Eine Stadt am Wasser, über der dunkle Wolken hängen.
06. April 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Anamorphe Liebe

Der Moment, in dem sich mir die Tür zur Fotografie wirklich öffnete, war vor etwa vier Jahren; ich war 18 Jahre alt und machte gerade mein Abitur. Ein Freund von mir hatte sich eine Spiegelreflexkamera von Nikon gekauft und seit ich sie das erste Mal in der Hand hatte, war ich angefixt davon, sie zu benutzen.

Eine diesige asiatische Großstadt in Blautönen.

Eine Frau schaut von einer Brücke in ein nebliges Tal.

Also sparte ich meinen Lohn und kaufte für etwa 500 £ eine Canon 500D, weil ich auch schon immer eine Leidenschaft für das Filmemachen und das Gefühl hatte, dass Canon auch ein guter Weg für Videos war. Diese Kamera war vermutlich die beste Investition, die ich jemals getätigt habe.

Wenn ich auf meine ersten Fotos zurückblicke, sehe ich, dass die Ergebnisse – nunja – schrecklich waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich völlig begeistert davon, wie selbst die alltäglichsten Dinge durch mein billiges Canon 50 mm f/1.8 wunderschön aussahen. Alles von einem Teller bis zu Pflanzen sah unfassbar nett aus.

Menschen in einer verbauten Gasse einer asiatischen Stadt.

Eine Frau liegt in Unterwäsche auf einem roten Sofa und liest in einem Buch.

Während die Zeit verging, fand ich genauer heraus, was ich erreichen konnte und dies verlief parallel zu meiner Liebe für Filme, nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch als visuelle Meisterschaft. Mit meiner neugewonnenen Liebe, der Fotografie, begann ich, den Bildausschnitt zu studieren, mich zu fragen, warum etwas genau so und nicht anders gemacht worden war und auch, herauszufinden, warum etwas so schön aussah. Künstler wie Roger Deakins, Emmanuel Lubezki, Wally Pfister, Robert Elswit und Sean Bobbitt sind hier eine große Inspiration gewesen.

Eine Frau knöpft sich vor einem Fenster eine Bluse zu.

Hell erleuchtete futuristische Hochhäuser in einer asiatischen Großstadt.

J. J. Abrams’ Star-Trek-Film war gerade im Vorjahr in die Kinos gekommen und wie die meisten Leute haben mich die Blendenflecke kalt erwischt, allerdings war ich im Gegensatz zu den meisten anderen von ihnen geradezu fasziniert. Ihre Textur, ihre organische und trotzdem fremde Natur traf einen Nerv in mir.

Ungefähr zu dieser Zeit entdeckte ich auf Flickr Loomax, der zweifelsohne den größten Einfluss auf mich in meiner bisherigen fotografischen Laufbahn hatte. Er benutzte alte anamorphe Objektive mit Eigenbauten an seiner Kamera, die seinen Bildern einen großartigen Charakter gaben – ich wusste sofort, dass ich auch so eine Linse haben musste.

Nahaufnahme des Auges einer Frau im Halbdunkel.

Hochhäuser einer Großstadt, die in tiefhängenden Wolken stehen.

Abgesehen von den Blendenflecken, die man offensichtlich bekommt, sind anamorphe Objektive sozusagen das Synonym für den Stil von Steven Spielbergs Filmen der 80er Jahre wie Indiana Jones, E. T., Jaws und Close Encounters, um nur ein paar zu nennen. Also kaufte ich natürlich so eine Linse, eine Kowa 8Z und begann, mit dem Stil zu experimentieren, immer noch auf der Suche nach meinem Weg in der Fotografie und der einen unglaublichen Aufnahme.

Ein Mann mit Mütze zündet sich im Dunkeln eine Zigarette an.

Eine Person geht im Dunkel über einen nebligen Parkplatz.

Traurigerweise war damit aber auch nicht alles eitel Sonnenschein, denn diese anamorphen Objektive sind ursprünglich nicht für die Fotografie gemacht worden; sie sind groß, schwer und um damit zu fotografieren, muss man noch eine andere Linse drunterschrauben. Das heißt auch, dass man mit beiden fokussieren muss, damit beide wirklich auf die gleiche Distanz fokussieren.

Das allein ist schon kompliziert genug, aber dann kommt noch dazu, dass die Skala der einen Linse in Metern und die andere in Fuß abgedruckt ist und schon hat man einen logistischen Albtraum, wenn man spontan etwas aufnehmen möchte. Eines Tages fotografierte ich, als sich das Objektiv von meinem Eigenbau-Bajonett löste, sodass ich eine mehrfach gebrochene anamorphe Linse hatte, was das traurige Ende meiner anamorphen Beziehung bedeutete.

Eine Person steht auf einer Brücke und schaut auf eine erleuchtete Stadt herunter.

Silhouette eines Mannes, der in diesigem Licht neben einem Taxi am Straßenrand steht.

Dann schwenkte ich um zu M42-Linsen für die alten Pentax-Kameras, die man normalerweise für unter 50 £ bekommen kann. Diese sind oft schwere, ausgezeichnet gebaute japanische oder osteuropäische Objektive, hergestellt in den 80er Jahren, die über einen fantastischen Charakter verfügen.

Ich investierte mein Geld in ein Helios 44-2 f/2, die die erste M42-Linse sein sollte, die Du jemals kaufst. Mit ihrem kreisförmigen Bokeh im Unschärfebereich sorgte sie dafür, dass sogar meine lahmen Kompositionen immer wie Gemälde von Van Gogh aussahen.

Zu dieser Zeit, etwa 2012, legte ich meine Bilder immer noch sehr nah an der Bildaufteilung von Filmen an, bis hin zum Letterbox-Rahmen. Ich verbrachte Ewigkeiten damit, zu analysieren, was Bilder im Kino so – nunja – kino-mäßig aussehen ließ. Mit dem, was man alles in Photoshop machen kann, öffneten sich so viele Möglichkeiten; ich wusste genau, dass ich nicht in der Lage war, demnächst einen Eine-Million-Dollar-Film zu drehen, ich könnte es aber sicherlich so aussehen lassen.

Ein Mann mit Hut zündet sich im Dunkeln eine Zigarette an.

Blick durch eine nasse Autoscheibe hinaus auf Rücklichter anderer Autos.

Nach einiger Zeit ermüdete mich, immer wieder die gleichen Techniken zu benutzen. Ich war frustriert, dass ich mich nicht weiterentwickelte und mich am Ende selbst wiederholte. Also begann ich, die Looks alter Analogfilme digital zu imitieren, während ich in eine Canon 60D investierte, die für mich wie ein voller Atem frischer Luft war nach der furchtbaren ISO-Leistung der 500D.

Was mich dabei geleitet hat, waren die Werke von Lukasz Wierzbowski, Ines Rehberger, Oskar Johansson und Justin Wolfe, um ein paar zu nennen, die alle dieses Gefühl von Rohheit und ernster Schönheit transportieren. Ich finde, dass es da etwas inhärent Schönes im 35-mm-Film gibt; nicht, weil es retro ist, sondern durch die Art, wie er Farben wiedergibt, ein tiefer Sinn für Atmosphäre und die „Fehler“, nach denen ich mich immer so zu sehnen scheine.

Eine Frau läuft auf einer leeren Straße in diesigem Wetter.

Nahes Portrait eines Mannes, dessen Gesicht halb von Dunkelheit verdeckt ist.

An diesem Punkt wurde ich von einem kommerziellen Regisseur angefragt, Mike Thomas, der eines unserer Universitätsprojekte angeschaut hatte und mit mir die Leidenschaft für filmische Fotografie teilte. Durch pures Glück kam dabei ein Kontakt nach China heraus, der mir die Gelegenheit gab, dort drüben in einer Videoproduktion mitzuarbeiten.

Also nahm ich mir ein Jahr Zeit heraus, um vor meinem letzten Jahr an der Universität ein bisschen in China zu leben und zu arbeiten. Was ganz sicher eines der verrücktesten und belohnendsten Dinge war, die ich jemals gemacht habe. Der Job bedeutete auch, China in seiner ganzen Weite zu bereisen und der unerfahrende Reisende, der ich war, nahm ich jeden Moment davon mit der Kamera in der Hand auf.

