Ein älterer Mann steht vor einem Loch auf einem Mensch-ärger-dich-nicht-Feld.
15. Juni 2016 Lesezeit: ~6 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Esther Margraff

Bei mir müsste man den Titel umkehren: Vom Bild zur Idee. Ich fotografiere eigentlich bei allen möglichen Gelegenheiten, auf Reisen, beim Wandern, manchmal ganz einfach beim Einkaufsbummel oder auf der Straße. Manche realen Szenen sind so köstlich und skurril, da braucht man mit Fantasie gar nicht mehr nachzuhelfen.

Der ältere Herr vor der Dali-Ausstellung in Lüttich war mir aufgefallen wegen seines Outfits: Ich fand, sein Trenchcoat hatte eine gewisse Klasse, sowieso seine ganze Erscheinung. Unterschwellig hat er mich sicher schon zu diesem Zeitpunkt an Gilbert Garcin erinnert, der sich selbst ja sein bestes Modell war. Seine surrealen Bilder haben mich schon immer fasziniert. Mir war klar, dass dieser Herr für eine Bildkomposition taugen könnte und ich habe ein paar Fotos von ihm gemacht.

Ein älterer Mann steht vor einem Dali-Elefanten.

Es war aber die gebeugte Haltung auf diesem einen Foto, die mich inspirierte, auch sein nach unten gerichteter Blick. Man braucht sich nur den Dali-Elefanten weg zu denken, dann wirkt sein Blick sinnlos, traurig, leer.

Bei meinem Herrn war darum auch meine erste Intuition, den Elefanten zu entfernen und an seiner Stelle ein Hüpfspiel auf den Boden zu malen. Alter Mann vor Hüpfspiel. Ich fand die Idee eigentlich schon gar nicht so schlecht, aber es fehlte mir noch der Kick, etwas Überraschendes.

Ich habe mich im Netz nach Bildern von Hüpfspielen umgesehen, dann anschließend meine Suche auf Spiele im Allgemeinen ausgedehnt und da bin ich ziemlich schnell auf „Mensch ärgere Dich nicht“ gestoßen – und es hat Klick gemacht. Schon allein der Name des Spiels! Damit musste etwas zu machen sein!

Und sofort sah ich meinen Herrn als Spielfigur und da er nach unten schaute, kam mir die Idee mit dem Loch. Der Rest war nur noch logisch und machte Sinn: Das Leben ist ein Spiel, aber wenn Du das Ziel erreichst, dann ist das Spiel auch aus. Also genieße es, ärgere Dich so wenig wie möglich und nimm Dich nicht für zu wichtig. Es ist nur ein Spiel!

In einem Bildbearbeitungsprogramm ausgeschnittener älterer Herr.

Um das Bild Garcin-mäßig in schwarzweiß auf den Punkt zu bringen, brauchte ich einen neuen Hintergrund. Ich habe den Herrn also freigestellt und ein Smartobjekt daraus gemacht. Ich arbeite mit Corel Photopaint, daher ist der Wortschatz vielleicht etwas anders. Im Prinzip funktioniert es aber wie Photoshop.

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das „Mensch ärgere Dich nicht“-Feld „real“ abfotografieren oder es lieber rendern sollte. Da die Idee mit dem Loch ja schon stand, hab ich mich letztendlich fürs Rendern entschieden, denn das erlaubte mir, das Loch sehr realistisch zu simulieren, mit korrektem Schattenwurf.

Ich rendere meistens mit Vue Esprit11, das ist ein 3D-Programm, das hauptsächlich auf Landschaften ausgerichtet ist, aber natürlich kann es auch Objekte rendern und ist ziemlich vielseitig. Rendern hat viele Vorteile: Man kann sich fehlende Dinge für eine Montage selbst generieren, man kann sie drehen und wenden wie man will, man kann sie aus schier unmöglichen Perspektiven betrachten, man kann ihre Textur ändern und eigene mit einbeziehen, Lichtstimmungen erzeugen – alles sehr hilfreich, vor allen Dingen, wenn es surreal sein soll. Da wird Unmögliches plötzlich möglich.

Eine Figur steht auf einem Mensch-ärger-dich-nicht-Feld.

Da ich schon einmal dabei war, habe ich auch gleich eine Poserfigur als Platzhalter genau dorthin gestellt, wo später der ältere Herr in der Montage erscheinen würde. Damit war mir ein korrekter Schattenwurf gesichert. Ich besitze noch eine uralte Version von Poser und da die Figuren mir eigentlich viel zu künstlich sind, benutze ich sie nur noch als Platzhalter für meine Renderings, die ich später mit „echten“ Figuren bestücke.

Bei der Regelung der Lichtstimmung orientiere ich mich an meinem vorhandenen Smartobjekt: Es bestimmt, von wo das Licht einfällt, die Härte des Lichts, die Position meiner Kamera und so weiter. Ich habe das Spielfeld mit einer leichten Grastextur versehen, damit es weniger künstlich erscheint und sich besser in die Landschaft integriert. 3D-Programme sind wahre Wundermaschinen. Ich staune immer wieder, was man alles mit ihnen machen kann, wie viele Regler es gibt, was man alles beeinflussen kann.

Screenshot eines 3D-Bearbeitungprogramms.

Nachdem alles platziert war und die Lichtstimmung passte, habe ich den Computer dann rendern lassen. Da knuspert der Rechner oft stundenlang, wenn er aus den Rohdateien ein fertiges Bild errechnen muss. Nachdem ich alle Bildelemente zusammen hatte, habe ich den Mann in das gerenderte Bild eingebunden. Stellenweise musste ich dabei die Poserfigur etwas wegpixeln, die Schattenform leicht korrigieren und Kontraste ein wenig anpassen, aber das war es dann auch schon.

