© Martin Schmidt
17. Februar 2014 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Architekturfotografie in schwarzweiß

Als ich im vergangenen Jahr anfing, mich intensiver mit Fine Art in der Architekturfotografie auseinanderzusetzen, war ich total begeistert von den fremdartigen und so eigenständigen Bildstilen derjenigen, die ich als „die Großen“ in diesem Genre ansehe.

Ich wollte auch solche Fotos erschaffen und verschlang alles, was ich im Netz zum Beispiel von Joel Tjintjelaar oder Julia Anna Gospodarou finden konnte.

Kein Video-Tutorial und kein Blog-Eintrag war vor mir sicher. Dies führte dazu, dass ich mich wesentlich intensiver mit Architektur, Fotografie und Bildbearbeitung auseinandersetzte und so vor allem drei Sachen lernte:

1. Welcher Architekturstil interessiert mich und wo finde ich ihn?
2. Wie kann ich die Gebäude fotografieren, so dass die architektonischen Aspekte, die für mich bestimmend sind, auch das Bild bestimmen?
3. Wie kann ich das Foto nachbearbeiten, um diese Aspekte noch stärker zu betonen?

Da der letzte Punkt – die Nachbearbeitung – bestimmt viele vor die Frage „Wie machen die das?“ stellt, möchte ich in diesem Artikel eine kleine Einführung in die Technik geben, die ich mir von „den Großen“ abgeschaut und selbst angeeignet habe.

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Dabei ist mir wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, ich hätte mir all dies selbst ausgedacht – keineswegs! Aber ich denke, dass ich inzwischen einen sehr guten Überblick geben und damit so manchem den Einstieg erleichtern kann.

Denjenigen unter euch, die noch mehr über das Warum und die Inspiration hinter dieser Art von Fotografie wissen und lesen möchten, empfehle ich das Interview mit Julia Anna Gospodarou hier auf kwerfeldein oder diesen kürzlich von mir veröffentlichten Artikel.

Fast alle meiner Architekturfotos sind schwarzweiß und alle Bearbeitungstechniken, um die es im Folgenden gehen soll, beziehen sich dementsprechend auf Schwarzweißfotos.

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Eine wesentliche Eigenschaft guter Schwarzweißfotos ist in meinen Augen, dass ihr Histogramm in möglichst jedem Bereich Grautöne enthält – von tiefem Schwarz bis hin zu echtem Weiß. Oftmals ist es jedoch nicht einfach, dies alles in einer Belichtung zu erreichen, manchmal sogar unmöglich.

Ich habe mir daher die Technik von Joel Tjintjelaar abgeguckt, die folgendermaßen funktioniert: Ich versuche zunächst bereits bei der Aufnahme eine sehr ausgewogene Belichtung zu erreichen. Diese bearbeite ich dann in Lightroom so, dass das Histogramm möglichst alle Werte von 0 bis 255 abdeckt. Dabei achte ich darauf, dass weder die Tiefen absaufen noch die Höhen ausbrennen.

Anschließend erstelle ich mir verschiedene Schwarzweißversionen desselben Fotos. Hierzu verwende ich das NIK-Plugin Silver Efex Pro 2. Meistens werden es drei oder mehr Versionen: Eine extreme High-Key-Version, eine extreme Low-Key-Fassung und zusätzlich einige Zwischenstufen.

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Mit diesen verschiedenen softwaregenerierten Belichtungen desselben Fotos habe ich dann das Rüstzeug beisammen, um das Bild zu erschaffen, das mir anfangs vorschwebte.

In der Schwarzweißfotografie – und insbesondere in der Architekturfotografie – spielen vor allem Kontraste und Grautonverläufe eine wichtige Rolle. Da ich unterschiedlich helle und dunkle Versionen des Fotos habe, kann ich durch entsprechendes Zusammenfügen dieser Versionen an von mir bewusst gewählten Stellen genau die Kontraste und Grautonverläufe erzeugen, die ich im Bild haben will. So erziele ich die gewünschte Bildwirkung.

Das darf natürlich nicht willkürlich geschehen! Am wichtigsten ist, dass man sich bereits bei der Aufnahme überlegt, welche Linien, welche Formen und welche Kontraste im Endergebnis dominieren sollen.

