19. Oktober 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Heiliges Leder

Im hinduistischen Indien sind sie heilig, jenseits der Grenze im muslimischen Bangladesch nur noch ein Rohstoff – ich bin den Kühen auf ihrer gefährlichen Reise gefolgt. Mein Weg führte von den Ufern des heiligen Ganges über regionale indische Viehmärkte bis zum lukrativen Grenzschmuggel.

Auf den grenznahen Viehmärkten Bangladeschs werden indische Kühe auf dem Papier zu einheimischem Schlachtvieh umdeklariert. Dicht gedrängt werden die Tiere anschließend zur Verwertung in die Schlachthäuser Dhakas transportiert. Dort beginnt ein industrieller Prozess, an dessen Ende verseuchte Flüsse, kranke Arbeiter und billiges Leder für den Weltmarkt stehen.

Eine Kuh zwischen Menschen in Indien

Eine Kuh in der Stadt

In den letzten Jahrzehnten hat sich im Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch ein reger und lukrativer Kuhschmuggel etabliert. Der Verkauf der im Hinduismus Indiens als heilig geltenden Kühe ins muslimische Nachbarland bringt für die indischen Bauern oft das Doppelte dessen ein, was sie auf dem einheimischen Markt bekommen.

Nach Schätzungen von indischen Nachrichtenagenturen werden jährlich etwa zwei Millionen heilige Kühe über die 4.000 km lange Grenze ins ehemalige Ost-Pakistan geschmuggelt. Doch mit dem Wahlerfolg von Narendra Modis hindu-nationalistischer BJP (Bharatiya Janata Party) im Mai 2014 wurden ein Jahr darauf 30.000 indische Grenzsoldaten angewiesen, diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

Viehmarkt

Kühe werden auf einen LKW geladen

Trotz der verschärften Grenzkontrollen gelangen jedoch weiterhin indische Kühe ins benachbarte Bangladesch. Eine stetige Nachfrage bei stockendem Angebot garantiert einen lukrativen Gewinn. Dafür werden noch riskantere Schmuggelrouten oder höhere Bestechungsgelder riskiert.

Nachts werden die Tiere meist in großen Herden über den unwegsamen und schwer zu kontrollierenden Grenzstreifen nach Bangladesch geschmuggelt. In Bagachra, einem kleinen Ort kurz hinter der Grenze, ist der größte Viehmarkt im Südwesten Bangladeschs. Er gehört einem Geschäftsmann, der vom Staat mit einer Lizenz ausgestattet wurde, aus indischen Kühen einheimische zu machen.

Menschen reichen Geld durch ein Gitter

Ein Mann steht an einem Gitter

Hinter vergitterten Fenstern stellen Mitarbeiter für 500 Takka (etwa 6 €) pro Kuh die passende Staatsbürgerschaft aus. Von hier aus dürfen die Kühe nun wieder ganz legal weiterverkauft und abtransportiert werden. Ein Viehhändler, der nicht namentlich genannt werden möchte, erklärt:

Eine Herde von 100 Kühen kostet etwa 25.000 €. Die Bestechungsgelder für die indischen Polizisten oder Armeeangehörigen etwa 5000 €. 30 Schmuggler, die die gefährlichste Aufgabe übernehmen, sind dagegen schon für 200 € zu haben. In Bagachra bringt eine 100-köpfige Herde, je nach Größe der Tiere, 50.000 bis 60.000 € ein.

Kuhleichen an einer Straße aufgehangen

abgetrenne Kuhköpfe an einer Straße

Dicht an dicht gequetscht werden die Tiere nun auf Viehtransportern über ganz Bangladesch verteilt. In unzähligen Schlachthäusern oder nachts auf den in Bangladesch üblichen Straßenschlachtungen endet die lange Reise der ausgemergelten Tiere. Durch die seit Anfang 2015 geltenden indischen Grenzbeschränkungen ist der Preis von Rindfleisch in Bangladesch von vormals 280 Taka auf bis zu 400 Taka gestiegen (von 3,22 € auf 4,60 €).

Ein Großteil des Fleisches wird in die Golf-Staaten exportiert. Die Felle indes gelangen über Zwischenhändler nach Hazaribagh, einen Stadtteil von Dhaka. Hier haben mindestens 200 Ledergerbereien ihren Sitz. Im Jahr 2013 hat das New Yorker Blacksmith Institute den Bezirk zum fünftverseuchtesten Ort unserer Erde gewählt.

Ein Mann trägt das Fell von Kühen auf dem Kopf

Kuhhäute

Ein Rinnsaal färbt sich rot

Schon damals sollen hier mehr als 160.000 Menschen erkrankt sein – bunte Ströme der giftigen Gerbereiabwässer in der offenen Kanalisation geben einen Hinweis auf das Warum. Zwar hatte der oberste Gerichtshof in Dhaka die Regierung schon 2009 angewiesen, die Gerbereien umzusiedeln, aber passiert ist nichts. Im Gegenteil: Seitdem hat die Lederindustrie jährliche Umsatzsteigerungen bis zu 30 % erwirtschaftet.

Schutzkleidung wie Gummihandschuhe oder Plastikschürzen sind nur sporadisch vorhanden. Die Arbeiter stehen barfuß und einzig mit einem Lungi (einem baumwollenen Umhang) bekleidet in der giftigen Lauge. Atemwegserkrankungen und Hautausschläge sind hier an der Tagesordnung.

Ein Mann an einem großen Fass

Frauen sammeln zum Trocknen ausgelegtes Leder auf

Ein verschmutzter Hinterhof

Inzwischen hat sich das Leder der heiligen Kühe längst mit denen von einheimischen Kühen und Wasserbüffeln vermischt. Aufgespannt an Nägeln liegt es auf den Dächern der Gerbereien in der schimmernden Abendsonne zum Trocknen. Tierschutzorganisationen wie PETA fordern seit Langem eine nachvollziehbare Kennzeichnungspflicht für Leder.

So bedeutet ein „Made in Italy“ lediglich, dass das Zusammenfügen der Einzelteile zum Schuh in Italien durchgeführt wurde. Das Oberleder eines Schuhs kann beispielsweise in der Türkei zugeschnitten und gefärbt worden sein, die Gerbung und Schlachtung erfolgte zuvor in Bangladesch und die Kuh stammte ursprünglich aus Indien.

Ähnliche Artikel

Unterstütze kwerfeldein

Wenn Dir dieser Artikel oder das ganze Magazin gefällt, kannst Du die weitere Arbeit von kwerfeldein gern via Paypal, Überweisung oder Dauerauftrag mit dem, was es Dir wert ist, unterstützen. Vielen Dank!

kwerfeldein finanziert sich neben Werbeeinnahmen auch durch Provision von Verkäufen auf Amazon und freiwillige Beiträge der Leser*innen, um unabhängig zu bleiben.

Paypal


Überweisung

kwerfeldein
IBAN: DE0837050198 1933436766
BIC: COLSDE33XXX

Amazon

kwerfeldein @ Photocircle


4 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Hallo Christian,
    Eine sehr starke Reportage mit eindrucksvollen, relevanten Bildern usnd einem guten Text dazu. Diese Art der Fotoreportage schärft das Bewusstsein für die Mißstände in unserer globalisierten Welt, bei mir zumindest! Bitte mehr davon.
    Einen Gruss von
    Marc