13. April 2015 Lesezeit: ~12 Minuten

Meine Hoffnung, mein Wunsch

Es war ein verregneter Sommertag und ich 15 Jahre alt. Da mir wie immer die Lust fehlte, Hausaufgaben zu machen, büxte ich spontan aus, schwang mich aufs Rad und fuhr von meinem Heimatdorf Sinzheim in die nächstgelegene Stadt: Baden-Baden. Nach einer halben Stunde Fahrt und ein paar fiesen Mückenstichen entdeckte ich in der Nähe des Hauptbahnhofes neu aufgestellte Baracken, vor denen einige Afrikaner standen.

Ein großer, kräftiger Mann sprach mich von Weitem an, ich stieg ab und wir kamen ins Gespräch. Er war freundlich und erzählte mir davon, dass er nicht genügend zu essen hätte. Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, doch ich weiß, dass ich mit einem Gefühl des Mitleids nach Hause fuhr. Am nächsten Tag erzählte ich einem Lehrer des Vertrauens von meiner überraschenden Begegnung und erklärte ihm mein Anliegen: „Ich muß diesem Mann irgendwie helfen!“

Mein Lehrer antwortete mit den folgenden Worten, die mich prägen sollten: „Denen kannst Du nicht helfen, das sind Asylanten.“ Ob er dies aus Besorgnis um mein Wohl oder aus Überzeugung sagte, weiß ich heute nicht mehr.

Die Jahre gingen ins Land und ich sollte meine Begegnung schnell vergessen haben. Ich absolvierte eine Ausblildung zum Erzieher, lernte eine großartige Frau kennen und heiratete. Fand Faszination an der Fotografie, machte mich 2008 selbständig und gründete kwerfeldein.

Fotografisch arbeitete ich mich durch alle Genres, die mich ansprachen. Dokumentierte das lebendige Stadtleben in Karlsruhe, bunte Hochzeiten und die träge Tristesse baden-württembergischer Dörfer auf Schwarzweißfilm. Ich verstand, dass ich mit der Kamera nicht nur Bilder knipste, sondern dass diese ein wichtiges Zeitdokument für zukünftige Generationen sein können.

Als dann letztes Jahr die Flüchtlingsthematik überall in den Medien (Flüchtlingswelle! Pegida! NoPegida!) heiß diskutiert wurde, entschloss ich mich, diese Menschen, die nach Deutschland flohen hier willkommen zu heißen und zu portraitieren. Viele ließen sich gern fotografieren und nur die wenigsten lehnten ab – was ich stets respektierte. Von drei Begegnungen möchte ich nun erzählen.

Ein lächelnder Mann schaut in die Kamera.

Keba

Vor einigen Wochen lerne ich Job und Keba im Flüchtlingsheim kennen. Während ich mich mit Job unterhalte, sitzt Keba am Rand seines Bettes und hört gespannt zu. Keba ist aus Gambia und zeigt sofort Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen.

„No problem“, schmunzelt er und sein Gesicht leuchtet, als ich ein paar Aufnahmen mache. Etwas unsicher hält er sich die Hand vors Gesicht, doch ich lasse ihn einfach so sein, wie er ist.

Während ich mich wieder auf den Stuhl am Tisch setze, berichtet mir Keba, dass er aus der Stadt Sukuta stammt, die am gambischen Meer liegt. Keba war in seiner Heimat „a fisherman“ und ich entnehme seiner Stimme, dass er seinen Beruf geliebt haben muss.

Und auf meine Frage, was das Schönste an Gambia sei, antwortet er mir: „the seaside and the sun.“ Doch innerfamiliäre Probleme und örtlicher Rassismus veranlassten Keba, alles zurückzulassen und sich auf die Flucht zu begeben. Auch er benennt die Armut als das Schlimmste in Gambia.

