13. Juli 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Rezension: Roger Steffens – the family acid

Es gibt eine ganze Reihe von Auslösern, ein Fotobuch zusammenzustellen und zu realisieren. Seien es nun konkrete Projekte, Serien oder auch Monografien, die eine Rückschau auf das Lebenswerk eines Fotografen liefern. Eine Herausforderung ist dabei immer auch, aus einer großen Menge Bilder eine wirklich starke Auswahl zu treffen und diese in eine stimmige Reihenfolge zu bringen.

Bei Robert Franks „The Americans“ oder Richard Avedon bildeten jeweils Zehntausende Bilder den Stamm, aus dem es etwas mehr als 100 Bilder zu wählen galt. Das Buch „the family acid“ von Roger Steffens, das ich heute vorstellen möchte, ist keine Monografie und die Bilder haben nur einen zeitlichen Zusammenhang. Vor allem aber handelt es sich um eine Selektion von weniger als 100 Bildern, die aus der enormen Menge von 300.000 Fotos ausgewählt wurden. Die Eckdaten dieses Werks sind schon ziemlich außergewöhnlich, die Geschichte dahinter ist es erst recht.

© Roger Steffens - The FamilyAcid

© Roger Steffens - The FamilyAcid

Das Buch umfasst auf seinen knapp 130 Seiten im Bildteil knapp 70 Fotos. Es liegt als Hardcover mit Stoffeinband vor. Nach dem Bildteil findet man zu jedem Bild einen Titel und eine Beschreibung, wie das Bild entstanden ist. Um die Bilder zu verstehen, ist dieser Kontext auch nötig. Der Aufbau des Buchs gibt dem Leser jedoch die Möglichkeit, den Hintergrund erst einmal außen vor zu lassen und sich auf die Bilder selbst einzulassen.

Der Großteil der Bilder erweckte in mir den Eindruck, dass der Fotograf eng mit der Hippie-Kultur der 70er Jahre verbunden war. Da ist es schon fast konsequent, dass die ersten beiden Bilder offenbar in Vietnam aufgenommen wurden, gleich auf dem ersten Bild sieht man zwei junge Männer mit kurzgeschorenen Haaren vor einer Stadt mit qualmenden Häusern im Hintergrund.

Doch dann folgen Bilder von Gurus, VW-Bussen vor Regenbögen, Männern in wallenden Gewändern, Portraits von Menschen, die Joints rauchen, Szenen von Woodstock-artigen Festivals und immer wieder sehr spannende Doppelbelichtungen, oft Silhouetten von Gesichtern, in der Fläche dann Landschaften. Irgendwie lief für mich beim Betrachten der Bilder die ganze Zeit „California Dreaming“ als Hintergrundmusik. Es sind eindeutige Zeitzeugnisse und selbst die Landschaftsaufnahmen sind durch die Art der Aufnahme und der Darstellung fast schon psychedelisch zu nennen.

© Roger Steffens - The FamilyAcid

© Roger Steffens - The Family Acid

Manche Bilder wirken auf mich wie Schnappschüsse, bei anderen komme ich nicht umhin zu unterstellen, dass der Fotograf sehr genau wusste, was er da tat. Vor allem aber ging es mir immer wieder so, dass ich mir wünschte, bei einigen dieser Szenen dabeigewesen zu sein. Überhaupt beschlich mich manchmal das Gefühl, dass es ein guter Film über die 70er Jahre geworden wäre, wenn all diese Bilder auf einmal lebendig geworden wären.

Außerdem merkt man, dass der Fotograf für die Fotografierten kein Fremder war. Manche Bilder wirken, als seien sie für die Familie oder die Freunde gemacht, sie haben etwas Privates. Auch da kommt dann eben das Gefühl auf, dass der Moment für einen Schnappschuss geeignet war und dann hat der Fotograf eben auf den Auslöser gedrückt. Ohne weiter zu wissen, unter welchen Umständen die Bilder aufgenommen wurden, gewinne ich jedenfalls einen sympathischen Eindruck, von den Bildern wie vom Fotografen.

© Roger Steffens - The Family Acid

Wendet man sich dann den erklärenden Texten zu, sieht man einiges nochmals mit anderen Augen. Roger Steffens, geboren 1942 in New York, wird als Schauspieler, Autor, Vortragender, Reggae-Archivar, Fotograf und Produzent eingeführt. Er begann während seines Militärdienstes in Vietnam zu fotografieren. Er war Teil einer Einheit zur psychologischen Kriegsführung und gründete dann eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge.

