02. März 2017 Lesezeit: ~ 8 Minuten

Bewohner*innen des 15. Bezirks in Wien

„FünfzehnSüd“ ist ein Fotoprojekt mit und über Bewohner*innen und Initiativen des 15. Bezirks in Wien. Rudolfsheim-Fünfhaus, wie der 15. Bezirk auch genannt wird, ist ein typischer Gründerzeitbezirk. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Arbeitsmirgant*innen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien hierhergezogen.

Der Bezirk ist der einkommensschwächste in Wien und hatte durch eine aktive Drogenszene um den Westbahnhof und den Straßenstrich jahrelang einen eher schlechten Ruf. Nach einer Neuregelung des Wiener Prostitutionsgesetzes im Jahr 2011 wurde die Sexarbeit ins Gewerbe- und Industriegebiete verlagert und verschwand dadurch auch von den Straßen des 15. Bezirks.

Seitdem hat sich das Bild des Bezirks in der öffentlichen Wahrnehmung stetig gewandelt und die im Stadtvergleich noch günstigen Mieten haben ein Weiteres getan, um den Bezirk attraktiv für jüngeren, gut ausgebildeten Zuzug zu machen. 

Männerportrait

Harald Fassler. Hofmoklgasse, seit sechs Jahren im Bezirk.

Club Stiefel Ein paar Meter weiter gibt es einen anderen schwulen Club bzw. eine schwule Bar, die hat erst vor eineinhalb Jahren aufgemacht. Das ist ziemlich neu. Meistens schlecht besucht, aber das Interieur ist anders gestaltet als in jeder anderen Bar, die ich bisher in Wien gesehen habe.

Sie haben Sitzgruppen aus hellem Leder, Teppichboden und eine Bühne, die mit Neonröhren beleuchtet ist. Auf der anderen Seite der Bühne haben sie ein Eck, das man aufklappen kann und dort ist eine Wanne mit einer Dusche drin, die ich aber noch nie in Aktion gesehen habe.

Als ich das erste Mal da war, ist ein Stripper aufgetreten, aber der hat nur zur Musik getanzt. Ich war jetzt, glaube ich, drei Mal drin, jedes Mal spontan und zufälligerweise lief halt diese Show. Da war’s gut besucht, aber die anderen Male war’s immer ziemlich leer. Im Club Stiefel kann man einfach so etwas trinken gehen, sie haben aber auch Séparées.

Bar an einer Hausecke

Dieser Wandel war der Ausgangspunkt für das Projekt „FünfzehnSüd“, einem fotografisch-textlich basierten Austausch mit Menschen, die im Bezirk leben und aktiv sind. Ich habe mich gefragt: Wie nehmen die Bewohner*innen die Veränderungen im Bezirk wahr? Wie gehen sie damit um? Und wie gestalten sie ihren Bezirk?

Auch ich war einmal eine Rudolfsheim-Fünfhausnerin. Von 2011 bis 2014 habe ich im Grätzel* gewohnt. Die Wohnung war groß und günstig und das Tollste daran: Sie hatte einen direkten Gartenzugang. Leider war der Mietvertrag nur auf drei Jahre befristet. Die Miete nach der angedachten Generalsanierung habe ich mir leider nicht mehr leisten können und musste ausziehen.

Dafür ist die Idee zum Fotoprojekt geblieben und ich habe zwei Jahre lang Menschen, die im Bezirk leben und arbeiten, in ihren Wohnungen, an ihren Arbeitsplätzen oder an von ihnen gewählten Orten im Bezirk fotografiert. In einer zweiten Runde bat ich die Bewohner*innen, mit einer analogen Einwegkamera ihren Alltag im Bezirk festzuhalten. Die dabei entstandenen Bilder waren die Grundlage für Gespräche mit den Bewohner*innen über ihren Bezirk und die Orte, die sie fotografiert hatten.

Ich habe diese Methode aus der empirischen Sozialforschung entlehnt, die Fotografien als Grundlage für Interviews heranzieht. Diese Methode der Bild-Text-Verschränkungen macht so persönlich Erlebtes, Ereignisse im Grätzel und politisch über den Bezirk hinausreichende Ereignisse sichtbar und über die erzählende Person erlebbar.

