Eine Frau liegt unbekleidet und mit angezogenen Beinen auf dem Bette und starrt an die Decke
14. Juni 2016

Masha Svyatogors Blick auf Weißrussland

Das Weltall ist unfassbar und unbarmherzig. Ich werde wieder und wieder geboren – verletzlich, windgepeitscht und nicht für die gesellschaftliche Hölle gemacht, wie ein Insekt, das auf seinen dünnen Beinchen umherstakst und nicht einmal die einfachsten Fragen zu beantworten weiß: Wo bin ich? Was tue ich? Warum?
– Masha Svatogor, „My Poor Little Room of Imagination“

Die weißrussische Fotografin Masha Svyatogor fängt in ihren von Intimität und Melancholie geprägten analogen Arbeiten den Verlust und die Orientierungslosigkeit ihrer Generation in ihrer Heimat ein.

Die junge Fotografin, die nach einiger Zeit im polnischen Krakau mittlerweile wieder in Minsk lebt, beschäftigt sich in ihren Serien „One Upon the Time in a Kingdom Far Away“ und „My Poor Little Room of Imagination“ mit dem Dasein in einem politisch zerrütteten Land. Dafür portraitiert sie die Menschen bevorzugt in ihrer alltäglichen Lebenswelt und fotografiert sie in den eigenen vier Wänden oder dem persönlichen Umfeld.

Diese Bilder wechselt sie dann mit Aufnahmen von Minsk (in „My Poor Little Room of Imagination“) oder ihrem alten Zuhause ab (in „Once Upon the Time in a Kingdom Far Away“). Die physische und psychische Distanz zur Heimat löste dabei in ihr den Wunsch aus, die „unlogischen, absurden, irrationalen und unerklärlichen“ Ereignisse in Weißrussland zu verarbeiten, die sie als „lähmend“ und „lächerlich“ empfand:

Die Bilder meiner Serie „My Poor Little Room of Imagination“ entstanden schon vor langer Zeit. Damals verbrachte ich viel Zeit damit, über das Chaos nachzudenken, in dem wir lebten. Ich dachte darüber nach, wie wir uns daran anpassten, um nicht unterzugehen. Ich wuchs in einer halbverlassenen Nachbarschaft auf und verbrachte mein ganzes Leben in einer Wohnung der „Chruschtschow-Ära“. Das wirkte sich darauf aus, wie ich die Welt wahrnahm.

Ich sehe keine gotischen, barocken oder modernistischen Gebäude, sondern die Überbleibsel der sowjetischen Massenarchitektur. Dieses Umfeld zog mich auf. Ich kann ihm nicht entkommen; ich kann es nicht ausblenden oder aus meinem „kulturellen Gedächtnis“ löschen, denn dieser „Code“ wurde in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich hatte gar nicht die Absicht, mich auf die Darstellung verwahrloster post-sowjetischer Innenansichten und unzulänglicher Lebensumstände zu konzentrieren. So leben wir nun einmal. Ich war nicht auf der Suche nach künstlichem Dekor, der nichts mit der Realität zu tun hat.

Ein Zug rauscht an einem dunklen Winterabend an einem schneebedeckten Bahnhof vorbei

Ein Schild in einer weißrussischen Plattenbausiedlung

Eine Frau mit gepiercten Wangen schaut aus dem FensterEine tätowierte Frau in einem roten Kleid mit einer Krone und verschmierten Lippenstift sitzt auf dem Bett und schaut aus dem Fenster

Eine vereinzelt schneebedeckte Landschaft

Eine Frau mit nacktem Oberkörper sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf dem BettPorträt einer blonden Frau mit Hut

Eine blonde Frau steht in einem leeren Raum und schaut aus dem Fenster

Zwei geblümte Matrazen lehnen an der Wand

Eine Frau in einem Bademantel schaut aus dem FensterEine blonde Frau im schwarzen Kleid schaut aus dem Fenster

Eine unbekleidete Frau liegt auf dem Bett und schaut mit angezogenen Beinen zur Decke

Eine Tür führt in einen Garten

Ein Pärchen sitzt auf einem Bett vor einer Tapete mit buntem Laub

Eine auf dem Küchenboden sitzende Frau verbirgt ihr Gesicht hinter einer Schranktür