Das Thema „Reggae“ nahm dann einen breiten Raum ein. Er schrieb sechs Bücher über die Geschichte des Reggae und war langjähriger Moderator einer Radiosendung über Reggae. Daneben ist er als Sprecher in Filmen wie „Forrest Gump“ und in mehreren Audiobüchern zu hören. Im Laufe seines Lebens sammelte sich ein Archiv von mehr als 300.000 Dias an. 2014 begannen seine Kinder Kate und Devon, dieses Archiv aufzuarbeiten. Sie scannten über 40.000 Dias und begannen, sie auf Instagram zu veröffentlichen.

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Tatsächlich musste ich an den Film „Forrest Gump“* denken, als ich dann die Beschreibungen zu den einzelnen Bildern durchlas. Roger Steffens ist ein Mensch, der mir bis dato völlig unbekannt war und der jedoch häufigen Kontakt mit wichtigen Personen der Zeitgeschichte hatte. Das Wissen darum lädt die Bilder mit dieser zusätzlichen historischen Bedeutung auf. Außerdem kann man sich in den sehr lakonisch kurz gehaltenen Geschichten zu den Bildern verlieren.

Sei es nun die Geschichte, wie er Moondog trifft, einen Obdachlosen, der anspruchsvolle klassische Musik ebenso wie Popmusik komponierte und in New York das Philharmonieorchester dirigierte. Oder wie Matt Groening während seiner Radiosendung mit Frank Zappa telefonierte und sie dabei entdeckten, dass sie beide in ihrer Jugend bei den Pfadfindern waren. Diese Geschichten verstärken den Eindruck, dass man hier eigentlich ein Familienalbum eines Freunds durchblättert, der zu jedem der Bilder eine Geschichte erzählen kann.

Berührt hat mich das Zitat, mit dem Devon Steffens das Buch einleitet:

We burned through the heat of Nam, exiled in Morocco, swept through Europe, wrote in Mendocino, dropped acid in Big Sur, skanked with the spirits in Hell A. We developed. We grew. We knew.

Wir brannten durch die Hitze von (Viet)Nam, gingen nach Marokko ins Exil, rauschten durch Europa, schrieben in Mendocino, warfen Pillen ein in Big Sur, wälzten uns mit den bösen Geistern in Hölle A. Wir entwickelten uns. Wir wuchsen. Wir wussten Bescheid.

„The family acid“ ist ein clever gemachtes Buch, kuratiert nicht von Steffens selbst, sondern von seinen Kindern Kate und Devon, die auch der Versuchung widerstanden haben, die Bilder einfach chronologisch zu sortieren. Es ist spannend, über den Beschreibungsteil herauszufinden, dass neben einer großen Menge Bilder aus den 60er und 70er Jahren auch Fotos aus den 80ern und sogar dem Jahr 1998 vertreten sind.

Es gibt viele Bücher, die man sich einmal ansieht und dann nie mehr. „The family acid“ gehört nicht dazu. Dadurch, dass man eine Beziehung zu den Bildern aufbauen kann und aufgrund der Verbindung zu den lesenswerten Geschichten dahinter, schaut man es immer wieder gern an oder zeigt es anderen.

Informationen zum Buch

„the family acid“ von Roger Steffens
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 156
Maße: 24 x 1,5 x 20 cm
Verlag: SUN
Preis: 65 $

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2 Kommentare

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  1. „Acid“ sind keine „Pillen“ (=Ecstasy) sondern das ist LysergSÄUREdiethylamid, kurz: LSD.

    Für den einen oder anderen mag das vielleicht das Selbe sein – weil Drogen sind ja alle gleich böse und so -, praktisch ist da aber ein großer Unterschied, da bei „Pillen“ eine euhporisch, empathogene Wirkung, bei LSD eine halluzinogene Wirkung im Vordergrund steht.

    LSD ist auch auch eher weniger verbreitet und wird eher „bewusst“ und spirituell konsumiert während Ecstasy in Großstädten leider hirnlos „eingeworfen“ wird.

    Wenn ich mir die Beschreibung des Buchs durchlese, muss ich an den (genialen) Film „Apocalypse Now“ denken.

    • Hallo Hans, danke für die Korrektur. Eine Bewertung, ob Drogen gut oder böse sind, muß ich zum Glück nicht abgeben, aber Deine Differenzierung kann ich gut nachvollziehen :-)