25. Mai 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Ein Tag in Idomeni

Idomeni, 23. April 2016. Der kleine, griechische Grenzort ging bereits mehrfach durch die Weltpresse. Tausende Menschen harren seit zwei Monaten ohne Schutz vor Kälte und Hitze aus Protest und Verzweiflung auf den Bahngleisen des einst verlassenen Ortes aus. Sie fühlen sich selbst auch verlassen. Von Griechenland, Europa und dem Rest der Welt.

Die UNHCR hat inzwischen ein paar wenige Zelte aufgeschlagen. Glücklicherweise sind zumindest einige Ärzte von „Ärzte ohne Grenzen“ im Lager. Es gibt verschiedene Stellen, um sich notdürftig zu waschen oder die Wäsche zu machen. Einige Flüchtlinge versuchen durch den Verkauf von Chips, gekühlten Getränken und Eiern, etwas dazu zu verdienen, solche kleinen „Zelt-Läden“ gibt es an jeder Ecke.

Ein Zeltlager

Ein paar Männer verkaufen auf der Straße Lebensmittel

Einige Menschen schneiden sich gegenseitig die Haare. Heiß gehandelt werden Power-Banks für die Handys. Mit der Zeit geht den Menschen aber das Geld aus. NGOs aus aller Welt versuchen, sich einzubringen. Es wird an verschiedenen Stellen Essen gekocht und an die Menschen ausgegeben.

In einer Art Supermarkt werden gewisse Grundnahrungsmittel zu überteuerten Preisen angeboten, zum Beispiel eingelegte Sardinen oder abgepacktes Weißbrot und Getränke. Der eine oder andere macht hier sicher ein gutes Geschäft. Sogar eine Art Cafébar wird gegenüber des Supermarkts betrieben. Wir holen uns dort eine kalte Cola und benutzen die Toilette. Einige Menschen möchten sich mit uns unterhalten, jedoch können wir abgesehen von „as-salamu alaikum“ kein Wort Arabisch und so können wir zunächst nicht viel erfahren.

Ein Mädchen hält ein Bild vom KriegZwei Kinder an einem Waggon

Eine syrische Frau mit Kopftuch spricht uns auf Englisch an. Wir halten einen kleinen Smalltalk und kurzerhand lädt sie uns auf einen arabischen Kaffee in ihr Zelt ein. Es handelt sich um ein kleines Zelt. 14 Euro hat die Familie dafür ausgegeben. Bei uns würde man es als Zweipersonenzelt verkaufen. Die syrische Familie lebt hier seit zwei Monaten zu fünft. Noura, ihr Ehemann, zwei Jungs und ihr acht Monate altes Baby.

Noura und ihre Familie stammen aus Latakia im Westen Syriens. Ihr Mann wurde vom Assad-Regime ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Er zeigt uns seine Narben. Für 20.000 Euro konnte sie ihn freikaufen. Sie verkaufte dafür das Auto und das Haus. Jetzt besitzen sie nichts mehr. Für die Familie blieb nur noch die Flucht. Sie wollten ein neues Leben beginnen in Deutschland oder jedem anderen Land, das sie menschenwürdig aufnimmt. Jetzt sitzen sie fest in Idomeni.

Eine Frau mit Kindern in einem Zelt

Ein Waggon mit Graffiti

Die Kinder werden krank durch die miserablen hygienischen Umstände im Lager. Noura war Lehrerin und die Bildung ihrer Kinder liegt ihr sehr am Herzen. Ihr Ehemann hatte eine Wechselstube in Syrien. Zurück in ihr Heimatland können sie nicht und vorwärts geht es auch nicht, denn die Mazedonier stehen mit einem Panzer und Tränengas auf der anderen Seite des gewaltigen Grenzzauns.

