08. Januar 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Die ästhetische Form des Kapitals

Das Problem ist: Das Bankenviertel beeindruckt nur von oben. Zwischen den Türmen selber ist nichts los. […] Es gibt hier nichts zu sehen, wovon man später erzählen könnte. […] Touristen sieht man hier nicht, worüber man sich nicht wundert.

So beschreibt der Schriftsteller Wilhelm Genazino das Bankenviertel Frankfurts.

Und er hat Recht: Was einem stattdessen zuweilen begegnet, sind hektische Menschen, die abwechselnd einen Blick auf ihre Uhr und auf die Kamera des „Fremden“ werfen. Die Sterilität der Straßenzüge und Fassaden, deren Eingänge von modernster Kameratechnik überwacht werden, erinnern mehr an Orwells „1984“ als an die Möglichkeit, kreative Fotos zu machen.

© Ingo Dammasch

Wer sich dagegen unbeeindruckt von der „Tristesse“ zeigt und sich den Details der Wolkenkratzer widmet, erfährt ein Gefühl der kühlen Faszination für diese Gebilde. Während man Panoramabilder der Skyline schon unzählige Male gesehen hat, gibt es nur wenige Arbeiten, die sich dieser abstrakt nähern.

„Abstrakt“ heißt für mich persönlich, bestimmte Details der Fassaden oder architektonische Besonderheiten hervorzuheben. Dabei geht es mir darum, mit dieser Reduktion die Ästhetik der Architektur zu zeigen.

© Ingo Dammasch

Ob ins scheinbar Unendliche reichende Fensterfassaden oder sich darin spiegelnde Gebäude – bei jedem Spaziergang ergeben sich wieder neue Perspektiven und andere Lichtverhältnisse, die die Bildstimmung jedes Mal aufs Neue variieren lassen.

Die Motivation, ein und dasselbe immer wieder neu zu entdecken und mich bei der Motivwahl auf die Enge und das Beängstigende der Bauten einerseits und die Grenzenlosigkeit der in den Himmel ragenden Wolkenkratzern andererseits einzulassen, fasziniert mich.

© Ingo Dammasch

So zeigen die Fotos eine Eindeutigkeit, die uneindeutig bleibt. Zusammen ergeben sie eine „fotografische Spurensuche“, wie Kröner die abstrakte Fotografie definiert. Eine Spurensuche der Struktur und Beschaffenheit des Bankenviertels.

Ganz besonders hat es mir dabei der „Silver Tower“ (auch: Dresdner-Bank-Hochhaus oder Jürgen-Ponto-Hochhaus) angetan, in dem die Deutsche Bahn zuhause ist.

© Ingo Dammasch

Dieser ist architektonisch höchst reizvoll, da er als das „einzige Gebäude in Frankfurt mit runden Ecken“ gilt. Mit seinen 167 Metern Höhe war der Silver Tower bis 1991 sogar das höchste Gebäude in Deutschland.

Aufgrund der runden Ecken und der verschiedenen Bestandteile des Towers lassen sich hier unzählige lohnenswerte Perspektiven und Standpunkte ausmachen.

© Ingo Dammasch

Am Ende eines jeden Fotospaziergangs sehe ich meine Fotos durch und freue mich schon auf die Sichtung am Rechner. Im Gegensatz zu den meisten verlasse ich also mit einem Gefühl der Zufriedenheit das Bankenviertel.

In diesem Sinne lässt sich am Ende Genazino vielleicht zustimmen, wenn er sagt:

Wer Frankfurt für ungenießbar hält, hat nicht verstanden […], dass die Dynamik des Kapitals eine Macht ausstrahlt, die selber längst ästhetische Formen angenommen hat.

© Ingo Dammasch

Angefangen habe ich mit dieser Serie erst im September des vergangenen Jahres. Ich möchte das Projekt auf jeden Fall weiterführen und obwohl ich nicht sehr oft in Frankfurt bin, nutze ich doch jede Gelegenheit, einen Abstecher in diese Stadt der Gegensätze zu machen, in der urige Apfelweinwirtschaften und gewaltige Finanztürme in enger Nachbarschaft existieren.

Alle Zitate sind dem folgenden Buch entnommen: „Tarzan am Main – Spaziergänge in der Mitte Deutschlands.“ von Wilhelm Genazino. Ullstein Verlag. 2013.

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12 Kommentare

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    • Hallo Yannic,

      danke für dein Feedback! Die Bearbeitung ist ganz einfach und erfolgt komplett in Lightroom: nach der s/w Konvertierung spielt sich das meiste mit der Gradationskurve ab plus anschließendem Feinschliff. Wichtig ist zudem, etwas überzubelichten, um den Look hinzubekommen!

      Gruß

      Ingo

  1. Wirklich schön. Ich freue mich immer sehr über Menschen, die Lust haben genauer hinzuschauen und die das Gesehene so interessant finden, dass sie ihn festhalten wollen. Ein Blick auf Frankfurt loht sich nicht nur wenn man Banker ist, es hat so viel zu bieten. Also schaut mal vorbei;-)

  2. Ich finde die Serie ausgesprochen gut. Ich erinnere mich da sehr gut an meinen letzten Urlaub. Ich war in Australien unterwegs, u.a. auch in Sydney. Es war einfach traumhaft. Die Skyline, die Hochhäuser, die Fassaden, die Strukturen…, heftige Eindrücke bleiben mir und leider nur wenige Fotos. Ich verstehe deine Faszination für diese Art von Architektur und kann nur sagen, mach weiter mit der Serie!!! Ich glaube, auf meinem Blog landeten auch ähnliche Bilder aus Berlin. Vermutlich nicht mit deinem Hintergrundgedanken, aber ich fotografierte sie im weiten Sinne im ähnlichen Stil. Ich schau mal nach.

    Dein Zitat über Frankfurt ist doch wohl mal Aussagekräftig. Ich sollte Frankfurt wirklich langsam mal besuchen.

    Schönen Tag und bis bald.

  3. Ich habe auch einmal bei einem Fotowalk festgestellt, das die Details von Gebäuden weit Interessanter sind als die ganzen Gebäude. Aber die Zeit hier mehr daraus zu machen, hab ich mir nie genommen, die Prioritäten liegen da bei mir wo anders :)

    Tolles Projekt und tolle Bilder, mir persönlich gefällt das Minimalistische und vor allem das SW. Kann ich mir gut vorstellen in einem Wartezimmer bei einem Arzt. In einer Serie genau das Richtige für solche Orte.

  4. Blogartikel dazu: Veröffentlichung auf kwerfeldein.de | Ingo Dammasch | Fotografie

  5. Zufälle gibt es: Ich arbeite schon seit Jahren in Frankfurt und habe gestern zum ersten Mal meine Kamera mit zur Arbeit genommen um im Bankenviertel zu fotografieren. Und heute lese ich Deinen Artikel.

    Ich finde Deine Fotos einfach klasse getroffen. Du fängst die „kühle Stimmung“ des DB Turms sehr gut ein.

    Vielen Dank. Das bestärkt mich nur darin ab jetzt häufiger die Kamera mitzunehmen :-)

  6. Sehr interessanter Ansatz und tolle Fotos, wirklich! Mich fasziniert vor allem die absolute Abwesenheit von wirklich allem Organischen, dieses völlig Steril-Kalte in der Ästhetik und Architektur. Ich bin gespannt, was du da noch für Roboterhäuser auftust. ;)