Reibungsglut fliegt durch einen Raum.
05. Oktober 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

Regenerative Energie

Klassische Industriebetriebe haben mich schon in jungen Jahren interessiert. Meine Faszination für dieses Thema wurde durch Bücher wie „Der Dschungel“* von Upton Sinclair über die grausamen Arbeitsbedingungen in den US-Schlachtbetrieben um 1900 angefacht. Oder auch durch Sebastião Salgados Fotografien aus dem Buch „Workers“* – und dort insbesondere die Goldgruben in Südamerika und die brennenden Ölquellen in Kuwait nach dem zweiten Golfkrieg.

Entsprechend war es wohl kein Wunder, dass ich eine klassische Fotografenausbildung bei einem Industriefotografen gemacht habe; und dass ich mich nie ganz von diesem Thema abgewendet habe, auch wenn mein eigentlicher Schwerpunkt seit 2008 die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten geworden sind.

Männer schauen auf nach oben. Ein Arbeiter schaut zur Seite

Mitte 2011 war ich im Auftrag von Bündnis 90/Die Grünen in Rheinland-Pfalz unterwegs, um die Energiewende fotografisch festzuhalten. Dabei kam für mich die Frage auf, wie eigentlich „saubere Energieanlagen“ wie Windräder produziert werden.

Denn oft wird in unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft vergessen, dass all unsere alltäglichen Produkte noch immer von oft schlecht bezahlten Arbeitern erschaffen werden. Nach einigen Recherchen fand ich heraus, dass Teile der Windräder in der Eisengießerei Torgelow hergestellt werden – und somit in der Nähe meines aktuellen Wohnortes Berlin.

Ein Mann in Arbeitskleidung schaut von der Ferne in den Schmelzofen.

Dieser Betrieb ist einer der letzten industriellen Großbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern. Nach der Wende und der Schließung vieler Industriebetriebe in der Region gründeten ehemalige Arbeiter 1992 die Eisengießerei Torgelow als GmbH. Schnell wuchs die Anzahl der Mitarbeiter auf gut 700 an, jedoch kam es im Zuge der Stahlkrise und der Konkurrenz durch preiswerte Produkte aus Asien zu einer erneuten Krise.

Mit der Umstellung auf die Fertigung von Produkten, die überwiegend in der Windenergie eingesetzt wurden, konnte der Abstieg des Betriebes aufgehalten werden – die Mitarbeiterzahl stagnierte bei 300. Dennoch steht die Eisengießerei wegen der massiven Verwendung von Zeitarbeitern und niedrigen Löhnen in der Kritik.

Schweißarbeiten eines Arbeiters. Ein Mann hält einen großen Topf, aus dem heißer, flüssiger Stahl läuft.

Auch wird der Betrieb stark subventioniert und es bleibt die Frage, wie tragbar das Konzept der Eisengießerei ist. Doch auch die deutsche Geschichte hat sich in diesen Betrieb eingeschrieben: Im Dritten Reich gab es bis zu 3.000 Zwangsarbeiter, die unter unmenschlichen Bedingungen Kriegsgerät herstellen mussten. Viele Zwangsarbeiter starben an den Folgen der Ausbeutung der „Ressource“ Mensch.

Insgesamt habe ich gut acht Stunden in der Eisengießerei verbracht. Ich habe mir die einzelnen Prozesse erklären lassen und auch mit den Arbeitern gesprochen. Viele kommen aus dem nahe gelegenem Polen, da in Deutschland nur wenige „Einheimische“ bereit sind, diese Art von Arbeit auszuführen.

Ein Mann schaut von einem Schutzraum aus zu, wie es blitzt und spritzt.

Die Arbeitsbedingungen als Fotograf waren eine Herausforderung: Die Belichtung musste andauernd manuell korrigiert werden, die Hitze, Funken und der Staub haben selbst dem abgedichteten Pro-Gehäuse zu schaffen gemacht. Manche Bereiche durfte ich nur mit entsprechender Schutzkleidung betreten – und diese wenigen Stunden haben mir gezeigt, wie enorm hart die Arbeitsbedingungen trotz moderner Technik sind.

Doch selbst unter diesen Bedingungen waren die Arbeiter immer zu einem Scherz bereit oder motivierten sich gegenseitig, für mich zu posieren. Der ganze Vorgang hatte für mich etwas „Alchemistisches“ an sich: Es werden diverse Zusätze in das flüssige Eisen getan, die genaue Temperatur muss erreicht werden und die Arbeiter in ihren Schutzkleidungen erinnern manchmal an in Gebete versunkene Priester.

Ketten, Haken und andere Dinge. Arbeiter schauen nach oben.

Mit dieser Fotostrecke versuche ich nicht nur, die Arbeitsverhältnisse vor Ort zu beleuchten, sondern auch darzustellen, dass selbst für regenerative Energie noch immer energieaufwändige Herstellungsprozesse notwendig sind.

Und in unserer heutigen Gesellschaft wird zu selten darüber nachgedacht, welche Bedeutung diese klassische „Arbeiterschicht“ in Industriebetrieben hat – auch wenn die Zahlen der Angestellten nicht mehr an die der 1960er Jahre heranreicht.

Männer schauen zu, wie Materialien verschmerzen.

Selbst, wenn es kaum mehr offensive Streiks in Deutschland gibt und viele Betriebe ins preiswerte Ausland (mit den entsprechenden sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen) umgesiedelt wurden, steckt hinter jedem Alltagsprodukt der Schweiß und die Mühsal der Industriearbeiter – sowohl von Männern als auch Frauen.

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