Nun ist Keba seit dem 12. Januar in Deutschland und hat schon ein paar Erfahrungen mit Deutschen gemacht. Im Gespräch will er mir eine Sache sagen, die ich an meine Leser weitergeben soll: Er findet es schlimm, dass er als Flüchtling unter Generalverdacht steht, kriminell zu sein.

If a person who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn’t mean, that ALL refugees are criminals.

Was Keba auch spürt, ist eine grundlege Ablehnung ihm gegenüber. Manche Menschen würden ihn nicht einmal ansehen, wenn er sich mit ihnen unterhalte, selbst wenn er besonders freundlich sei, so der Gambier. Keba akzeptiert das, doch es macht ihm den Aufenhalt in Deutschland sehr unangenehm.

Ich stimme Keba bedingungslos zu. Wir unterhalten uns noch lange über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die in Deutschland gelebt werden und wie wenig wir uns damit anfreunden können. Die Zeit vergeht wie im Flug, doch mein Blick auf die Uhr lässt mich aufstehen und ich verabschiede mich.

Willkommen in Deutschland, Keba. Es ist so gut, dass Du hier bist. Du hast ein gutes Gespür für Zwischenmenschliches und Deine Ehrlichkeit ist schon jetzt eine Bereicherung – für mich. Friede sei mit Dir, wo auch immer Du hingehst. Ich wünsche Dir das Beste.

Ein junger Mann mit Locken lächelt in die Kamera

Abdurahman

Der Tag ist schon fortgeschritten, als ich mich mittags auf den Weg zur Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge mache. Ich genieße die warme Luft, die durch die Fächerstadt Karlsruhe zieht – heute bin ich zu Fuß unterwegs.

Ein junger Herr, groß und von kräftiger Statur, läuft an mir vorbei und ich entscheide mich spontan, ihn anzusprechen. Sein junges Gesicht hat eine kindliche Ausstrahlung, unbedarft und voller Neugier.

Abdurahman (gesprochen: Abduh-Rach-Mahn) stellt seinen Namen vor und ich benötige mehrere Anläufe, bis ich ihn a) mir merken und b) auch korrekt aussprechen kann.

Er sei aus Somalia geflohen, dort habe es „tribe problems“ gegeben, als eine neue terroristische Gruppe, Al-Shabaab, ihr Unwesen trieb. Für Abdurahman ist es bis heute unverständlich, was die Motivation der Gruppe ist.

I don’t know what their problem is.

Nebenbei sagt Abdurahman irgendetwas von 14 Jahren, ich verstehe ihn nicht ganz und frage, wie alt er heute sei. „I’m still 14 years old“ und wir beide lachen. Ich kann es gar nicht glauben und sage ihm, dass ich ihn wesentlich älter geschätzt hatte.

Der Somali floh mit Mutter, Bruder und Vetter nach Deutschland und lebt seit drei Monaten in Karlsruhe. Ich bitte ihn, ehrlich zu sein, was die Räume und Verpflegung betrifft.

Adurahman erklärt, dass das Zimmer, in dem er mit seiner Familie lebt, recht klein sei. Das Essen sei in Ordnung, doch manchmal würde es nicht reichen. Ich bedaure das.

Was mich an diesem Jungen fasziniert, ist seine Gelassenheit. Während unseres Gesprächs lacht er viel und unterhält sich zwanglos offen mit mir. Die ganze Zeit beschleicht mich ein Gefühl, das ich noch nie in meinen Gesprächen hatte:

Abdurahman ist wie ein Freund, den ich schon ein Leben lang kenne. Mir ist bewusst, dass diese Bemerkung kitschig wirkt, aber dennoch fühlt es sich genau so an.

Herzlich willkommen in Deutschland, Abdurahman. Ich wünsche Dir eine gute Zukunft in diesem Land und hoffe, dass Du Dich unter uns wohl fühlen wirst. Friede mit Dir. Es ist gut, dass es Dich gibt.

Ein junger Herr schaut in Gedanken zur Seite.