Ein Mann umschlingt die Beine einer Frau und schaut ins Leere

Eine Frau in einem roten Kleid mit einem Harlekingesicht steht vor einem Klavier und raucht

Heimat – ein wichtiges Konzept in Mashas Arbeiten – ist gleichermaßen Ort der Hoffnung und des Schmerzes, dem man entkommen will, es aber nicht kann, weil Erinnerung nicht vergeht und nicht vergehen soll, und an den man deshalb zurückkehrt, so wie Mashas Portraitierte, die mal die Betrachter*innen direkt anblicken und mal an der Kamera vorbei ins Leere schauen, so als würden sie etwas suchen – vielleicht das, was die Fotografin im Prolog ihrer Serie „One Upon the Time in a Kingdom Far Away“ in ihrem alten Zuhause fand:

Ich schien nach einer langen Zeit der Abwesenheit, die ich in einer Art Gefangenschaft oder auf einer Pilgerschaft verbracht hatte, die fast die Hälfte meines Lebens ins Anspruch genommen hatte, aus der Vergessenheit heraus in das Haus meiner Seele zurückzukehren…

Für Masha ist Weißrussland eine Terra incognita, nicht nur in fotografischer Hinsicht. Denn auch wenn der Schwermut im Angesicht der erdrückenden politischen Lage im Land zuweilen schwer auf den Schultern lasten mag, gibt es für die Fotografin in ihrer Heimat viel zu entdecken, das vor der Resignation bewahrt. Nicht umsonst heißt es im Epilog zu Mashas Serie „My Poor Little Room of Imagination“: „Es ist okay, ein gesellschaftlicher Außenseiter zu sein, Baby.“

Wer mehr über Mashas Arbeiten erfahren möchte, findet sie bei Cargo Collective, Instagram und Facebook.

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10 Kommentare

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    • Hallo Michael,

      ich stolpere auch schon seit Jahren immer wieder über ihre Arbeiten und bin/war jedes Mal unheimlich fasziniert, weil sie ohne jede Effekthascherei sehr ausdrucksstark sind. Ich freue mich, dass ich die Gelenheit hatte, Masha vorzustellen. Schaue doch auch mal auf ihrer Seite bei Cargo Collective rein, sie macht auch sehr spannende, absurd-skurile Collagen, in denen sie Portrait und Architektur miteinander verschmilzt, vielleicht auch, um abermals die Absurdität ihrer Erfahrungen in Weißrussland zu verarbeiten — jedenfalls interpretiere ich das so.

  1. Ich war noch nie in Minsk, aber mich erinnern die Bilder an Prag, wo ich im Januar und Februar 2007 ein paar Wochen lang war. Googelt man „Minsk“, sieht es nicht schlecht aus, aber Mashas Bilder sehen vollkommen anders aus.
    Genauso habe ich Prag erlebt. Die Innenstadt sieht gut aus, aber fuhr ich nur eine halbe oder dreiviertel Stunde lang mit Bussen in die Vororte, sah alles ganz furchbar grau, trist, kalt, deprimierend aus. Außen an den Fenstern der Hochhäuser hingen überall Plastiktüten mit Wodkaflaschen, weil die Bewohner keine Kühlschränke hatten. Mein Hotel kostete nur sechs Euro pro Woche. Ich wohnte im achten von dreizehn Stockwerken, es gab keinen Aufzug. Ich hatte ein Doppelzimmer, allein, aber eines nachts wachte ich auf und sah in dem anderen Bett einen vollbärtigen Mann schlafen, kein Russe, vermutlich war er aus Aserbaidschan oder Dagestan oder Tschetschenien. Er war ganz friedlich und vermutlich sogar sympathisch, aber ich war so geschockt, dass ich ihn laut schreiend aus dem Zimmer warf.
    Diese Bilder in meiner Erinnerung, eigentlich längst vergessen und verdrängt, kamen beim Anblick einiger dieser Bilder sofort wieder.
    Ich finde es interessant, wie unterschiedlich die Menschen auf Mashas Bildern aussehen: kritisch, nachdenklich, fragend, abwesend, zärtlich, abgewandt.

