Eine Ausstellungswand mit Schwarzweißbildern behangen.
18. Mai 2016 Lesezeit: ~ 11 Minuten

Im Gespräch mit Jenny Schäfer

Jenny Schäfer konzentriert sich in ihrer künstlerischen Praxis auf präzise Beobachtungen und das Gegenüber- und Nebeneinanderstellen von Fotografien, Texten, Objekten und Fundstücken, die sie kategorisch zusammenfasst, Felder konstruiert und dekonstruiert.

Da sie dabei die Frage nach der fotografischen Wirklichkeit in ihren Bildern ebenso wie die Erforschung der Materialität ihrer Umwelt interessiert, war ich als Fotografin und Bildhauerin mit ähnlichen Ansätzen natürlich besonders neugierig, einen Einblick in ihr Schaffen zu erlangen und mich Jennys künstlerischer Position zu nähern.

 

Wenn ich mir Deine Arbeit „This is no science fiction“ anschaue, sehe ich eine Sammlung von Bildern. Fotografien, die eine Kommode mit Bildschirm zeigen, Badende im Meer, eine moosige Waldlandschaft, einen Himmel und viele mehr. Ich lese „Fotografien, Passepartouts mit Lasergravur, 5-D-Mark Sonderprägung, Stein, Postkarte, Kinderfoto.“ Was hat das alles miteinander zu tun und welche Bedeutung haben die Fotografien in diesem Zyklus?

Die Fotografien für „This is no science fiction“ sind über einen Zeitraum von etwa zwei bis drei Jahren entstanden, hinzu kommen Objekte, die diese Arbeit ergänzen. Die Fotografien sind in Passepartouts eingefasst und enthalten unter dem Bild eine zarte Gravur mit der englischen Negierung des zu Sehenden:

no planets, no energy, no heaven, no sanctum, no moon, no nature, no galactica, no ground, no atmosphere, no bombs, no archaeology, no wood, no home.

„This is no science fiction“ ist eine Art Bestandsaufnahme der Gegenwart, in der ich lebe.

Die Bilder zeigen, ohne Menschen abzubilden, das Leben der Menschen: ihre Werte, ihre Bedürfnisse, ihre Zuschreibungen. Durch die Negierung mache ich ein Spannungsfeld auf. Was Person A in einem Bild sehen kann und zu erkennen meint, kann Person B schon ganz anders sehen. Der Kontext, in dem eine Person sich bewegt, bestimmt ihre Wahrnehmung und ihre Zuordnung der Dinge, der Worte und ihre Vorstellung von „Welt“.

Wenn dazu noch eine Bezeichnung kommt, ist das Dilemma groß: Was bedeuten Worte unabhängig von ihrer Etymologie und ihrer Definition? Ich denke, hinter jedem Wort steckt ein ganzes Universum – so auch hinter jedem Bild. Die Negierung treibt diese Komplexität noch weiter – dieses Geflecht von Gedanken, Definitionen, Wahrnehmung, Wahrheit, Zeitgeist etc. fasziniert mich in seiner Gleichzeitigkeit.

Ausstellungswand mit Fotografien und Postkarte.

Eine Planetenkarte hängt über einem Fernseher.Ein schief stehender Mond.

Beim Lesen Deiner Worte musste ich direkt an René Magrittes „ceci n’est pas une pipe“ denken. Geht es Dir auch um den Unterschied von Abbildung eines Objektes und dem realen Gegenstand? Und wie wichtig ist es für die Gesamtarbeit, dass Du die Fotografien selbst gemacht hast?

An Magritte musste ich anschließend auch denken, wobei ich mich nicht direkt auf diese Arbeit bezog. Dennoch ist der Unterschied zwischen der Abbildung und dem realen Objekt natürlich ein Thema, das der Fotografie immanent ist.

Aber es ist nicht das Thema, mit dem ich mich explizit auseinandersetze. Ich nutze die Fotografie als Medium, be- und hinterfrage sie und interessiere mich auch für die Debatte rund um dieses Medium; dennoch ist sie auch einfach Mittel zum Zweck.

Für „This is no science fiction“ ist es schon wichtig, dass ich die Bilder selbst gemacht habe. Es ist eine Sammlung von Erfahrungen, die ich im Bild selbst genau formulieren kann. Eine Fotografie ist für mich wie ein Wort, viele Fotografien wie ein Satz. Ein Satz, den man nicht einfach übersetzen kann.

Prinzipiell arbeite ich aber auch manchmal mit Fundstücken – und in „This is no science fiction“ kommen eine gefundene Fotografie aus meiner Kindheit als auch eine Münze und eine Postkarte meines Onkels vor. Diese Elemente sollen die Arbeit aufbrechen und den Lesefluss, der durch Hängung und Konzept sehr glatt ist, unterbrechen.

