11. Dezember 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Tide

Die Idee für meine Arbeit war, anhand von Bildern eine Geschichte über Menschen zu erzählen, die abseits der Norm leben. Dabei war es mir wichtig, einen für so eine Geschichte geeigneten Ort in Deutschland zu finden.

Bei meiner Recherche stieß ich auf die Halligen. Ich merkte sehr schnell, dass es zwar viele Fotos von diesem Ort gibt, sich in den letzten Jahrzehnten jedoch niemand mit den Bewohnern fotografisch auseinandergesetzt hatte.

Eine wunderbare Arbeit über diesen Ort stammt von Albert Renger-Patzsch. Die Veröffentlichung liegt allerdings schon sehr lange zurück (Die Halligen, Albertus-Verlag, Berlin, 1927). Also dachte ich, es wäre an der Zeit, das Thema einmal neu aufzugreifen.

Tide © Antony Sojka

Tide © Antony Sojka

Meine ersten Reisen zu den Halligen waren nicht sehr erfolgreich. Häufig musste ich mir von den Bewohnern anhören, sie hätten keine Lust, sich fotografieren zu lassen. Weniger des Fotografierens wegen, sondern viel mehr, weil sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen, zumeist mit Filmteams, gemacht hätten.

Trotzdem blieb ich dran, bin sehr oft zurückgekehrt und habe immer das Gespräch gesucht. Irgendwann merkte ich, dass das Fotografieren für mich zweitrangig geworden war.

Viel mehr mochte ich es, den Geschichten der Menschen dort zuzuhören, zu sehen wie sie leben, wie ihr Alltag strukturiert ist. Die Fotografien entstanden dann fast nebenbei.

Tide © Antony Sojka

Tide © Antony Sojka

Auch die Landschaft war sehr wichtig für meine Arbeit. Da man aber nicht besonders viel Spielraum für die Komposition hat, wenn das Land flach ist, kam ich auf die Idee, ebenso flache Bilder zu machen.

Ich stellte die Kamera senkrecht zum Boden und fotografierte Strukturen. Vor allem solche Stellen, an denen sich Wasser und Erde trafen. Es ist faszinierend, was man alles entdeckt, wenn man mal etwas genauer auf den Boden schaut, auf dem man sonst bloß läuft.

Tide © Antony Sojka

Tide © Antony Sojka

Das Schwierigste war, fand ich, während der Arbeit nicht dem Kitsch zu verfallen. Ich habe es bewusst vermieden, die dort lebende Tierwelt zu fotografieren, weil ich sie für die Geschichte nicht interessant fand.

Irgendwann ging ich aber einen Kompromiss ein, das Thema der Tierwelt kurz aufzugreifen, als ich vor einem Haus auf einen umherkreisenden Schwarm von Brutgänsen traf.

Tide © Antony Sojka

Des Öfteren wurde ich schon gefragt, wie es mir gelungen sei, so nah an den Schwarm heranzukommen. Ich habe mich sehr vorsichtig angenähert und hatte bei jedem Schritt die Kamera für den Fall der Fälle fertig positioniert. Nach über drei Stunden langsamen Annäherns habe ich drei Bilder schießen können, bevor alles vorbei war.

Die Arbeit habe ich mit der Mittelformat-Kamera Hasselblad 501 C/M auf Kodak Portra Farbnegativfilm fotografiert. Auch, wenn die Bilder die Abschlussarbeit meines Fotostudiums sind, ist das Projekt für mich persönlich noch nicht abgeschlossen. Ich habe mich entschlossen, im nächsten Jahr weiter daran zu arbeiten.

Tide © Antony Sojka

Tide © Antony Sojka

Es gibt so viele tolle Menschen dort, die meine Freunde wurden und die ich unbedingt noch fotografieren möchte. Zudem will ich gern die Entwicklung der Halligen weiterverfolgen.

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15 Kommentare

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  1. Absolut klasse die Bilder und der Hintergrund dazu.

    Ich freu mich vor allem, dass jemand auch die besonderen Seiten von Deutschland zeigt. Viel zu oft wird der Süden oder die Mitte Deutschlands gezeigt. Der Norden wird sehr selten dargestellt. Vor allem die Menschen sind doch meist sehr interessant und anders, was auch die Bilder zum Ausdruck bringen.

  2. Jo! Bannig gut!
    Habe selber mal ein paar Jahre auf einer Insel gewohnt – nicht soo klein, aber immerhin. Da ist das mit den Touristen immer so ne Sache.
    Toller Beitrag, klasse Fotos!

  3. Hallo Antony,
    ich ziehe meinen Hut für deinen Aufwand für das Brutgänsefoto, soviel Geduld hätte ich definitiv nicht. Und selbst ohne die Gänse wäre das Foto mehr als nur einen Blick wert.
    Noch besser gefallen mir aber die formatfüllenden Portraits der beiden Männer. Herrlich, wie hier die ausdrucksstarken Motive mit dem Hintergrund eine farbliche Symbiose bilden.
    Da du planst, das Projekt nächstes Jahr fortzusetzen, kann ja nichts mehr schiefgehen – denn es beginnt bereits in drei Wochen :-)
    Grüße,
    Christian