Nahaufnahme einer zerissenen Zeitung
28. Mai 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Hört die Welt uns zu?

Mein Name ist Morad Deeb. Ich bin 24 Jahre alt und komme aus Syrien. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Stadt Homs. Dort studierte ich Ingenieurswesen; ich war im dritten Studienjahr, als ich die Universität verlassen musste, weil ich mich in der Opposition engagierte. Ich gehörte einer kleinen Gruppe von Studenten an. Wir dokumentierten eigentlich alles, was in Homs während der Belagerung vor sich ging: die Demonstrationen, die Belagerung der Stadt, die willkürlichen Angriffe der syrischen Armee, die Zerstörung sowie den Hunger und die Verzweiflung der Bevölkerung.

Ich war verantwortlich für die Aufbereitung und Verbreitung des Bildmaterials. Täglich sendete ich Bilder und Texte durch die sozialen Netzwerke in die Welt. Fotografie wurde für mich das einzig zur Verfügung stehende Kommunikationsmittel, der Kontakt nach draußen, um der Welt zu erzählen, was in Homs wirklich vor sich ging. Für mich ist Fotografie eine Waffe.

Ich bin überzeugt, dass ein Bild die Welt verändern kann. Ich glaube immer noch an die Kraft des Bildes, aber ich habe meinen Glauben an die Welt verloren. Als ich noch in Homs war, bedeutete ein Bild alles für mich. Ich sprach zur Welt, aber die Welt hörte uns nicht zu.

Schemen von Menschen, die eine Treppe hinauf steigen

Als die Kämpfe an Intensität zunahmen und die Lage immer aussichtsloser wurde, floh ich nach Damaskus. Dort schloss ich mich einer anderen oppositionellen Studentengruppe an. Wir flogen auf, man hatte uns überwacht und alle Aktivitäten ausspioniert. Ich kam in das berüchtigte Gefängnis „215“. Ein Gefängnis der Geheimpolizei, man verdächtigte mich, an der Seite der Rebellen gekämpft zu haben. Ich wurde verhört und gefoltert.

Einige meiner Freunde sind immer noch im Gefängnis, viele sind umgekommen. Durch persönliche Kontakte meiner Familie kam ich schließlich frei. Doch ich wurde weiterhin überwacht und regelmäßig von der Geheimpolizei zu Verhören vorgeladen.

Eine Hauswand im Sonnenlicht

Ich verließ kurz darauf Syrien und ging in die Türkei. Dort versuchte ich, Fuß zu fassen und suchte mir eine Arbeit. Ich arbeitete als Freiwilliger in den Lagern für Geflüchtete, in denen die syrischen Geflüchteten zu Tausenden untergebracht wurden und die täglich größer wurden. Allerdings hatte ich in der Türkei keine Aussicht darauf, mein Studium zu beenden, auch die Chancen auf einen besser bezahlten Job waren gering. Da mein Bruder schon in Deutschland lebte, entschloss ich mich, auch nach Deutschland zu gehen und mir hier ein neues Leben aufzubauen.

Seitdem wohne ich in Potsdam. Anfangs hatte ich viel Freizeit und wollte etwas Interessantes machen. Im Internet sah ich den Aufruf zum Fotoworkshop und registrierte mich sofort. Ich wollte mehr über Fotografie erfahren, meine Kenntnisse erweitern und vor allem wollte ich Fotografie für etwas anderes nutzen, als nur Leid und Zerstörung zu dokumentieren.

Am Workshop hat mir das Arbeiten im Team am besten gefallen. Wir haben gemeinsam Ideen entwickelt und uns die Fotos der Workshopteilnehmer gemeinsam angesehen. Die Bilder der anderen Workshopteilnehmer zu sehen und darüber zu sprechen, was sie bewegt und warum sie diese Bilder gemacht haben, hat uns einander näher gebracht.

Nahaufnahme einer zerissenen Zeitung

Im Workshop habe ich auch gelernt, wie man eigene Projekte inhaltlich konzipiert und umsetzt. Also alles, was ich vorher eher intuitiv gemacht habe, mache ich jetzt bewusster. Jetzt schaue ich auch kritischer auf meine Bilder. Mein Ziel ist es, Bilder zu machen, die mehr sind als eine bloße Dokumentation. Ich möchte Geschichten erzählen, die über den Moment hinausgehen. Das ist eine Herausforderung und nicht immer einfach. Was ist meine Geschichte? Wo komme ich her? Wo will ich hin? Das sind die Fragen, die mich bewegen.

In Syrien habe ich den Krieg dokumentiert. Alles drehte sich nur um dieses eine Thema. Und in Potsdam wusste ich auf einmal nicht mehr, was ich fotografieren sollte. Einkaufspassagen? Schön verputzte Häuser ohne Einschusslöcher? Wir haben uns oft darüber unterhalten, wie ich meine Situation darstellen könnte.