Foto eines Wohnzimmers hängt über einem Stein an der Wand.

Ich arbeite selbst gern und oft mit Fundstücken, sowohl in der Fotografie als auch in der Bildhauerei. Mir wird dabei oft vorgeworfen, eine mögliche „Patina“ alter Objekte für meine Arbeit zu instrumentalisieren und das Alte zu entfremden, anstatt den Mut zu haben, eigene Bilder zu machen oder eigene Formen zu finden. Hast Du solche Kritik auch schon einmal gehört oder wie sind die Reaktionen auf Deine Arbeiten? Haben die Menschen einen Zugang oder funktioniert dieser meist über erklärende Worte?

Diese Diskussionen habe ich auch oft geführt und tatsächlich kann ich die Argumentation inzwischen gut nachvollziehen. Den Gebrauch von Fundstücken habe ich in den letzten Jahren auch stark minimiert, um herauszufinden, wie meine eigene Bildsprache ist.

Erst im letzten Jahr habe ich wieder begonnen, damit zu arbeiten, aber in dem Wissen, dass ich die Fundstücke genauso kritisch betrachten muss wie meine eigenen Bilder. Es geht in meinen Arbeiten nicht darum, dass mir die Bilder gefallen und das musste ich für mich erst einmal herausfinden.

Eine generelle Aussage zu den Reaktionen auf meine Arbeiten ist schwer zu treffen. Zum einen stoße ich häufig auf Unverständnis, insbesondere bei Menschen, die nicht verstehen, warum meine Ergebnisse oft nicht „schön“ sind oder vermeintlich belanglose Dinge zeigen. Bei einem Vortrag, den ich Anfang des Jahres hielt, wurde ich gefragt, warum ich überhaupt fotografiere. Das finde ich sehr interessant.

Zum anderen gibt es genauso viele Menschen, die meine Arbeit spannend und zugänglich finden. Und letztendlich ist es vielleicht sogar irrelevant, wie jemand die Arbeit findet – wichtig ist mir, dass sie zu Debatten führt, dass man sich Fragen stellt und die eigene Wahrnehmung neu prüft. Eine Erklärung von meiner Seite ist sicher immer bereichernd für den Rezipienten.

Auch für mich ist es oft aufschlussreich, Äußerungen anderer KünstlerInnen, KuratorInnen und RezipientInnen zu hören bzw. zu lesen. Ich denke, es ist beides wichtig: Selbst überlegen, denken, lesen sowie nach links und rechts zu schauen, um zu hören, was die anderen Menschen zu sagen oder zu zeigen haben.

Das ist ja spannend, dass Dir diese Frage gestellt wurde. Kannst Du sie auch für uns beantworten: Warum fotografierst Du?

Warum ist eine Frage, die Logik voraussetzt. Sicher gibt es in meiner Arbeit eine inhärente Logik, die sich irgendwie durch die Bilder erklärt, aber ich denke, ich habe keine Antwort, die den Erwartungen eines Warum entsprechen. Es ist eben so: Ich habe damit irgendwann angefangen und nicht aufgehört und ich weiß auch nicht, was ich sonst machen soll. Es ist meine Sprache und es ist meine Arbeit.

Das finde ich gut. Ich denke, es ist ein fruchtbarer Weg, Dinge intuitiv zu machen und nicht nur als zweckorientiertes Instrument zu nutzen. Wir kommst Du zu Deinen Bildern und Motiven, kannst Du den Prozess beschreiben, den Du für ein Foto durchläufst?

Die Fotografien entstehen auf unterschiedliche Weise. Einzelbilder entstehen oft neben einem Projekt oder auf Ausflügen, Reisen, im Alltag – wenn ich meine Kamera dabei habe. Andersherum kann auch durch ein einzelnes Foto ein Projekt entstehen. Ich fotografiere, was ich nicht mitnehmen kann – ein Foto ist eine gute Möglichkeit, zu sammeln und zu sortieren, zuzuordnen oder in einen anderen Kontext zu setzen.

Ausstellungswand mit schwarzweißen Holz-Fotografien.

Ich fotografiere hauptsächlich, aber nicht dogmatisch, analog, im Anschluss scanne ich die Negative, bearbeite sie und sortiere die Fotos am Laptop. Sie gehören entweder in aktuelle Projekte oder landen erst einmal in einem Archiv. Eine Auswahl bringe ich zu Papier: Dazu nutze ich unterschiedliche Möglichkeiten, von Labor über Laserdruck bis hin zu industriellen Druckmechanismen, etwa Posterdruck. Die materialisierten Bilder hängen dann eine Weile an der Wand im Atelier oder zu Hause, liegen herum, bis ich weiß, wie ich weiter vorgehe, in was für einem Medium die Fotografien zusammenfinden.

