Frau in kurzem schwarzen Kleid vor dunklem Waldhintergrund.
20. Oktober 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Gesichter einer Szene

Ich denke, bei vielen Fotograf*innen liegen Projekte in den virtuellen Schubladen, ohne je realisiert zu werden. Projekte, die darauf warten, angefangen zu werden und die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Dasein als Luftschlösser fristen. Ich denke auch, dass das ganz normal ist. Bei meinem Projekt „Gesichter einer Szene“ war es ähnlich: Die Idee war schnell geboren, die Sache anzugehen sollte jedoch eine Weile dauern.

Heute meine ich, dass es ganz gut war, dass ich nicht gleich drauflos fotografiert habe. Denn Dinge wie Lichtsetzung und Art der Darstellung sind mir erst in den beiden Jahren vor Beginn von „Gesichter einer Szene“ mehr und mehr in Fleisch und Blut übergegangen. Ich bin Musikliebhaber, wobei dem Heavy Metal mit all seinen Spielarten wohl meine größte Aufmerksamkeit zuteilwird. Ich bin schon seit fast 30 Jahren in eben dieser Szene und Subkultur verwurzelt, was in mir die Idee reifen ließ, meine beiden Hobbys Musik und Fotografie in einer Fotoserie zusammenzuführen.

Junger Mann in Lederjacke und Jeans vor Gebäude

Über die Jahre war und bin ich auch als Konzertfotograf tätig und komme naturgemäß oft direkt mit Musiker*innen und Fans in Kontakt. Man kennt und schätzt dort meine Arbeit und der erste Aufruf brachte dann auch schon ein gutes Feedback. Auch spielte der Gedanke eine Rolle, der Szene etwas „zurückzugeben“, für die vielen Jahre voller toller Konzerte, angenehmer Gespräche und guter Musik.

Mein Konzept sah vor, Menschen aus der Heavy-Metal-Szene auf eine Art zu fotografieren, die ohne aufregendes Posing auskommt. Eher auf eine – der Musik eigentlich nicht entsprechenden – ruhige Art. Weiterhin sollten die Aufnahmen in schwarzweiß gehalten sein, mit viel Schwarz, weil das eben auch das Erscheinungsbild der Szene wiedergibt.

Junge Frau sitzend vor einer Wand mit Bild.

Junger Mann stehend neben Amp und Gitarre lehnt an Wand mit Bandposter.

Die Protagonist*innen fragte ich anfangs persönlich, ob sie gern Teil der Serie sein möchten, mittlerweile kommen aber viele der Portraitierten ihrerseits auf mich zu. Die Orte, an denen fotografiert wird, können die Teilnehmer*innen selbst bestimmen. Das kann Zuhause vor der geliebten Plattensammlung, im Proberaum oder an einem Ort sein, wo sie sich wohlfühlen, der ihnen vertraut ist, den sie einfach mögen.

Es spielt auch keine Rolle, ob man Musiker*in, Organisator*in oder Fan ist, denn in dieser Szene funktioniert das Eine nicht ohne das Andere: Fan braucht Musiker*in, Musiker*in braucht Fan. Durch diese Vorgaben ist das Fotografieren für „Gesichter einer Szene“ immer auch eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Ich kenne nun immer öfter die Teilnehmer*innen vorher nicht, auch die Orte sind mir oft fremd und erfordern immer wieder, mich innerhalb kürzester Zeit mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

Frau stehend vor Meereshintergrund in schwarzweiß

Mir ist es immer sehr wichtig, die Portraitierten in einem guten Licht darzustellen, sowohl aus fotografischer Sicht als auch hinsichtlich dessen, was ich später zu ihnen schreiben werde. Denn die Fotosession läuft immer so ab, dass ich nach dem eigentlichen Fotografieren noch eine ganze Weile mit meinen Gegenüber rede und auch direkt ausfrage, wie sie denn überhaupt zum Heavy-Metal-Fans wurden.

Daraus entsteht später der Steckbrief mit einem kurzen Abriss über die ganz eigene Geschichte innerhalb der Metal-Szene. Die meisten Teilnehmer*innen gaben dabei auch das eigene Alter und ihren Beruf an. Also Variablen, die es gerade Außenstehenden erleichtert, eine Einordnung dieser Menschen innerhalb der Gesellschaft vorzunehmen.

Mann lehnt draußen an einem Stein.

Großer aufgetürmter Steinhaufen neben dem ein Mann mit Tribalpullover steht.

„Gesichter einer Szene“ ist zunächst ohne definiertes Ende angelegt. Im ersten Jahr ist mein Ziel, jede Woche einen neuen „Fan“ zu präsentieren, was mir letztlich bisher gelungen ist. Was habe ich in diesem nun bald endenden ersten Jahr für mich mitgenommen, was macht die Serie mit mir? Nun, ich habe sehr, sehr viel gelernt. Das fängt damit an, Kontakt aufzunehmen, einen Termin zu finden, meine eigene Bequemlichkeit zu überwinden und auch mal an einem Sonntag mit dem Auto irgendwohin zu fahren, um Aufnahmen zu machen.

Mann sitzt auf abgestorbenem Baumstamm

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ich habe mich beim Fotografieren von Menschen weiterentwickelt – die Kommunikation mit meinen Teilnehmer*innen, die Anregungen, wie die zu Portraitierenden sich geben könnten, wie man steht oder sitzt, die Kontrolle von Kleinigkeiten und nebenbei zu erklären, was ich mache, damit die Fotosession schön locker läuft.

Nicht zu vergessen das Einschätzen von unbekannten Orten, um innerhalb kurzer Zeit eine geeignete Perspektive, den Hintergrund oder das Foto unterstützende Details festzulegen. Und: Das gute Gefühl, ein Projekt voranzutreiben, das nicht nur mir, sondern vielen anderen Menschen in meinem Umfeld etwas gibt, was man auch mit Stolz und Selbstreflexion umschreiben könnte.

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