Jamil

Bei lauwarmen 8 °C stehe ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA). Auf mich läuft ein junger, gutaussehender Syrer zu, sein Name ist Jamil.

Er tägt Jogginghose, Turnschuhe und Lederjacke, seine Augen glänzen im diffusen Licht des bewölkten Montags. Wir einigen uns auf Englisch und Jamil berichtet mir bereitwillig über seinem Leben:

In Syrien wäre die Situation katastrophal und ständig würden Leute ermordet. Dabei wäre es unmöglich, festzustellen, wer eigentlich wen getötet habe. Er selbst wäre mit seiner Familie geflohen, bevor es für sie bedrohlich wurde.

Sie hätten schon ein Jahr in der Türkei gelebt, doch unter den Umständen (nur der Vater durfte arbeiten) konnten sie nicht bleiben. So hätte sich die Familie erneut aufgemacht und floh über Bulgarien nach Deutschland – weite Strecken davon zu Fuß.

Jamil hat große Ansprüche an sich selbst und erzählt von seinem Bachelor-Abschluss. Auch hier möchte er studieren, sobald es ihm möglich ist, erklärt er selbstbewusst.

Auf die Frage, wie es seiner Familie hier in Deutschland gehe, antwortet er zurückhaltend. Die Umstände im Flüchtlingsheim wären schlimm. Ich frage ihn, ob ich ihn mit hinein begleiten könne, um mir selbst ein Bild zu machen. „Of course“, antwortet er mir.

So packe ich meine Kamera ein, stelle mich an der Pforte an und tausche meinen Personalausweis gegen einen Besucherausweis. Jamil führt mich durchs Gelände.

Überall stehen und unterhalten sich Menschen aus unterschiedlichsten Nationen vor dreistöckgen Häusern. Jamil geht voran. Kaum sind wir durch die Tür eines der Gebäude geschritten, kriecht mir ein ekelhafter Gestank in die Nase.

Wir schauen uns eine der Toiletten-Anlagen an. Diese sind alles, nur nicht sauber. Wir öffnen eine Tür, hinter der die Toilette steht, die von einer dreckigen, stinkenden Urinlache umgeben ist. Ich halte mir die Nase zu, es ist unerträglich.

Mein Begleiter führt mich zum Zimmer der Familie. Er klopft an und es wird uns geöffnet. Ich sehe vier Betten in einem Raum, den ich auf 10 qm Fläche schätze. Jamils Mutter, Vater und zwei Geschwister haben gerade geschlafen.

Sie setzen sich auf, nur der kleine Junge im Eck bleibt liegen. Sofort wird mir Tee und ein Stuhl zum Sitzen angeboten. Die kleinste Schwester ist im Kindergarten, wie Jamils Mutter erklärt. Ich versuche, das Ganze zu erfassen.

„You are six people and you have only 4 beds?“ „Yes.“

Ich traue meinen Augen nicht. Wie kann das sein? Jamil erklärt mir, dass es auch unter den Flüchtlingen nicht immer einfach ist, da es Diebe gäbe. Jetzt verstehe ich, warum die Tür abgeschlossen war.

Der Vater macht einen traurigen und resignierten Eindruck auf mich. Jamil erzählt mir, dass er an Nacken und Rücken erkrankt sei. Doch kein Arzt würde ihn behandeln, er bekäme lediglich ein Medikament. Die Sprachbarriere verhindert, dass ich mehr darüber erfahre.

Das Essen der Hauskantine sei für die syrische Familie ungenießbar, da sie deutsche Gerichte nicht kennen und damit wenig anfangen können. Deshalb würden sie sich von den 900 €, die für alle sechs reichen müssen, stets selbst etwas kaufen.

Ich frage, ob ich ein paar Aufnahmen machen dürfe, doch der Vater möchte das nicht. Es wird ihm unangenehm sein, in dieser bloßstellenden Situation fotografiert zu werden. Ich zeige Verständnis dafür, verspreche, dass ich über die Situation berichten werde und wünsche ihnen das Allerbeste.

Doch ich bleibe noch einen Moment sitzen und schweige. Denke nach. Es schmerzt, dass ich nicht mehr tun kann. Ich würde so gern helfen. Doch alles, was ich kann, ist schreiben und fotografieren. So verabschiede ich mich herzlich und Jamil begleitet mich zum Ausgang des Heimes.

Wir adden uns auf Facebook – denn ich möchte ihm das Portrait schicken. Schütteln die Hände und ich schaue ihm noch einmal tief in die Augen. „I wish you the very best and a very good future“, sind meine letzten Worte. An der Pforte tausche ich wieder die Ausweise und laufe zurück zum Auto.

Auf der Rückfahrt rufe ich meine Frau an und erzähle ihr, was ich erlebt habe. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben und muss das erst einmal verarbeiten.

Liebe Familie aus Syrien, seid willkommen in Deutschland. Mögen die körperlichen Wunden des Vaters geheilt werden und Jamil die Möglichkeit zum Studieren bekommen. Möge Deutschland eine Herberge sein, die Eure Trauer, Verzweiflung und Resignation in Freiheit, Frieden und Freude verwandelt.

Manchmal fühle ich mich wie damals, mit 15. Dann spüre ich wieder den Regen auf meiner Haut und das innere Drängen, zu helfen. Doch heute weiß ich, dass schon das Da-Sein, das Zuhören und meine Fotos helfen können. Das ist sowohl meine Hoffnung, als auch mein Wunsch.

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19 Kommentare

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  1. Ein toller Bericht. Ausdrucksstarke Fotos. Ich weiss nicht ob du so etwas öfter machst, aber man hat wirklich das Gefühl, dort gewesen zu sein, so wie du schreibst. Mich hast du auf jeden Fall damit berührt und für dieses Thema aufmerksamer gemacht. Lg

    • Du trollst aber ich antworte trotzdem mal kurz. Vielleicht sollte man erstmal fragen, ob überhaupt viele Flüchtlinge in einer solchen Wohnsitation sein wollen? Auf den zweiten Blick bin ich mir da gar nicht so sicher. Flüchtlinge sind so oder so (momentan leider!) abhängig in Deutschland, momentan meistens vom jeweiligen Bundesland. Wenn Menschen allerdings abhängig von Menschen sind, mit denen sie zusammen wohnen, ist das glaube ich eine für viele noch suboptimalere Situation als sowieso schon. Vielleicht liege ich hier auch falsch, ist erstmal eine Vermutung.
      Wenn man das umgestalten könnte und das Bundesland den Flüchtlingen zumindest eine Miete bereitstellt um die Menschen in einer WG zu unterstützen, könnte man die eigentlich gute Idee vielleicht wirklich umsetzen.

  2. Danke für diesen Artikel. Meine Familie ist vor mehr 25 Jahren ebenfalls nach Deutschland geflüchtet und ich weiß, wie es ist wenn man ganz am Anfang steht, mit nichts und man das Gefühl hat, dass man weder erwünscht noch geachtet ist.
    Leider erfährt man viele Vorurteile und wenn ich sehe was heute so los ist und welche Haltung Flüchtlingen entgegen gebracht wird, dann zieht sich in mir alles zusammen und es macht mich sehr traurig, denn ich habe auch erfahren, dass Deutschland auch das Gegenteil sein kann. Danke für diese Worte!

  3. Genau wegen solchen Themen lese ich so gerne hier. Aber in einem Punkt muss ich widersprechen: Man kann wirklich mehr tun (auch wenn es nicht direkt etwas sein muss, wie es „Stimmi“ schreibt, auch wenn ich das befürworte).

