Moderne Kirche vor düsterer Wolkenfront
30. März 2015 Lesezeit: ~6 Minuten

Kirchenfotografie mit dem Tilt-Shift

Es war im August 2013, als ich einen für mein damaliges Portfolio ungewöhnlichen Auftrag bekam. Ich sollte für einen Kirchenkreis alle Kirchengebäude von außen „portraitieren“ – für ihr Archiv, für Veröffentlichungen und für die Nachwelt. Die Fotos sollten darüber hinaus anschließend auch gedruckt im zentralen Verwaltungsgebäude (Kirchenkreisamt) aufgehängt werden. Sie sollten möglichst authentisch sein und die Kirchen mit all ihren Details einigermaßen genau zeigen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich eigentlich nur als Portrait- und Hochzeitsfotograf in Erscheinung getreten. Der Reiz des Neuen und Ungewohnten sorgte aber dafür, dass ich diesen Auftrag gern annahm.

Bei meinen Vorüberlegungen zog ich vor allem eines in Betracht: Ich wollte mit einem Tilt-Shift-Objektiv fotografieren. Ich hatte bis dato nur von den Möglichkeiten dieser Objektive gelesen, nun bot sich die Chance, einmal eines richtig auszuprobieren. Zudem schien es mir bei diesen Motiven – alte und neuere Kirchen mit Türmen und vielen Linien – auch sinnvoll.

Ich hatte zuvor erst ein einziges Mal ein solches Objektiv ausgeliehen und damit Portraits mit partieller Unschärfe fotografiert. Aufgrund des hohen Preises und meiner anfänglichen Unbeholfenheit im Umgang mit diesem Objektiv hatte ich das Thema dann aber erst einmal beiseite geschoben.

Hochzeitspaar im Kornfeld unter bewölkten Himmel

Aber jetzt machte ich mich voller Motivation, etwas Spannendes zu lernen auf, lieh mir ein Canon TS-E 17mm f/4.0* und fuhr los.

Bei der ersten Kirche angekommen, packte ich das Objektiv aus, schraubte es vor meine Kamera und setzte diese auf mein Kugelkopf-Stativ. Hier zeigte sich: Ich hatte kaum eine Ahnung, was ich da eigentlich tat. Ich richtete das Stativ einigermaßen gerade aus (nach Augenmaß!), stellte eine Blende von f/8 ein und verschob mittels der Shift-Mechanik den Bildauschnitt so, dass die Kirche mit Turm in das Bild passte. Klick. Geil. Gerade Linien und eine vollständig abgebildete Kirche.

Kirche bei Sonnenaufgang

Später am Rechner stellte sich heraus, dass ich nicht exakt genug gearbeitet hatte. Ein Kugelkopf-Stativ ist nicht ausreichend, wenn man ein Gebäude sehr genau fotografieren möchte. Und so kamen noch einige Stunden Nacharbeit in Adobe Lightroom hinzu, in denen ich kleinere Ungenauigkeiten ausbügelte und mich um horizontale und vertikale Linien kümmerte.

Aber zurück zu meiner Tilt-Shift-Reise: Mit jedem weiteren Kirchengebäude arbeitete ich mich mehr und mehr in die Funktionsweise dieses Objektives ein und so begann es, richtig Spaß zu machen. Ich suchte mir jeweils den Mittelpunkt des Gebäudes von vorn und von der Seite und stellte mein Stativ möglichst exakt dort auf, um die Kirche in ihrer vollen Breite – oder so symmetrisch, wie es ging – auf das Foto zu bekommen. Ebenfalls wichtig war es mir, um die Außenlinien des Gebäudes sowie die Turmspitze herum etwas „Luft“ für das Auge des Betrachters zu lassen. Wenig nervt mich bei einem Foto mehr, als wenn es zu eng beschnitten ist.

Weißes Kirchengebäude mit Arkaden seitlich

Kirche im Stadtzentrum

Rückblickend betrachtet fällt mir vor allem auf, dass sich meine Fotografie mit dieser neuen Arbeitsweise sehr entschleunigte und bewusster wurde. Ich nahm mir zunehmend mehr Zeit für jedes Gebäude, denn ich wollte es möglichst exakt und ordentlich machen.

Da ich es nicht schaffte, mit einem Termin alle Gebäude des Kirchenkreises bei einigermaßen gutem Wetter vor die Linse zu bekommen, schloss sich letzten Sommer ein weiterer Termin an, bei dem ich die restlichen Kirchen fotografierte. Nach der Erfahrung vom letzte Mal kaufte ich mir dafür einen sehr genau einstellbaren Drei-Wege-Stativkopf, mit dem ich millimetergenau arbeiten konnte.

Während dieses Auftrags habe ich die bewusste Architekturfotografie lieben gelernt. Nicht, weil mich Architektur an sich so wahnsinnig fasziniert, sondern eher, weil es eine Art der Fotografie ist, die mich ruhig macht und entspannt. Hier darf ich werkeln und probieren und habe hinterher Fotos, die sich durch Ordnung und Genauigkeit vom Chaos des Alltäglichen abheben.

Kirche hinter einer Hecke

Kirche mit Platz davor

Flachdach-Kirche mit bewölktem Himmel

Das bewusste Einstellen von Stativ, Kamera und Objektiv rückt hier in den Vordergrund. Keine Menschen, die sich vor der Kamera bewegen, sondern einfach starre Gebäude, die so bleiben wie sie sind, egal, was ich hinter der Kamera mache.

Natürlich könnte ich jetzt einfach nur noch Architekturfotografie machen. Aber das wäre mir auf Dauer wieder zu langweilig – ich brauche die Abwechslung und auch die Interaktion mit Menschen. Gleichzeitig habe ich für mich einen fotografischen Bereich gefunden, den ich mir immer dann gönne, wenn ich mal für mich sein, ganz allein und entspannt fotografieren möchte: Architekturfotografie mit Tilt-Shift-Objektiv.

Alte Steinkirche im Dorfzentrum

Moderne Flachdachkirche am Stadtrand

Es ist wie Urlaub, nur dass die Fotos, die ich davon mitbringe, ganz anders sind als alle anderen, die ich sonst mache. Hier kann ich mich kreativ austoben und stehe vor der Herausforderung, dass sich das Gebäude vor mir in keiner Weise verändert, während ich es fotografiere. Lediglich das Wetter kann dem Foto vielleicht noch einmal einen ganz anderen Ausdruck verleihen. Der Rest aber verlangt von mir Genauigkeit, Ordnung, exaktes Arbeiten und die klare Konzentration auf genau das, was ich tue – ohne Ablenkung durch Menschen.

Silouette einer Kirche vor bewölktem Sonnenhimmel

Ich möchte Dich dazu ermutigen, für Dich selbst einen Bereich zu finden, in dem Du „fotografisch entspannen“ und Neues ausprobieren kannst. Die Fotografie mit dem Tilt-Shift-Objektiv kann eine Möglichkeit sein, die ich für mich gefunden habe.

Vielleicht fragst Du Dich jetzt, was ein Tilt-Shift-Objektiv ist und wie man es bedient. Dazu werde ich in den kommenden Wochen einen weiteren Artikel veröffentlichen, bei dem ich sehr ausführlich und genau auf die Funktionsweise und die Einstellungsmöglichkeiten dieser besonderen Objektive eingehen werde. Bis dahin empfehle ich: Probier es einfach mal aus!

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

Ähnliche Artikel

10 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. spannend … Hab auch schon mit Tilt-Shift geliebäugelt, wenn ich die fluchtenden Linien von Gebäuden un der Bildbearbeitung nur unvereidigend ausbügeln konnte. Jedoch hab ich immer befürchtet, mir wird das arbeiten mit so etwas zu technisch…An den Aspekt, damit langsamer und bewusster zu arbeiten, hätte ich noch gar nicht gedacht… Muss mir mal eines ausleihen.
    Danke für den anregenden Artikel.
    PS: in schwarz-weiß (Titel) ist die Enrwicklung reduzierter und gefällt mir besser.

  2. Ein informativer Beitrag mit einigen neuen Aspekten für mich. Ich habe immer wieder überlegt, ob ich mich an die T/S-Technik heran wage oder nicht. Vom Preis einmal abgesehen, bin ich nach wie vor unsicher, wie dauerhaft meine Begeisterung für Architektur und das Spiel mit den stürzenden Linien und den verschiebbaren Schärfebereichen wirklich ist. Die Effekte nutzen sich schnell ab und die eine oder andere Objektivfunktion ersetzt mittlerweile die Bildbearbeitung recht gut.

