08. November 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Time Blending

Heute möchte ich Euch eine Technik vorstellen, die Ihr sowohl kreativ als auch pragmatisch in der Landschafts- und Architekturfotografie einsetzen könnt: Time Blending. Beim Time Blending handelt sich um eine spezielle Technik, mit der man Bilder der gleichen Szene, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden, überblendet.

Die Idee ist, dass man die Kamera auf einem Stativ positioniert, das Foto komponiert und dann über einen längeren Zeitraum keine Veränderungen mehr am Bildausschnitt vornimmt, während man wiederholt Fotos macht. So entsteht eine Bildserie, deren Inhalt sich hauptsächlich im Licht unterscheidet.

Ein kreativer Einsatz ist zum Beispiel das Vereinen unterschiedlicher Lichtstimmungen in einem einzigen Foto, was bei manchen Szenen durchaus reizvoll sein kann. Ich nutze Time Blending hingegen meistens dann, wenn ich an die Grenze der technischen Möglichkeiten stoße, die mir meine Kamera bietet.

Fotografiere ich etwa wie im Titelfoto eine Szene zu Sonnenuntergang, kann ich, bevor die Sonne untergeht, damit beginnen, Fotos zu machen und dann weiter bis in die Blaue Stunde fotografieren. Beim Titelfoto etwa war die Intention, das beleuchtete Heidelberger Schloss zusammen mit der untergehenden Sonne in einem einzigen Foto abzubilden.

Öffne ich diese Fotos dann als Ebenen in Photoshop, kann ich mit Masken unterschiedliche Lichtstimmungen kombinieren. Im folgenden Video zeige ich den Ablauf in Photoshop für Interessierte (in englischer Sprache).

Einsatzgebiet Nachtfotografie

Nun aber zu einem etwas pragmatischeren Einsatz. Wenn ich Nachtfotos mache, habe ich immer das Problem, Details im Vordergrund rauschfrei darzustellen. Selbst mit Langzeitbelichtungen ist das nur bedingt möglich, wenn es richtig dunkel ist, zum Beispiel wenn ich die Milchstraße fotografiere. Ich gehe also genauso vor wie beim Foto vom Heidelberger Schloss, nur dass die Kamera deutlich länger am gleichen Ort verweilt – teilweise über mehrere Stunden.

Nächtliche Szene am Meer

Dieses Foto kennt Ihr vielleicht schon von meinem letzten Artikel über meine Reise durch die Bretagne. In Webauflösung sieht man kaum, wie viel Arbeit in so ein Foto fließt. Wäre das Ziel, ein Foto für Instagram zu machen, müsste ich den Aufwand mit Time Blending nicht betreiben. Aber durch den Einsatz erhalte ich ein Ergebnis, das ich problemlos im Großformat ohne sichtbares Rauschen drucken kann.

Die Arbeit für dieses Foto begann etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang, als die Milchstraße über dem Strand südwestlich von meinem Aufnahmeort stand. ISO 6.400 und Offenblende waren nötig, um die Sterne hell genug abzubilden (Abbildung 1). Dabei hatte ich die Kamera zunächst etwas nach oben gerichtet, um mehr vom Himmel einzufangen.

Im nächsten Foto (Abbildung 2) seht Ihr, wie ich danach die Kamera etwas nach unten geneigt habe, um das zweite Foto für ein Vertorama aufzunehmen. Was Ihr nicht seht, sind allzu viele Details im Vordergrund. Eine achtminütige Belichtung bei ISO 400 (Abbildung 3) zeigt zwar etwas mehr Details, aber der Vordergrund ist immer noch recht unscharf und verrauscht. Zum Erreichen der nötigen Schärfentiefe bei kleiner Blendenöffnung war es einfach noch zu dunkel.

Erst knapp 90 Minuten später, während der Blauen Stunde, konnte ich bei ISO 100 und f/9,5 mit einer 60 Sekunden langen Belichtung die Felsen und Blumen über dem Plage de la Fosse sauber einfangen (Abbildung 4).

Vier verschieden belichtete Aufnahmen

Damit war der erste Teil des Time Blending, die Aufnahme der Fotos, beendet. Die eigentliche Kunst bei dieser Technik liegt jedoch in der Bildbearbeitung. Der Fokus liegt dabei darauf, die Farben und Kontraste des Fotos aus der Blauen Stunde so anzupassen, dass es sich natürlich mit den Nachtfotos überblenden lässt. Das finale Foto soll dabei weiterhin wie ein Nachtfoto aussehen, jedoch mit einem Hauch von Details im Vordergrund, die den Anker für das Foto bilden.