Eine Jugendliche auf einem Spielplatz

Zeynep Ersöz | BRG/BORG 15 Henriettenplatz
Meiselstraße, seit 16 Jahren im Bezirk

Frauen wehrt euch und kämpft! Das habe ich bei der Volksschule in der Johnstraße fotografiert. Ich wohne da und sehe es daher immer. Da habe ich eine Schrift fotografiert, da steht: „Frauen wehrt euch und kämpft!“

Ich mag es nicht, wenn Frauen runtergemacht werden und dass Männer denken, dass die Frauen einfach nur in die Küche gehören. Ich finde, dass Frauen sich auch für etwas einsetzen müssen und wir haben auch Rechte, etwas zu sagen. Meine Mutter sagt immer: „Wenn ein Junge Dir etwas einreden möchte, dann sag auch Deine Meinung, richtig laut!“

Parkplatz mit Graffiti

Bei der Auswahl der Projektteilnehmer*innen waren mir die Parameter lang im Bezirk lebend / neu dazu gezogen, alt/jung, weiblich/männlich, in Österreich geboren / nicht in Österreich geboren wichtig. Ich habe an vielen Grätzelveranstaltungen teilgenommen und bin dort mit Leuten ins Gespräch gekommen. Ebenso habe ich in meinem erweiterten Freund*innen- und Bekanntenkreis nach Menschen herumgefragt, die im (südlichen) 15. Bezirk wohnen oder einen Bezugspunkt dort haben.

Nicht zuletzt habe ich auch gezielt bestimmte Personengruppen, wie etwa ältere Menschen oder Schüler*innen kontaktiert. So habe ich versucht, eine möglichst große Bandbreite von Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Trotzdem darf man dabei nicht vergessen, dass diese Wahl, die Herangehensweise oder das, was ich überhaupt wahrnehme, gefärbt ist durch meinen Hintergrund, mein Umfeld, meine Sichtweise der Dinge. Daher ein kurzer Einschub:

Ich arbeite als Fotografin sowohl angewandt als auch an künstlerisch-dokumentarischen Projekten. Mein Umfeld ist queer-feministisch, links-politisch und eher weiß. Teilnahme am Stadtgeschehen kann hier (auch) bedeuten, alternative (Handlungs-)Räume zu schaffen und sich aktiv an der Gestaltung (einer Vorstellung) von Stadt und Gesellschaft für alle zu beteiligen.

Eine Stadt, die demokratisch und nicht ökonomisch entwickelt wird und wo Menschen das Recht auf eine aktive und gleichberechtigte Teilnahme am Stadtgeschehen haben. Mit dieser „Brille“ bin ich in das Projekt „FünfzehnSüd“ eingestiegen und es spiegelt sich auch in der Auswahl der am Projekt beteiligten Menschen, Initiativen und Vereine wider.

Ein Frauenportrait

Erika Sehner. Pillergasse, seit 21 Jahren im Bezirk.

Rosa Haus in der Pillergasse Das ist die Pillergasse, über dieses Haus kann ich viel erzählen. Es gehörte einer alleinstehenden Frau, die eine große Wohnung im Haus und einen wunderschönen Garten mit Bienenzucht und Obstbäumen hatte. Hier gab es auch eine k. u. k. Essigfabrik. Der Essig wurde mit Kutschen und Pferden ausgeliefert.

Die Besitzerin war eine Freundin der Besitzerin unseres Hauses. Sie hieß Mimi oder Milli. Auch ein Taubenzüchterverein und ein Fassbinder waren im Haus. Das war um die Jahrhundertwende. Die Tochter von der, der das Haus gehörte, habe ich selbst getroffen und sie hat mir das alles erzählt.

Häuser an einer Straße

Zurückblickend auf die Ausgangsfrage „Wie nehmen die Bewohner*innen ihren Bezirk und die dort stattfindenden Veränderungen wahr?“ gibt es keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen. Gründe waren oft die (im Stadtvergleich) noch leistbaren Mieten in relativer Nähe zum Stadtzentrum, gute verkehrstechnische Anbindung und schnelle Erreichbarkeit des stadtnahen Grünraums.

Im persönlichen Alltag vieler Bewohner*innen spielen hingegen die Entwicklungen keine große Rolle. Hier ist viel mehr ausschlaggebend, wo die jeweiligen Bezugspunkte aufgrund der Arbeit, der Freizeit oder des sozialen Umfelds liegen. Eine Intention war, neben den präsenteren Akteur*innen im Bezirk auch solche zu Wort kommen zu lassen, die weniger präsent sind.

Ob mir das gelungen ist, kann man durchaus kritisch hinterfragen: Der Prozess, sich ein Netzwerk aufzubauen, Vertrauen zu gewinnen, Kontakte zu knüpfen und ein gewisses Wissen über den Bezirk und seine Akteur*innen anzueignen, ist sehr langwierig. Die Präsentation in zwei Ausstellungen und somit Abschluss des Projekts ist das Ergebnis dieses Prozesses und markiert einen Ist-Zustand.

* Grätzel sind in Wien Teile von Wohnbezirken. Ein Grätzel umfasst meist mehrere Häuserblöcke, jedoch gibt es für diese kleinsten städtischen Einheiten keine offiziellen Grenzziehungen. Ein Bezirksteil kann mehrere Grätzel umfassen.

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4 Kommentare

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  1. Anhand der Fotos kann ich leider nicht das Besondere dieses Wiener Bezirks erkennen – sie könnten aus vielen anderen mitteleuropäischen Städten stammen. Aus meiner Sicht ist es – soweit man nur die hier gezeigten Fotos einbezieht – eher ein Text- und kein Fotoprojekt. Auf der Projektseite sieht das dann schon eher etwas anders aus, aber auch anhand der dort gezeigten Fotos erkenne ich nicht das Besondere von „FünfzehnSüd“ – sie könnten z.B. auch in Berlin-Kreuzberg oder ähnlichen hippen Stadtbezirken anderer Städte stammen, was auch für die Beschreibungen der Lebensläufe/-entwürfe gilt.
    Ist „FünfzehnSüd“ in Wien etwas Besonderes, aber auf Europa gesehen etwas ganz Normales in großen Städten?

    • Das sehe ich ebenso. Ich las …

      “das Interieur ist anders gestaltet als in jeder anderen Bar, die ich bisher in Wien gesehen habe.

      Sie haben Sitzgruppen aus hellem Leder, Teppichboden und eine Bühne, die mit Neonröhren beleuchtet ist. Auf der anderen Seite der Bühne haben sie ein Eck, das man aufklappen kann und dort ist eine Wanne mit einer Dusche drin, die ich aber noch nie in Aktion gesehen habe.

      Als ich das erste Mal da war, ist ein Stripper aufgetreten, aber der hat nur zur Musik getanzt.”

      … und wunderte mich, wo denn die Fotos dazu seien.

      • Der 15.Bezirk hat auch nicht all zu viel das ihn Interessant macht. Generell ist es auch nicht verwunderlich das Wien nicht viel anders ist als andere Großstädte um Österreich. Natürlich hat jede Stadt etwas Kulturelles für sich, aber Häuser wurden und werden hier mehr oder weniger auf die gleiche Weise gebaut.

        Ich hätte im 15. mehr die Abwegigen und weniger schönen Teile fotografiert. Zudem ist der 15.Bezirk ein Bezirk wo an vielen Ecken sich Völker versammelt haben, die nicht ursprünglich aus Österreich kommen. Ebenso gibt es genug Winkeln wo sich die Junkies herumtreiben.
        Und natürlich kulturelles das zum 15.Bezirk gehört.

        Alles in allem findet man aber auch diese Probleme in jedem anderen Eck in dieser Region. Aber der 15.Bezirk hat noch viele alte Wohnhäuser, die, wie ich mir sicher bin, nach und nach verschwinden werden. Hier wäre meiner Meinung nach ein guter Ansatz Fotos zu machen, für die zukünftige Generation.

        Ich habe aber auch das Gefühl das es für den Künstler schon fast mehr ein persönliches Projekt war, da steht aus meiner Sicht der Betrachter gar nicht so im Vordergrund. Und vermutlich soll es auch vielmehr um die Menschen als um den Ort gehen?!