Diese gemeinsamen Gespräche waren eine gute Möglichkeit, meine eigene Situation, mein neues Leben in der Fremde, besser zu verstehen. Und auch das Lebensgefühl der anderen Syrer. Ich denke, dass jeder seine eigene Geschichte hat und jeder seine eigene Geschichte erzählen muss. Ich habe angefangen, viel über unsere Gemeinsamkeiten und unsere Geschichten nachzudenken. Jetzt nehme ich Syrer anders wahr.

Speichen eines orangenen Fahrrads

Vor allem möchte ich eine Geschichte über Flucht erzählen, eine Geschichte, die erzählt, warum Menschen wie ich ihre Heimat und ihre Kultur verlassen müssen. Warum sind wir geflohen? Warum lassen wir alles zurück? Ich hoffe, dass ich auch eine Geschichte der Syrer erzählen kann. Wir haben alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht, kommen aus verschiedenen Regionen und Familien und haben unterschiedliche Ansichten, aber im Kern sind unsere Geschichten gleich.

Syria on the Move organisiert Fotoworkshops und gibt syrischen Geflüchteten die Möglichkeit, durch Fotografie ihre Geschichte zu erzählen. Am Dienstag, den 31. Mai öffnet in Potsdam die Ausstellung Potsdam inside out mit Ergebnissen aus den Fotoworkshops.

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  1. Junger Mann, lieber Morad, vor 25 Jahren habe ich auch Land, Heimat Karriere und Sprache hinter mir gelassen und versuchte, die ersten Schritte in diesem Land zu machen. Wie du heute. Im Gepäck hatte ich Frust, Hoffnung und wieder Frust. Aber auch einen dezidierten Wille zu neuem Leben. Mein Schicksal in der alten Heimat war nicht so tragisch wie deiner. Ich war ein Einwanderer, auf keinem Fall ein Flüchting. Aber die Tragik des neuen Anfangs, der Verlust meiner Sprache, und Kultur, das Verschwinden der Orientierung, das Weichwerden meiner Erwartungen, das Flüssigwerden meiner Idealen , der Verlust der Solidität meines Ichs in diesen Jahren des Anfangs habe ich nicht vergessen. Die Uerträgliche Leichtigkeit des Seins – in dieser Zeit lass ich Milan Kundera, haben wir gemeinsam.
    Du bist Syrier, ich Kubaner, und ich kann dein Vater sein … Aber du erinnerst mich sehr an mich. Du hast der Weg der Fotografie gewählt, um dein Ich in neuen Fomen über Grenzen hinaus zu retten. Ich habe damals das Wort gewählt. Ich schrieb wöchentlich für eine Tageszeitung, mit Hilfe meiner deutschen Frau. Doch der Zustand, dass mein ich nur ein übersetztes ich war, machte mich auf Dauer unzufrieden. Auf die Fotografie kam ich viel später, als im Kopf, in der Seele und auch im Sinne des Gesetzes längst Deutscher war. Ich wollte unmittelbar ich sein.
    Mit der Fotografie, in einem bildübersättigten Land wie Deutschland, hast du keinen leichten Weg gewählt. Du hast viel zu lernen bei uns, das tust du auch. Du willst in der Fotografie eine Quelle der Freude, des Lebens finden, nicht nur ein Abbild des Leidens. Das gefällt mir. Du wirst aber bei uns auch Verzweiflung und die daraus resultierende Frust erfahren. Der Horizont, wie meine Ideale damals, wird streckenweise unerträglich unscharf sein. Das kann dir keiner ersparen, hier muss du dich allein auf den Autofokus im übertragenen Sinne verlassen. Vergesse bitte in diesen Momenten nicht, dass du etwas besitzt, etwas Wertvolles, was viele von uns Wohlstandsdeutsche nie besessen haben und nur künstlich zu ersetzen versuchen. Du hast Fotografie als Waffe erlebt, du hast damit Geschichten erzählt, echte Gesichte, auch wenn sie unendlich traurig waren. Wir danken Gott, oder auch wem immer, dass wir diese deine Geschichte nicht erleben und erzählen mussten, aber wie wissen, wie wertvoll und unersetzbar deine Lebenserfahrung ist. Vergesse die traurigen Geschichten so schnell es geht, behalte aber den Drang zum echt Menschlichen. Du hast was zu erzählen, du hast bereits Wahres erzählt.
    Du bist echt! Das, was du kannst, werden viele von uns nie können. Das, was wir können, kannst du aber relativ schnell erlernen. Lass uns an deinen Fortschritten teilhaben. Ich freue mich, dass du bei uns bist.
    (PS: ich danke dem bzw. Der arabisch Übersetzer/rin …)