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Dieses Endergebnis gilt es, jetzt herauszuarbeiten. Aber wie? Hätte man nicht mehrere Belichtungen zur Verfügung, wäre die Standard-Antwort wohl sicher: Mittels Abwedeln und Nachbelichten.

Dies kann aber, gerade wenn man sehr genau arbeiten will, und sehr weiche Verläufe zwischen den Höhen und Tiefen erzielen möchte, extrem zeitaufwändig sein. Joel Tjintjelaar hat daher die von ihm so genannte Technik der selektiven Verlaufsmaskierung (eng.: selective gradient masking, kurz: SGM) entwickelt, mit der es möglich ist, extrem weiche Verläufe durch die Überblendung verschiedener Belichtungen zu erzeugen.

Aber wie geht das genau? Okay, gehen wir Schritt für Schritt vor: Angenommen, wir haben ein Gebäude, das von unten nach oben heller werden soll, damit es an seiner Spitze in einem deutlichen Kontrast zu einem dunklen Himmel steht. Das Auge des Betrachters soll also gezielt an diese Stelle im Bild geführt werden.

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Zunächst erstellen wir uns in einem Bildbearbeitungsprogramm unserer Wahl eine Auswahl des Gebäudes, denn der Verlauf soll ja nicht auf das gesamte Bild, sondern nur auf das Gebäude angewandt werden.

Anschließend erstellen wir zwei Ebenen, wobei die obere Ebene die dunkle Version des Gebäudes und die untere Ebene die helle Version enthält. Für die obere Ebene (dunkle Version) fügen wir jetzt eine leere, also weiße Ebenenmaske hinzu, laden die Auswahl des Gebäudes und klicken auf das Symbol der Ebenenmaske, in die wir gleich zeichnen werden.

Für das Zeichnen in der Ebenenmaske nutzen wir das Verlaufswerkzeug im linearen Modus. Wenn wir jetzt in der Ebenenmaske einen Verlauf von oben nach unten und von Schwarz nach Weiß mit dem Verlaufswerkzeug zeichnen, blenden wir von unten nach oben immer stärker die untere Ebene, also die hellere Version des Gebäudes, ein.

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Diese Technik wendet man natürlich selten auf ein ganzes Gebäude an. Oft hat man sehr viele Auswahlen von bestimmten Teilen des Bauwerkes und arbeitet jeden einzelnen Teil so heraus, wie man ihn darstellen möchte. Dabei ist persönlicher Geschmack und Kreativität gefragt.

Ich hoffe, Ihr konntet einen guten Überblick kriegen, wie die SGM-Technik funktioniert, mit der ich schwarzweiße Architekturfotos bearbeite. Wer an einem noch tieferen Einblick anhand anschaulicher Beispiele interessiert ist, dem empfehle ich die Video-Masterclass von Joel Tjintjelaar, in der er die von mir kurz skizzierten Techniken ausführlich vorstellt und demonstriert.

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24 Kommentare

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  1. Wau! Tolle Fotos und vielen Dank für die ausführliche Erklärung der Technik. Nun wird mir einiges klarer, wie manche (auch bekannte) Fotos entstanden sein könnten.

    Gruß
    Andreas

  2. Danke für diesen durchaus aufschlussreichen Beitrag! Da ich mich zur Zeit gerade selbst intensiv an der Gebäude-/Architekturfotografie versuche, haben sich hier für mich gerade einige Fragen beantwortet bzw. Vermutungen bestätigt, was den Worklflow angeht!
    Ein weiterer Aspekt, auf den hier nicht eingegangen wird, welchen ich aber mindestens ebenso spannend und für das Resultat genau so wichtig finde, wäre die Ausarbeitung des Hintergrunds (in diesen Fällen oft: des Himmels).
    Ist aber vielleicht auch einfach noch mal ein Thema für sich …
    Davon ab: Tolle Arbeiten, mein Kompliment!

    • Hey Pete, ja du hast Recht. Die Herausarbeitung des Himmels ist tatsächlich ein wesentlicher Punkt, der technisch oft herausfordernd ist. Vielleicht schreibe ich demnächst mal etwas in meinem eigenen Blog (www.schmaidt.de) darüber. Wenn du dort ab und zu ‘mal vorbeischaust, findest du dann da in Zukunft bestimmt etwas dazu. Und: Danke für das Lob! Das freut mich, dass dir die Fotos gefallen. Gruß, Martin

  3. Da Architektur auch bei mir (inzwischen) einen großen Anteil der Fotografie einnimmt, habe ich den Artikel mit Interesse gelesen, gerade was die Technik angeht.
    Eindrucksvolle Bilder, technisch aufwändig in Szene gesetzt.