  4. Es scheint auch etwas anders zu gehen…
    Vor ca. 4 Monaten wurde in meiner direkten Nachbarschaft eine sogenannte ‚Zentrale Erstaufnahme‘ für Flüchtlinge eingerichtet. Es gab bei einigen Anwohner zwar die üblichen Bedenken- meine Nachbarin hat sich erst einmal eine Flutlichtanlage, wegen der ihrer Meinung nach zu befürchteter Einbrüche, installieren lassen aber es gab auch durchaus Zuspruch und Viele fragten beim Informationsabend zur geplanten Einrichtung, wie Sie helfen könnten. Die Erstaufnahme befindet sich direkt neben einem Gymnasium und zu Weihnachten haben die Schüler , Lehrer und Eltern ‚Willkommens Päckchen‘ für die Flüchtlingskinder organisiert. In der Silvesternacht habe ich meine Sohn gefragt, ob er Lust hätte mit mir bei der ‚Einrichtung‘ vorbeizugehen, um unseren neuen Nachbarn ein frohes neues Jahr zu wünschen. Wir haben dann mit einigen von Ihnen dann in der Kälte gestanden und gequatscht bis wir es in der Kälte nicht mehr ausgehalten haben. Sie haben uns Ihre Geschichten erzählt und mein Sohn sowie auch ich waren ziemlich geschockt über ihre Erlebnisse. Ich fragte sie nach ihren ersten Eindrücken in der neuen Heimat, ob das Leben in den Containern soweit o.k. für Sie wäre und ob sie bislang irgendwelche negativen Erfahrungen gemacht hätten. Sie meinten bislang wäre alles o.k. und sie wären froh hier zu sein. Heute nachdem ich diesen Artikel- mit den doch eher negativen Schilderungen gelesen habe, bin ich dort mal wieder vorbei gegangen, um nachzufragen, wie die Situation denn aktuell ist. Ich habe mich länger mit einem Albaner unterhalten und wie schon hier im Artikel beschrieben, bestätigt er auch, dass das essen echt Schei*e ist und auch die engen Räumlichkeiten nicht optimal wären aber Ablehnung bzw Anfeindungen hätte er in den 4 Monaten die er nun hier ist noch nicht erfahren. Ihm gefällt es hier und er würde sehr gerne hier bleiben um ein ganz normales Leben leben zu führen.
    Ich hoffe, dass hier die Situation weiterhin so entspannt bleibt wie bislang.

  5. > Am nächsten Tag erzählte ich einem Lehrer des Vertrauens von meiner überraschenden Begegnung und erklärte ihm mein Anliegen: „Ich muß diesem Mann irgendwie helfen!“<

    Das klingt für mich seltsam.
    Warum nicht zu Hause fragen, ob etwas Brot, Butter, Aufschnitt oder so übrig wäre?

    Wir haben in der Schule Lebensmittelpake "für Unbekannt" (so kam es uns Schülern vor) gepackt.
    Später ergab sich zweimal die Chance für meine Eltern, Menschen zu helfen, die sehr wenig hatten, und obwohl meine Eltern selbst nicht im großen Überfluss lebten, haben sie die Gelegenheit im Rahmen ihrer Möglichkeiten ergriffen. In einem Fall war es ein Korb mit Obst, Gemüse, Reis, ein Kasten Bier und ein großes Blech Apfelkuchen, über das sich die Empfänger sehr gefreut haben (und das gleich Anlass zum ersten gemeinsamen Kaffeetrinken ergab).

    Wenn man weiß, dass es an etwas fehlt, das man erst mal ohne großen Aufwand stiften kann, sollte man das mMn tun. Natürlich kann nicht jeder etwa eine Essenspatenschaft für Asylanten übernehmen (und wäre die notwendig, sollte man daran arbeiten, das System zu verbessern, wenn nicht auf politischer Ebene dann indem man entsprechend viele Menschen findet, die mitmachen – das ist gar kein so abwegiger Gedanke; in einigen Gemeinden werden ja für Asylanten spezielle Veranstaltungen privat bzw. von ortsansässigen Vereinen organisiert, für die die Bürger dann auch "spenden").