  3. Hallo und vielen Dank für den interessanten Artikel. Architektur ist nicht mein ständiges Spielfeld, doch ab und zu muss man sich den Problemen stürzender Linien und/oder Weitwinkel in der Architekturfotografie stellen. Zwei Fragen habe ich….
    – Du sagst selbst, in der Vergangenheit hast Du die optischen Fehler mit Lightroom korrigiert. Abgesehen von der vielen Zeit, die man dafür investieren muss, stellst Du einen Qualitätsgewinn in den Ergebnissen fest? Gehen durch das Korrigieren per Elektronischer Bildbearbeitung Detailschärfe verloren oder ähnliches, was bei dem Tilt-Shift nicht der Fall ist?
    – In einem Bild ist mir aufgefallen, dass drei Autos und vor allem Mülltonnen im Bild zu sehen sind. Ist das Absicht, billigend in Kauf genommen oder dem Zeitdruck geschuldet? Insbesondere bei den Kundenwünschen: Archivierung und Ausdruck. Bitte nicht als Kritik verstehen, mich interessiert tatsächlich die Motivation dahinter.

    Nochmal Danke und viele Grüße,
    Micha

    • Die Qualität ist mit einem Tilt-Shift natürlich deutlich höher. Ist ja logisch, dass ein Rechenalgorithmus nicht dasselbe leistet wie echte Physik. Es geht auf jeden Fall Auflösung und auch etwas Schärfe verloren.

      Die Fotos stellen die Kirchen in ihrer natürlichen Umgebung völlig ungeschönt dar. Das war auch Auftrag und Ziel. Zudem konnte ich keine Autos wegfahren oder Mülltonnen wegstellen. Wie soll das mitten in der Stadt gehen?

  4. Schöne Bilder. Ich finde die Korrektur der perspektivischen Linien aber nicht überall optimal, da die Gebäude dadurch teilweise seltsam wirken. Sie widersprechen halt dem gewohnten Sehen. Das fällt besonders bei Bild 5von10 und 8von10 auf.

    Bei den neuen Olympus Kameras E-M1, E-M5II und E-PL7 gibt es übrigens eine softwareseitig eingebaute Perspektivkorrektur, nennt sich Keystone.

    • Das gewohnte Sehen ist halt eigentlich falsch. So sehen Häuser geometrisch genau und in echt aus, wenn man nicht von unten hoch schauen müsste, sondern auf gerader Linie Blicken könnte. Ich mag gerade diese „andere“ Darstellung von Architektur und Gebäuden.

  5. ein interessantes Thema – ich habe mir den Tilt-Shift-Adapter von Mirex zugelegt um meine Mamiya 645 Objektive am Canon Vollformat entsprechend nutzen zu können. Allerdings ist dann beim 35 mm Weitwinkel Ende der Fahnenstange. 24 mm Weitwinkel oder gar 17 mm sind dann nicht mehr möglich mangels entsprechender Objektive. Aber diese Lösung ist natürlich preisgünstiger als die Canon bzw. Nikon-Objektive zu kaufen.
    Zum „unnatürlichen“ Aussehen eine Anmerkung: man sollte nie ganz parallel korrigieren, sondern immer noch einen Tick nach oben zusammenlaufen lassen. Das kommt dann dem Sehverhalten entgegen.
    Zur Korrektur per Software möchte ich entgegnen, dass man neben der „Pixelschieberei“ auch noch viel Format verschenkt, man muss, je nachdem wie stark die perspektivische Verzerrung war, doch viel beschneiden. Ein Argument also fürs Shiften mit der Linse.
    Eine andere Möglichkeit sind mehrzeilige Panoramen, da hat man wieder Spielraum beim Beschnitt und die Perspektiv-Korrektur ist quasi gleich mit eingebaut – zumindest bei PT-Gui und ähnlichen Programmen. Ob dabei der Zugewinn an Auflösung das Verschieben der Pixel ausgleicht?

  6. Blogartikel dazu: Wie benutze ich ein Tilt-Shift-Objektiv richtig? › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity