir Oli, einen guten Freund und Inhaber einer Werbeagentur, Bescheid gegeben. Er hat uns für das Making-Of-Video begleitet.

Durch die gute Planung passierten bei der Umsetzung selbst keine Überraschungen mehr. Es waren alle Sachen vorbereitet, alle Leute waren informiert, die Zeiten abgesprochen und es lief Hand in Hand.

Während Simone die Narben auf den Rücken schminkte, baute Lukas den Porty mit einem kleinen Reflektor vor dem Fenster auf und platzierte für das aufhellende Licht einen großen Porty mit einer großen Oktabox auf dem Dachboden. Das Licht wurde mit einem Belichtungsmesser eingemessen, alle Kameras mit Funkauslösern versehen und die Blitze und Kameras auf die entsprechenden Werte eingestellt. Zusätzlich wurde die Pentax noch auf einem Stativ platziert und der zuvor besprochene Bildausschnitt eingestellt.

Studioset auf einem Dachboden

Zusammen sahen wir auf den Display, ob das Bild entsprechend der Vorstellungen entsteht und ob Schärfe und Ausschnitt stimmen. Dieses Vier-Augen-Prinzip vermeidet Fehler und stellt sicher, dass das ursprüngliche Ziel auch gemeinsam erreicht wird.

Bei dieser Fotosession sollte ja noch die Nebelmaschine eingesetzt werden. Dabei haben wir drauf geachtet, einige Bilder mit Nebel an verschiedenen Stellen zu machen. So kann man den Nebel im Bild hinterher gut zusammensetzen, wenn man es denn braucht.

Polaroids auf einem Tisch

Zum Abschluss haben wir noch Sofortbilder mit einer Polaroid 600SE gemacht. Wenn man direkt vor Ort das Bild öffnen kann und schon einen fertigen Abzug in der Hand hält, ist das einfach eine Sache, die Spaß macht und auch am Set begeistert, denn so kann das gesamte Team das Ergebnis direkt begutachten.

Bei diesem Bild ist das Endergebnis extrem nah an der Skizze, die wir gemacht haben. Das ist zwar nicht immer bei allen Bildern so, aber hier war es wirklich verblüffend. Lediglich das Fenster war an einer etwas anderen Stelle als wir es uns anfänglich vorgestellt hatten.

Da das Bild schon sehr genau nach der Skizze aufgenommen wurde, fiel die Bearbeitung auch nicht so aufwändig aus: Einfach die übliche Bearbeitung mit Lichtfarbe, Kontrast, Schärfe und Bildschnitt zum Quadrat.

© Lukha und Rova

Im Anschluss gab es eine leichte Hautbearbeitung und mit Abwedeln und Nachbelichten wurden die Narben etwas herausgearbeitet. Der Nebel wurde wie geplant aus mehreren Bildern zusammengesetzt und eingefügt.

Bedanken möchten wir uns bei unseren Unterstützern, Oli für das Making-Of-Video, Ricoh Imaging für die geile Kamera und Profot für die Unterstützung mit Blitzen und Leihgeräten. Ein besonderen Dank auch an Sue, die trotz der Kälte für uns Modell gestanden hat.

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6 Kommentare

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  1. Wie sagt man so schön?
    Der Weg ist das Ziel.
    Muss alles schnell zum Erfolg führen?
    Ich finde diese Vorgehensweise kreativ und entspannend.
    Wenn man mit der Fotografie sein Lebensunterhalt verdienen muß, dann gelten andere Regeln.
    Obwohl die Aktfotografie nicht mein Ding ist, gefällt mir das Ergebnis.

  2. Idee und Konzept finde ich interessant.
    Was mir – im Gegensatz zu meinen Mitkommentatoren durchaus auch gefällt, ist der angesprochene Aufwand, der sich eben dem grassierenden Effizienzdenken widersetzt.
    Es ist die Verlangsamung, Sorgfalt und Fokussierung, die hier zu spüren ist, die beeindruckt – und die Schwelle vom Produkt hin zum Prozess öffnet.
    Das ist eine Kunst, die schon lange in der Fotografie beheimatet ist – und zuweilen unter die Räder zu kommen scheint. Bilder sind nicht nur eingefrorene Momente, sondern atmen im besten Fall noch nach, lassen die Bewegung – oder eben die Zeit – noch spüren… Gut so!

    • Hey,

      Danke für diesen positiven Kommentar!

      was ich bei all den Kommentaren immer wieder mal dachte war, warum wird der Aufwand als so groß erachtet? Klar entsteht für ein Video ein höherer Aufwand, lassen wir den mal außen vor. Aber was kommt dann noch extra. Licht braucht man bei so ziemlich jedem Bild. Und Verpflegung auch. Selbst make-up (in dem Fall Narben) ist oft dabei bei shoots.

      Der einzige Unterschied ist, hier ist das alles für ein Bild gemacht und nicht für eine Serie von der gleichen Person. Wobei das auch bei anderen Shoots bei mir so ist. Es langweilt mich aber auch von der gleichen Szene mehrere Bilder zu machen.

      Zudem ist vieles von dem Aufwand, also Vorbereitung, Ideen etc. ja auch für die ganze Serie. Nicht nur für dieses einzelne Bild.

      Das soll keine Rechtfertigung oder etwas in die Richtung sein. Frage mich nur warum es als so super aufwändig angesehen wird. Vielleicht übersehen ich ja auch etwas :-)

      Gruß!
      Lukas