    Dennoch steht hier die Form der Architektur extrem im Vordergrund, nicht die Einbettung in ihre Umgebung, ihr Material, ihre Seele jenseits vom Reißbrett. Theoretisch könnten alles auch Modelle im Studio sein. Das macht mir alles etwas zu synthetisch.

    Mit Augenzwinkern gesagt würden die Bilder gut in den Flur einer Anwaltskanzlei passen.

  4. Hallo,

    seit kurzem interessiere ich mich auch verstärkt für die S/W-Fotografie. Da ich von meiner Ausbildung her auch aus der “Gebäudewelt” komme, ist auch die Architektur ein interessantes Gebiet, dem ich mich auf meinem Blog zappodrom.de auch noch einmal widmen möchte.
    Aber gerade die richtige Bearbeitung der Bilder ist im S/W-Bereich nicht unerheblich. Daher würde mich noch interessieren ob du die Bilder bereits mit dem S/W-Programm der Kamera gemacht hast oder später ein RAW-File in Schwarz/Weiß gewandelt hast?
    Gruß,
    Christian

    • Hi, die Bilder sind alle im RAW-Modus der Kamera aufgenommen. Die erste Bearbeitung läuft dann, wie beschrieben, in Lightroom ab. Anschließend konvertiere ich dann verschiedene Versionen mit NIK Silver Efex Pro 2 hin zu Schwarz-Weiß. Wenn du noch weitere Fragen hast; immer her damit ;-). Gruß, Martin

  5. Für mich wirken die Bilder doch eher klinisch synthetisch perfekt. Ich möchte Wolfgang Mothes (www.wolfgangmothes.de) empfehlen der seine Bilder analog erarbeitet.

    • Hey Sebastian, danke für den Link-Tipp. Tatsächlich kannte ich die Fotos von Wolfgang Mothes noch gar nicht. Sieht auf den ersten Blick sehr interessant aus. Das werde ich mir in näherer Zukunft einmal genauer ansehen! Gruß, Martin

  6. Technisch tolle Bilder, mir ein wenig zu hart und selektiv, auf jeden Fall aber spannend, danke für’s teilen.

    Oft sieht man diese Kontur-gegen-Himmel-Ansichten ja mit den Spuren ziehender Wolken. Habe selbst schon Minutenlang belichtet bei Tag und Nacht, aber diese Spuren sind mir noch nicht so recht geglückt.

    Magst Du noch ein Wort dazu verlieren wie (Polfilter? Farbmischung zu SW? PS-Filter) Du die Wolken so hin bekommst und den starken Kontrast zu schwarzem Himmel ohne Farbabrisse?

    Danke schon mal!

    • Hey Claus, danke für dein Feedback. Zu der Gestaltung des Himmels werde ich in Zukunft auch nochmal etwas schreiben. Dafür ist mir so ein Kommentar hier aber etwas “eng”. Vielleicht guckst du einfach ab und zu bei schmaidt.de rein oder folgst mir bei facebook etc., dann bleibst du auf dem Laufenden! Gruß, Martin

  7. Saustarke Arbeiten, ich ziehe den Hut! Ich selbst beschäftige mich hauptsächlich mit der Portraitfotografie und der Hochzeitsfotografie und weiß, wie schwer es ist, einen eigenen Blick und Stil zu entwickeln. Um so begeisterter bin ich, wenn ich Deine Fotoarbeiten sehe – um Architektur so abzulichten, muß man schon einen fantastischen Blick haben. Ganz großen Kino!

  8. Hallo Martin, ich mag die subjektive Architekturfotografie sehr, also gerade das Herauslösen einzelner Elemente aus dem Gesamtbild, wodurch eine Abstraktion erreicht wird. Architekturfotografie hat zum Glück verschiedene Facetten.

    Der hier beschriebene Weg zum Endergebnis klingt (nach-) machbar, jetzt fehlt mir nur noch ein geeignetes Motiv ;-).

  9. Blogartikel dazu: Fotos aus Venedig mit Hilfe von Langzeitbelichtungen › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity