Blick auf eine Hochahaussiedlung am Stadtrand
16. September 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Stadt am Rand

Gewohnheit kommt von Wohnen, Wohnen vom Gewohnten.

Mit diesem Zitat von Gert Selle aus seinem Buch „Die eigenen Vier Wände“ (Form+Zweck Verlag, 2011) begann mein Interesse am Alltäglichen, dem wir in unserem Leben wenig Bedeutung zuschreiben.

Seit Urzeiten wohnen wir Menschen in den unterschiedlichsten Formen. Das Wohnen beschreibt eine gewöhnliche Handlung, der eigentlich schon immer dasselbe Muster zugrunde liegt.

Blick auf eine Plattenbausiedlung am Abend, am Himmel die Mondsichel

Ein Wandschrank in einem WohnzimmerEine ältere Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer

Die eigenen vier Wände dienen uns seit jeher als Rückzugsort und Festung zugleich. Diesem banal anmutenden Schema habe ich in meiner Bachelorarbeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Wir alle sind neugierig, wie ein anderer wohnt und versuchen immer wieder Einblicke in verschiedene Wohnformen zu erhaschen. Dazu muss man nur einen Blick auf das Mittagsprogramm im Fernsehen werfen.

Wohnblock in einer Plattenbausiedlung, im Vordergrund eine Rutsche im Sandkasten

Ein Kühlschrank steht in einer Ecke am FensterEin junger Mann sitzt auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer

Reality-TV spielt oft in Eigenheimen unterschiedlichster Form, sei es Wohngemeinschaft, sozialer Wohnungsbau oder Luxusvilla.

Allen Fernsehformaten ist gemein, dass sie zum einen unseren Voyeurismus befriedigen und uns zum anderen zeigen, wie ein jeder nach Individualität strebt und sich seine „Höhle“ nach den eigenen Wünschen und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gestaltet.

Blick auf einen Wohnblock hinter Bäumen

ein Wandschrank und zwei schwarze SesselEine junge Familie auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer

Wie aber sieht das in solchen von außen gesichtslos anmutenden Großwohnsiedlungen an der Peripherie unserer Städte genau aus?

Dieser Frage bin ich in meiner Abschlussarbeit nachgegangen und habe exemplarisch vier deutsche Städte im Norden, Osten, Süden und Westen der Republik besucht, um das Leben und Wohnen dort zu dokumentieren.

Meine Aufnahmen aus Bremen, Jena, München und Köln kombinieren die äußerliche Verdichtung mit dem nüchternen Blick in die Innenräume. Die Monotonie der äußeren Fassaden habe ich in der konsequenten Bildsprache der Innenaufnahmen versucht fortzusetzen. Einzig der Mensch mit seinen Interessen und Geschmäckern ist das Element, das sich in diesem Quadrat jeweils ändert.

Blick auf eine Hochahaussiedlung am Stadtrand

Ein Wandschrank in einem WohnzimmerEine ältere Dame mit ihren zwei Schoßhündchen auf einem Sofa mit Leopardenmuster

Bei meinem Vorhaben erwies sich die Türschwelle auch gleichzeitig als Hemmschwelle. es war nicht einfach, als Fremder mal eben in die angesprochene „Festung“ zu gelangen.

Man möchte sich mit seiner Zimmerdekoration präsentieren, jedoch nur gegenüber Freunden und Bekannten und nicht gegenüber fremden Neugierigen oder gar potentiellen Dieben.

Ähnlich wie die Facebook-Pinnwand, die man vielleicht als modernes Wohnzimmer betrachten kann, so hängen in den realen Wohnzimmern Bilder von Familie und Freunden an der Wand, in den Fotoalben im Wandschrank finden sich Bilder der vergangenen Urlaubsreisen.

Blick aus einem hohen Geschoss hinaus auf einen Wohnblock

Ein Medien- und Bücherregal in einem WohnzimmerEin älterer Herr auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer

Das Wohnzimmer gibt Hinweise auf die Interessen und Persönlichkeit seiner Bewohner. Ähnlich wie die Präsentation also, wie wir sie im Internet sehen – nur eben analog.

Der Titel meiner Arbeit spielt zum einen mit dem gängigen Klischee sozialer Randlage, genauso wie mit der Lage dieser Orte an der städtischen Peripherie.

Blick über den Rasen auf eine Fluchttür in einer Wohnsiedlung

Wandschrank in einem WohnzimmerEine Famile auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer

„Stadt am Rand“ zeigt Menschen und Wohnformen fernab gängiger Klischees wie sie beispielsweise der Rapper Sido in seiner Hymne „Mein Block“ über das märkische Viertel beschreibt.

Für mein Projekt konnte ich einige wunderbare, offene und interessante Menschen begeistern, die einen Einblick in ihre eigenen vier Wände gewährt haben.

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8 Kommentare

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  1. interessante Studie und Bilder – erinnert sie mich doch an meine Ausbildungszeit, die es mit sich brachte EInlass in viele Privatwohnungen zu erhalten – der Geselle sprach mit den Kunden und ich inspezierte ‚unauffällig‘ den Lesestoff und die Plattensammlungen…
    So abweisend diese Trabantenstädte doch auf die meistem Menschen wirken mögen, mich haben sie seit jeher faszeniert und war es immer mein Traum in einem der oberen Stockwerke dieser Häuser zu wohnen.
    Auch wenn ich schon lange nicht mehr dort war- Bild 13 + 16 zeigen vermutlich ‚Klein Manhattan‘ in Bremen Tenever; wie auch immer- vielen Dank für’s zeigen!
    //Matz

  2. Gelungenes Projekt. Für eine repräsentative Darstellung von Nord/Süd/Ost/West müsste man sicher mehr Wohnungen besuchen.

    Nicht jede Wohnung ist individueller Spiegel der jeweiligen Persönlichkeit. Die einen übernehmen Einrichtung vom Vorgänger, die anderen legen einen anderen Fußboden, obwohl der „alte“ noch brandneu ist, aber eben nicht gefällt.

    Gruß,
    Jens

  3. Die Idee große Wohnblocks zu erschaffen, alle nötigen Dinge des täglichen Lebens in fußläufige Umgebe zu packen und auch eine schnelle Anbindung an die Innenstadt finde ich klasse – leider ( zumindest in Berlin ) entsteht dadurch auch eine gewisse Ghetto bildung die die Idee ein bisschen verwässert. Wenn man Pech hat landet man in einem Haus das nicht unbedingt das Gewfühl von „heimeligkeit“ vermittelt sobald man die eigenen 4 Wände verlässt – ein schwieriges Thema was es anzupacken gilt um die Idee moderner Trabantenstädte nicht untergehen zu lassen.

  4. Lustig, da entdeckt man plötzlich sein eigenes Wohnungsfenster hier. :D

    Und @Matz: „So abweisend diese Trabantenstädte doch auf die meistem Menschen wirken mögen, mich haben sie seit jeher faszeniert und war es immer mein Traum in einem der oberen Stockwerke dieser Häuser zu wohnen.“

    Mein Traum war es nicht, ich bin aus Mangel an kurzfristig verfügbaren Alternativen dort eingezogen. Frisch saniert, 11. Stock, ganz oben. Erst ein halbes Jahr später war ich verliebt. Top Infrakstruktur, tolle moderne Wohnung und ein genialer Ausblick, für den mich manche Millionärsvilla beneiden dürfte.