Stühle im Dunkeln
26. November 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Konversion

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges begann die größte militärische Abrüstung der Geschichte. In Europa wurden nach dem Abzug sowjetischer und westlicher Streitkräfte nach der Wende zahlreiche militärische Einrichtungen geschlossen. Die Fotografin Isabel Kiesewetter hat die Umnutzung dieser ehemaligen militärischen Areale dokumentiert. Auf Kwerfeldein stellt sie ihr Projekt „Konversion“ vor.

1994. Ein Blick nach Brandenburg. „Wjunsdorf“, wie der Ort von den Russen genannt wurde, ist Sitz des Oberkommandos der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Innerhalb des umzäunten Geländes befinden sich zahlreiche sowjetische Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Geschäfte.

Unterirdisch erstreckt sich ein durch Gänge verbundenes Netz an bombensicheren Bunkeranlagen, überirdisch stehen zahlreiche Luftschutztürme. Für Bürger der DDR ist das Areal Sperrgebiet.

Eine Waldszene

Ein Loch im Boden

Das einstige Hauptquartier des Oberkommandos der Wehrmacht beherbergte zu Spitzenzeiten 50.000 bis 75.000 sowjetische Männer, Frauen und Kinder.
1994 erfolgte dann der Abzug der Truppen und hinterließ eine komplette Stadt – menschenleer.

Wünsdorf ist nur ein Beispiel von zahlreichen verlassenen Militärgeländen in Ost- und Westdeutschland. Riesige Militärflächen bleiben zurück, die sich in einem äußerst desolaten Zustand befinden und mit gefährlichen Altlasten kontaminiert sind.

Stühle und Tische im Dunkeln

Ein verlassener Turm in der Landschaft

Die Rückführung der ehemaligen militärischen Anlagen in eine zivile Nutzung bringt für die Kommunen deshalb erhebliche Herausforderungen mit sich. Für Flächen, die oft jahrzehntelang in der Stadtplanung unberücksichtigt blieben, muss nun eine neue Verwendung gefunden werden. Die Finanzierung der Konversion stellt die Kommunen vor beträchtliche Probleme.

Der Abzug der Truppen führt zu einem Verlust von 129.000 zivilen Arbeitsplätzen in Deutschland. Wo vorher ein reger Handel zwischen den ausländischen Streitkräften und ortsansässigen Betrieben herrschte, ist plötzlich keine Nachfrage mehr vorhanden. Daher sollen nun neue Märkte erschlossen werden.

Schafe in einem Stall

Ein Jahrmarkt mit Menschen

Die Kommunen wollen Investoren finden, um durch Steuereinnahmen und Arbeitsplätze Wohlstand für die Region zu sichern. Dabei kann es zu Spannungen kommen, wenn die kommunalen Interessen, nicht mit den Forderungen der Umweltverbände und Gewerkschaften vereinbar sind, die für eine sozial verträgliche Umnutzung eintreten.

20 Jahre nach dem Abzug der Alliierten ist die Konversion einiger Areale bereits abgeschlossen, bei anderen hat sie noch nicht einmal begonnen. Hier ergreift die Natur Besitz vom militärischen Nachlass. Die Betrachtung der derzeitigen Beschaffenheit und Nutzung dieser Gebiete ermöglicht einen differenzierten Blick auf den langwierigen Konversionsprozess in Deutschland.

Eine dreckvernebelte Waldszene

Eine Kuppel in der Landschaft

Das Konzept zu diesem Thema habe ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin entwickelt. Meine Fotografien zeigen Landschaften. Doch ihr Bezug zur früheren militärischen Vergangenheit erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick. Erst bei genauerem Hinsehen und der Betrachtung der Bilder als Serie, entsteht ein Gefühl für die Bedeutung, die diese Orte einmal hatten.

Bei der Konzeption des Projekts war es mir wichtig, keinen Verfall zu zeigen. Ich versuchte, einen neutralen Standpunkt einzunehmen und mich darauf zu konzentrieren, diese Haltung auch technisch umzusetzen. Es gibt kaum Unschärfe in den Bildern. Viele Fotografien wurden aus einer größeren Distanz oder von einem erhöhten Standpunkt aus aufgenommen.

Eine Kleinstadt.

Eine Landschaft mit Traktor

Das Projekt „Konversion“ knüpft direkt an meine vorangegangenen Arbeiten an. Auch in den Arbeiten „places“ und „Hamburg Süd“ habe ich mich bereits mit Orten beschäftigt, die sich aufgrund gesellschaftlicher und politischer Veränderungen einem Wandel unterziehen.

Meine Arbeit soll kein bloßes Dokument sein, sondern eine eigene differenzierte Sichtweise auf ein komplexes Thema erlauben und Fragen aufwerfen. Sie ist eine Momentaufnahme, die einen Einblick in den langwierigen Konversionsprozess in Deutschland ermöglicht.

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4 Kommentare

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  1. Gefällt mir sehr. Eine Serie, der man auf dem ersten Blick nicht gleich ansieht, wieviel fotografisches Konzept dahinter steckt.
    Und das tut ihr sehr gut, weil nicht eine plakative Gestaltung im Vordergrund steht, sondern eine konzentrierte Sichtweise auf den Wandel. Mit viel Sinn für die Wahl der Mittel.

  2. Anhand dieser Photos ergibt sich der Eindruck, das militärisch genutztes Gelände schnell und ohne größere Rückstände von der Natur wieder besetzt wird (wie sieht es unter der Erdoberfläche aus? dort findet sich Munition und Chemikalien?). Die Bunker auf dem Photo mit den blühenden Obstbäumen haben fast ewas schrebergartenhaftes, die Schafe und das Volksfest sind nahe an einer Idylle und das letzte Bild erinnert an einen Golfplatz. Dagegen sehen Industriebrachen viel schlimmer aus.
    Auf Reisen durch das Hinterland von Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern habe ich Orte gesehen, an denen die Mühen der (gesellschaftlichen) Konversion viel deutlicher zu sehen sind – auch heute noch.

  3. Frau Kiesewetter Frau Kiesewetter,

    klasse! Ein ganz eigener Ansatz auf uns täglich umgebende Landschaft.
    Gefällt mir gut, sowohl die Sichtweise wie die Darstellung.

    Die wirtschaftliche Herausforderung die hier gemeistert werden muss, am besten zur Zufriedenheit aller Beteiligten, ist enorm und verstärkt die Wahrnehmung ebenso wie die Sichtweisen.

    Tschüß Mark