Ein Volleyballnetz steht an einem leeren Strand.
24. Mai 2016

Leere Plätze und brutale Architektur

Ich bin ein 48-jähriger Geschäftsmann aus der Nähe von London. Als Kind liebte ich es, zu zeichnen und zu malen, aber als Teenager realisierte ich, dass ich, um gut zu werden, viel Zeit in eine Sache investieren müsste, aber dafür hatte ich leider nicht die entsprechende Geduld. Später dachte ich mir, vielleicht schaffe ich es bei der Fotografie dranzubleiben, als kreatives Ventil.

Obwohl ich Zeit meines Lebens Kameras besaß, habe ich die Fotografie nie sehr ernst genommen, zumindest nicht bis vor fünf Jahren. Ich liebe es, zu behaupten, ich sei schon immer ein Fotograf gewesen, obwohl die Wahrheit eher wäre, dass ich viele Jahre mit dem Nachdenken darüber verbracht habe, ohne wirklich zu beginnen. Aber wie sagt man so schön? Es ist nie zu spät, anzufangen!

Fotografisch fühle ich mich von der alltäglichen Vorstadt und von anderen urbanen Plätzen, die mich umgeben, angezogen. In der Fotografie werden Bilder oft dazu verwendet, den Charakter eines Ortes festzuhalten, um eine Skizze seiner individuellen Gebäude und Landschaften zu verfassen. Vielleicht, damit der Betrachter sie in irgendeiner Weise wiedererkennt, quasi eine angenehme Referenz hat.

Für mich sind die gewöhnlichen Plätze und solche, die man sich eigentlich nicht merkt, interessanter, weil sie auch in jeder Stadt existieren. Um nicht zu viel zu zeigen, ziehe ich einen Rahmen um meine Motive, sodass sie wenig Wiedererkennungswert zu ihrem realen Aufnahmeort haben.

Zwei Warnpöller in einer Tiefgarage.

Ein Betanpfeiler steht in einer tristen Tiefgarage.

Einblick in einen Tiefgaragenansicht.

Ein offenes Gitter zwischen zwei Mauern.

In meiner laufenden Serie über Vorstadt-Ecken fokussiere ich mich auf allgegenwärtige und undefinierbare Räume wie beispielsweise Warenhäuser, Spielplätze, Parkhäuser oder Dienstleistungsbereiche. Denn diese Orte sind so leicht zu übersehen und so banal, dass Wetter und Licht eine sehr große Rolle spielen.

Bei der Strand-Serie benutze ich im Grunde die gleiche Methode, wenn ich einen distanzierten Standort aufsuche. Auch hier versuche ich, die Landschaft so zu rahmen, dass sie überall sein könnte. Die leeren Strände sind einzig und allein übersät mit Strandmobiliar und das ist zum einen typisch und zum anderen so auch ungewöhnlich.

Badeliegen sind an einem leeren Strand gestapelt.

Ein Volleyballnetz steht an einem leeren Strand.

Ein Rettungstower an einem leeren Strand.

Ein leeres Tennisfeld liegt im Nebel.

Ein leeres Basketballfeld mit Korb liegt im Nebel.

Vor ein paar Wochen habe ich Londons größtes Wohngebiet aus den 60er Jahren, Thamesmead, besucht. Ich versuche immer noch, herauszufinden, was mich fotografisch an der brutalen Architektur des Stadtteils anzieht. Die Gebäude sind oftmals in geometrischen Blöcken gebaut, nur verbunden durch überdachte Fußgängerbrücken und umgeben von Parklandschaften oder wie im Fall von Thamesmead von einem großen See.

Ich denke, es ist die Mischung aus Formen, symmetrischen Linien und Umrissen, die mich anspricht. Dazu der Beton! Beton mit seiner grauen, rauen und meist unbearbeiteten Oberfläche in kühle Formen gegossen, harte Blöcke und offene Flächen. Bei näherer Betrachtung geben die Oberflächen Informationen über ihre Herstellungsmethode preis, Guss-Abdrücke von hölzernen Latten kann man des Öfteren im Beton finden – ein kleines bisschen Restnatur in einer sonst unermüdlich von Menschenhand erschaffenen Konstruktion.

All dieses mathematische Design interagiert mit der Perspektive, den Texturen und Linien und somit ergeben sich für mich fast automatisch fotografische Kompositionen aus Licht und Schatten.

Fassade eines Wohn-Betonblocks.

Verrostete Mauern vor tristem Himmel.

Ein Schaukelpferchen steht vor einer Garagenwand.

Eine architektonische Landschaft aus Beton.

Eine rote und eine blaue Wand blättern ab.

Parklogen vor einem Sandberg.

Ich sehe in der Architektur nicht zwangsläufig so etwas wie Schönheit, es erscheint mir sogar so als wäre die nicht gerade penibel verarbeitete Oberfläche sehr anfällig für hässliche Verfärbungen aufgrund von Wetter, Verschmutzung oder Regen. Der ständige Wechsel von Kälte und Hitze lässt die Fassaden aufbrechen und der Rost zieht seine Schlieren vom Inneren des Betonstahls durch die Wände bis an die Oberfläche. Auf jeden Fall haben all diese Details ihre eigene fotografische Qualität und stehen im harten Kontrast zu den modernen und utopischen Idealen ihrer damaligen Erbauer.

Während ich so umherwanderte, habe ich einen Mann aus Leeds kennengelernt, dessen Freundin auf einer Konferenz in London war. Es hatte seinen Morgen dafür geopfert, sich Thamesmead anzuschauen! In unserem Gespräch fragte er mich, ob ich auch Mitglieder der entsprechenden Facebook-Gruppe The Brutalism Appreciation Society sei, in der sich schon fast 40.000 Mitglieder tummeln – es sieht also aus, als wäre ich mit meiner Liebe zu brutaler Architektur nicht allein!

Dieser Artikel wurde für Euch von Anne Henning aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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8 Kommentare

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  1. Hallo,

    ein interessanter Bericht mit guten Aufnahmen, die doch wieder zeigen, das serielles Fotografieren recht erfolgsvorsprechend und interessant ist!

    Gefällt mir sehr gut und inspiriert mich dazu, das serielle Arbeiten mal selbst auszuprobieren.

    Grüße,
    Martin

  2. So simpel und minimalistisch die Aufnahmen sind, so interessant sind sie aber auch schon wieder.
    Eine Serie die mir sehr gut gefällt!

    Auch der Flickr Stream beherbergt viele Aufnahmen die mich ansprechen, da werde ich wohl mal folgen müssen.

    Gruß,
    Andreas

  3. Hallo :)

    Die Strand-Serie gefällt mir besonders gut, dieser Minimalismus mit entsättigten, „leichten“ Farben und klarem Bildaufbau, sehr schön!!

    Aus der Thamesmead-Serie finde ich das 4. Foto am besten, weil es einfach die pure Grafik ist :D

    Sehr inspirierender Artikel!

    Viele Grüße
    Jacqueline