    Oft kann man nicht helfen, weil es einem selbst an Mitteln fehlt oder die Not einfach zu groß ist, als dass man allein etwas ausrichten/ ändern könnte.
    Oft wird einem aber auch bewusst (gemacht), dass es einzelnen Menschen nur an wenigem fehlt, wie etwa einem Radio, einem Spiegel, Essen bis zum Monatsende, Spielzeug für den Geburtstag. Oft hat man dann selbst so etwas noch übrig oder kann den kleinen Betrag dafür problemlos aufbringen.
    Das sollte man dann mMn auch ohne großes Aufhebens tun.

    Einer der Leute, denen meine Eltern damals halfen, war eine Asylantin, die wir dann einmal "besuchten" in einem völlig überfüllten Raum (Bett an Bett) mit stickiger Luft, in dem jeder irgendwo tatenlos saß oder stand und nichts machen konnte. Nein, wir konnten nicht allen helfen, und ich weiß nicht, ob die Frau (und ihr Ehemann) unsere Mitbringsel mit den Zimmergenossen teilten. Aber immerhin hatten sie etwas Kontakt zu uns, lernten die Gegend kennen, bekamen ein paar Lebensmittel. Nichts Großartiges, nichts Luxuriöses und nichts für die anderen, die wir nicht persönlich kannten (Das Geld hätte vermutlich nicht ausgereicht, die 13 anderen Menschen im Zimmer (!) auch noch zu unterstützen.)

    Der Punkt ist aber, wenn man etwas Praktisches tun kann, um einem zu helfen, dann sollte man das mMn ohne Wenn und Aber tun, auch wenn man Gegenargumente findet wie "ja, aber die anderen schauen dann in die Röhre" oder "ich kann doch jetzt nicht 15 Leute mit Essen versorgen und auf Ausflüge mitnehmen".

    Heutzutage kann man sicher über soziale Netzwerke etc. in der Gegend auch noch einige Leute finden, die mit Spenden oder Zuwendung oder praktischer Hilfe (Beschäftigung mit den Kindern, Sprachunterricht etc.) mithelfen können. So bleibt die Last nicht auf den Schultern eines Einzigen und keiner muss zu viel geben.
    Damals kamen wir nicht auf die Idee, Nachbarn und Freunde zu fragen.

    Heute wäre das viel selbstverständlicher – alles und jedes wird im Internet besprochen und geregelt – und gemeinsame Hilfe auch viel realistischer.

    LG
    Fidi

    PS
    Praktische Hilfe in Jamals Fall wäre fürs erste gewesen, Putzmittel zu kaufen und mal die Toiletten zu säubern. Also das zu tun, was gerade ansteht und was man leisten kann. Wenn etwas sauber ist, wird es normalerweise weitergepflegt; ist es nicht sauber, übernimmt oft auch keiner die Verantwortung und es verkommt dann immer mehr.

  6. Ich finde das Thema spannend, aber leider total klischeehaft aufbereitet.

    Die bösen Deutschen, die so gastunfreundlich sind, heruntergekommene Flüchtlingsunterkünfte und dann noch grauenvolles deutsches Essen… und der Fotograf kann leider nichts anderes tun, als zu fotografieren.

    Das meint ihr doch nicht ernst, oder?

    Es gibt so unglaublich viel ehrenamtliche Hilfe und Solidarität in den Gemeinden und die Bundesländer rotieren ohne Unterlass, diese zunehmenden Flüchtlingsströme zu bewältigen; auch wenn nichts alles perfekt läuft.

    Weniger auf die Tränendrüse und „ach wie schlimm ist Deutschland“ wäre überzeugender gewesen. Und dass die Flüchtlinge ein ganz schlimmes Schicksal haben steht außer Frage!- Vielen Menschen fällt hierzu aber mehr an Unterstützungsideen ein, als festzustellen, dass man ja leider gar nichts machen kann.

