27. November 2014 Lesezeit: ~6 Minuten

100 Wet Plates – 100 Worte

Es war dieses Portrait, das Portrait eines Mannes, das ich da auf dem Titelbild des Online-Magazins BLUR sah, das mich nachdenklich machte.

Ich war gerade aus einer Galerie zurückgekehrt – ein tolles Gebäude, das äußerst geschmackvoll und exquisit umgebaut worden war und Werke des bekannten Fotografen Mario Testino zeigte. Aus großformatigen Drucken in edler Rahmung schauten die Gesichter der bekannten Supermodells von den Wänden der klimatisierten Räume. Inhaltlich ließen mich die Bilder jedoch kalt. Sie wirkten auf mich oberflächlich. Die Emotionen nur gespielt.

So wie das Bild dieses Mannes auf dem Bildschirm vor mir musste ein Portrait doch aussehen! Es hatte viele Artefakte, kleine Fehler, eine Tiefenschärfe von nur wenigen Millimetern und war schwarzweiß. Kein steriles porentief retuschiertes und etwas zu perfektes „Kunstwerk“, sondern ein ganz einfaches, ehrliches und dadurch unglaublich intensives Abbild. Es hatte die Kraft, mich zu berühren.

Dieses Portrait war mit dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren aufgenommen worden. Schon häufiger war ich diesen Bildern mit ihrem ganz eigenen Look begegnet. Aber nun, durch den Kontrast zwischen den perfekt inszenierten Welten in der Galerie und diesem so ganz anderen Portrait, war eine Verbindung entstanden.

Zwei Portraits eines Mannes und einer Frau im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Wieder zurück in Deutschland entschloss ich mich, auch mit solchen „Wet Plates“ zu fotografieren. Von diesem Moment an dauerte es fast ein halbes Jahr bis ich die dafür notwendige Ausrüstung beisammen hatte.

Vieles musste ich erst selbst bauen, anderes im Ausland bestellen. Hätte ich vorher gewusst, dass es so lange dauern würde und wie viele kleine Details nötig sind, dann hätte ich das Nassplatten-Abenteuer vielleicht nie gewagt. Doch zum Glück wusste ich es nicht.

Als ich die erste Platte mit zittrigen Händen aus der Entwicklerschale fischte, war das für mich wie ein Nachhausekommen von einer langen Reise. Erst jetzt verstand ich, dass ich schon lange auf der Suche gewesen war, auf der Suche nach meinem Medium.

Ich hatte mit Polaroids experimentiert, Rollfime belichtet und für zwei Wochen sogar eine Leica Monochrom zum Testen bekommen – ein Faible für schwarzweiß hatte ich schon immer. Alles in Allem blieb es jedoch bei kurzen Liebschaften. Doch jetzt war alles anders. Ich war Feuer und Flamme für die Nassplatten-Fotografie – mein neues altes Medium.

Zwei Portraits einer Frau und eines Mannes im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Wenn ich als Fotograf gefragt werde, was ich fotografiere, antworte ich meist mit „Menschen und Geschichten“. Und so waren es auch Menschen, die ich vor meiner Großformatkamera solange hin und her manövrierte, bis das Abbild auf der Mattscheibe zwar immer noch auf dem Kopf und spiegelverkehrt ankam, aber als Portrait durchgehen konnte.

Schon mit den ersten Aufnahmen war ich durchaus zufrieden und ganz automatisch begannen die Überlegungen zu einer Serie, in der ich meine Arbeit zusammenführen könnte. Kurz vor Weihnachten 2013 war es dann so weit. Auf einmal waren alle Bausteine da und der Name „100 Wet Plates – 100 Words“ stand in großen Buchstaben in meinem Notizbuch.

Zwei Portraits einer Frau und eines Mannes im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Ich hatte mir vorgenommen, 100 Menschen zu portraitieren und pro Person nur ein einziges Bild zu machen. Ein sportliches Vorhaben – nicht nur wegen der Anzahl der Personen. Wer sich schon einmal eingehender mit dem Nassplatten-Verfahren beschäftigt hat, wird wissen wie viele Faktoren auf das fertige Bild ihren Einfluss nehmen. Und damit meine ich erst einmal nur die, die man braucht, um ein sauberes Bild zu bekommen.

Ganz bewusst wollte ich das Analoge auf den Punkt bringen. Nicht aus einer Serie von Bildern das beste heraus suchen, sondern einen Raum und eine Atmosphäre schaffen, in der das Bild entstehen kann.

Dazu wollte ich den magischen Moment, in dem sich im Fixierbad der milchige Schleier von der entwickelten Platte lichtet, zu einem Teil der Serie werden lassen. Ich wollte die Menschen bitten, den Moment in dem sie ihr eigenes Bild in der Dunkelkammer entstehen sehen mit nur einem Wort zu beschreiben. Kein Satz, kein Ausschweifen – nur ein Wort.

Zwei Portraits einer Frau und eines Mannes im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Das war die Idee und diese verbreitete ich über meinen Blog, meinen Newsletter und über Facebook. Dann ging es los und ich wurde von den Anfragen, die in kürzester Zeit auf mich einprasselten, fast überrollt.

Mitte Januar begann ich mit den ersten Aufnahmen und Mitte April war ich fertig. Abgesehen von einer mir selbst verordneten Kreativpause fotografierte ich im Schnitt ein Portrait pro Tag. Puh! Das war eine intensive Zeit.

Es gab Höhenflüge nach dem ein oder anderen tollen Bild, aber auch Tiefpunkte. Wie sollte ich es nur schaffen 100 unterschiedliche Portraits zu machen, wo doch Licht und Hintergrund immer gleich waren? Doch letztlich durfte ich lernen, dass jeder Mensch anders ist. Manchmal auch anders, als ich es vorher erwartet habe.

Zwei Portraits einer Frau und eines Mannes im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Hinter jedem Portrait mit seinem Wort verbirgt sich eine eigene Geschichte. Die Reaktionen der Teilnehmer, die ich nach den Shootings bekam, waren zum Teil sehr bewegend. Ich glaube die Portraits zeigen viel von dem, was im Alltag unter der Oberfläche schlummert. Manchmal sogar Dinge, die schon vergessen geglaubt waren.

Jetzt, nach Abschluss der Serie, geht es für mich weiter. Zum einen bin ich auf der Suche nach einer Galerie, die mit mir gemeinsam das Projekt ausstellen möchte und zum anderen habe ich ein Buch zur Serie gemacht.

Zwei Portraits einer Frau und eines Mannes im Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Natürlich fotografiere ich noch immer mit dem Kollodium-Nassplattenverfahren. Mittlerweile sogar fast mehr, als in meinem digitalen Alltag als Berufsfotograf. Neben meiner Leidenschaft für Portraits zieht es mich mit einer restaurierten Holzkamera und meiner mobilen Dunkelkammer nach draußen.

Es gibt Orte in der Natur, die für mich etwas Magisches haben. Diese möchte ich portraitieren. Für einen Menschenfotografen durchaus eine Herausforderung, aber ich nehme diese gerne an.

In den folgenden Galerien hast Du die Möglichkeit, Dir eine Auswahl der Wet-Plate-Portraits persönlich anzuschauen.

Galerie Lukasczyk: Vernissage 5. Dezember 2014 – Finissage 21. Februar 2015

Continuum Gallery: Vernissage 6. Dezember 2014 – Finissage 2. März 2015

Das gleichnamige Buch zur Serie kannst Du hier bestellen.

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15 Kommentare

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  1. Ich interessiere mich schon eine ganze Weile für das Kollodium-Nassplattenverfahren. Ich bin fasziniert von dem einzigartigen Look und der dafür notwendigen Handarbeit im Entwicklungsprozess. Leider werde ich mich auf Grund fehlender räumlichen Möglichkeiten diesen Themas nicht aktiv widmen können.
    Tolles Projekt und sehr schöne Bilder, wie ich finde.
    Danke für das Zeigen.

    • Ja, gibt es tatsächlich: Hipstamatic Tintype Pack. Vom Namen her bezieht es sich zwar auf die sog. Ferrotypie (auch Blechfotografie genannt), von der optischen Anmutung her sehe ich aber mehr die Nähe zum Nassplatten-Kollodium Verfahren. Insbesondere wenn du den D-Type Film mit der Tinto 1884 Linse verwendest. Sogar der typische Rahmen ist gegeben. Einzige Einschränkung: wie bei allen Hipstamatic Bildern bist du auf’s quadratische Format beschränkt.

      • Wichtig war der Smiley in HFs Posting!! Danke für HFs Frage nach der App und die Antwort von Thomas! Habe ich gleich runtergeladen. Soviel Foto-, OK meinetwegen auch Knipsfreude für 89 Cent! Zumal ich schon genau weiß, welchen Motiven ich mit dem Hipstamatic Tintype Pack auf den Leib rücke ;-) Vielleicht sogar Landschaft… Landschaft?? HORROR ;-) Duck und wech ;-)
        Aber das Ganze analog? Obwohl ich beruflich aus der Chemie-Ecke komme, Nein Danke. Trotzdem vielen Dank fürs Finden und Zeigen! Es scheinen sich dafür tatsächlich mehr Leute zu interessieren, als man glaubt. Ein Kölner Fotograf, den ich regelmäßig beim Basketball treffe, berichtete von selbst beschichteten/gegossenen Platten einer geschätzten einstelligen (!) ISO-Empfindlichkeit, wo man beispielsweise dem porträtierten Kölner Peter Brings (Für die Uneingeweihten: „kölsche“ Musikgröße) in die Poren schauen könne. Ob das so schön ist, mag mal dahingestellt sein, aber so eine kornlose Wiedergabe und Schärfe habe der Basketball-Kollege noch nie gesehen.

        Ralf

  2. „Hinter jedem Portrait mit seinem Wort verbirgt sich eine eigene Geschichte. […] Ich glaube die Portraits zeigen viel von dem, was im Alltag unter der Oberfläche schlummert. Manchmal sogar Dinge, die schon vergessen geglaubt waren.“

    Bemerkenswert, was der Fotografie als visuellem Medium hier immer wieder unterstellt wird. Was „unter Oberfläche“ konkret wird denn durch die Bilder sichtbar gemacht?

    Die Bilder sind sicher gut gemacht und der Prozess ihrer Entstehung interessant. Nur habe ich solche Bilder schon recht häufig gesehen und finde sie daher uninteressant.