Eine Person überquert eine nasse Straße.

Silhouette einer Person in einem Bokehmeer aus Stadtlichtern.

Ich hatte sogar die Chance, James Yeung, einen anderen filmisch arbeitenden Fotografen zu treffen, der mir eine großartige Führung durch Hong Kong gab – eine unglaubliche Erfahrung. Mein Stil verändert sich nun wie der jedes anderen auch, aber eines bleibt dabei konstant: Die Sehnsucht, ein filmisches Bild mit starker Atmosphäre aufzunehmen und während mir das nicht immer gelingen mag, werde ich immer danach streben.

Dieser Artikel wurde für Euch von Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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7 Kommentare

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  1. Ich bin beeindruckt. Das sind meiner Meinung nach die schönsten und beeindruckendsten Bilder, die ich seit langer Zeit auf Kwerfeldein gesehen habe. Ich werde beim Betrachten fast ein bisschen neidisch, denn so möchte ich auch fotografieren können.

  2. Öh…ich finde die Bilder naja, durchschnittlich…und was soll daran jetzt bitteschön „filmisch“ sein, ausser vielleicht der meist eher dunklen Farbgebung bzw. Stimmung. Insgesamt aber nichts, was mich jetzt besonders aufmerksam werden liesse.

    antonio

  3. … Also ich finde den Bericht toll.. Die Bilder auch spannend, wenn auch nicht das beste, was ich hier gesehen habe. Aber toll und eigenständig.
    Das filmische Element interpretiert jeder anders, aber die Bilder zeigen die Suche nach einem Stil: das ist eigenständig und super!
    Anamorphe Linsen sind mir bislang noch nicht untergekommen, also ist der Bericht für mich informativ… Die leinwandbreiten Bilder kommen auf dem Monitor find ich immer gar nicht, da bräuchte es doch große Formate oder noch besser einen Beamer oder Projektor. Dann würden diese auch wirken.
    Ich finde es immer klasse, wenn ein Artikel einen Weg beschreibt und bin sicher, du wirst diesen weitergehen mit spannenden Entdeckungen.

  4. Mein erster Gedanke war, dass die Bilder ja vieel zu Dunkel wären. Das ist natürlich Quatsch, beim zweiten Hinsehen finde ich deinen Stil ausgezeichnet! Extrem atmosphärisch.

    Was ich ganz witzig finde: Bei mir war es sehr ähnlich; teilweise jedenfalls. Habe ebenfalls zu Abi-Zeiten angefangen und mit alten Pentax-Objektiven herumexperimentiert. Benutze sogar heute noch einige davon sehr gerne.

  5. Anamorphe Liebe, habe erst heute diesen schönen Bericht gelesen, sozusagen mit etwas Zeitabstand. Ich finde es eine sehr gute, weil echte Darstellung eines Werteganges, des Autors Louis Hvejsel, der nicht unüblich war und hoffe auch heute noch ist. Er suchte und fand seinen eigenen Weg sich mit der Fotographie zu verwirklichen, mich würde sein Weg heute interessieren, um seine Gefühle zu zeigen. Sehr gut und lobenswert. Das wohl heute die allermeisten jungen Leute per Handy zum ersten mal mit dem Thema Foto in Kontakt kommen, leider auch nicht versuchen zu verstehen was geschieht, sondern nur ein Mittel darin sehen sich im Internet darzustellen und Lob zu erhalten, Millionenfach nachgemacht, keinen kümmert es, es wird noch kruter. Und wer will überhaupt behaupten oder Weltweit sagen … das ist schlecht … das ist nicht gut… ich habe das Beste ! Bleibt auf dem Boden der Fotografie und zeichnet mit Licht! viel oder wenig Licht … beides ergibt die Mischung, alles andere ist reines Gefühl. Schöner Bericht und vielen Dank an Louis Hvejsel. Immer gut Licht.