In der Vergangenheit haben die Mazedonier bewiesen, dass sie zur Not auch Gewalt anwenden. Noura erzählt uns, dass das Zeltlager stundenlang mit Tränengas und Blendgranaten beschossen wurde; es war, als würde es niemals enden. Sie zeigt uns ein Loch im Zelt, das von diesem Tag stammen soll. Der Grund für diesen Angriff der mazedonischen Seite war der Versuch einiger Flüchtlinge und Aktivisten, den Grenzzaun niederzureißen.

Männer mit einer Fahne

Ein Zelt

Wir trinken den auf einem Gasbrenner gekochten Kaffee. Noura schickt ihren Sohn los, um Tee zu holen. Zurück kommt er mit vier Plastikbechern voll warmem, gezuckertem Tee. Wir fragen, wo dieser herkommt, er zeigt auf ein größeres Zelt gegenüber. Von den Deutschen da drüben. Offensichtlich haben sich ein paar Landsleute von uns zusammengetan, um täglich Tausende Liter Tee an die Gestrandeten zu verteilen. Die NGO nennt sich Solidaritea und steht laut einem aktuellen Tweet der Organisation leider kurz vor dem Bankrott.

Wir verabschieden uns von Noura und ihrer liebenswerten Familie, denn wir sind hier, um uns einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen. Sie lädt uns zum Abendessen ein, aber wir können dieses großzügige Angebot wohl kaum annehmen.

Zelte an einem Gleis bei Nacht

Grenzschild

Schon bei Ankunft im Camp haben uns die Menschen sehr freundlich begrüßt. Wir sind aus mehreren Gründen nach Idomeni gefahren. Zum einen wollten wir diesen Menschen eine Stimme geben und zeigen, dass es ganz normale Menschen wie Du und ich sind, die einfach nur Sicherheit und Geborgenheit suchen. Die Anwesenheit von Fotografen und Journalisten ist wichtig und die Menschen dort wissen und respektieren das.

Natürlich sollte man als Fotograf auch Respekt zeigen und auf die Leute eingehen und anhören, was sie zu sagen haben. Das ist es, was diese Menschen brauchen: Jemanden, der zuhört und ihre Geschichten an die Öffentlichkeit bringt. Zum anderen wollen wir die Menschen in Deutschland und Europa wachrütteln, um die Menschlichkeit in ihnen dazu aufzufordern, auf irgendeine Art und Weise zu helfen.

Es gibt viele Arten von Hilfe. Sei es als Freiwilliger in einer Einrichtung in Deutschland oder vor Ort, mit Geldspenden oder einfach nur als Begleitung oder Zuhörer im Alltag. Wir müssen offen sein für andere Menschen und Kulturen, denn nur so kann eine friedliche Welt funktionieren.

Am Ende überqueren wir mit unseren deutschen Pässen problemlos die Grenze nach Mazedonien. Willkommen in Europa.

Ähnliche Artikel

3 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Hallo Daniel!
    Ich finde du hast sehr schön und zurückhaltend geschrieben. Ohne irgend einen komischen Unterton oder Verurteilungen wie sie in dieser Art von Artikeln im Netz mittlerweile häufig auftauchen. Ich war ein wenig enttäuscht, dass der Artikel für mich so abrupt endete. Sicher habt ihr viel viel mehr gesehen und erfahren können. Trotzdem vielen Dank!

  2. Wieder mal eine Geschichte von Idomeni, die unter die Haut geht… In einer solchen Situation finde ich es eine echte Herausforderung zum einen in Form von Bildern zu dokumentieren, um all jenen, die dort nicht gewesen sind, zu zeigen, unter welchen Umständen die Menschen leben. Auf der anderen Seite, will man natürlich nicht alles und jeden ablichten, denn die Menschen haben einfach eine Menge durchgemacht und das letzte, was ihnen jetzt noch fehlt, wäre sich wie die Tiere im Zoo zu fühlen…

    Inzwischen wurde das Flüchtlingslager Idomeni aufgelöst und man kann nicht mal ahnen, wie es den Menschen zur Zeit geht oder welches Ziel sie haben…