Ein anderer „Zwischenraum“ ist mein Blog, den ich als digitale Fläche verstehe, auf der die Fotografien auch miteinander agieren können und auf virtuelle Weise ihr Material gefunden haben – den jeweiligen Bildschirm des Rezipienten.

Wenn ich an einem festen Projekt arbeite, wie zum Beispiel „Wie aus weiter Ferne“, recherchiere ich in Büchern, im Netz und in meinem Umfeld dazu. „Wie aus weiter Ferne“ dreht sich um Glas – dazu ist auch ein herrlicher Text von Dr. Thomas Piesbergen entstanden.

Für diese Ausstellung bin ich zu Glasbläsern gegangen, habe die Quarzsande von Uhry aufgesucht und mich über Monate mit Glas beschäftigt, Glas fotografiert, darüber gelesen und so weiter.

Ähnlich, aber mit weniger Recherchetätigkeit, bin ich bei „Exemplarische Holzeinheiten“ vorgegangen. Ich habe auch wiederholt den Eindruck, dass ich mit dieser Arbeit noch nicht abgeschlossen habe, da ich das Material Holz nach wie vor reizvoll finde. Gerade in fotografischer Hinsicht faszinieren mich hölzerne Strukturen.

Ähnlich wie beim Gestein bildet hier oft das Innere die Oberfläche für ein Außen. Erst durch die Verletzung der Oberfläche kommt eine andere Oberfläche zum Vorschein. Diese Arbeit habe ich zum einen gemeinsam mit Arbeiten des Kollektivs Krautzungen aus Hamburg beim Kunstfest Garlstorf ausgestellt, aber auch ein kleines Buch erarbeitet, das man für 25 € kaufen kann. Einige wenige Exemplare habe ich noch.

Ein Kreis ist in einem schwarzweißen Meerfoto ausgeschnitten.

Ein braunes Garagentor mit Holzvertäfelung.

Eine schiefe Baumkante eines Stumpfes.

Das ist ein guter Hinweis. Die Serie gefällt mir, als Bildhauerin, besonders gut, da ich bei einigen der Fotos das Gefühl habe, richtig etwas von der Haptik des Materials spüren zu können. Auch hier finde ich die Kombination aus Fotografien, Objekten und Zeichnungen sehr stimmig. Kannst Du mir abschließend noch verraten, ob Du so etwas wie eine Lieblingsarbeit hast oder eine favorisierte Serie – und warum?

Ich habe ein paar Lieblingsarbeiten von anderen KünstlerInnen – zum Beispiel mag ich das Buch „FESPA Digital / FRUIT LOGISTICA“ von Wolfgang Tillmans sehr. Oder die Arbeit über die sixtinische Madonna der Künstlerin Katharina Gaenssler „1205 (SIX) W“ sowie ihr Buch- und Ausstellungsprojekt „HD (Turm) D LC, 2013“.

Von mir habe ich keine Lieblingsarbeit, aber es gibt ein Gruppenprojekt, das mir sehr am Herzen lag: „MAMA, ich suche nach Ausdruck. Ästhetik!“ mit Bildern und Texten von beispielsweise Elisa Goldammer, Nina Feuerstein, Lara Loeser, Mieke Müller, mir und Silvia Vela Viquerat.

Collage in schwarzweiß.

Ein Poster/Buch, in dem wir Texte, Zeichnungen und Fotografien unserer Eltern verarbeitet haben. Es gab eine Vernissage dazu, Julie Gufler und ich haben etwas vorgetragen und die Stimmung an dem Abend war besonders. Weil alle Anwesenden, KünstlerInnen und BesucherInnen plötzlich Kinder ihrer Eltern waren und es war anders als die Kunstszene sich sonst gern produziert. Es war gut.

Vielen Dank für das Interview und die Einsicht in Deine Arbeitsweise.

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1 Kommentar

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  1. Danke für das interessante Interview und die Vorstellung der Künstlerin.
    Für mich habe ich den Knackpunkt bei ” Ich denke, es ist beides wichtig: Selbst überlegen, denken, lesen sowie nach links und rechts zu schauen, um zu hören, was die anderen Menschen zu sagen oder zu zeigen haben.” gefunden, denn daran hapert es meiner Meinung nach viel zu oft beim Betrachten von Kunst oder auch Nicht-Kunst.
    Dass man eine sterile Erwartungshaltung hat und verlangt, alles erklärt sich von selbst. Oder umgekehrt die Leute im Museum, die erstmal auf die Schilder neben der Arbeit schauen bevor sie dem Werk überhaupt eine Chance geben, für sich zu sprechen, und dann auch nur einen Augenblick verweilen. Die gesunde Mischung machts, und wenn man mal eben keinen Zugang findet, ob alleine oder im Dialog, kann ich trotzdem ohne Vorbehalte und negative Werte weitergehen, zum nächsten Kunstwerk, das mich dann vielleicht erreicht.

    Danke!