Wenn alle Ebenen zusammen verrechnet sind, schicke ich das Bild durch die Nik-Filtermühle. Meine Nik-Filter sind in NX-Capture eingebunden, das ich auch zur Raw-Entwicklung meiner Nikondateien nutze. Für mich sind NX-Capture und Nik-Filter ein wahres Dreamteam, das leider seine Zusammenarbeit gekündigt hat. Jammerschade!

Ich habe zuerst an den Kontrasten gearbeitet und dabei ganz gezielt mein Augenmerk auf das Loch gerichtet. Mit dem Erkennungswert des Lochs steht und fällt mein Bild. Es war mir sehr wichtig, es gut herauszuarbeiten. Und da meine Idee aufs Wesentliche reduziert sein sollte und ich immer noch Gilbert Garcin im Hinterkopf hatte, habe ich es auch konsequent monochrom gehalten. Mit dem Darken/Lighten-Effekt etwas den Blick zentrieren, Schärfe regeln und fertig war mein Bild!

Ein älterer Mann steht vor einem Loch auf einem Mensch-ärger-dich-nicht-Feld.

Ich denke, dass sich Fantasie trainieren lässt. Ich habe oft mit meinen Schülern ganz einfache Übungen gemacht, um die Fantasie anzuregen. Einfach Wörter in den Raum geschmissen, sie zu neuen Wortgebilden kombiniert und sie mussten sich diese unwirklichen Dinge dann bildlich vorstellen.

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13 Kommentare

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  1. Das Originalbild ist in seiner Aussage schon stimmig. Die genannten „Ablenkungen“ lassen sich wegstempeln und hätten vor dem urbanen Hintergrund, meine persönliche Meinung, eine für jeden Menschen verständliche Bildaussage ergeben. In der nachträglichen Bearbeitung finde ich das Bild „verkünstelt“.

  2. Die hier gezeigten Bilder machen ja nur einen kleinen Teil des Spektrums von Esthers Arbeiten sichtbar. Erst auf ihrem thread bei „fotocommunity“ habe ich gesehen, wie genial sie Bildideen realisiert. Da muss man nicht mehr an Details rummäkeln – einfach klasse!

  3. Das Bild gefällt mir sehr und auch die Entstehungsgeschichte / Bildbearbeitung finde ich sehr interessant.
    Nur muss ich ehrlich sein: Auch ich bin eine derjenigen, die das Loch erst durch das Lesen des Artikels entdeckt haben. Im bunten Zwischenbild fällt das Loch noch eher auf als im späteren schwarz-weißen Endprodukt. Auch wenn ich zuerst nur ein andersfarbiges, schattiertes Feld statt einem Loch gesehen habe.
    Doch warum habe ich das Loch nicht als solches erkannt? Ich vermute, weil das Loch einfach zu „glatt“ ist. Keine Abbruchkanten, kein leicht unregelmäßiger Umriss, etc.

    Ich weiß nicht, an welche Art Loch Esther Margraff bei der Erschaffung des Bildes gedacht hat. An ein Loch, das bereits bei der Errichtung des Spielplanes vom „Architekten“ eingeplant war – oder an ein Loch, welches sich plötzlich vor dem Herrn aufgetan hat. Bei ersterem, „geplanten“ Loch mag eine glatte Kontur ja noch zutreffend sein – beim zweiteren bräuchte es jedoch etwas Kanten und Unregelmäßigkeiten. Gerne dürfte dann das Loch auch geringfügig größer sein als das Feld. Wer in Google-Bildersuche „Erdloch“ eingibt, der findet schnell, wie ich mir hier persönlich das Loch vorgestellt hätte.

    • Viele Dank Barbara für deine konstrutive Auseinandersetzung mit meinem Bild. Ich hatte tatsächlich auch zunächst daran gedacht das Loch als Erdloch zu gestalten und habe mit Vue verschiedene Materialstrukturen in diese Richtung ausprobiert. Die rauen Strukturen schluckten aber noch mehr die Kontraste was für eine monochrome Gestaltung, meiner Meinung nach, eher hinderlich war. Die abgebrochenen Kanten hätten den Erkennungswert vielleicht wieder ausgeglichen, das finde ich eine gute Idee. Es ist immer ein kontinuierliches Abwägen. Nun ja, ich muss wohl jetzt damit leben dass die Idee dann doch hintergründiger daher kommt als geplant.
      Aber was soll’s: ich will mich auch nicht zu sehr ärgern, es ist ein Spiel, da hab ich wohl schlecht gewürfelt.

      Für mich ist übrigens der „Herr“ der Architekt des Spiels und er würfelt zuletzt.

      Danke an alle für euer Feedback!
      Und jetzt zurück zum Fußball. Drückt Belgien bitte die Daumen!!
      Danke !! :o)

  4. ich weiss nicht, warum sich alle an dem bewussten loch so unbedingt festhalten.
    natürlich ist es der idee geschuldet, doch die meisten haben doch genug „sinn“ in dieser arbeit gefunden ohne „loch“ :-)
    ich hätte es nicht unbedingt gebraucht, um den letzten hupfer, als das ende zu erkenne.
    übrigens man muss sich am ende nicht beeilen, dem am ende ist jeder der erste….
    viele grüsse nach belgien, die ja nun doch trotz drücken… aber die ösis waren schon viel früher….
    frank