    • Hallo Jürgen,

      in Minsk war ich ebenfalls noch nicht, dafür aber in Prag und in Sofia. Dort war es so, wie Du es beschreiben hast (in Sofia tatsächlich mehr als in Prag, das ja im Vergleich um einiges touristischer ist). Ich kann Deine Assoziationen gut nachvollziehen, und vielleicht spielte etwas Ähnliches auch bei mir herein, als ich die Bilder auswählte.

      Mashas Portraits sind auf jeden Fall sehr kraftvoll und abwechslungsreich. Ich schätze ihren Stil, der – so paradox das klingen mag – für mich gleichzeitig Distanz und Nähe ausstrahlt. Aber dass ich die Bilder mag, ist ja klar, sonst hätte ich sie nicht ausgewählt. Es freut mich, dass Du an ihnen ebenfalls Gefallen findest!

  2. Ich habe fünf Jahre meiner Jugend im sowjetischen Minsk verbracht. Minsk wurde damals als Vorzeigestadt der Sowjetunion gehandelt. Dort gab “alles“, und alles war dort schön. Wer dort studieren und leben durfte, konnte sich glücklich schätzen. Das waren wir auch, und die Welt war jung … höre ich Marlene Dietrich singen.
    Ich war nie wieder da. Meine Tochter möchte mit mir dahin reisen, in die Stadt, wo ihre Eltern vor 30 Jahren sich kennengelert und geliebt haben. Wir werden es bestimmt tun, ich brauche aber noch ein bisschen Zeit, denn diese ist keine Fotoreise ins Ausland. Ich werde dort die Wege meiner Jugend noch ein Mal gehen und begreifen, wie alt und anders ich geworden bin.
    Diese Bilder zeigen ein anderes Minsk, oder überhaupt kein Minsk, oder vielleicht ein Minsk, der für unsere Studentenaugen damals unsichtbar war. Aber ich spüre in diesen Gesichtern, und in diesen Räumen, Bekanntes von damals. Ich glaube sogar, es ist das Licht, die Wohnheimluft, diese unsagbare Langeweile, die Russen wie Weißrussen umbringen kann, was mich fesselt.
    Danke für das zeigen.

    • Hallo Pérez,

      herzlichen Dank für die Schilderung Deiner persönlichen Verbindung zu Minsk. Eine Reise auf den Spuren der eigenen Jugend stelle ich mich ungemein inspirierend, erhellend und vielleicht zuweilen sogar ernüchternd vor, je nachdem, was man dort vorfindet und wie es zu den eigenen Erinnerungen passt. Für Euch und Eure Tochter wird es bestimmt eine interessante Erfahrung.

      Diese „Langeweile“, die Du erwähnst, ist auch für mich auf den Bildern erkennbar, wobei ich sie eher mit der von Masha erwähnten „Lähmung“ in Verbindung bringe, die der erdrückenden politischen Lage im Land geschuldet ist. Schließlich wird Weißrussland autoritär regiert und von manchen deshalb als „letzte“ oder „vergessene Diktatur Europas“ bezeichnet.

      • Hallo Laura, ich glaube nicht, dass das Minsk, was ich dort vorfinden werde, zu sehr anders ist, als das Minsk meiner Jugend. Wir Studenten bewegten uns im monumental stalinistischen Zentrum der Stadt, entlang des Leninski Prospekts,, durch den Park Kulturi, gingen zum Theater, zur Bibliothek und zur Uni, die damals wie heute in direkter Nachbarschaft mit der Machtzentrale der Regierung stand. Armut und Wohlstand gab es damals auch, Weltschmerz hatten die Leute im Überfluss und den Master und Margarita wurde vielerorts mit Gier gelesen. Meine Sorge ist nicht Minsk, sondern die Erinnerung an mich selbst.
        Und ja, sicherlich potenziert die politische Lage den Weltschmerz in der ewigen Gestalt der Langeweile und der Leere, aber die Mulde der weißrussischer Seele wurde nicht allein durch diese Diktatur geschafft. Das Ganze hat eine ganz andere kulturelle Tiefe.