    • Ich verfolge diese Serie nun schon seit längerem und kann deinen Einwand in Bezug auf „Klischee“ nicht nachvollziehen.
      Eher stellt sich mir die Frage, ob dir die Situationen in denen Flüchtlinge untergebracht sind, wirklich bewusst sind. Für mich klingt es so, als solle Martin deiner Meinung nach darüber berichten, wie wohl sich die Mensachen hier fühlen und wie toll alles ist und wie dankbar sie sind.. weil ja soviel getan wird.
      Ich halte Martin für einen sehr realistischen Menschen, der durchaus sensibel und emotional ist aber defintiv nicht klischeebehaftet. Denn genauso schreibt er auch. Und von daher bin ich mir sicher, das er, als einer der wenigen, die mit den Flüchtlingen sprechen, statt nur über sie zu sprechen durchaus weiss, wovon er schreibt und nicht absichtlich auf die Tränendrüse drückt oder die Geschichten dementsprechend ausschmückt. Ist ja nicht die B**d…

      • Ja, ich gebe Dir recht, dass das auch die Missstände „eine“ Seite der Medaille sind. Ich arbeite tatsächlich jeden Tag mit Flüchtlingen und es gibt auch positivere und durchaus ermutigende Geschichten. Man könnte deshalb ein bißchen Mut und Hoffnung vermitteln. Aber jeder entscheidet natürlich für sich selbst, ob er das Glas
        halb voll oder halb leer sieht. Nichts für ungut, ich lasse euch gerne die Sicht auf das Elend.

  7. Doch, man KANN mehr tun!

    Ersteinmal: Danke für den Bericht. Ich finde die Serie von Dir wirklich toll. Mir gefallen die Fotos und ich mag die Art mit der Du von deinen Begegnungen berichtetst.

    Aber jetzt kommt mein großes aber: Du und wir alle können eine Menge mehr machen als „bloß“ Fotos. Berichte wie diese sind auf jeden Fall wichtig, versteh mich nicht falsch, aber es kommt auch auf direkte Hilfe an.
    In den meisten Unterkünften werden Sachspenden benötigt wie z.B. Fahrräder, da sich viele keine ÖPNV-Tickets leisten können. In Vielen Städten gibt es Initiativen die bei Behördengängen helfen, Deutschkurse anbieten etc. etc. Diese suchen fast immer Hilfe. Auch gibt es in vielen Städten Flüchtlingsinitiativen oder Flüchtlingsräte welche immer wieder auf Unterstützung und Spenden angewiesen sind.
    Außerdem ist es wichtig öffentlich für Geflüchtete Menschen Stellung zu beziehen. Wir können zusammen mit AntiRa- und auch AntiFa-Gruppen (jaja, die Bösen), engagierten Bürger_innen und allen anderen gegen Pegida, AFD und Co auf die Straße gehen, wir können bei Bürger_innenversammlungen gegen geplante Unterkünfte präsenz zeigen und eine Gegenmeinung aufzeigen und wir sollten uns öffentlich zu politischen Refugee-Gruppen wie „Lampedusa in Hamburg“ und den Geflüchteten aus der Ohlauerstraße in Berlin bekennen und diese unterstützen…
    Wir sollten den Umgang mit Geflüchteten auch bei der Wahl bedenken. Die SPD verabschiedet gerade rassistische Sondergesetzte die Geflüchtete weiter kriminalisieren und das Recht auf Asyl quasi komplett abschaffen. Durch die Drittstaatenregelung aus dem Dublin-Abkommen fällt die Chance in Deutschland Asyl zu bekommen eh schon sehr gering aus.
    Mehr Infos zu den neuen Asylgesetzen der GroKa hier: http://migrationsgesetze.info/aufruf/

    Wir können also viel tun. Diese Fotoserie sehe ich als einen Baustein darin. Jeder Baustein ist wichtig, aber eben auch nur einer von vielen.