Bildmittelung und Fokus Stacking

Wenn ich mir schon die Mühe mache, vor Ort über zwei Stunden an einem einzigen Foto zu arbeiten, dann mache ich natürlich nicht nur vier Fotos wie oben abgebildet. Ich kombiniere Time Blending mit weiteren Techniken.

Für die Sterne nehme ich beispielsweise 20 bis 40 Fotos auf, die ich später mit der Software Sequator mitteln kann, um das Rauschen zu reduzieren. So erhalte ich, trotz des Einsatzes von ISO 6.400, einen rauschfreien Himmel.

Auch für den Vordergrund mache ich meist mehrere Aufnahmen. Um Schärfeeinbußen durch zu starke Beugung des Lichtes an der Blendenöffnung des Objektives zu vermeiden, nutze ich idealerweise nur Blenden größer als f/11. Bin ich jedoch mit der Kamera nah am Vordergrund, reichen solche Blenden nicht aus, um den kompletten Bildbereich scharf darzustellen. Abhilfe schafft eine Technik namens Fokus Stacking, bei der ich mehrere Fotos mit auf unterschiedliche Tiefen gesetztem Fokus mache und diese später für eine optimale Schärfe kombiniere. Moderne Kameras haben sogar Automatiken, die mir das wiederholte Fokussieren abnehmen.

Wüste bei Nacht

Es ist nun jedem selbst überlassen, zu entscheiden, welche Techniken für unterschiedliche Fotos Sinn machen. Nur hoffe ich, dass ich Euch mit diesen Techniken ein paar neue Werkzeuge vorstellen konnte, mit denen Ihr experimentieren und vielleicht auch Bildideen verwirklichen könnt, die vorher nicht möglich waren. Und natürlich war das hier nur ein Überblick. Detaillierte Tutorials findet Ihr auf meiner Webseite.

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16 Kommentare

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  1. Zwei Faustregeln ersparen hohen Nachbearbeitungsaufwand und lassen Landschaftsbilder ganz von allein gelingen.

    1. Bei Tag fotografieren. Da sieht man Landschaften einfach besser.

    2. Nicht direkt in die Sonne fotografieren. Die Sonne ist die Lichtquelle, nicht das Motiv.

    • lieber ulrich, das ist der lustigste und zugleich tiefsinnigste und irgendwie auch vornehm alles, was mir so einfallen möchte, enthaltene kommentar seit langer zeit.

      und ansonsten bin ich tatsächlich sehr gehemmt, was zu schreiben. beim letzten mal, so habe ich es in erinnerung, gab es schelte für kritik und diese „über geschmackt kann man nicht streiten“ (kann man doch, natürlich, da fängt es ja an…) diskussionen. am ende haben alle wirklich beleidigt und waren gekränkt. man könnte das inhaltlich eins zu eins hierher kopieren.

      ich beobachte nur (und das meine ich nicht als kritik, denn ich kann ja gehen, wenn es mir nicht gefällt, sondern stelle s für mich fest), dass kwerfeldein das nerdige, das besondere im moment verliert. diese lust am diskurs. es ist vieles so egal langsam. so mainstream. ich mochte das hier immer, weil es eine wundertüte auch des nachdenkens über fotografie war. aber das verliert sich. wahrscheinlich kann man den laden anders gar nicht am laufen halten. ein paar bekloppte machen nicht satt und wahrscheinlich lesen die eh nur sich selbst… aber ich vermisse trotzdem anarchie, irrsinn, kunst… das ist hier, auch in den kommentaren inzwischen, wie nach einem konfliktseminar: hauptsache, es wird überhaupt noch was gesagt. und hauptsache, das tut niemandem weh.

      es kommt mir grad so vor, als ob ich das neulich nicht nur gedacht, sondern auch schon mal geschrieben habe. sorry, falls…

      ansonsten, lieber michael, als feedback: das ist für mich fototapete. kein guter kitsch (guten kitsch mag ich). das ist begeisterung an der technik und ich frage mich, wofür denn der aufwand? was siehst Du bloß, was ich nicht sehe? das ist alles (auch die reisebilder) so zuckrig, bunt, übersatt, ohne irgendein geheimnis (im gegenteil, man soll ja alles sehen), ohne mir erkennbare bildersprache… ich verstehe es nicht. das macht sicher viel arbeit. aber warum? und das frage ich nur, weil es hier in einem offizielleren kontext auftaucht. sonst würde ich gar nichts sagen. soll jede:r tun, wie sie/er will.

      • „… so zuckrig, bunt, übersatt, ohne irgendein geheimnis (im gegenteil, man soll ja alles sehen), ohne mir erkennbare bildersprache …“

        So sehe ich das auch. Es ist in meinen Augen okay, wenn jemand so viel Geld und Zeit investieren kann und will, um so etwas zu produzieren, und dann auch noch eine Anleitung liefert, es ihm nachzumachen, meinetwegen. (Ich selbst will das aber nicht nachmachen, aber andere vielleicht.)

        Dass das hier jedoch in schöner Regelmäßigkeit immer wieder thematisiert wird – wenn ich das richtig sehe bereits knapp achtzig Mal, ist mir ein Rätsel.

        Das Quietschbunte-Extremdetaillierte-Kitschige finde ich noch irgendwie akzeptabel. Jeder nach seiner Fasson. Es gab einmal einen Fotografen namens Pete Turner, der machte ein Foto von einer Giraffensilhouette vor knallrotem Himmel auf lilafarbenem Gras … okay, das ist dann sicher ganz große Kunst, mir hat es sehr gut gefallen. Aber 70 bis 80 Beiträge nach immer demselben Schema? Da sehe ich den Sinn nicht, warum das immer wieder aufgetischt wird.

    • Welche Arroganz und Überheblichkeit muss man besitzen um mit solchen Plattitüden einen Workshop abzukanzeln. Hätte Ansel Adams das befolgt, gäbe es zwei der berühmtesten Landschaftsbilder nicht: Moonrise over Hernandez und Moon and Half Dome. Und der Vor- und Nachbearbeitungsaufwand bei analoger Fotografie um solche Fotos hinzubekommen war ein vielfaches komplexer als heute.

      • Sie können wohl nichts anderes als Leute persönlich zu beleidigen.

        Die beiden genannten Bilder hat Ansel Adams bei Tag gemacht, jeweils so um vier Uhr Nachmittags.

  2. Machbar ist eben alles. Früher nannte man das glaube ich Überblendprojektion.
    Das Titelbild zeigt eigentlich schon die Widersrpüchlichkeit der Technik. Denn die Schattenseite wirkt wie von der Sonne angestrahlt. Die hat natürlich ganz hipp auch die entsprechenden Sonnensterne.
    Ein weiteres Bild, welches durch die Technik das Thema meiner Ansicht nach verfehlt, ist Bild 4 der blauen Stunde. Was das Bild mit der blauen Stunde zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Es wirkt für mich eher wie ein zu knapp belichtetes und flaues Nachmittagsbild. Blaue Stunde heißt einfach, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.https://mare.photo/die-blaue-stunde/
    Wie gesagt, technisch ist alles möglich.

  3. Ulrich
    Wenn man deine Tipps beherzigt dann hat man ein langweiliges Bild ;-)
    Ich finde warum nicht in Grenzbereiche fotografieren ? So lernt man echt viel und bekommt häufig spektakuläre Bilder !
    So was muss nicht jeden gefallen.
    Ich mag es mitzuerleben wie der Tag erwacht…
    Dankeschön für das vorstellen der Technik

  4. Manche von uns verstehen Fotografie als Momentaufnahme und mögen es nicht, wenn die Überblendung vieler einzelner Momentaufnahmen als ein Bild ausgegeben und als Fotografie mit einer Momentaufnahme gleichgesetzt wird.

    Nach meinem Gefühl ist das keine Fotografie und bei mir kommt noch hinzu, dass nach meinem Empfinden die Farben und Kontraste fürchterlich aussehen.

    Unabhängig davon ist jedem unbenommen Gefallen an so etwas zu finden.

  5. Die Nonchalance, mit der Herr Breitung in seinem kurzen Statement weiter unten kund tut, dass ihm jegliche Kritik egal sei, provoziert. Die Arbeiten von Herr Breitung können tatsächlich jeder Leserin und jedem Leser gleichgültig sein. Man muss sich nicht zu jedem seiner Beiträge auf die gleiche Art und Weise äußern. Das wird auf Dauer – wie seine Bilder auch – langweilig.

    Doch dieser Beitrag hat m.E. eine Grenze überschritten. Kwerfeldein mag seine Bilder hier zeigen. Das gehört zur redationellen Freiheit von kwerfeldein dazu. Wenn man jedoch einen Beitrag von Herrn B. veröffentlicht, der die Rezeptur zur Produktion solcher Bilder zum Inhalt hat, dann identifiziert sich die Redaktion von kwerfeldein mit dieser Methode.
    Oder anders formuliert: im ersten Fall stellt die Redaktion die Bildergebnisse zur Diskussion. In diesem Fall aber veröffentlicht sie ein Rezept zum nachmachen und erklärt dies damit zum redaktionellen Inhalt für den die Redaktion verantwortlich zeichnet.

    Liebe Mitglieder der Redaktion, ich hoffe, Ihnen ist dieser Unterschied auch klar.

    Mit den besten Grüßen
    Bernd Kockerols

    • Lieber Bernd, ich stimme dir im Kern zu – würde aber auch sagen, dass (selbst wenn die Redaktion zustimmt) hier dann auch die Rezeptur zur Diskussion steht.
      Und ich finde, dass die Rezeptur sicherlich eine Möglichkeit der Fotoerstellung ist, die ich selbst für nicht besonders erstrebenswert halte. Insbesondere bei den Bildergebnissen. Die wie oben schon beurteilt wirklich auf Dauer für mich langweilig sind.

      Grüße, Wilhelm

  6. Meinem Verständnis nach haben sich in den letzten Jahren in der gesamten Fotowelt die Begrifflichkeiten und Definitionen so verschoben und vermischt, dass sowohl die Fotografen*innen, als auch diejenigen, die die Ergebnisse kommentieren, sich teils über zig verschiedene Bereiche hinweg bewegen, ohne dass das deutlich wird. Selbst bei renommierten Fotowettbewerben ist mit kompetenter, hochfeiner Fotografie alleine nicht mehr zu punkten, es sei denn, man ist auch gleichzeitig ein Software-Nerd. Traurig, denn das ist keine Gewinn der Fotografie, sondern der digitalen Bearbeitung, bzw. Gestaltung. Die Fotografie als solche endet mit der Einzelaufnahme. Irgendwo weiter unten im Text benennt der Künstler das dann auch. Was wir hier sehen, sind also keine Ergebnisse von Fotografie, sondern von Spielerei mit Software. Mir ist schon klar, dass das kaum mehr trennbar gesehen wird. Ich tue das dennoch, weil es mir leicht fällt, da ich keine solche Nachbearbeitungen mag und brauche. Zu der Kosten-/Nutzenrechnung von Zeit, Technik und Ergebnis möchte ich lieber nichts sagen, das steht schon alles hier. Als direkte Rückmeldung unterstreichen möchte ich diesbzgl. nur gerne die Kommentare von D. Nartschick und JW.

    Herzlich, D.Trampedach

    • Ich bin mir nicht sicher, zu welchem Zeitpunkt die reine Fotografie endet und
      die digitale – oder analoge – Nachbearbeitung einsetzt.
      Ist die Beeinflussung des Endergebnisses ab einem definierten Zeitpunkt
      ein Verrat an der reinen Lehre der Fotografie? Im Artikel wird beschrieben,
      mit welchen Techniken der Autor seine Bilder entstehen lässt. Das befriedigt
      meine Neugier, genauso machen muss ich es nicht. Das Schöne an der Kreativität ist,
      dass es keine Regelungen gibt.

      • Hallo Torsten,

        danke für deine Gedanken dazu. Jeder weiß ja, wie es läuft, alles (alles?) wird nach-bearbeitet. Ich für meinen Teil kann exakt bestimmen, wo meine reine Fotografie endet. Nämlich dann, wenn der Auslöser betätigt wurde. Wenn Bildaufbau und Belichtung geschehen ist, ist meine Fotografie durch. Was dann nämlich folgt, sind nur noch Optionen. Kann, muss aber nicht. Das Ergebnis der Fotografie ist eh im Kasten.
        Möglicherweise folgen nun die Ergebnisse der Nachbearbeitung. OK. Als Verrat an der Fotografie möchte ich alle Nebenarbeiten auch keineswegs bezeichnen. Für mich ist das legitim, wenn´s jemand nur so für sich ertragen kann. Man kann auch einen tollen Sportwagen fahren, ohne ihn täglich zu waschen. Wo fängt Autofahren an, wo hört´s auf? Fotografie möchte ich gerne als das bezeichnen, was sie ist, und die entsprechende Aufbereitung auch.

        LG, Dirk Trampedach

  7. Hallo Michael, mit Time-Blending kann man sehr schöne Ergebnisse erzielen. Die gezeigten Beispiele wirken allerdings nicht homogen, da (bewusst) gegen den natürlichen Lichtfluss gearbeitet wurde. Das ist aber letztendlich Geschmackssache und grundsätzlich mag ich Deine Arbeiten sehr gerne. Ansonsten würde es einigen Kommentatoren hier sicherlich gut tun, einen Gang zurück zu schalten. Jeder Mensch hat ein anderes Auge für Schönheit und sicherlich hängen mehr bonbon-farbene Landschaftsbilder in unseren Wohnzimmern als unscharf-körnige, schwarzweiße Abstraktmotive, die wohl einen gehobenen Intellekt des Fotografen symbolisieren sollen – zumindest wenn ich die Anmerkungen in einigen Kommentarfeldern hier richtig interpretiere.

  8. Blogartikel dazu: 25 Kleinigkeiten gegen Langeweile am 14.11.2021 - Meine Link-Tipps der Woche!