08. April 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Vom Davonfliegen und Zweifeln

Ich war noch nie vom Typ Künstler, der viel skizziert hat und wenn ich überhaupt mal etwas skizziere, dann eigentlich nur, weil meine Vorstellungskraft nicht ausreicht, es mir gedanklich auszumalen. Und wenn Skizze, dann ist das bitte auch die direkte Vorstufe zu einem Endprodukt.

Ich experimentiere nicht so viel, nehme nur selten einfach mal so die Kamera in die Hand. Was andere tun, indem sie skizzieren und experimentieren, läuft bei mir im Kopf ab. Ideen kommen, wollen Aufmerksamkeit in Form von Ausarbeitung und Konzeptfindung. Ich überlege mir genau, wie alles aussehen und funktionieren soll, bevor ich einen Finger dafür krumm mache.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Dementsprechend habe ich das letzte Jahr, in dem es irgendwie immer zu wenig Zeit zum Fotografieren gab, nicht mit vielen kleinen Versuchen gefüllt, die mich auf dem Weg der Stilfindung voranbringen könnten, sondern mit Nachdenken. Was möchte ich fotografieren, was sollen meine Bilder transportieren und vor allem welche formalen Rahmenbedingungen verwende ich?

Die Antworten auf diese Fragen: Ich möchte weiterhin Portraits in oder mit Natur machen, aber ihr Konzept soll weniger austauschbar sein als bisher, also nicht nur wechselnde Gesichter in wechselnden Gebüschen, festgehalten in den altbewährten Bildschnitten. Aber weiterhin Offenblende und mittlere Festbrennweiten.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Die Stimmung gern düster, seltsam, surreal, aber bitte nicht offensichtlich in den bekannten Schubladen wie etwa Gothic, verletzliches Mädchen in Wald und Wind oder „Conceptual“ mit irgendwelchen schwebenden Gegenständen, wahlweise der Protagonistin. Eher fantastisch, mit der Andeutung einer eigenen Welt. Skizzen von Träumen der letzten Nacht, die nur noch halb fassbar sind.

Diese Wirkung möchte ich mit Effekten unterstreichen, die sich gern an allen verfügbaren Möglichkeiten bedienen: Linseneffekte, Spiegelungen, Entwicklungsfehler, analoge oder digitale Mehrfachbelichtungen, Collagen, gezeichnete Elemente, Animation. Mein Kopf sprudelt ohnehin über, wenn ich diese Büchse nur einmal öffne.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Ich merkte, es ist gar nicht so leicht, Rahmenbedingungen für meine Bilder festzulegen, wenn der Prozess der Stilfindung im Wesentlichen darin besteht, alle anderen Fotos auf der Welt in die Kategorien „Finde ich blöd“, „Finde ich toll, macht aber schon jemand anders“ und „Falsches Genre“ einzuordnen.

Am Ende inspirieren mich ja zum größten Teil doch die Bilder aus der zweiten Kategorie. Es gilt also, diese in ihre Bestandteile zu zerlegen und die Stückchen von verschiedenen Urhebern zu meinen eigenen Präferenzen neu zusammenzusetzen. Ohne aber in das Fettnäpfchen zu treten, dass schon jemand in etwa diese Kombination bedient.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Anfang März hatte ich dann die nötige Motivation, viele Pläne, ein vielversprechendes Modell sowie Katja als Assistentin beisammen. Ich sammelte Stöcker im Wald, baute daraus Papierflügel sowie einen etwas seltsamen Schild. Letzteres für meine Bilder, erstere eigentlich nur für Katjas Bilder, weil mir Flügel schon zu oft gebraucht wurden. Jeder kennt Fotos mit Flügeln.

Vor Ort musste ich aber feststellen, was ich nicht gut kann, egal wie viele Gedanken ich mir mache: Meine Pläne auch konsequent umsetzen, selbst wenn sie vielleicht die Modelle auch mal an ihre Grenzen bringen. Ich lege sogar Ideen vorauseilend ad acta, selbst wenn zum Beispiel noch niemand über die Kälte gejammert hat.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

So gibt es lediglich einen Hauch von Seltsamkeit, die üblichen Gesichtsausdrücke und drei von vier Kameras sind die ganze Zeit über im Rucksack geblieben. Kein Kurzfilm, keine Polaroids, kein digitales Material für experimentelle Collagen. Kaum Mehrwert zu den bekannten verträumten Portraits in der Natur.

Das ärgert mich und vergällt mir die fertigen Bilder, obwohl sie – mit abgehakter Checkliste betrachtet – schon ein ganzes Stück weiter an meinem definierten Ziel liegen als die älteren Serien. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass sie ein legitimer Schritt auf einem Weg sind, den ich nicht mit einem großen Sprung gehen kann, weil er zu weit ist.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Ich überlege mir also, wie ich die nächste Etappe zurücklegen kann und nehme mir ein paar Dinge vor: Das nächste Modell mit dem Ziel suchen, zu experimentieren, Material für Versuche zu sammeln und keine gefälligen Bilder versprechen. Die Effekte, die erst hinterher dazu kommen können, gezielt mitdenken, ihnen beim Komponieren Raum geben.

Zum Fotografieren eine genaue Liste machen: Mit welcher Kamera und ggf. welchem Film möchte ich arbeiten? Welche Accessoires und welche Kleidung werden dabei eingesetzt? Welchen Ablauf gebe ich dem Modell für die Szene vor und welchen Anteil fremder Ideen erwarte ich? Welche Effekte kommen hinterher dazu? An eine vollkommen freie Session denken, um Material für offene Experimente zu sammeln.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Planen ist ja meine Stärke, wie gesagt. Solche Listen erstellen kann ich im Schlaf. Aber die Umsetzung wird jetzt wieder spannend. Vielleicht scheitere ich an einem anderen psychischen Stolperstein, der mich davon abhält. Solange denke ich weiter nach, statt Skizzen zu machen.

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